Freitag, 28. Juli 2017

EU-Verordnung nach Vorbild des U.S. Lacey Acts sinnvoll?

Die Artenschutzorganisation Pro Wildlife e.V. und die Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen fordern regelmäßig die Einführung eines „EU Lacey Acts“. Was steckt hinter dieser Forderung und wäre eine solche Regelung auf EU-Ebene überhaupt sinnvoll und praktikabel?

U.S. Lacey Act, was ist das?

In den USA wurde im Jahr 1900 auf Initiative des Republikaners John F. Lacey ein Gesetz verabschiedet, welches zunächst primär den Handel mit Jagdtrophäen über Bundesstaatsgrenzen hinweg regulieren sollte. Es handelte sich um das erste Bundesgesetz zum Zwecke des Wildtierschutzes. Der Transport von in manchen Bundesstaaten illegalen Jagdtrophäen in andere Bundesstaaten zum Zwecke des dortigen legalen Verkaufs wurde damit unterbunden. Außerdem sollte mit dem Lacey Act verhindert werden, dass nicht-einheimische Arten von einem Bundesstaat in einen anderen verbracht werden. Das Gesetz wurde immer wieder erweitert und regelt heute nicht nur die Einfuhr von ihm Rahmen des Washingtoner Artenschutzübereinkommens geschützten Arten, sondern beachtet darüber hinaus auch den Schutzstatus von Tier- und Pflanzenarten in ihren ursprünglichen Herkunftsländern.

Der U.S. Lacey Act wurde im U.S. Code Kapitel 53, Titel 16 verankert und besagt in der heutigen Fassung wörtlich:
§ 3372. Prohibited acts
[…]
It is unlawful for any person -
(1) to import, export, transport, sell, receive, acquire, or purchase any fish or wildlife or plant taken, possessed, transported, or sold in violation of any law, treaty, or regulation of the United States or inviolation of any Indian tribal law;
(2) to import, export, transport, sell, receive, acquire, or purchase in interstate or foreign commerce
(A) any fish or wildlife taken, possessed, transported, or sold in violation of any law or regulation of any State or in violation of any foreign law;
(B) any plant taken, possessed, transported, or sold in violation of any law or regulation of any State;
Quelle: 16 U.S. Code § 3372
 

Ist ein „EU Lacey Act“ denkbar?

Eine EU-Regelung nach dem Vorbild des U.S. Lacey Acts wäre durchaus denkbar, würde dann aber natürlich anderes benannt, da Mr. Lacey seine Finger bei einer solchen Regelung wohl eher nicht mehr mit im Spiel haben wird. Eine Regulierung des teils unkontrollierten Handels mit Arten, die zwar in ihren Herkunftsländern geschützt sind und Exportverboten unterliegen, jedoch keinen internationalen Schutzstatus haben, ist grundsätzlich zu begrüßen. Es ist äußerst fragwürdig, dass betroffene Arten hierzulande auch als Wildfänge vollkommen legal gehandelt werden dürfen, obwohl Naturentnahmen in den Herkunftsländern gar nicht gestattet sind.

Reichen bestehende Instrumente denn nicht aus?

Da eine Regelung nach Vorbild des U.S. Lacey Acts vor allem von Pro Wildlife e.V. gefordert wird, lehnen viele organisierte Tierhalter und -händler dies strikt ab und betonen, dass bereits jetzt schon alle Regularien zur Verfügung stehen, um die Problematik des Handels mit nicht geschützten Arten zu beheben. Schließlich müsse man die betroffenen Arten doch bloß international unter Schutz stellen.

Prinzipiell ist dies zwar richtig, enthält aber auch einige Fallstricke. Beispielsweise finden die Artenschutzkonferenzen nur alle drei Jahre statt. Für manche Arten insbesondere für Neuentdeckungen kann das eine sehr lange Zeit sein – mitunter zu lange. Außerdem zeigt die Vergangenheit, dass Anträge nicht immer den gewünschten Erfolg haben. Zwar wurden auf der letzten CITES-Artenschutzkonferenz die herpetologisch interessanten Spezies im Eiltempo behandelt, doch gab es bei anderen Anträgen äußerst kontroverse Debatten. Insbesondere wenn andere CITES-Mitglieder einen Nutzen aus dem freien Handel mit bestimmten Arten ziehen, stehen die Herkunftsländer mit ihren Schutzanträgen mitunter alleine da und Lösungen kommen nicht zustande oder es werden faule Kompromisse eingegangen. Sicherlich muss jeder Einzelfall für sich genommen betrachtet und beurteilt werden, aber pauschal kann man sagen, dass CITES für manche Arten offenbar einfach nicht ausreicht und eine ergänzende Regelung wie in den USA auch in der EU wünschenswert ist.

Eine weitere alternative Möglichkeit wäre eine Regulierung im Rahmen der EU-Artenschutzverordnung. So bietet die Listung im EU-Anhang D die Möglichkeit, den Handel zu überwachen und ggf. einen höheren Schutzstatus für diejenigen Arten zu beschließen, die aufgrund des Handels bedroht sind. Das Problem hierbei ist, dass es wohl eine unlösbare Mammutaufgabe wäre, alle national geschützten Tier- und Pflanzenarten in allen Weltstaaten zu ermitteln, diese in den EU-Anhang D aufzunehmen und dann auch noch effektiv zu überwachen.

In Abwägung der oben dargestellten Gründe bin ich also der Meinung, dass eine Regelung ähnlich des U.S. Lacey Acts wünschenswert wäre. Wichtig wäre dabei, sich auf die Einfuhren und den Handel mit Naturentnahmen zu konzentrieren. Der Handel mit Nachzuchten sollte natürlich erlaubt bleiben. Das ist auch in den USA der Fall. Womit wir allerdings auch schon bei den ersten Problemen wären…

Probleme eines „EU Lacey Acts“

Der Handel mit EU-Nachzuchten und mit von den Ursprungsländern genehmigten, kontrollierten und daher nachhaltigen Wildfängen (z.B. für Erhaltungszuchten und zur Bewahrung der Lebensräume) sollte auch in Zukunft erlaubt bleiben. Doch wie will man die legale Herkunft kontrollieren? Eine Regelung nach Vorbild des Lacey Acts kann nur die Einfuhr überwachen und den nachweislich illegalen Handel innerhalb der EU sanktionieren. Es ist jedoch nahezu unmöglich, die auf illegalen Wegen in die EU eingeführten und als Nachzuchten umdeklarierten Wildfänge zu identifizieren. Insbesondere aufgrund der Problematik, dass der legale Tierhandel gerne mal als Deckmantel für illegale Aktivitäten genutzt wird. Der einzige Vorteil bestünde darin, dass im Falle eines nachweislich illegalen Handels die Täter endlich sanktioniert werden könnten, was derzeit nicht möglich ist.

Ein weiteres Problem stellt der bürokratische Aufwand dar. Bei einer Veranstaltung der Europäischen Kommission zur Umsetzung des Aktionsplans zur Bekämpfung des illegalen Artenhandels am 8. Februar in Brüssel machte die österreichische CITES-Behörde deutlich, dass mit den vorhandenen Mitarbeitern eine zusätzliche Überprüfung des Schutzstatus von Tieren in ihren Herkunftsländern nicht zu leisten sei.

Fazit:

Die Grundidee einer Regelung nach Vorbild des U.S. Lacey Acts wäre aus Artenschutzsicht zu begrüßen, weil die bestehenden Artenschutzinstrumente die mutmaßliche Problematik des unkontrollierten Handels mit nur in ihren Herkunftsländern geschützten Arten nicht ohne weiteres beheben können. Doch ein „EU Lacey Act“ wäre mit einigen Problemen behaftet und ließe sich nur mit einer kostenintensiven Bürokratie umsetzen. Im Rahmen eines aktuellen Forschungsvorhabens sollen die Vertriebswege erforscht werden, um anhand der Ergebnisse bedrohte, jedoch nicht international geschützte Arten zunächst einmal in den Anhang D der EU-Artenschutzverordnung aufzunehmen.

Die Implementierung eines „EU Lacey Acts“ wäre dann erst im Bedarfsfall der nächste Schritt. Allerdings stehen die Zeichen dafür im Moment eher schlecht, wie die Bundesregierung in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen erklärte:
„Das BMUB setzt sich auf EU-Ebene weiterhin für eine Regelung ein, die nach Vorbild des U.S. Lacey Acts Importe von Arten in die EU verbietet, wenn diese Arten nach dem Recht des Ursprungslandes einem Exportverbot unterliegen. BMUB hat sich hierfür […] ausgesprochen und entsprechend die Europäische Kommission dazu aufgefordert, eine solche Regelung auf EU-Ebene einzuführen. Die Europäische Kommission kommt dieser Aufforderung bislang nicht nach. Einzelne EU-Mitgliedstaaten haben sich gegen eine derartige Vorgabe ausgesprochen, da eine solche Regelung nicht praktikabel sei. Bilaterale Anstrengungen, um Verbündete unter den anderen EU-Mitgliedstaaten zu finden, waren nicht erfolgreich. Deutschland ist mit der Forderung isoliert.“
Quelle: Drucksache 18/11544

Sollte es jemals eine Art „EU Lacey Act“ geben, muss eines aber abschließend betont werden: Dieses Werkzeug darf nicht als Waffe ideologischer Organisationen gegen die sog. „Wildtierhaltung“ grundsätzlich missbraucht werden! Die USA sind diesbezüglich leider kein gutes Beispiel. Die von Tierhaltungsgegnern nicht gering finanzierte Regierung unter Präsident Obama stufte beispielsweise diverse Riesenschlangen als invasive Arten gemäß Lacey Act ein, um so flächendeckende Haltungsverbote ohne wissenschaftliche Grundlage zu beschließen. Wissenschaftliche Objektivität muss bei solchen Regelungen also oberste Priorität haben!

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Dienstag, 25. Juli 2017

Was sind eigentlich… invasive Arten?

Bei der Diskussion über invasive gebietsfremde Arten werden regelmäßig verschiedene Begrifflichkeiten miteinander verwechselt. Da es auch hier im Blog immer wieder um dieses Thema geht, ist eine Begriffsbestimmung sinnvoll.

Gebietsfremde Arten

Gebietsfremde Arten sind diejenigen Spezies (für die Terraristik sind wohl nur Tiere und Pflanzen relevant), welche natürlicherweise nicht in Deutschland bzw. Mitteleuropa vorkommen und auch nicht auf natürlichen Wegen (also ohne direkten oder indirekten Einfluss des Menschen) einwandern. Gebietsfremde Arten sind allerdings grundsätzlich nicht mit invasiven Arten gleichzusetzen.

Neobiota: Neophyten & Neozoen

Neobiota sind diejenigen gebietsfremden Tier- (Neozoen) und Pflanzenarten (Neophyten), welche nach dem Jahr 1492 durch direkten oder indirekten Einfluss des Menschen eingeschleppt wurden. Warum das Jahr 1492? Weil mit der Entdeckung von Amerika und dem Beginn des transatlantischen Handels in kürzester Zeit ein hohes Maß an neuen Arten einwandern konnte.

Da neobiotische Pilze (Neomyceten) für die Terraristik keine Relevanz haben, finden sie an dieser Stelle keine weitere Beachtung.

Archäobiota: Archäophyten & Archäozoen

Gebietsfremde Arten, die vor 1492 durch menschlichen Einfluss eingeschleppt wurden, werden als Archäobiota bezeichnet. Diese Tier- (Archäozoen) und Pflanzenarten (Archäophyten) sind zwar nicht einheimisch (indigen), werden im Naturschutz aber traditionell den einheimischen Arten gleichgestellt und daher als heimisch betrachtet (NEHRING et al., 2013). Die oft u.a. von Herpetologen kritisierte Freisetzung von Hauskatzen, die nachweislich einen hohen negativen Einfluss auf bedrohte einheimische Arten haben (siehe u.a. GENOVESI et al., 2012), wird wohl nie mittels Regularien zur Eindämmung von invasiven Neobiota unterbunden werden können, da die Hauskatze im Naturschutz als Archäozoon und somit nicht als gebietsfremde Art bewertet wird. Deswegen müssen andere Lösungen gefunden werden, um das unkontrollierte Freisetzen von hochspezialisierten Beutegreifern, derer sich die Natur aufgrund der menschlichen Hege nicht mittels Krankheiten, Nahrungsmangel etc. erwehren kann, zu verhindern – beispielswiese mittels einer Katzenschutzverordnung, die endlich Mindesthaltungsrichtlinien für diese Tiere schaffen und zudem eine strikte Ausgangssperre für Hauskatzen verhängen sollte.

Invasive Arten

Gemäß § 7 Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) wird eine invasive Art als „eine Art, deren Vorkommen außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebiets für die dort natürlich vorkommenden Ökosysteme, Biotope oder Arten ein erhebliches Gefährdungspotenzial darstellt“ und in der Verordnung (EU) Nr. 1143/2014 als „eine gebietsfremde Art, deren Einbringung oder Ausbreitung die Biodiversität und die damit verbundenen Ökosystemdienstleistungen gefährdet oder nachteilig beeinflusst“ definiert. Neobiota werden im Naturschutz in drei Kategorien eingeordnet:
  1. Arten, die keinen ökologischen Schaden verursachen = (noch) nicht invasiv
  2. Arten, die ökologische Schäden verursachen = invasiv
  3. Arten, die vermuten lassen, dass sie ökologische Schäden verursachen können = potentiell invasiv
Aus diesem Grund betreffen die Maßnahmen der Europäischen Union derzeit vorrangig nordamerikanische Spezies, weil diese aufgrund der ähnlichen klimatischen Bedingungen und der nachgewiesenen Einschleppung nach 1492 in Mitteleuropa als invasive bzw. potentiell invasive Neobiota eingestuft werden. Darunter fallen derzeit neben Buchstaben-Schmuckschildkröte (Trachemys scripta) und Nordamerikanischem Ochsenfrosch (Rana catesbeiana; Syn. Lithobates catesbeianus) diverse amerikanische Sumpfkrebsarten (u.a. Procambarus clarkii) und natürlich der Waschbär (Procyon lotor). Das Problem bei solchen Invasivitätsbewertungen ist, dass ein Spagat zwischen Prävention und dem Vorhandensein von objektiven Nachweisen über Schäden abgewogen werden muss. Aus Naturschutzsicht ist der Prävention mehr Gewicht zu verleihen, was allerdings aus Sicht von Betroffenen oft als Überregulierung aufgefasst wird.

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Sonntag, 23. Juli 2017

Drei-Meter-Königspython... oder Netzpython... oder was?

Königspython (Python regius) - Symbolbild ;)
Berichte über Fundschlangen sind insbesondere in der parlamentarischen Sommerpause ein gefundenes Fressen für die Medien. Während in der Urlaubs- und Ferienzeit zwar zig Hunde und Katzen ausgesetzt werden und die Tierheime regelmäßig über Überfüllung klagen, interessieren sich für solche Vorfälle nur wenige (meist regionale) Medien. Der Fund eines exotischen Tieres ist jedoch keine Alltagssituation und weckt daher das Interesse von überregionalen Berichterstattern.

Leider wird bei solchen Berichten oft arg übertrieben. So auch zuletzt in einem Bericht des WDR vom 20. Juli: Drei-Meter-Schlange im Garten gefunden*

Bei Entrümpelungsarbeiten wurde ein angeblich drei Meter langer Königspython (Python regius) gefunden, welcher von einem Fachmann der Reptilienfachkundigengruppe der Feuerwehr Düsseldorf eingefangen wurde. Nun weiß jeder halbwegs über Schlangen informierte Leser, dass Königspythons nur in seltenen Fällen länger als 150 cm werden. Körperlängen bis zu 186 cm wurden zwar schon in Studien in Ghana ermittelt (GORZULA et al., 1997) und treten auch in der Terrarienhaltung auf, sind jedoch als Ausnahme zu betrachten. Längen ab zwei Metern wurden bislang noch nie überprüfbar dokumentiert und sind daher als illusorisch anzusehen. Der WDR-Bericht wirkt aufgrund des Fotos, welches einen Feuerwehrmann mit dem besagten Königspython in den Händen zeigt, umso absurder, weil jeder aufmerksame Leser erkennen müsste, dass der Feuerwehrmann um die sechs Meter groß sein müsste, wenn das Fundtier tatsächlich eine Länge von drei Metern besaß.

Am 21. Juli berichtete die B.Z. über denselben Vorfall: Zwei-Meter-Königspython gefunden beim Garten entrümpeln

Obwohl die B.Z. (wohlgemerkt eine Marke der BILD-Zeitung) als Boulevardmagazin die geschätzte Körpergröße der Fundschlange von max. 120 cm zwar immer noch großzügig aufrundet, liegt sie dennoch näher an der Realität als der WDR als öffentlich-rechtliches Medium mit einem staatlichen Informations- und Bildungsauftrag. Wenn Boulevardmedien übertreiben, dann ist das zwar in der Sache nicht weniger schlimm, ist aber eher zu dulden als bei Berichterstattungen der durch Zwangsbeiträge der Allgemeinheit finanzierten Öffentlich-rechtlichen.

Der ganze Vorfall artete spätestens dann zu einem regelrechten Treppenwitz aus, als die Geislinger Zeitung in einem Artikel über einen gänzlich anderen Vorfall, bei dem anderenorts ein den Berichten zufolge zwei Meter langer Netzpython gefunden wurde (eine Art, die durchaus Körperlängen von weit über drei Metern erreichen kann), das Foto der Düsseldorfer Feuerwehr mit dem Königspython als Symbolbild (!) verwendete: Mit Schlange nach Neu-Ulm

Fazit:

Die oft aufgebauschten und falsch recherchierten Medienberichte über aufgefundene Exoten führen dazu, dass die Öffentlichkeit regelmäßig ein falsches Bild von der Reptilienhaltung vermittelt bekommt. Dass das Aussetzen von Tieren egal welcher Art schändlich ist, soll hier gar nicht abgestritten werden. Aber wenn dann auch noch und insbesondere die öffentlich-rechtlichen Medien regelmäßig falsch und einseitig berichten, spielt radikalen Tierhaltungsgegnern in die Karten, weil sie damit verstärkt Rückhalt von Seiten der desinformierten Bevölkerung genießen, die Schlangen & Co. ohnehin nicht unbedingt in der Nachbarschaft haben will.

Der WDR berichtete in seinem Artikel zudem über bis zu 70 Fälle der Reptilienfachkundigengruppe der Feuerwehr Düsseldorf pro Jahr. Anzumerken ist, dass diese Spezialisten zu Einsätzen in ganz Nordrhein-Westfalen ausrücken, was bei Hunden, Katzen und klassischen Kleintieren meist von der örtlichen Feuerwehr übernommen wird. Deswegen ermöglichen die Zahlen kaum Rückschlüsse auf die statistische Relevanz solcher Einsätze. Der Leiter der Reptilienfachgruppe teilte mir 2014 zudem auf Anfrage mit, dass es sich bei der Mehrheit der Einsätze mit Reptilien um einheimische Arten handelt. Durch die Medienberichte wird die Wahrnehmung geschaffen, dass es sich bei all den Einsätzen immer um Exoten handele. Diese Verzerrung der Realität führt dazu, dass immer mehr naturentfremdete Leute beim Anblick einer einheimischen Schlange von einem mutmaßlichen Exoten ausgehen, was wiederum zu mehr Feuerwehreinsätzen und somit zu einem Anstieg an Medienberichten führt. Für diesen Teufelskreis sind neben der Sensationspresse, radikalen Tierhaltungsgegnern und naturentfremdeten Teilen der Bevölkerung aber zu einem gewissen Teil auch alle verantwortungslosen Tierhalter verantwortlich, die ihre Reptilien aussetzen oder entkommen lassen.

*Nachtrag vom 26.07.2017: Der WDR hat seinen Artikel inzwischen geändert und gibt unter dem Text in einem Disclaimer nun folgendes an: „In einer früheren Version dieses Artikels haben wir die Größe der Schlange mit 3 m angegeben. Diese erste Information wurde allerdings nicht mehr bestätigt. Ein Königsphyton kann eine maximal Länge von 2 m erreichen. [...]“ 

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Samstag, 22. Juli 2017

10 Gründe gegen die Exotenhaltung…?


1. Die meisten Reptilien sterben frühzeitig in Gefangenschaft, weil sie schlecht gehalten werden?

Die durchschnittliche Mortalitätsrate von Reptilien in menschlicher Obhut beträgt im ersten Haltungsjahr ca. 4 %. Hunde und Katzen haben eine doppelt so hohe Mortalität im ersten Haltungsjahr. Die Lebenserwartung von Reptilien in menschlicher Obhut ist zudem höher als die ihrer wildlebenden Artgenossen. Derzeit gibt es keine repräsentativen Studien, welche die Qualität der Haltungsbedingungen von Reptilien in Privathand untersuchen. Verlässliche Aussagen können daher aktuell nicht getroffen werden. Auf die Ergebnisse einer großangelegten Studie des zuständigen Bundesministeriums wird mit Spannung gewartet.

2. Reptilien und andere Wildtiere eignen sich nicht für eine Haltung in Gefangenschaft, weil sie nicht domestiziert sind?

Aus Tierschutzsicht sind sog. „Wildtiere“ nicht zwangsläufig schlechter für eine Haltung in menschlicher Obhut geeignet als domestizierte Tiere (RICHTER et al., 2012). Bedürfnisorientierte Haltung ist in sachkundigen Händen möglich. Die Domestikation ist ein Prozess, der bei vielen Haustieren (z.B. Wellensittich, Goldfisch etc.) längst nicht vollständig abgeschlossen ist. Selbst die Domestikation von Hunden, Katzen und Pferden basiert lediglich auf Training (Zähmung) des Einzeltieres. An Reptilien, die kein ausgeprägtes Sozialverhalten besitzen, können nicht dieselben Maßstäbe angelegt werden, wie an hochentwickelte Säugetiere. Doch auch Reptilien befinden sich – in Rahmen ihrer Möglichkeiten – längst ebenfalls in Domestikation.
 

3. Die Haltung von Tieren in engen Glaskästen ist nicht artgerecht?

Das Wort „artgerecht“ beschreibt eine bedürfnisorientierte Tierhaltung. Die Terrarien sorgen für das von der jeweiligen Tierart benötigte Klima. Ein Reptil fühlt sich unwohl, wenn Grundbedürfnisse nicht erfüllt werden können. Der menschliche „Freiheitsbegriff“ ist Reptilien fremd, da sie mangels eines ausgeprägten Präfrontalcortex wahrscheinlich nicht mal ein Ich-Empfinden besitzen. Langeweile und Freizeitbeschäftigungen sind ihnen fremd. Leidensfähig sind sie aber durchaus. In menschlicher Obhut zeigen sie auffälliges Verhalten und leiden, wenn sie Bedürfnisse nicht befriedigen können (z.B. Hunger, Durst, Mangel an Versteckmöglichkeiten, Temperaturabweichungen etc.). Sind jedoch alle Haltungsparameter im grünen Bereich (was eine gewisse Mindestgröße der Terrarien voraussetzt), fühlen sich eingelebte Wildtiere und Zuchttiere aus Menschenhand auch nicht gefangen.

4. Jährlich werden Hunderttausende Reptilien für den Heimtiermarkt importiert?

Die Importzahlen sind seit Jahren rückläufig, weil immer mehr Nachzuchten die Nachfrage decken. Die meisten handelsrelevanten Arten werden nachgezüchtet. Neben dem illegalen Artenhandel, für den es keinerlei verlässliche Zahlen gibt, stellen billige Massenimporte von nicht geschützten Arten, welche die Preise für Nachzuchten drücken, aber ein Problem dar. Insbesondere wenn es sich um Arten handelt, die nur in kleinen Verbreitungsgebieten vorkommen oder die einen langen Generationszyklus haben. Nachhaltige Naturentnahmen sind (ebenso wie die Terraristik grundsätzlich) allerdings kein Raubbau, sondern leisten einen wichtigen Beitrag zum Artenschutz.

5. Großhändler rechnen hohe Verluste bis zu 70 % beim Lebendtierimport bereits ein?

Die Tierrechtsorganisation PETA USA hat bei einem US-Großhändler miserable Bedingungen und hohe Ausfallquoten ermittelt. Diese Erkenntnisse können jedoch nicht auf die Allgemeinheit der Reptilientransporte übertragen werden. Bei einem medienbekannten Tierschmuggelfall, bei dem die Tiere unter miserablen Bedingungen transportiert wurden, lag die Mortalität bei nur 3,9 %. Dieses vergleichsweise niedrige Einzelfallergebnis kann ebenso wenig auf die Allgemeinheit der Transporte übertragen werden. Unabhängige Studien kamen in den Jahren 1994 und 1996 auf eine Mortalitätsrate in Höhe von ca. 2 % bei Reptilienimporten (MORITZ, 1994; STEINMETZ et al., 1996).

6. Hohe Durchseuchungsrate mit Salmonellen bei Reptilien in Höhe von bis zu 90 %?

Die Infektionsrate mit Salmonellen beträgt bei Reptilien in menschlicher Obhut durchschnittlich 13 % und ist mit der von Hunden und Katzen (ca. 11 %) vergleichbar.

7 Hoher Anteil an Reptilien und anderen Exoten in Tierheimen?

Die Tierheimstatistiken belegen, dass „Exoten“ in klassischen Tierheimen keine große Rolle spielen. Der Anteil an Reptilien in den Tierheimen beträgt ca. 1.800 Tiere pro Jahr, während der Anteil an Hunden 44-mal, der von Katzen sogar 72-mal höher ist. Vor allem Tiere, die aufgrund strikter Auflagen nicht vermittelt werden dürfen (z.B. geschützte Arten ohne Papiere, „Gefahrtiere“ oder neuerdings invasive Arten) stellen für Tierschutzeinrichtungen ein Problem dar. Diese Erkenntnisse sprechen somit deutlich gegen Haltungsverbote.

8. Exoten stellen eine große Gefahr für die einheimische Artenvielfalt dar?

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein x-beliebiges Reptil in Deutschland als invasive Art in Erscheinung tritt, beträgt statistisch gerade mal 0,02 %. Manche Spezies stellen aber durchaus ein Risiko dar. Eine Freisetzung von Tieren aus menschlicher Obhut in die heimische Natur muss vermieden werden. Davon betroffen ist aber insbesondere auch die Hauskatze (als Nachfahre der Afrikanischen Falbkatze ebenfalls eine exotische Spezies), die regelmäßig von verantwortungslosen Besitzern als sog. „Freigänger“ in die heimische Natur entlassen wird und die den höchsten negativen Einfluss auf bedrohte, einheimische Arten hat (GENOVESI et al., 2012).

9. Von gefährlichen Reptilien in deutschen Wohnzimmern geht ein großes Sicherheitsrisiko aus?

Wie hoch der Anteil an potentiell gefährlichen Terrarientieren in deutschen Haushalten ist, ist leider nicht bekannt. Für Tierheime haben diese „Gefahrtiere“ keine statistische Relevanz und auch Meldungen über Unfälle sind selbst in den Bundesländern ohne Gefahrtierregelung extrem selten. Dies lässt darauf schließen, dass nur wenige gefährliche Tiere gehalten werden und/oder die Halter größtenteils verantwortungsbewusst mit ihnen umgehen. Noch nie wurde eine unbeteiligte Person durch ein entwichenes oder ausgesetztes Reptil ernsthaft verletzt. Im Gegensatz dazu sind Hunde und Pferde die häufigsten „Gefahrtiere“ im öffentlichen Raum, die jährlich mehrere Dutzend Personen (oftmals Kinder) schwer bis tödlich verletzen.

10. Exotische Tiere werden oft spontan als Statussymbol gekauft und als Wanderpokale weitergegeben?

Das kommt vor, ebenso wie es Leute gibt, die sich martialische Hunderassen als Statussymbol oder Hunde/Katzen als Kinder-/Partnerersatz in die eigenen vier Wände hohlen. Ebenso kommen Spontankäufen bei anderen Tieren (z.B. Hamster als Kinderspielzeug) vor. Die Beweggründe einer Tieranschaffung sind immer individuell und rechtfertigen keine Pauschalkritik. Nur weil man von der Norm abweichende Tierhaltungen nicht nachvollziehen kann, muss man sie nicht ablehnen. Tierhaltung ist ein erhaltenswertes Kulturgut, welches Empathie und Naturbegeisterung fördert. Abhängig von der Persönlichkeit und den Lebensumständen des jeweiligen Menschen sind Reptilien mitunter sogar besser als Heimtiere geeignet als klassische Haustiere. Da sich Lebensumstände ändern können, wird leider manchmal eine Tierabgabe notwendig. Reptilienhalter geben ihre Tiere lieber untereinander in gute Hände weiter, weil sie wissen, dass Tierschutzeinrichtungen oftmals mit diesen Tieren überfordert sind. Dieses ehrenamtliche Tierschutzengagement als „Weiterreichen von Wanderpokalen“ zu diffamieren, entbehrt jeder sachlichen Grundlage.

Fazit:

Tierhaltungsgegner und organisierte Tierrechtler verfolgen aufgrund einer Ideologie und der Erkenntnis, dass sie gegen die wahren Tierausbeuter und Lebensraumzerstörer sowieso nicht ankommen, das perfide (wenn auch lukrative) Ziel, mittels Desinformation eine negative Meinung über die sog. „Exotenhaltung“ in der Öffentlichkeit zu verankern, um damit massive Einschränkungen auf politischer Ebene zu erleichtern und diese als eigene Erfolge zu feiern. Eine solche Propaganda ist diskriminierend, insbesondere vor dem Hintergrund, dass sich sämtliche „Argumente“ gegen die Haltung von sog. „exotischen Wildtieren“ problemlos auch auf die klassische Haustierhaltung übertragen lassen. Besagte Organisationen spekulieren darauf, dass Großteile der Bevölkerung die Hintergründe nicht durchblicken, die ihren Behauptungen zugrundeliegenden Studien nicht lesen und zu wissenschaftlichen (= objektiven) Faktenchecks ohnehin nicht fähig sind.

Dieser Artikel richtet sich primär an die Personen, die Vorbehalte gegenüber der Haltung von sog. Exoten“ hegen. Da sich die Exoten-Debatte aktuell primär auf die Reptilienhaltung bezieht und mit dem Label Exot“ meist Reptilien gemeint sind, wurde sich hier auch nur auf diesen Teilbereich der Terraristik konzentriert. Mehr Infos zur Begriffsbestimmung: Was sind eigentlich... Exoten? 

Freitag, 14. Juli 2017

„Exoten“ in den Programmen zur Bundestagswahl 2017

Nach drei Jahren der Ungewissheit, ob und in welcher Art und Weise sich die Große Koalition bestehend aus CDU/CSU und SPD der Haltung von sogenannten „exotischen Wildtieren“ annehmen wird, sind es nur noch wenige Wochen bis zur Bundestagswahl 2017. Rückblickend hat die Terraristik (nicht zuletzt aufgrund der Lobbyarbeit unserer Verbände) die aktuelle Legislaturperiode ohne massive Einschränkungen auf Bundesebene gut überstanden. Doch was erwartet uns nach der Bundestagswahl? Hier lohnt sich ein Blick in die Wahlprogramme der einzelnen Parteien.

Die Union (CDU/CSU) hat in ihrem Regierungsprogramm zur Bundestagswahl 2017 nichts Konkretes zur Haltung von „exotischen Wildtieren“ verankert. Ein Passus lässt sich aber im weitesten Sinn auf unser Hobby übertragen:
Artenschutz ist wichtig und unverzichtbar. Um Fehlsteuerungen zu verhindern, soll der Schutzstatus von Tieren und Pflanzen allerdings im Lichte der Populationsentwicklung regelmäßig überprüft und gegebenenfalls angepasst werden.

Die SPD ging in ihrem Programmentwurf zunächst gar nicht näher auf „Exoten- und Wildtierhaltung“ ein: „Wir wollen auch für Haustiere fachkundige Halterinnen und Halter. Für Qualzuchten bei Haustieren muss es eine klare Definition und ein Haltungsverbot geben.“ Das endgültig beschlossene Regierungsprogramm besagt allerdings zusätzlich:
Den Schutz von Wildtieren wollen wir vorantreiben. Den illegalen Wildtierhandel und den Handel mit Wildfängen auf gewerblichen Tierbörsen werden wir unterbinden.

Die FDP hat in ihrem Wahlprogramm zur Bundestagswahl zum Thema Heimtierhaltung folgendes formuliert:
Beim Schutz von Heimtieren gilt für uns der Grundsatz „Lenken statt Verbieten“. In diesem Sinne wollen wir die Sachkunde von Heimtierhaltenden verbessern. Modelle wie Positiv- und Negativlisten, welche die Haltung bestimmter Arten untersagen, lehnen wir entschieden ab. Denn sie führen lediglich zu einer Kriminalisierung von Tierhaltenden und zu einem grauen Markt, der einen wirksamen Tierschutz letztlich nur erschwert.

Was BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN konkret planen, ging aus dem Programmentwurf zunächst nicht eindeutig hervor: „Aus Tier- und Artenschutzgründen wollen wir den Handel mit exotischen Tieren besser regulieren. Illegaler Tierhandel muss wirksamer unterbunden werden.“ Im endgültig beschlossenen Wahlprogramm steht nun allerdings:
Aus Tier- und Artenschutzgründen wollen wir eine rechtskonforme Positivliste mit den Tierarten, die privat gehalten werden können, aufstellen und Haltungsvoraussetzungen formulieren wie etwa Sachkundenachweise für bestimmte Tierarten. Kommerzielle Exotenbörsen wollen wir unterbinden. Der Handel mit exotischen Tieren muss schärfer reguliert und strenger kontrolliert werden. Illegalen Tierhandel wollen wir konsequent verhindern.

DIE LINKE plant in ihrem Wahlprogramm:
Wildlebende Tiere müssen besser geschützt werden. DIE LINKE will Wilderei und illegalen Wildtierhandel bekämpfen. Die Haltung bestimmter Wildtierarten und die Dressur in Zirkussen und Delfinarien wollen wir ebenso beenden wie den Handel mit Wildfängen auf gewerblichen Tierbörsen.

In den Wahlprogrammen von AfD, Freie Wähler und Piratenpartei ist nichts bzgl. „Exoten- bzw. Wildtierhaltung” zu finden. Für nähere Informationen zu den Plänen der anderen zur Wahl zugelassenen Parteien siehe deren jeweilige Wahlprogramme.

Fazit:

Grundsätzlich sehe ich den Verkauf von Wildfängen auf Börsen an jedermann ebenfalls kritisch. Allerdings sollte sich das von SPD und Linke geplante Verbot dann nicht nur auf gewerbliche Tierbörsen beziehen, sondern konsequenterweise auch auf Zoogeschäfte, Baumärkte etc., denn auch dort finden Spontankäufe durch nicht ausreichend aufgeklärte Kunden statt. Wenn der Handel mit Wildfängen unbedingt vom Bundesgesetzgeber geregelt werden soll, darf der stationäre Einzelhandel nicht vergessen und sich nicht auf dessen unverbindliche Selbstbeschränkungen verlassen werden. Dennoch halte ich ein Verbot von Wildfängen im öffentlichen Verkaufsangebot von Börsen aus Tier- und Artenschutzsicht objektiv betrachtet für akzeptabel. Spezialisierte Halter, die Wildfänge z.B. zur Etablierung neuer Arten im Hobby oder in Kooperation mit zoologischen Einrichtungen zur Blutauffrischung von Erhaltungszuchten nutzen, können diese fernab öffentlicher Verkaufsveranstaltungen ja weiterhin untereinander handeln. Den Grundsatz „Bloß keine Zugeständnisse den Tierrechtlern und Verbotsparteien!“ teile ich in dieser Hinsicht nicht. Das generelle Verbot von kommerziellen Verkaufsbörsen, wie es die Grünen planen, geht jedoch aus meiner Sicht zu weit, weil damit kontrollierbare Handelswege in die Illegalität gedrängt und die vorhandene Sachkunde sowie die Einhaltung der gesetzlichen Bestimmungen kaum noch überprüft werden könnten.

Der Kampf gegen illegalen (Wild-)Tierhandel ist natürlich grundsätzlich auch zu begrüßen, solange der legale und vor allem nachhaltige Handel nicht in dieselbe Schublade gesteckt wird wie illegaler Artenhandel und Tierschmuggel. Leider haben die rot-rot-grünen Parteien in der Vergangenheit in diesem Punkt nicht gerade mit einer differenzierten Darstellung der Situation geglänzt, sondern haben sich ihr Vorgehen offenbar direkt von dubiosen Tierhaltungsgegnern ins Heft diktieren lassen. Auch wenn bei der Bundes-SPD in letzter Zeit ein Umdenken zu erahnen ist, bleibe ich persönlich skeptisch, ob das auch noch nach der Bundestagswahl im Falle einer rot-rot-grünen Koalition Bestand hätte.

Ein Blick in die Koalitionsverträge der einzelnen Bundesländer lohnt sich ebenfalls, wenn man wissen möchte, wie es auf Bundesebene in Zukunft mit unserem Hobby weitergehen könnte. So fordern mehrere rot-grün dominierte Landesregierungen in ihren Koalitionsverträgen die Einführung einer Positivliste auf Bundesebene. Insbesondere Bündnis 90/Die Grünen haben diese Forderung auch auf die Anfrage nach den Wahlprüfsteinen geäußert, welche von der Deutschen Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde e.V. (DGHT) traditionsgemäß vor den Bundestagswahlen von den Parteien abgefragt werden. Wie oben dargestellt geht dies ja nun auch aus dem endgültigen Wahlprogramm hervor. Auch die Linke fordert in ihrem Wahlprogramm Haltungsverbote für bestimmte Wildtierarten auch in Privathand, was somit ebenfalls ganz verdächtig nach Positivliste klingt. Da Positivlisten den Tier-, Natur- und Artenschutz jedoch massiv erschweren (siehe u.a. hier), sind die Grünen und die Linke für Tierfreunde aus meiner Sicht unwählbare Parteien. Da nützt auch die durchaus sinnvolle Forderung der Grünen nach einem Sachkundenachweis nichts. Einzig die FDP scheint sich mit dem Thema objektiv befasst zu haben, hat die Nachteile von restriktiven Regelungen erkannt und kommuniziert dies deutlich in ihrem Wahlprogramm. Es bleibt zu hoffen, dass diese Erkenntnis nicht verfliegt, sollte nach der Bundestagswahl die Aussicht auf eine Ampelkoalition bestehen.

Die erwähnten Wahlprüfsteine der DGHT spielen für mich neben den Wahlprogrammen ebenfalls eine Rolle bei der Wahlentscheidung. Denn in den Antworten werden die Parteien oft noch viel konkreter, was ihre Pläne bzgl. der Terraristik betrifft. Eine Veröffentlichung ist in der TERRARIA/elaphe 5/2017 geplant, welche am 25. August erscheinen wird.
 

Donnerstag, 13. Juli 2017

Unionsliste invasiver Arten erstmalig erweitert

Im heutigen Amtsblatt der EU (L 182/37) wurde die erste Ergänzungsliste zur Unionsliste über invasive, gebietsfremde Arten veröffentlicht. Die Liste enthält 3 Tier- und 9 Pflanzenarten und wird mit der Durchführungsverordnung (EU) 2017/1263 in geltendes Recht überführt. Die bereits im August 2016 in Kraft getretene Unionsliste (siehe Durchführungsverordnung (EU) 2016/1141) wird damit auf insgesamt 49 Tier- und Pflanzenarten erweitert.

Auf der Ergänzungsliste sind keine für die Terraristik relevanten Tierarten aufgeführt, allerdings die Schmalblättrige Wasserpest (Elodea nuttallii), das Verschiedenblättrige Tausendblatt (Myriophyllum heterophyllum) sowie das Afrikanische Lampenputzergras (Pennisetum setaceum), welche sich sicherlich in dem einen oder anderen Paludarium bzw. (Freiland-)Terrarium befinden. Diese Pflanzen dürfen künftig nicht mehr vermehrt, transportiert oder in Verkehr gebracht werden. Der gewerbliche Handel darf seine Bestände aber noch ein Jahr lang mit Verkäufen auflösen.

Das nächste Update der Unionsliste ist für das Jahr 2018 geplant und enthält nach aktuellem Stand 11 weitere Arten bzw. erstmalig sogar ganze Gattungen! Die Aquaristik wird es dann erneut besonders hart treffen, vor allem aufgrund des geplanten Verbotes von Schlangenkopffischen (Channa spp.). Dass erstmalig ganze Gattungen reglementiert werden sollen, obwohl lediglich wenige Arten aus diesen Gattungen die Kriterien für eine Listung erfüllen, wird u.a. vom Bund deutscher Baumschulen (BdB) kritisiert. Obwohl auf den Fachsymposien in der Vergangenheit über diverse Nattern und Geckos diskutiert wurde, finden sich auf den Ergänzungslisten bislang keine weiteren für die Terraristik relevanten Tierarten. Aber da die Unionsliste regelmäßig aktualisiert wird und auch auf nationaler Ebene solche Verbotslisten eingeführt werden können, ist das womöglich nur die Ruhe vor dem Sturm.

Die Durchführungsverordnung zur Erweiterung der Unionsliste tritt am 2. August 2017 in Kraft und ist dann in allen EU-Mitgliedsstaaten bindend. Ab diesem Stichtag laufen für die neu hinzugekommenen Arten dann auch wieder die in der Verordnung (EU) Nr. 1143/2014 festgelegten Fristen und Übergangsregelungen.

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Samstag, 8. Juli 2017

Landtagswahlen 2017: „Exoten“ in den Koalitionsverträgen (SL, SH & NRW)

Inzwischen liegen die Koalitionsverträge der drei Bundesländer vor, in denen in diesem Jahr Landtagswahlen stattgefunden haben. Am 26. März wurde im Saarland gewählt, am 7. Mai in Schleswig-Holstein und am 14. Mai gingen die Wähler in Nordrhein-Westfalen zur Urne.

Saarland (CDU & SPD)
Koalitionsvertrag: Für die Zukunft unseres Landes. Solide wirtschaften – mutig gestalten – mehr investieren.
Die artgerechte Tierhaltung hat für uns einen hohen Stellenwert. [...] Zudem sind wir gegen Wildtiere in Zirkussen.
Die private Haltung von „exotischen Wildtieren“ findet im Koalitionsvertrag ebenso wenig Erwähnung wie Tierbörsen oder Positivlisten.

Schleswig-Holstein (CDU, Bündnis 90/Die Grünen & FDP)
Koalitionsvertrag: Das Ziel verbindet - weltoffen - wirtschaftlich wie ökologisch stark – menschlich
 
Die Heimtierhaltung wird im Koalitionsvertrag von Schleswig-Holstein zwar thematisiert und es werden zur Verbesserung des Tierschutzes u.a. ein Verbandsklagerecht für Tierschutzorganisationen und eine verstärkte finanzielle Unterstützung für Tierheime und Auffangstationen geplant, konkrete Pläne oder gar Einschränkungen der Heimtierhaltung bzw. der Haltung von sog. „exotischen Wildtieren“ sind jedoch nicht vorgesehen.

Nordrhein-Westfalen (CDU & FDP)
Koalitionsvertrag 2017-2022:
Wir wollen eine am Tierwohl orientierte Haltung von Nutz- und Haustieren, die sich an wissenschaftlichen Erkenntnissen ausrichtet und im Dialog mit den Landwirten und Tierhaltern stattfindet.
Auch in NRW sind keine konkreten Einschränkung der „Exotenhaltung“ oder von Tierbörsen geplant. Positiv anzumerken ist, dass Verbesserungen des Tierschutzes im Gespräch mit Betroffenen umgesetzt werden sollen, denn dort - bei den Tierhaltenden - findet man die geballte Fachkompetenz!

Fazit:

Die Koalitionsverträge der Bundesländer (auch aus dem Jahr 2016) zeigen allgemein, dass die schwarz-gelben Regierungskoalitionen keine massiven Einschränkungen der sog. „Exotenhaltung“ planen, die schwarz-roten „Mini-Grokos“ recht schwammig mit dem Thema umgehen und die rot-grünen Landesregierungen verstärkt Einschränkungen fordern und sich dafür (z.B. für Positivlisten) teilweise auch auf Bundesebene einsetzen wollen.
 
Bis zur Bundestagswahl im September stehen keine weiteren Landtagswahlen vor der Tür. Im Januar 2018 wird es dann in meinem eigenen Bundesland (Niedersachsen) spannend, wenn dort eine neue Landesregierung gewählt wird.

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