Samstag, 15. April 2017

Niederländische Positivliste von Gericht gekippt! Na ja, fast...

Vor wenigen Wochen ging ein Freudenschrei durch die sozialen Netzwerke: Ein niederländisches Gericht habe die Positivliste für die Tierhaltung in den Niederlanden gekippt! Diese Meldung ist allerdings nur ein Stück weit korrekt und das als großer Triumph der Tierhaltung gefeierte Urteil leider nur ein Etappensieg.

Tatsächlich wurde bei dem Prozess lediglich das Verbot von Hirscharten der beiden Gattungen Mazama und Muntiacus behandelt. Das Gericht kam zu dem Urteil, dass die wissenschaftliche Objektivität für das Verbot in diesem Fall nicht gegeben sei und dass die seinerzeit angehörten Experten nicht unabhängig waren. Die unkritische Übernahme ihrer Beurteilung stelle demnach einen Verstoß gegen die vom Europäischen Gerichtshof (EuGH) aufgestellten Bedingungen dar, nach denen die Aufnahme bzw. Ablehnung einer Tierart für eine Positivliste unter transparenten, objektiven und überprüfbaren Kriterien zu erfolgen habe, was zumindest bei den betroffenen Hirscharten nicht der Fall war. Der Staat dürfe von solchen Expertisen daher keinen Gebrauch machen.


Das Gericht hat demnach nicht die niederländische Positivliste als solche außer Kraft gesetzt, wie an mancher Stelle fälschlicherweise behauptet wurde, sondern lediglich die Bewertung zweier Hirsch-Gattungen für ungültig erklärt. Das ist zwar auch schon ein Erfolg, um jedoch ein vergleichbares Ergebnis bei den anderen Tierarten durchzusetzen, müssten betroffene Tierhalter ebenfalls den Rechtsweg bestreiten. Dafür macht das Urteil aber zumindest Mut.


Das Urteil hat zudem eine gewisse Signalwirkung und mahnt die Macher solcher Positivlisten zur Vorsicht, welche Experten sie dafür zu Rate ziehen. Es hat eine derartige Gesetzgebung aber leider nicht als grundsätzlich diskriminierend abgelehnt. Dies wäre auch gar nicht mehr möglich, weil der EuGH im Zuge einer Klage gegen die belgische Positivliste diese Art der Gesetzgebung bereits abgesegnet hat. Aber wenn EU-Staaten zukünftig nur noch Leute mir echter Fachexpertise in die Gesetzgebungsverfahren involvieren, dürfte dabei theoretisch gar keine Positivliste mehr rauskommen. Denn unter objektiven Gesichtspunkten gesehen müsste eine Positivliste das Ende nahezu jeder Art von Tierhaltung einleiten. Und das wird man aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten wohl nicht wagen.


Das vollständige Urteil ist hier zu finden (Niederländisch): ECLI:NL:CBB:2017:70



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Freitag, 14. April 2017

2. Vivaristik-Wochenende „Mittelamerika“ in Wien

Vom 9. bis 11. Juni 2017 findet in Wien das 2. Vivaristik-Wochenende statt. Ausgerichtet wird diese Veranstaltung von der Internationalen Schildkröten-Vereinigung (ISV). Unter dem Motto „Mittelamerika, Mexiko & Karibik“ treffen sich Vivarianer zum gegenseitigen Austausch.

Neben Terrarianern und Aquarianern gehören auch Freunde von exotischen oder anderweitig „ungewöhnlichen“ Pflanzen zur Zielgruppe der Veranstaltung. Schließlich gibt es bei uns Vivarianern einige Schnittmengen. Die Pflege von exotischen Pflanzen ist für Terrarianer ebenso interessant, wie die Haltung von geeigneten Tieren durch Pflanzenfreunde z.B. im Gewächshaus oder Bromelien-Vivarium. Nicht zuletzt ist auch die Vergesellschaftung von verschiedenen Tierarten in entsprechend bepflanzten Vivarien eine Disziplin, die von so manchem Vivarianer erfolgreich betrieben wird. Eine „Vergesellschaftung“ der Tier- und Pflanzenfreunde im Rahmen eines gemeinsamen Vivaristik-Wochenendes liegt also nahe, um damit das Zusammengehörigkeitsgefühl zu stärken. Ein Blick über den Tellerrand schadet auch nicht in Anbetracht der öffentlichen Kritik, derer sich die Vivaristik im Allgemeinen regelmäßig aussetzen muss.

Das breit gefächerte Vortragsprogramm bietet den Teilnehmern Informationen zu verschiedenen Bereichen der Vivaristik. So referieren Hobbyisten und Wissenschaftler u.a. über Pfeilgiftfrösche, Baumschleichen, Spinnentiere und Wirtelschwanzleguane. Ferner gehören Mitarbeiter von zoologischen Einrichtungen sowie des botanischen Gartens Wien zum Kreis der Redner. Die Chimaira Buchhandlung wird ebenfalls vor Ort sein und ein ausgewähltes Sortiment an Literatur mit Themenbezug zum Motto „Mittelamerika“ anbieten. Auch Anbieter exotischer Pflanzen und Vivaristik-Zubehör haben ihr Kommen angekündigt.

Veranstaltungsort ist das Schutzhaus „Zukunft“ auf der Schmelz. Der Unkostenbeitrag beträgt 18,- Euro und berechtigt zur Teilnahme an allen drei Veranstaltungstagen. 

Weitere Informationen sowie das vollständige Vortragsprogramm sind dem offiziellen Veranstaltungsflyer zu entnehmen.

Mittwoch, 12. April 2017

Gefahrtiervorfall in Berlin: Regeln ja, Komplettverbote nein!

Vergangene Woche wurde in Berlin Tempelhof-Schöneberg die Wohnung eines 44-jährigen Mannes geräumt, nachdem die Behörden einen Hinweis über eine mutmaßlich illegale Reptilienhaltung bekommen hatten: Berliner wohnte mit 24 hochgiftigen und schlecht gesicherten Tieren

Breitbandkupferkopf (Agkistrodon contortrix laticinctus)
Symbolbild
 
Wie die Senatsverwaltung inzwischen bestätigte, wurden bei dem Einsatz 24 potenziell gefährliche Terrarientiere sichergestellt, da diese im Teil A der Berliner Gefahrtierverordnung gelistet sind und deren Haltung in Privathand demnach streng verboten ist. Bei den Tieren handelte es sich den Berichten zufolge um einen fünf Meter langer Netzpython (Malayopython reticulatus), der entgegen der oben verlinkten Schlagzeile natürlich nicht hochgiftig ist, einen Dickschwanzskorpion (Parabuthus schlechteri) sowie 22 Giftschlangen (darunter verschiedene Kobras, eine Westliche Gabunviper sowie ein Breitbandkupferkopf). Die Tiere wurden in nicht ausreichend gesicherten Terrarien gehalten. An der Wohnungsräumung war der Verein aktion tier e.V. beteiligt, welcher in Brandenburg ein Reptilienzentrum betreibt, in dem die Tiere zunächst untergekommen sind.

Tierschützer fordern Gefahrtierverordnung

Eine Vermittlung der Tiere in Privathand wäre in Brandenburg zwar durchaus möglich, weil es dort derzeit keine Regelung für die Haltung von gefährlichen Tieren gibt, aktion tier schließt dies jedoch aus. Stattdessen wird eine Vermittlung der Tiere in zoologische Einrichtungen angestrebt. Sollte dies nicht möglich sein, verbleiben die Tiere dauerhaft im Reptilienzentrum.

Gegenüber dem Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) äußerte sich der Betreiber der Brandburger Reptilienstation Marko Hafenberg kritisch zur unkontrollierten Haltung von gefährlichen Tieren in Privathand und zog einen Vergleich zum Waffenbesitz. Anzumerken ist, dass der private Schusswaffenbesitz in Deutschland durchaus erlaubt ist, sofern bestimmte Voraussetzungen erfüllt werden (u.a. eine sichere Aufbewahrung der Waffe).


Von den Tierschützern wird daher eine Gefahrtierverordnung mit eindeutigen Regeln gefordert. Erfreulicherweise äußerte sich der Leiter der Auffangstation auch kritisch zu strikten Komplettverboten, weil dadurch Halter in der Anonymität verschwinden würden. Stattdessen solle eine Gefahrtierverordnung auf Erlaubnisvorbehalt und Meldepflicht basieren, damit die Behörden die Gefahrtierhaltungen effektiver kontrollieren könnten.


Das sind Forderungen, die ich durchaus teile, denn nicht jeder sollte sich ohne weiteres irgendwo ein gefährliches Tier kaufen können. Aber ebenso sollten verantwortungsvolle Tierhalter solche Tiere auch weiterhin halten und im Sinne des Arterhalts züchten dürfen. Mit einer sinnvollen Regelung könnten Auffangstationen zudem effektiver entlastet werden, denn nicht jeder Tierart ist für Zoos interessant und die Kapazitäten sind dort ohnehin nicht vorhanden, um jedes beschlagnahmte Tier aufnehmen zu können.

Fazit:

Fehlende Gefahrtierregelungen sind aus meiner Sicht genauso falsch wie überzogene Verbote ohne Möglichkeit einer Ausnahmegenehmigung. Denn dass diese nichts bringen, zeigt der aktuelle Fall in Berlin wieder mal sehr eindrucksvoll. Eine bundeseinheitliche Regelung wäre unter bestimmten Voraussetzungen ebenfalls denkbar. Darauf gehe ich demnächst noch mal in einem separaten Blogpost ein. In einem lesenswerten Artikel im Tagesspiegel äußerte sich bereits der Biologe Andreas Mendt über die Voraussetzungen und Risiken der Haltung von potenziell gefährlichen Terrarientieren: Mein Mitbewohner, der Python

Der bislang nüchterne und sachliche Umgang mit dem aktuellen Gefahrtiervorfall in Berlin seitens des Tierschutzvereins aktion tier e.V. verdient an dieser Stelle auch mal Lob. Ein solches Vorgehen, welches Reptilien- und Gefahrtierhalter nicht unter Generalverdacht stellt, sondern eine gemeinsame Basis schafft, ist am Ende sicherlich sehr viel zielführender als das unsachliche Schüren von Panik durch Aufbauschen solcher Vorfälle unter Forderungen von strikten Haltungsverboten.


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Montag, 10. April 2017

Die Spinne, der Psychologe und das Horrorplakat

Mexikanische Rotknie-Vogelspinne (Brachypelma smithi)
Symbolbild
Ein Psychologe aus Landsberg am Lech (Bayern) hat Strafanzeige gegen den Veranstalter einer Spinnen- und Insektenausstellung erstattet, weil er in den Plakaten zu dieser Ausstellung eine Körperverletzung von Leuten mit einer Spinnenphobie sieht: Kurioser Spinnen-Krieg: Stellen Plakate eine Körperverletzung dar?

Ich musste diesmal erst ein paar Tage abwägen, ob ich diesen Fall überhaupt in einem Artikel thematisiere, weil ich dem besagten Psychologen eigentlich nicht noch mehr Aufmerksamkeit schenken möchte. Denn womöglich ist nämlich genau das der Zweck der Klage. Aber der Fall ist einfach zu absurd, um ihn zu ignorieren.

Gegenstand des Streits

Auf den Plakaten zur Ausstellung des Veranstalters Sergio Neigert ist neben anderen Gliederfüßern eine Mexikanische Rotknie-Vogelspinne (Brachypelma smithi) abgebildet. Diese soll aus Sicht des klagenden Psychologen aus Landsberg, Spinnenphobiker mit dem Gegenstand ihrer Angst unfreiwillig konfrontieren. Dies stelle ebenso wie eine unfreiwillige Verabreichung von Medikamenten eine Körperverletzung dar. Außerdem könnten unter einer Spnnenphobie leidende Verkehrsteilnehmer vor Schreck in Unfälle verwickelt werden. Tatsächlich passieren Unfälle wegen Spinnen in einer erschreckenden Regelmäßikeit so erst vor wenigen Tagen in Kaiserslautern: Frau verursacht Totalschaden wegen Spinne im Auto

Bereits im Jahr 2016 tat der Psychologe in den Medien seinen Unmut und seine Absicht kund, die Stadt und den Veranstalter der Ausstellung zu verklagen: Die Angst vor der Spinne auf dem Plakat

Überhaupt ein Fall fürs Gericht?

Die Strafanzeige wegen Körperverletzung liegt nun erst einmal bei der Staatsanwaltschaft Augsburg zur Bearbeitung. Ob der Fall überhaupt vor Gericht geht, wage ich stark zu bezweifeln. Meiner Einschätzung nach wird die Staatsanwaltschaft das Verfahren einstellen. Doch selbst wenn die Sache juristisch weiter verfolgt würde, wären die Erfolgsaussichten gering. Abbildungen von Spinnen sind – ebenso wie Begegnung mit lebenden Spinnen – Teil des allgemeinen Lebensrisikos, dem sich Phobiker nun einmal leider aussetzen müssen. Wenn es soweit käme, dass man die Alltagsumgebung für Menschen mit Angststörungen aus Rücksichtnahme entsprechend gestalten muss, damit Betroffene ihr Leben überhaupt bestreiten können, würde das unsere Gesellschaft ins Chaos stürzen.

Sicherlich empfinden viele Menschen Unbehagen beim Anblick von Spinnen. Diese Personen leiden jedoch in der Regel unter keiner echten Phobie! Der Anteil an Arachnophobikern ist weitaus geringer als der Anteil an Leuten, die Spinnen einfach nur nicht mögen. Der Anteil unter diesen Phobikern wiederum, der bereits auf leblose Abbildungen mit heftigen Ängsten reagiert, ist noch einmal geringer. Wer sich schon mal mit Angststörungen näher befasst hat, sollte dies eigentlich wissen – so auch der Psychologe, dem die Spinnenplakate ein Dorn im Auge sind. Schätzungen zufolge leiden 10 Prozent der Deutschen unter Phobien. Bei den Tierphobien tritt die Arachnophobie zwar am häufigsten auf, im individuellen Einzelfall ist die Statistik jedoch irrelevant. Wenn die Konfrontation mit dem Angstobjekt eine Körperverletzung darstellt, dann trifft dies auf alle bekannten Phobien zu. 
 
Für Menschen, die unter Canophobie (krankhafte Angst vor Hunden) leiden, muss die Alltagsbewältigung wahrlich die Hölle sein. Schließlich gehören Hunde zum gewohnten Alltagsbild. Selbst in Werbespots werden Hunde regelmäßig eingesetzt. Dabei haben die beworbene Produkte oft nicht mal ansatzweise etwas mit Hunden zu tun (klick mich, wenn du dich traust...). Will man nun die TV-Sender und alle Hundehalter dieses Landes wegen Körperverletzung anzeigen, weil sich ein paar Canophobe in ihrer psychischen und physischen Unversehrtheit verletzt fühlen? Dies ist nur ein Beispiel von vielen, die man nennen könnte, um die Absurdität der Strafanzeige zu unterstreichen.
 
In einem Punkt stimme ich dem Psychologen allerdings ein Stück weit zu: Der Veranstalter der Ausstellung gibt auf seiner Website an, Menschen mit Spinnenphobie helfen zu können. Dies mag zwar gut gemeint sein und ist wahrscheinlich sogar effektiver, als so manch anderer von vielen Krankenkassen und somit der Sozialgemeinschaft finanzierter Hokuspokus, könnte allerdings als ein Heilsversprechen interpretiert werden, welches ohne die notwendige Fachkunde juristisch mehr als nur heikel wäre. Dieser von den Plakaten losgelöste Aspekt könnte also tatsächlich noch vor Gericht behandelt werden.

Fazit:

Meiner Einschätzung nach wird die Sache bzlg. der Plakate im Sande verlaufen. Sobald die Ausstellung mal wieder in Landsberg gastiert, wird der Fall wahrscheinlich wieder in den Medien thematisiert. Aufgrund der Absurdität durchaus verständlich.

Aber wenn der klagende Psychologe damit tatsächlich nur die PR-Trommel rühren möchte, sollte er aufpassen, dass ihm dies nicht auf die Füße fällt. Auf mich wirkt ein Psychologe jedenfalls äußerst unseriös, der versucht, seinen Patienten mit absurden Klagen regelrecht in Watte zu packen, damit diese im Alltag möglichst keinen Ängsten ausgesetzt werden, statt sich den Ängsten dahingehend zu widmen, dass die Betroffenen sich vor Spinnen-Plakaten nicht mehr fürchten.

Für alle Leute, die noch keine krankhafte Angststörung entwickelt haben, sondern sich beim Anblick einer Spinne einfach nur unwohl fühlen, sei ein Besuch einer solchen Ausstellung ans Herz gelegt. Ängste beruhen häufig auf Vorurteilen und diese wiederum auf fehlenden oder gar falschen Informationen. Dagegen hilft, sich über die Dinge zu informieren, vor denen man Angst hat. Vielleicht weichen die Ängste ja sogar einem gesteigerten Interesse für Spinnen?
 

Mittwoch, 5. April 2017

Das Aussterben der Fachzeitschriften

Terraristik-Fachzeitschriften gehören zu einer vom Aussterben bedrohten Spezies! In letzter Zeit ist nämlich ein trauriges Phänomen zu beobachten.


Aktuell sind drei namhafte Fachmagazine für die allgemeine Terraristik im Zeitschriftenhandel zu finden: Reptilia, TERRARIA/elaphe sowie DRACO – allesamt aus dem Hause des Natur und Tier Verlags. Jede dieser Fachzeitschriften hat eine eigene Zielgruppe. Während sich die Reptilia vorrangig an Hobby-Terrarianer richtet, liegt der Schwerpunkt der TERRARIA/elaphe eher auf dem wissenschaftlich interessierten „Herpeto-Terrarianer“. Dies wird u.a. auch durch die Kooperation mit der DGHT deutlich, die ihre Vereinszeitschrift elaphe in der TERRARIA etabliert hat. Wobei es natürlich viele Schnittmengen gibt und die meisten an Fachliteratur interessierten Terrarianer wahrscheinlich ohnehin beide Magazine beziehen, die im zweimonatigen Intervall erscheinen.

Die DRACO wiederum ist ein viermal jährlich erscheinendes Themenheft, welches ein Schwerpunktthema mit mehreren Artikeln von in der Regel verschiedenen Autoren beleuchtet. Dieses hochwertige Fachmagazin steht nun vor dem Aus! Bereits seit 2015 ist ein massiver Verfall dieses Magazin festzustellen. Nicht etwa in der Qualität – diese war bisher immer tadellos – sondern im Veröffentlichungsintervall. Die derzeit aktuelle Ausgabe Nr. 63 zum Thema „Europäische Amphibien“ erschien, wie auch einige Ausgaben zuvor, verspätet. Es handelt sich dabei um die dritte Ausgabe des Jahrgangs 2015! Die Ausgabe 4/2015, welche regulär Ende 2015/Anfang 2016 erscheinen sollte, war zuletzt für August 2016 angekündigt und sollte das Titelthema „Wandelnde Blätter“ behandeln – ein Thema, auf das ich mich als Wirbellosen-Terrarianer natürlich sehr gefreut habe. Eine Nachfrage auf der vom Chefredakteur Heiko Werning betreuten Facebook-Fanpage ergab nun jedoch, dass sich die Ausgabe 64 nicht nur noch etwas verzögern wird, es wird auch ein anderes Thema (Namibia) behandelt, weil der Hauptautor der geplanten Ausgabe aus persönlichen Gründen zurücktrat. Noch sehr viel trauriger ist jedoch die Meldung, dass es sich bei der kommenden Ausgabe voraussichtlich um die letzte Ausgabe der DRACO handeln wird! Als Grund wird angegeben, dass sich eine Fortsetzung im geschrumpften Markt wohl einfach nicht mehr lohne.


Nicht das erste „Todesopfer“

Schon vor der DRACO sind Terraristik-Fachzeitschriften „von uns gegangen“. Sei es die „terraristik“ vom Dähne-Verlag, die sich vorrangig an den Terraristik-Neuling richtete und für die ich die Kolume „Speikobra“ schrieb oder das mir damals ebenso sehr am Herzen liegende „Bugs – Das Wirbellosenmagazin“ vom Natur und Tier Verlag. Beide Zeitschriften wurden nach wenigen Ausgaben eingestellt, noch bevor sie sich richtig am Markt etablieren konnten.

Ursachen des Zeitschriftensterbens?

Nicht nur Nischenmagazine für die Terraristik haben es in der heutigen Zeit schwer. Sogar Tageszeitungen müssen mitunter um ihre Existenz kämpfen. Eine der Hauptursachen scheint das Internet zu sein. Aufgrund der regelrechten Informationsflut im Netz scheinen Printmedien für manche Leute den Wert verloren zu haben, den sie für Leser, die mit solchen Medien und nicht mit dem Internet aufgewachsen sind, noch haben. Informationen müssen heutzutage schneller denn je verbreitet werden, was Fachmagazine mit einem mehrwöchigen Erscheinungsintervall leider nicht leisten können. Dafür kann man aufgrund der erzwungenen längeren Vorlaufzeit bis zur Veröffentlichung annehmen, dass Artikel in redaktionell betreuten Magazinen professionell und korrekt recherchiert wurden. Andererseits haben Printmedien das Problem, dass fehlerhafte Artikel nicht direkt korrigiert und auch nicht vom Nutzer kommentiert werden können.

Aber das soll hier gar keine Grundsatzdiskussion zum Pro und Contra von Fachzeitschriften werden, die ich persönlich auch gar nicht als Konkurrenz zu Internetangeboten wie z.B. Blogs sehe. Aus meiner persönlichen Sicht sind Fachzeitschriften eine prima Ergänzung zu solchen Internetangeboten und umgekehrt.

Schaut man sich jedoch die stetig sinkenden Absatzzahlen von Fachmagazinen (nicht nur im ohnehin rückläufigen Nischenhobby „Terraristik“) an, scheint die Mehrheit der Nutzer dies anders zu sehen. Beobachtet man das Geschehen in den sozialen Netzwerken und Internetforen, wird ebenfalls deutlich, dass vor allem die „jüngere Generation“ schnelle Infos und diese am liebsten kostenlos konsumieren möchte. Der Wert von Fachliteratur ist bei vielen Vertretern der Generation Smartphone offenbar nicht so hoch, wie bei Leuten wie mir, die noch mit Zeitschriften aufgewachsen und daher vielleicht ein wenig emotional vorbelastet sind. So erinnere ich mich noch gerne an meine Kindheit zurück, als ich es nicht erwarten konnte, bis die nächste Ausgabe von
„Dinosaurier!“ erschien...

Zukunftsblick: Ist das Ende der Printmedien nah?

Man könnte annehmen, dass spezialisierte Fachmagazine ihr treuergebenes Publikum gefunden hätten und (wenn auch in kleineren Auflagen) in Zukunft bestehen können. Das Problem dabei ist jedoch, dass kleinere Auflagen von Nischenmagazinen umso mehr Geld kosten und Werbepartner evtl. das Interesse verlieren, wenn die Zielgruppe zu klein ist. Fasst man die Zielgruppe jedoch zu groß, ist die Absprungrate auch höher. Je umfangreicher und vielseitiger ein Magazin ist, desto mehr potentielle Leser kann es zwar gewinnen, desto mehr Leser werden sich aber auch die Frage stellen, ob sich der Kauf oder gar ein Abonnement eines Magazins lohnt, welches sie nur zu geringen Anteilen interessiert.

Die noch verbliebenden Fachmagazine zur allgemeinen Terraristik müssen diesen Drahtseilakt meistern, um auch in Zukunft am Markt bestehen zu können. Ob und wie lange sich spezalisiertere Nischen-Hefte wie die
Marginata, ein Fachmagazin zur Schildkrötenhaltung (ebenfalls Natur und Tier Verlag), in Zukunft noch halten können, wird sich zeigen.

Fazit:

Als Abonnent der meißten in diesem Artikel namentlich genannten Terraristik-Magazine finde ich es sehr schade, wenn diese aufgrund zu niedriger Absatzzahlen eingestellt werden. Ich würde ja jetzt dazu aufrufen, die noch bestehenden Magazine zu abonnieren, damit wenigstens deren Existenz für die Zukunft halbwegs gesichert ist, aber ich fürchte, dass die Leute, die sich für Fachmagazine bisher nicht interessiert haben, diesen Artikel sowieso schon nach den ersten paar Zeilen (wenn überhaupt) weggeklickt haben. So ist es leider. Zeiten ändern sich und neue Medien kommen und gehen.

Mittlerweile haben es ja auch geschriebene Blogs wie dieses hier nicht mehr leicht, weil immer mehr Leute lieber auf VLogs (also Video-Blogs) oder Audio-Podcasts umsteigen, wo das passive Konsumieren noch sehr viel weniger Hirnschmalz erfordert. Wir werden sehen, wohin uns das führen wird.

Was ist eure Meinung? Welche Fachmagazine lest ihr oder seid ihr schon komplett auf Online-Angebote umgestiegen?

 

Sonntag, 2. April 2017

Der ernsthafte Terrarianer

Ihr kennt ihn doch sicherlich auch, den Mann mit Hornbrille, Cordhose und Karohemd. Man findet ihn auf Vereinsabenden und Tagungen, wo er stets in der ersten Reihe sitzt und jeden Vortrag mit höchster Aufmerksamkeit verfolgt. Kommt ein Referent einmal ins Stocken, kann er, der Mann mit Hornbrille, Cordhose und Karohemd, sofort mit dem richtigen Einwurf helfen. Auch bei Reptilienstammtischen glänzt er mit seinem Wissen über Parthenogenese, Hibernation und Ecdysis. Bei Diskussionen kann und wird er immer mitreden. Seine klare Meinung ist unerschütterlich. Von Neulingen lässt er sich schon gar nichts sagen - was er ihnen gegenüber auch gerne betont. Schließlich verbergen sich unter seiner Halbglatze mühsam angeeignetes Fachwissen und unendliche Weisheit. Es gibt wohl niemanden, der sich besser in der Terraristik auskennt.

Er ist ein geschickter Terrarienbauer und gestaltet Rückwände wie kein Zweiter. Nur er kann die wahre Qualität von UV-Leuchtmitteln oder die Zusammensetzung von Mineralstoffpräparaten adäquat beurteilen. Pelletfutter hasst er fast so sehr wie Plastikpflanzen. „Bartis“ oder „Leos“ kommen ihm nicht ins Haus, Halter von „Köpys“ und „Kornis“ belächelt er. Er hält stets die begehrtesten Raritäten in bis zur Perfektion naturnah gestalteten Terrarien. Dies aber auch nur solange, bis sich ein Tausch gegen eine noch seltenere Spezies ergibt. Wenn er nicht gerade auf Borneo Klimadaten misst, sieht man ihn gelegentlich auf Reptilienbörsen. Dort steht er dann mit Hornbrille, Cordhose und Karohemd und bietet seine Nachzuchten zum Verkauf an: „…europäische Erstnachzucht…“, „seltene Lokalvariante“, und „…noch nie zuvor importiert…“ hört man ihn zu den Leuten sagen. Neidische Blicke seiner Standnachbarn sind ihm gewiss.

Kürzlich hat er sich in den sozialen Netzwerken angemeldet, um dort in allen nur erdenklichen Gruppen und Foren mitzureden. Dort erkennt man ihn an seinem Profilbild. Dieses zeigt nicht etwa ihn mit Hornbrille, Cordhose und Karohemd, sondern wahlweise Batagur baska, Cnemaspis psychedelica oder Sphenodon punctatus. Fragt man ihn jedoch nach seinen Haustieren, reagiert er pikiert. Reptilien sind für ihn keine Haustiere, sondern Beobachtungsobjekte, zu denen man keine persönliche Beziehung aufbauen kann – er sowieso schon mal gar nicht! Denn er ist ein ernsthafter Terrarianer… 
Ein sehr ernsthafter Terrarianer!

Ja, ihr kennt ihn sicherlich auch, den Mann mit Hornbrille, Cordhose und Karohemd...


Dienstag, 21. März 2017

Deutscher Tierschutzbund erstellt „Heimtierschutzverordnung“

In einer heutigen Pressemeldung hat der Deutsche Tierschutzbund die Erstellung eines Entwurfs für eine Heimtierschutzverordnung bekanntgegeben: Heimtierschutzverordnung: Deutscher Tierschutzbund legt Entwurf vor

Der Entwurf, welcher dem zuständigen Ministerium (BMEL) sowie den Bundestagsfraktionen vorgelegt werden soll, sieht eine bundeseinheitliche Regelung der Heimtierhaltung vor, welche aus Sicht des Vereins unzureichend durch das Tierschutzgesetz (sowie die Tierschutz-Hundeverordnung) geregelt sei. Geht es nach dem Deutschen Tierschutzbund, soll mit einer solchen Heimtierschutzverordnung zunächst die Haltung von „üblicherweise in Privathaushalten gehaltenen Heimtieren“ geregelt werden. In der Pressemeldung heißt es ferner:
„In einem zweiten Schritt könnten Tierarten ergänzt werden, für welche eine Eignung zur Haltung als Heimtier wissenschaftlich nachgewiesen wurde - aus Tierschutzsicht, aber auch aus Arten- und Naturschutzsicht sowie aus Gründen der öffentlichen Sicherheit.“
In diesem Wortlaut findet sich die unterschwellige Forderung nach einer Positivliste wieder. Wie so oft versucht der Deutsche Tierschutzbund, Einschränkungen der Heimtierhaltung durchzusetzen. Mittlerweile mit einer erschreckenden Dreistigkeit, bei der es nicht mehr nur bei Forderungen bleibt, sondern inzwischen schon Verordnungen eigenhändig im gewünschten Wortlaut erstellt werden. Der Tierschutzbund hat offenbar noch nicht ganz verstanden, wie in unserer Demokratie das Gesetzgebungsverfahren abläuft: Interessenverbände können sich zwar einbringen und in bestimmten Fällen sogar mittels Sachverständigen aktiv am Prozess teilnehmen, legislative Gewalt haben sie jedoch ganz und gar nicht.

Ich habe mich mit der „Pseudo-Verordnung“ deshalb auch nicht großartig beschäftigt. Außerdem ließe sie sich gemäß den darin aufgeführten Begriffsbestimmungen sowieso nicht auf Terrarientiere anwenden. Dass es bei den etablierten Heimtieren (insbesondere Katzen mangels Katzenschutzverordnung) einen gewissen Nachholbedarf gibt, ist bekannt und ich finde es in der Sache auch gut, dass der Tierschutzbund die Situation u.a. mit der Schaffung von Mindesthaltungsstandards verbessern möchte (dann sollte § 19, Abs. 5 aber bitte noch geändert und Freigänge zum Schutz einheimischer Arten sowie der öffentlichen Sicherheit strikt verboten werden). Durch die Erstellung von Verordnungstexten durch Lobbyverbände wird jedoch die Kompetenz des vom Volk demokratisch gewählten Verordnungsgebers für meinen Geschmack ein wenig zu sehr untergraben. Würde eine solche „Verordnung“ mehr oder weniger identisch in geltendes Recht überführt, wäre dies ein weiteres Armutszeugnis für unseren Rechtsstaat.

Es wird also wohl bei einem (wenn auch aufwendigen) PR-Gag bleiben.

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