Donnerstag, 1. Dezember 2016

Planet Wissen: „Achtung! Gefährliche Haustiere“

Die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten ARD, WDR und SWR haben am vergangenen Dienstag in ihrem Populärwissenschaftsmagazin „Planet Wissen“ den Versuch unternommen, über die Haltung von sogenannten „gefährlichen Haustieren“ zu berichten. Die komplette Sendung vom 29. November gibt es hier: Achtung! Gefährliche Haustiere

Der Sendung lag die derzeit in Nordrhein-Westfalen geplante Gesetzgebung für die Haltung von gefährlichen Tieren wie u.a. Giftschlangen zugrunde. Zu Gast waren die Reptilienhalterin Nina Freitag und der Tierarzt sowie Vizevorsitzende des Landestierschutzverbands Nordrhein-Westfalen e.V. (LTV-NRW) Dr. Ralf Unna.

Zu Beginn der Sendung wurde in einem Einspielbeitrag die Reptilienhaltung von Nina Freitag gezeigt. Die gezeigten Haltungsbedingungen waren soweit vorbildlich (auch wenn in den sozialen Netzwerken mal wieder der lose Sand kritisiert wird, auf dem u.a. Bartagamen gehalten wurden). Interessant war an diesem Einspieler vor allem die akustische Untermalung. So wurden normalerweise weitestgehend lautlose Vorgänge wie das Kiefer-Einrenken eines Königspythons nach dem Fressen, der Fressvorgang eines Kronengeckos oder die Tötung einer Futterratte durch einen Königspython mit dramatischen Zisch- und Schmatzlauten oder einem markerschütternden „Genickbruch-Sound“ unterstrichen. Eine dramaturgische Glanzleistung, mit der die Gefährlichkeit der an sich vollkommen harmlosen Tiere betont werden sollte.

Frau Freitag erklärte im Interview, dass sie Haltungsverbote sehr kritisch sieht und stattdessen die Sachkunde der Halter im Vordergrund stehen sollte. Sie sieht den unkontrollierten Handel mit Reptilien auf Börsen oder im Internet aber ebenso kritisch, weil so auch uninformierte Leute einfach so „Exoten“ kaufen könnten, was ihr und unser aller Hobby in Verruf brächte. Sie sprach sich ebenso gegen strikte Verbote von z.B. Reptilienbörsen aus, weil diese einen wichtigen Treffpunkt für die Halter darstellen. Die Börsen müssten strenger kontrolliert werden, damit auch die problematischen „Parkplatzgeschäfte“ unterbunden würden.

Anderer Meinung war Dr. Unna vom LTV-NRW. Aus seiner Sicht hätten die zuständigen Veterinärämter nicht die finanziellen Mittel und auch nicht das notwendige Fachwissen, um gegen die illegalen Auswüchse solcher Börsen vorzugehen. Ein gemeinsamer Treffpunkt für Halter für den Fachaustausch wäre aus seiner Sicht natürlich vollkommen in Ordnung, nur müssten dafür ja nicht unbedingt lebende Tiere gehandelt werden. Vor allem sei es problematisch, dass uninformierte Leute sich ohne große Hürden gefährliche Tiere wie z.B. Klapperschlangen als Statussymbol kaufen könnten. Auf die Frage des Moderators, welches denn das gefährlichste Tier sei, welches bisher in seiner Praxis vorgestellt wurde, antwortete er zunächst Rottweiler, was zeigt, dass Hunde bei all der Diskussion über gefährliche Exoten immer noch die häufigsten in Deutschland gehaltenen „Gefahrtiere“ sind.

In einem weiteren Einspielfilm kam einen gewisse Laura Zimprich zu Wort, was zeigt, dass es sich dabei um einen älteren Beitrag handelte. Denn Laura Zodrow ist mittlerweile bekannt als 1. Vorsitzende des Tierrechtsvereins „animal public e.V.“. Sie behauptete im Beitrag, dass immer mehr Reptilien importiert würden. Fakt ist, dass die Importzahlen seit Jahren stark rückläufig sind und seit 2007 um mehr als 60 Prozent abgenommen haben.

Frau Zimprich / Zodrow mahnte darüber hinaus an, dass NRW ein rechtsfreier Raum sei, wo gefährliche Tiere ohne Auflagen gehalten und gehandelt werden dürften. Dies entspricht zwar derzeit noch der Wahrheit, lässt aber aufhorchen: Warum kommt es dann nicht täglich zu Zwischenfällen mit gefährlichen Reptilien? Wo sind denn die ganzen Giftschlangen im öffentlichen Raum? In der Sendung wurden altbekannte Fälle wie das „Kobrahaus“ in Mülheim an der Ruhr genannt. Diese liegen jedoch schon Jahre zurück. Ein Anstieg solcher Vorfälle ist auch schon zu verzeichnen, wenn in einem Jahr 1 Unfall passiert, im nächsten Jahr dann vielleicht schon 2 oder 3. Im Vergleich zu den täglichen Vorfällen mit klassischen Heimtieren wie Hunden sind diese Zahlen aber ein Witz und zeigen bei näherer Betrachtung nur, dass der Großteil der Halter von gefährlichen Reptilien ihre Tiere sicher untergebracht hat – und das trotz fehlender gesetzlicher Vorgaben.


Imkerei = Gefahrtierhaltung
Die Reptilienhalterin Nina Freitag wurde in der Sendung mehrmals als Halterin von gefährlichen Tieren bezeichnet. Bei den gefährlichsten Tieren handelte es sich um Königspythons, Vogelspinnen und Kaiserskorpione. Die Halterin betonte mehrmals, dass ein Biss oder Stich in etwa mit einem Griff in einen Kaktus bzw. einem Bienenstich zu vergleichen sei. Trotzdem wurden diese somit vollkommen harmlosen Tiere immer wieder als gefährlich dargestellt, was einfach nur lächerlich ist. Das wäre so, als würde man in einer TV-Sendung über Löwen berichten und jemand bringt seine Hauskatzen als Beispiel mit. Auch wenn Frau Freitag die Pro-Argumente für die Terraristik sachlich und ruhig herüberbrachte, ist es schon sehr fragwürdig, dass die Produktionsleitung keine echten Gefahrtierhalter einlud, sondern stattdessen eine Reptilienhalterin mit harmlosen Tieren als Gefahrtierhalterin verkaufen musste. Vielleicht sind die echten Gefahrtierhalter aufgrund der systematischen Medienpropaganda auch einfach nicht mehr bereit, sich in solchen Formaten zu präsentieren und lehnen entsprechende Anfragen direkt ab. Ich kann es ihnen nicht verdenken.

Des Weiteren wurde in diesem Wissensmagazin gar nicht wirklich definiert, was eigentlich „gefährliche Tiere“ sind. Teilweise wurde das natürliche Abwehrverhalten von in die Enge getriebenen Tieren als grundsätzliche Gefährlichkeit dieser Tiere interpretiert. In einem Einspielfilm wurde beispielsweise die Schulung von Feuerwehrleuten im Umgang mit Reptilien gezeigt, wo nicht zimperlich mit den lebenden „Studienobjekten“ umgegangen wurde. Dass die Tiere in diesen Situationen gefährliches Verhalten an den Tag legten, ist natürlich kein Wunder. Jeder Hund und jede Katze würde sich gewaltsam verteidigen, würde man sie gewaltsam auf den Boden werfen, mit Stäben traktieren oder grob festhalten. Kaum jemand würde das Abwehrverhalten in solchen Situationen als natürliches Alltagsverhalten dieser Tiere im Kontat zum Menschen interpretieren. In der Sendung wurde dies in Bezug auf Reptilien aber leider so an die unbedarften Zuschauer transportiert.

Überhaupt wurden viele Themen nur angerissen und dann zumeist tendenziös vermittelt. So wurde in einem weiteren Einspielbeitrag die tierärztliche Studie der Uni Leipzig erwähnt. Es wurde behauptet, dass dabei herauskam, dass 50 Prozent der in Privathand gehaltenen Reptilien aufgrund von schlechten Haltungsbedingungen im ersten Jahr sterben würden. Mit dieser Aussagen wird die Studie aber falsch ausgelegt. Nicht etwa 50 Prozent aller in Privathand gehaltenen Reptilien sterben im ersten Jahr, sondern 50 Prozent der im ersten Jahr verstorbenen Reptilien wurden schlecht gehalten. Das sind zwei vollkommen unterschiedliche Aussagen! Einen Rückschluss auf die Haltungsbedingungen lässt die tierärztliche Studie gar nicht zu, weil die Gruppe von Tieren, die in die Studie einfloss, nicht repräsentativ war. Die Tausenden Reptilien, die sich seit Jahren bester Gesundheit erfreuen, wurden in der besagten Studie schlichtweg gar nicht untersucht (nicht einmal in Form einer Stichprobe). Daher sind Rückschlüsse auf die vorherrschenden Haltungsbedingungen gar nicht möglich. Dies betonen selbst die Autoren der Studie im einleitenden Text. Die von Tierhaltungsgegnern und tendenziösen Medien bewusst falsch verbreitete Aussage „50 Prozent der in Privathand gehaltenen Tiere sterben im ersten Jahr aufgrund von schlechter Haltung“ entbehrt somit jeder wissenschaftlichen Grundlage.

Auch der Deutsche Tierschutzbund e.V. kam in einem Einspielfilm zu Wort und forderte erneut eine Positivliste, um eine bundeseinheitliche Gesetzgebung zu schaffen und Tierleid effektiv zu verhindern. Dass eine Positivliste genau das Gegenteil bewirken würde, habe ich hier schon mal ausführlich dargestellt. Denn ich erlebe es aus meiner eigenen Praxis, dass ich immer seltener als Privatperson im Tierschutz helfen kann, wenn es immer striktere Regelungen gibt. Wenn das so weiter geht, darf sich wahrlich niemand mehr wundern, wenn Tierheime und Auffangstationen ihre Tiere nicht mehr vermitteln können und überfordert sind.

Dr. Unna betonte in Bezug auf die Haltung von geschützten Tieren, dass der Preis für diese Tiere auf dem Schwarzmarkt umso höher ist, je höher der Schutzstatus der Tiere ist. Dies ist korrekt, denn durch höchste Auflagen brechen leider viele seriöse Züchter weg, was den illegalen Handel (wieder) lukrativer macht. Er forderte zudem auch eine bundeseinheitliche Gefahrtierregelung, die möglich wäre, wenn sich die Bundesländer, bei denen die Gesetzgebungskompetenz für die Gefahrenabwehr liegt, an einem Strang ziehen würden. Ich persönlich plädiere ja auf die Schaffung eines durchdachten „Musterentwurfs eines einheitlichen Gefahrtiergesetzes“, vergleichbar dem des Polizeirechts, welches ebenfalls pro Bundesland unterschiedlich geregelt ist, dank des Musterentwurfs aber trotzdem weitestgehend vereinheitlicht wurde.

Das Fazit der Sendung lautete, dass jeder sich selbst entscheiden muss, worauf er sich bei der Anschaffung eines gefährlichen Tieres einlässt und dass Sachkunde, sichere Unterbringung und eine fachkundige Urlaubsvertretung wichtig sind. Dem stimme ich so voll und ganz zu, doch sollte dies nicht nur für die Reptilienhaltung bedacht werden, sondern bei jeder anderen Art der Heimtierhaltung auch. Gelangweilte Hauskatzen in den öffentlichen Raum zu entlassen, wo sie eine Gefahr für den Straßenverkehr darstellen, ist eine gängige Unart verantwortungsloser Katzenhalter. Doch danach kräht kein Hahn, weil die Hauskatze schließlich neben dem Hund das beliebteste Haustier ist und im Falle von Verboten sehr viele Gebührenzahler und potenzielle Wähler betroffen wären als bei einem Verbot gefährlicher Reptilien. Hier sieht man mal wieder sehr anschaulich, wie mit zweierlei Maß gemessen wird.

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Freitag, 25. November 2016

Neue Änderungen im EU-Artenschutz

Am 23. November wurde eine neue EU-Verordnung im Amtsblatt der Europäischen Union (L 316/1) veröffentlicht, mit welcher einige Änderungen der Anhänge der EU-Artenschutzverordnung umgesetzt werden: Verordnung (EU) 2016/2029 der Kommission vom 10. November 2016 zur Änderung der Verordnung (EG) Nr. 338/97 des Rates über den Schutz von Exemplaren wildlebender Tier- und Pflanzenarten durch Überwachung des Handels

Diese Verordnung tritt am dritten Tag nach ihrer Veröffentlichung – also am morgigen 26. November – im gesamten EU-Gebiet in Kraft und ist somit auch für uns in Deutschland bindend!

Überraschenderweise wurden in dieser Verordnung noch nicht alle Änderungen der Anhänge des Washingtoner Artenschutzübereinkommens (CITES) in geltendes Recht überführt. Lediglich der EU-Anhang C wurde in der vorliegenden Verordnung aktualisiert. Alle anderen für die Terraristik relevanten Beschlüsse der 17. CITES-Artenschutzkonferenz (CoP17), wurden in der vorliegenden Verordnung noch nicht umgesetzt. So findet man den Himmelblauen Zwergtaggecko (Lygodactylus williamsi) weiterhin im Anhang B und den Tomatenfrosch (Dyscophus antongilii) im Anhang A der EU-Artenschutzverordnung. Da die 90-Tage-Frist der CITES-Mitgliedsstaaten zur Umsetzung der Beschlüsse aber auch noch nicht abgelaufen ist, ist innerhalb der nächsten Wochen wohl noch mit einer weiteren Änderungsverordnung zu rechnen, welche die jeweiligen Beschlüsse in geltendes EU-Recht umsetzen wird.

Darüber hinaus beziehen sich die aktuellen Änderungen mal wieder auf invasive gebietsfremde Arten (IAS = invasive alien species). So wurden die beiden für die Terraristik relevanten und im EU Alien Species Act aufgeführten Arten, welche zuvor noch im Anhang B der EU-Artenschutzverordnung gelistet waren, aus der aktualisierten Version der Anhänge gestrichen, weil ansonsten die Invasive-Arten-Verordnung mit den bisher geltenden EU-Artenschutzrichtlinien konkurrieren würde.

Für Halter von Rotwangen-Schmuckschildkröten bedeutet dies im Grunde genommen keine große Änderung, weil Trachemys scripta elegans bereits 2005 in der Anlage 5 BArtSchV aufgenommen und so von der Meldepflicht befreit wurde. Lediglich für Halter des Nordamerikanischen Ochsenfrosches (Lithobates catesbeianus) ist die Änderung insofern interessant, dass damit zukünftig die Meldepflicht dieser Art wegfällt. Da ein Handel mit beiden Arten aber aufgrund der IAS-Verordnung sowieso nicht mehr bzw. (je nach Auslegung der Verordnung) zumindest nur noch für wenige Monate gestattet und eine Nachzucht bereits strikt verboten ist, ist diese Befreiung von der Meldepflicht eher zu vernachlässigen. Denn wo der Bestand nicht mehr wächst, muss logischerweise auch nichts gemeldet werden. Die Nachweispflicht fällt bei diesen beiden Arten zwar nun ebenfalls weg, die Herkunftsnachweise sollten aber trotzdem unbedingt aufgehoben werden, weil diese die in der IAS-Verordnung vorgeschriebene Anschaffung vor Inkrafttreten der Verordnung beweisen.

Aus objektiver Artenschutzsicht ist es allerdings kritisch zu hinterfragen, warum die Haltung von nun mehr allen IAS zukünftig ohne Kenntnis der zuständigen Arten- und Naturschutzbehörden ablaufen soll, weil der „EU Alien Species Act keine Meldepflicht vorschreibt und bisher auch keine Bundesverordnung zu diesem Zweck beschlossen wurde. Die illegale Verbreitung von invasiven Arten wird dadurch aus meiner Sicht sogar noch erleichtert.

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Sonntag, 6. November 2016

Willkommen im ZEITalter der Propaganda!

Am 1. Oktober veröffentlichte die ZEIT-Online einen Artikel mit dem Titel „Chinesen lieben Elfenbein, wir quälen Geckos“, welcher aus Sicht vieler Reptilienhalter die Haltung von Geckos und allgemein Reptilien pauschal ablehnte und regelrecht diffamierte. Ich berichtete: Erneut "End-ZEIT-stimmung"

Aufgrund dieses Artikels legte ich Beschwerde beim Deutschen Presserat ein. Meiner Meinung nach kann es nicht angehen, dass ein seriöses Leitmedium mit solchen Artikeln die öffentliche Wahrnehmung verzerrt, sich dabei ausschließlich auf nicht nachprüfbares Zahlenmaterial einer umstrittenen Tierrechtsorganisation (PETA) bezieht und deren Aussagen unkritisch übernimmt. Die Schlagzeile und einige Textpassagen, in denen die Reptilienhaltung pauschal als Tierquälerei bezeichnet wurde, empfinde ich als Diskriminierung aller Reptilienhalter und entsprechen daher nicht meinem Verständnis von Presse-Ethik.

Die unkritische Übernahme der Aussage von PETA, dass Verlustraten von 70 Prozent in der Zoohandelsbranche als üblich gelten, empfinde ich zudem als mangelhafte Recherche. Die im Artikel genannte Verlustrate entstammt einer Einzelfallrecherche von PETA USA bei nur einem einzigen US-Reptiliengroßhändler und ist deshalb nicht allgemeingültig. Seriöse Journalisten hätten die aus unabhängigen Studien bekannte Mortalitätsrate bei Reptilienimporten in Höhe von durchschnittlich 3 Prozent recherchiert und daraufhin einen weniger tendenziösen Artikel verfasst. Mangelhafte Recherche, die zu Fehlinformation der Leser führt, wird ebenfalls vom Pressekodex abgelehnt, was eine entsprechende Beschwerde rechtfertigen sollte.

Inzwischen hat der Presserat über meine Beschwerde entschieden. Um das Ergebnis vorweg zu nehmen: Die Beschwerde wurde abgelehnt.

In der Begründung des Presserates heißt es, dass durchschnittlich verständliche Leser des von mir kritisierten Artikels erkennen können, dass die Situation in Deutschland unterschiedlich ist. Schließlich steht im beanstandeten ZEIT-Artikel: „Wenn es gut läuft, hat er einen Partner in seinem Glaskasten. Hat er Pech, spart sein Besitzer nicht nur an Gesellschaft, sondern zudem an ausreichend Licht aus der energiefressenden UV-Lampe“. Aus Sicht des Presserates sei aufgrund dieser Formulierung keine Pauschalkritik an der Reptilienhaltung erkennbar. Eine Ehrverletzung liegt ebenfalls nicht vor, weil ich persönlich als Beschwerdeführer ja nicht im Artikel genannt wurde. Damit folgt der Presserat prinzipiell der aktuellen „A.C.A.B.-Rechtsprechung“ des Bundesverfassungsgerichts (die Beleidigung von unüberschaubar großen Gruppen stellt als solche keine Beleidigung von Individuen dieser Gruppe dar).

Die von mir kritisierte Aussage über die angeblich vom Zoofachhandel einkalkulierte Verlustrate habe sich die ZEIT bzw. die verantwortliche Autorin aus Sicht des Presserates nicht selbst zu eigen gemacht, sondern stammt von einer externen Quelle (PETA). Für den Leser sei offensichtlich, dass sich die journalistische Sorgfaltspflicht der ZEIT-Redaktion nicht auf die Publikationen von PETA erstrecken könne, da diese nicht im Wirkungskreis der Redaktion lägen. Von der Redaktion könne nicht verlangt werden, für die Korrektheit solcher Fremdinhalte einzustehen.

Fazit:
Vielleicht bin ich (wie auch zig andere Terrarianer) bei derartigen Berichterstattungen etwas dünnhäutig und erkenne den Versuch einer differenzierten Darstellung nicht sofort. Letztlich ist es unsere Entscheidung, ob wir uns den von der ZEIT und anderen Medien regelmäßig in den Raum gestellten Schuh mit der Aufschrift „Tierquäler“ anziehen wollen oder nicht. Vielleicht halten wir den „durchschnittlich verständliche Leser“ einfach für zu unwissend, um die richtigen Schlüsse aus solchen Artikeln zu ziehen. Zu Recht oder zu Unrecht sei an dieser Stelle mal dahingestellt.

Dass aber die ungeprüfte Übernahme von Fremdinhalten keinen Verstoß gegen die journalistische Sorgfaltspflicht darstellen soll, ist für mich ein Schlag ins Gesicht!
Für mich macht es zwar schon noch einen Unterschied, ob eine Redaktion aus Unwissen einen Fehler begeht und dabei versehentlich ein tendenziöser Artikel entsteht oder ob ganz bewusst eine einseitige Darstellung angestrebt wurde. Doch mit der Entscheidung des Presserats sind Propaganda endgültig Tür und Tor geöffnet. Ein etabliertes Leitmedium kann so ganz leicht eine tendenziöse Berichterstattung betreiben, indem sie ausschließlich Fremdinhalte passender Interessenvertreter verlinkt oder zitiert, ohne sich diese direkt selbst zu eigen zu machen und deswegen vom Presserat gerügt zu werden. Damit hat der Presserat mal eben den Pressekodex beerdigt. RIP

Wenn Pseudojournalisten wie ich oder die Blogger von P€TA so agieren, ist das eine Sache, denn wir unterliegen nicht dem Pressekodex. Nach der Offenbarung des Presserates sehe ich die Berichterstattung der Presse mit Pseudologiehintergrund aber erneut mit anderen Augen...

 
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Donnerstag, 3. November 2016

Urteil: Verfüttern von lebenden Mäusen an Schlangen

Am 30. Juni 2016 entschied das Verwaltungsgericht München über die Klage einer Schlangenhalterin, der das Verfüttern von lebenden Mäusen an ihre Schlangen vom zuständigen Veterinäramt untersagt bzw. der die Auflage erteilt wurde, eine Umstellung auf Totfutter durchzuführen. Das Gericht wies die Klage ab und urteilte, dass die Auflagen des Veterinäramtes bzgl. einer Umstellung auf Totfutter zu erfüllen sind. Kurz darauf machte das Urteil in der Presse und in den sozialen Netzwerken die Runde. Viele Schlangenhalter kritisierten die Entscheidung während Tierrechtler jubelten und behaupteten, damit wäre die Lebendfütterung von Reptilien nun komplett verboten. Ich habe mich bisher bedeckt gehalten, weil ich abwarten wollte, bis das Urteil rechtskräftig und im Volltext verfügbar ist. Dies ist inzwischen der Fall: Mäusehaltung in der Wohnung zur Verfütterung an Schlangen (VG München Az.: M 23 K 16.928

Hintergrund:
Die im Urteil ersichtliche Vorgeschichte zeichnet ein gänzlich anderes Bild von der klagenden Königspythonhalterin, als es z.B. in einigen Reptiliengruppen auf Facebook verbreitet wurde, wo die betroffene Halterin mit ihrer „liebevollen Futtertierzucht“ als Opfer der Justiz glorifiziert wurde. Aus dem Volltexturteil geht allerdings hervor, dass die Futternagerhaltung der Halterin zumindest fragwürdig war, wenn nicht sogar schon die Grenze zum Animal Hoarding überschritt. Mutmaßlich ausgebrochene Mäuse (von der Klägerin als Freigang bezeichnet), unhygienische Bedingungen, Vernachlässigung der Nager (unzureichende Wasserversorgung) sowie eine dauerhafte Unterbringung von Futtermäusen mit den zu fütternden Schlangen in einem Terrarium inkl. unzureichend gesicherter Heizkabel wurden vom zuständigen Veterinäramt sicherlich zu Recht moniert. Ebenso fragwürdig erscheint die Erklärung der Schlangenhalterin, dass die Mäusezucht notwendig sei, weil ihre drei Königspythons bis zu 30 Nager innerhalb von 14 Tagen fressen würden.

Ziel des Veterinäramtes war es zunächst im Rahmen eines Verwaltungsverfahrens im Juli 2015, die Mäusezucht zu reduzieren und mit Verweis auf ein Merkblatt der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz (TVT) die Haltungsbedingungen der Nagetiere zu verbessern – letztlich auch zum Schutz der Schlangen (Annagen), der Halterin sowie der öffentlichen Sicherheit und Ordnung (Verbreitung von Krankheitserregern). Diverse Nachkontrollen wurden von der Schlangenhalterin abgesagt und Auflagen nicht erfüllt. Erst nach diesen Strapazen wurde im Januar 2016 der streitgegenständliche Bescheid erteilt, welcher der Halterin das Verfüttern von lebenden Nagern nur in Ausnahmefällen gestattete. Das Futter sollte auf aus dem Handel bezogenes Frostfutter oder sachgerecht getötete Mäuse umgestellt werden. Lebende Mäuse dürften nur noch an Schlangen verfüttert werden, die trotz Umstellungsversuchen kein Totfutter akzeptierten.

Womöglich wäre dieser Fall gar nicht erst so hochgekocht, hätte die Königspythonhalterin schon nach den ersten Begehungen des Veterinäramtes im Jahr 2015 die Mäusezucht reduziert und die Haltungsbedingungen der Nager verbessert. Gegen den Beschluss ging sie jedenfalls mit einer Klage vor dem Verwaltungsgericht München vor.

Urteil:
Das Gericht wies nach mündlicher Verhandlung im Juni 2016 die Klage der Schlangenhalterin ab und bewertete den Bescheid des Veterinäramtes als zulässig. Im Rahmen des Verfahrens wurde auch der Leiter der Reptilienauffangstation München als Sachverständiger angehört, der schilderte, dass eine Umstellung auf Totfutter grundsätzlich möglich ist, wenn die Schlange erkennbar nach Beute suche und der tote Nager auf Körpertemperatur erwärmt würde – auch und insbesondere bei Königspythons. Aus Sicht des Gerichts sei es deshalb nicht mit dem Tierschutzgesetz zu vereinbaren, lebende Wirbeltiere ohne Betäubung zu verfüttern, weil sie dabei vermeidbares Leid erleben. Aus der Entscheidungsbegründung zitiert:
Nach § 4 Abs. 1 Satz 1 TierSchG dürfen Wirbeltiere nur unter wirksamer Schmerzausschaltung (Betäubung) in einem Zustand der Wahrnehmungs- und Empfindungslosigkeit oder sonst, soweit nach den gegebenen Umständen zumutbar, nur unter Vermeidung von Schmerzen getötet werden. Auch für Futtertiere gilt mit Ausnahme von Notsituationen das Gebot der vorherigen Betäubung (vgl. Hirt/Maisack/Moritz, TierSchG, 3. Auflage, § 4 Rn. 9b). Dementsprechend erfüllt die Verfütterung lebender Wirbeltiere an andere Tiere häufig auch die Tatbestände der Straf- bzw. Ordnungswidrigkeit nach § 17 Nr. 2b bzw. § 18 Abs. 1 Nr. 5 TierSchG, denn die Beutetiere sind in den Behältnissen, in die sie eingesetzt werden, dem Zugriff hilflos ausgesetzt und erleben den Fütterungsakt bei vollem Bewusstsein und in völliger Ausweglosigkeit, während sie in der freien Natur zumindest die Chance haben, sich dem Fang durch Flucht oder Verbergen zu entziehen. Eine Rechtfertigung kann nur angenommen werden, wenn eine Fütterung mit frischtoten Beutetieren biologisch unmöglich ist (vgl. Hirt/Maisack/Moritz, TierSchG, 3. Auflage, 17 Rn. 80 m. w. N.).
Daraus ergibt sich, dass eine Verfütterung von Totfutter die erste Wahl sein sollte und Schlangen bzw. insbesondere Königspythons auf dieses umzustellen sind. Ebenso ergibt sich aus dem Urteil, dass insb. Königspythons, die Totfutter auch nach mehrmonatigen Umstellversuchen verweigern und deswegen beginnen zu leiden, ruhigen Gewissens mit lebenden Wirbeltieren gefüttert werden dürfen. Mit der Zulassung des streitgegenständlichen Bescheids nannte das Gericht aber ebenso wie das beklagte Veterinäramt die Einschränkung, dass ein Fütterungsversuch nur max. 10 Minuten unter Aufsicht dauern darf, damit der Futternager keiner dauerhaften Bedrohungssituation ausgesetzt wird.

Fazit:
Es ist wichtig anzumerken, dass das Verwaltungsgericht München nur über diesen Einzelfall entschieden hat. Das Urteil ist – entgegen der Freudenparolen der Tierrechts-Ideologen – nicht allgemeingültig, da es nicht von höchster Instanz kommt! Alle anderen Schlangenhalter dürfen auch in Zukunft grundsätzlich lebende Nager verfüttern. Problematisch wird es erst, wenn das zuständige Veterinäramt diese Praxis als tierschutzwidrig bewertet und ein solcher Streitfall vor Gericht landet. Es ist gut möglich, dass die Gerichte in vergleichbaren Einzelfällen ähnlich urteilen, wie das VG München. Trotzdem handelt es sich um kein Grundsatzurteil höchster Instanz zumal auch die Möglichkeit besteht, dass Gerichte zu abweichenden Urteilen gelangen. Das jeweils urteilende Gericht muss die §§ 1, 17 und 18 TierSchG (einem Tier darf kein vermeidbares Leid zugefügt werden) gegen den § 2 TierSchG (ein Tier muss seiner Art und seinen Bedürfnissen entsprechend angemessen ernährt werden) abwägen, daher sind unterschiedliche Ausgänge durchaus denkbar.

Das vorliegende Urteil bezog sich zudem nur auf die Haltung von Königspythons. Andere Schlangen- und Reptilienarten oder gar Vertreter anderer Tierklassen waren nicht Gegenstand des Verfahrens und müssten in nachfolgenden Urteilen separat bewertet werden. Insbesondere bei vielen Giftschlangen ist eine Umstellung auf Totfutter biologisch bedingt gar nicht möglich. Einer Lebendfütterung dieser Tiere hat das Urteil des Verwaltungsgerichts München eindeutig nichts entgegengesetzt. An dieser Stelle lohnt sich auch ein Verweis auf die „Mindestanforderungen an die Haltung von Reptilien“:
Schlangen sind ausnahmslos carnivor und leben meist räuberisch, d. h. sie jagen lebende Beutetiere. Häufig wird das Jagdverhalten erst durch deren Bewegungen ausgelöst. Im Terrarium gelingt es daher oft nicht, Schlangen an tote Futtertiere zu gewöhnen. In solchen Fällen gehört das Verfüttern lebender Beutetiere zu einer artgemäßen Schlangenhaltung. Dies gilt insbesondere für Giftschlangen, denn beim Tötungsbiß werden auch Enzyme injiziert, die für eine optimale Verdauung erforderlich sind.
Als Grundtenor der aktuellen Rechtssprechung lässt sich ableiten, dass ein Verfüttern von Frostfutter bzw. sachkundig frisch abgetöteten Nagern eine tierschutzrechtlich zweifelsfreie Methode ist, während bei der Lebendfütterung aufgrund der sich gegenüberstehenden Regelungen im Tierschutzgesetz Zweifel bestehen und daher einzelfallbezogene Umstände zu Streitfällen führen können. 


Wie tierschutzgerecht die Tötung bei den im Handel erhältlichen Frostnagern ist, bleibt diskutabel. Die Tötung erfolgt hierbei primär durch Vergasen mit Kohlendioxid (CO2), was derzeit zwar noch als tierschutzgerecht angesehen wird (auch gemäß des o.g. Merkblatts der TVT aus dem Jahr 2011), laut neuesten Studien bei Nagetieren allerdings erheblichen Stress und daher womöglich mehr Leid verursacht als die Tötung durch eine Schlange. Sowohl Würgeschlangen als auch Giftschlangen erlegen ihre Beute äußerst effektiv, was aus Expertensicht das möglichst geringe Leid für das Beutetier bedeutet, welches das TierSchG vorschreibt (sofern die Schlange hungrig ist und die Beute schnell erlegt wird, statt Stunden oder gar Tage im Terrarium zu verbleiben). Schließlich haben sich Schlangen die dafür notwendigen Kenntnisse in Millionen von Jahren der Evolution angeeignet. Trotzdem sind es die kleinen Privathalter, die Lebendfütterung regelmäßig nicht praktizieren sollen, wohingegen kommerziellen Zuchtbetrieben (und Laboratorien mit Nagetierhaltung zu Versuchszwecken) viele Zugeständnisse gemacht werden. Frostfutter ist tierschutzrechtlich somit zwar unbedenklich, moralisch aber auch nicht ganz unproblematisch. Auf der anderen Seite besteht das Risiko, dass durch Anhebung der Tierschutzstandards oder gar ein Verbot der CO2-Tötung die kommerziellen Futtertierzuchten ins Ausland abwandern, wo Tierschutzstandards womöglich sehr viel schlechter sind als bei uns in Deutschland.

Das Thema Lebendfütterung wird seit Jahrzehnten innerhalb der Terraristik-Szene heiß diskutiert. Plausible Argumente gibt es auf beiden Seiten. Ich persönlich bevorzuge das Verfüttern von Frostfutter, nicht etwa aus moralischen Beweggründen, sondern weil eine Futtertierzucht für mich schlichtweg nicht rentabel wäre und der Aufwand den Nutzen übersteigen würde. Aber diese Meinung ist gewiss nicht allgemeingültig. Solange es keine Grundsatzurteile gibt, ist es eine Entscheidung, die jeder Halter für sich (und seine Tiere) selber treffen muss: Möchte eine Schlange ihre Beute selbst erlegen? Wiegt das vermeidbare Leid von Futternagern höher als dieses Bedürfnis? Ist das Verfüttern von Aas überhaupt noch naturnah? Verfüttert man lebende Tiere aus verhaltensbiologischen Gründen oder weil man eine „coole Show“ erleben will? Sind die Futternager selbst artgerecht untergebracht oder spart man hierbei an der falschen Stelle?…

Mittwoch, 2. November 2016

Blaue Korallenschlange - Hoffnung für schmerzgeplagte Menschen

Die Blaue Korallenschlange (Calliophis bivirgata syn. Calliophis bivirgatus), welche im Deutschen auch als Blaue Bauchdrüsenotter bezeichnet wird, erbeutet bevorzugt andere Giftschlangen. Für dieses für sie nicht ungefährliche Unterfangen hat sie ein potentes Gift entwickelt, welches nicht nur ihre bevorzugten Beute möglichst schnell lähmt und tötet, sondern auch für den Menschen gefährlich ist. Wissenschaftler der University of Queensland haben das Gift dieser Schlange näher untersucht und kommen nach über 15 Jahren Forschung im Fachmagazin „Toxins“ zu dem Ergebnis, dass es für die medizinische Forschung interessant sein könnte, weil seine Wirkung eng mit dem Schmerzempfinden des Menschen in Zusammenhang steht.

Aus dem Gift der Blauen Korallenschlange sollen daher neue Schmerzmedikamente entwickelt werden, mit denen auch chronische Schmerzen (wie z.B. Migräne) bekämpft werden könnten. Vorteil der aus dem Gift gewonnen Schmerzmittel ist, dass sie im Gegensatz zu anderen Schmerzmitteln wie z.B. Opium nicht abhängig machen sollen. Die Forscher arbeiten nun an einer verbesserten Version des Giftes, welches schließlich für Medikamente eingesetzt werden soll. Des Weiteren sollen die Gifte verwandter Schlangenarten näher erforscht werden, in der Hoffnung ähnliche Vorteile für den Menschen zu entdecken.

Weil der natürliche Lebensraum der Blauen Korallenschlange in Südostasien u.a. für Ölpalmenplantagen im großen Ausmaß gerodet wird, könnte die Erkenntnis über die medizinische Relevanz leider zu spät kommen, um das Gift dieser vom Lebensraumverlust stark bedrohten Schlangenart effektiv für die medizinische Forschung nutzen zu können. Bis zu 80 Prozent des natürlichen Lebensraums sind bereits der massiven Abholzung zum Opfer gefallen. Umso wichtiger wäre die Schaffung einer stabilen Nachzuchtpopulation Blauer Korallenschlangen in menschlicher Obhut.


Literatur: 
YANG et al., The Snake with the Scorpion’s Sting: Novel Three-Finger Toxin Sodium Channel Activators from the Venom of the Long-Glanded Blue Coral Snake (Calliophis bivirgatus), Toxins (2016)
 

Dienstag, 25. Oktober 2016

Einschränkung von Rattlesnake Roundups in Texas gescheitert

Wie der Austin American-Statesman gestern berichtete, hat die Texas Parks and Wildlife Commission einen geplanten Antrag aus der Agenda ihrer November-Sitzung gestrichen, mit dem die Ausgasung von Klapperschlangen im Rahmen der alljährlich stattfindenden Rattlesnake Roundups in Texas beendet werden sollte.

Bei diesen Rattlesnake Roundups (auch Rattlesnake Rodeo genannt) ist es seit Jahren gängige Praxis, Klapperschlangen mit Benzingasen aus ihren Winterverstecken zu treiben, um sie zu fangen und anschließend zu töten. Um diese Praktik entstand in den Jahren ein regelrechter Kult, der zu einer jährlichen Massentötung von Klapperschlangen in Texas und anderen US-Staaten geführt hat. Gerechtfertigt wird dies mit einer Überpopulation an Klapperschlangen, der man nur durch Tötung Herr werden kann. Eine weitere Rechtfertigung für diesen (von den zuständigen Behörden abgesegneten) Volkssport ist, dass die Schlangen vor ihrem Ableben gemolken werden und das Gift für die wissenschaftliche Forschung (z.B. für Gegengifte und Medikamente) eingesetzt wird, während das Fleisch der Tiere für den menschlichen Verzehr und die Häute als Leder genutzt werden. Grundsätzlich Argumente, die ich als Nicht-Veganer und Befürworter einer verantwortungsvollen Jagd durchaus nachvollziehen kann. Problematisch wird es für mich, wenn Tiere zur Belustigung von Zuschauern in Massen auf nicht gerade respektvolle und möglichst schmerzfreie Art und Weise getötet werden, wie es bei den Rattlesnake Roundups leider häufig der Fall ist. Wer starke Nerven hat, wird bei YouTube fündig. Ein Verbot der Ausgasung hätte diesem Spektakel einen herben Schlag versetzt.

Der Grund für das geplante Verbot war, dass dem Ausgasen häufig auch andere, vollkommen unbeteiligte Tierarten zum Opfer fallen. Laut Verantwortlichen des Texas Parks and Wildlife Department (TPWD) gibt es geeignetere Methoden, die Klapperschlangen zu fangen und zu dezimieren, ohne dabei Nicht-Zielarten zu gefährden. Der Kommissionsvorsitzende entschied jedoch nun auf Druck der wichtigsten staatlichen Gesetzgeber, diesen Punkt aus der Tagesordnung der November-Sitzung zu streichen. Schließlich sind die Rattlesnake Roundups eine wichtige Attraktion und somit Einnahmequelle für die lokalen Gesetzgeber und Städte. Es ist wahrlich kein Wunder, dass von dort heftige Kritik am geplanten Verbot geäußert wurde. Da ein Vollzug ohne das Mitwirken dieser lokalen Behörden nahezu unmöglich wäre, ist der Antrag schon vor der Kommissionssitzung gescheitert.

Während in anderen US-Staaten das Ausgasen bereits verboten ist, geht das massenhafte Töten von Klapperschlangen in Texas also trotz Kritik von Biologen, Zoologen, Herpetologen und Ökologen weiter.

Freitag, 21. Oktober 2016

21. Oktober: Reptile Awareness Day

Am heutigen Tag feiern wir den „Reptile Awareness Day“. Dieser Feiertag wurde von einer Gruppe von Reptilienfreunden geschaffen, um das Bewusstsein der Bevölkerung für Reptilien zu verändern. Schließlich haben Reptilien leider ein eher schlechtes Image. Wenn sie mal in der öffentlichen Wahrnehmung auftauchen, dann zumeist in Form haarsträubender Schauergeschichten oder überzogenen Pressemeldungen. Auch Hollywood greift seit Jahrzehnten dieses Bild auf und verstärkt es mit Horrorfilmen, in denen Reptilien als blutrünstige Monster dargestellt werden. Herpetologen und Terrarianer feiern deswegen den Reptile Awareness Day, um Sympathie für wechselwarme Kriechtiere zu wecken.

Reptilien spielen schließlich eine wichtige Rolle für unser Ökosystem, werden aber bedauerlicherweise immer wieder übersehen. Große Artenschutzorganisationen aber auch viele zoologische Einrichtungen werben bzw. locken auf ihren Plakaten in der Regel mit spektakulären Botschafterarten wie Orang-Utan oder Pandabär. Reptilien eignen sich für solche Kampagnen aufgrund ihres negativ behafteten Images eher schlecht als recht. Sobald der Orang-Utan ausgestorben ist, wird dies von der Öffentlichkeit sicherlich im großen Ausmaß bedauert. Der Verlust von Reptilienarten geschieht hingegen still und leise und interessiert kaum jemanden in der Bevölkerung – kaum jemanden, außer uns Reptilienfreunden! Deshalb bietet der Reptile Awareness Day eine gute Gelegenheit für Sonderführungen und Aktionstage in Zoos, Tierparks, Naturschutzvereinen etc., um z.B. über einheimische Reptilien oder die Bedrohung von Lebensräumen und den dortigen Reptilienbeständen zu informieren.

Auch Terrarianer können an diesem Tag die Öffentlichkeit aufklären und die vielen positiven Aspekte der Haltung von Reptilien hervorheben. Schließlich sind wir es, die sich mit großem Engagement für Reptilien einsetzen, ihre Bedürfnisse kennen und ein besonderes Bewusstsein für die Lebensraumzerstörung haben. Die Haltung und insbesondere die verantwortungsvolle Nachzucht von Reptilien macht uns zu aktiven Artenschützern, weil dadurch einerseits Naturentnahmen reduziert werden und andererseits Backup-Populationen in menschlicher Obhut geschaffen werden, mit denen – nach Rettung der Lebensräume – viele Arten wieder angesiedelt werden können. Es sind nicht die Spendengelder etablierter Artenschutzorganisationen, die in diese Form des Arterhalts fließen, sondern unser eigenes, hart verdientes Geld. Da zoologische Einrichtungen mit beliebten Botschafterarten Aufklärungsarbeit leistet und sich viele versteckt lebende Arten nicht so gut für eine Haltung in solchen Einrichtungen eignen, spielt die Haltung dieser Arten in Privathand eine wichtige Rolle für den Artenschutz. Kooperationen zwischen Reptilienhaltern, zoologischen Einrichtungen, Wissenschaftlern und Naturschutzbehörden belegen, wie wichtig unser Beitrag für die Rettung von Reptilien ist und sei es „nur“ durch Naturbildung, um den Menschen diese Tiere einmal näher zu bringen. Denn nur was man kennt, kann man lieben lernen und für schutzbedürftig halten.

Der heutige Reptile Awareness Day bietet für diese Botschaft eine sehr gute Grundlage.