Freitag, 27. März 2015

Vertriebswege in der „Exotenhaltung“

Auf dem ersten SPD-Wildtier-Symposium, welches am 5. November 2014 in Berlin stattfand, stellte Dr. Henriette Mackensen vom Deutschen Tierschutzbund e.V. in einer Präsentation die Vertriebswege innerhalb der Terraristik in etwa folgendermaßen dar:


Mit dieser Darstellung suggeriert der Tierschutzbund, dass am oberen Ende des Handels mit „exotischen Wildtieren“ immer der Import eines wildgefangenen Tieres steht und am unteren Ende immer ein privater Halter, der gewissermaßen diese Tiere verbraucht. Die Züchter, die den Markt mit in Deutschland geborenen Nachzuchten füllen und somit den Anteil an Wildfängen verringern, werden im Schaubild des Tierschutzbundes einfach mal an den Rand geschoben, damit man sie auch ja übersieht. Mit dieser perfiden Masche versucht der Tierschutzbund gegenüber den politischen Entscheidungsträgern und der öffentlichen Meinung einen Tierschwund und Raubbau an der Natur darzustellen, den wir Terrarianer mit unserem Hobby angeblich vorantreiben. Eine solche Darstellung ist jedoch vollkommen einseitig und somit falsch! Korrekter wäre es, wenn die in dem Schaubild nur am Rande aufgeführten Züchter auf einer Stufe mit den Importen gestellt würden. Doch selbst dann würden die komplexen Vertriebswege und die Wechselwirkungen untereinander nur vereinfacht dargestellt und manche Wege sogar komplett verschwiegen. Tatsächlich sehen die „Vertriebswege“ im Bereich „Exotenhaltung“ (hier Schwerpunkt auf die Terraristik) eher folgendermaßen aus:
 

Importe und Züchter:

Am Anfang des Vertriebsweges in Deutschland steht entweder der Import eines wildgefangenen Tieres, der Import eines nachgezüchteten Tieres aus einem Nicht-EU-Land (z.B. von einem Züchter aus den USA oder der Schweiz) oder die Geburt eines Tieres bei einem deutschen Züchter bzw. Halter. Die jeweiligen Anteile lassen sich recht simpel von den Importzahlen und den hiesigen Tierbeständen ableiten: Laut einer Studie der European Pet Food Industry Federation (FEDIAF) aus dem Jahr 2012 befinden sich in der deutschen Heimtierhaltung etwa 1.350.000 Reptilien. 2013 wurden ca. 320.000 lebende Reptilien nach Deutschland importiert. Stellt man diese Zahlen nun gegenüber, kommt man zu dem Ergebnis, dass Importe grundsätzlich knapp 24 Prozent am (für die Terraristik relevanten) Wildtierhandel ausmachen (bei Vögeln, Fischen etc. sieht es vielleicht anders aus, wozu ich mich mangels Kenntnissen jedoch nicht adäquat äußern kann). Anzumerken ist außerdem, dass die Wildtierimportzahlen seit mehreren Jahren stark rückläufig sind (zwischen 2007 und 2013 haben die Importe um ca. 60 Prozent abgenommen).
   
Quelle der Zahlen: Statistisches Bundesamt

„Wildtierimporte“ wiederum bedeuten noch lange nicht, dass es sich dabei auch um aus der Natur entnommene Wildtiere handelt. Tierrechtler setzen die Begriffe „Wildtier“ und „wildgefangenes Tier“ gerne gleich, was jedoch falsch ist. Etwa zwei Drittel der Importe von geschützten Reptilienarten sind Nachzuchttiere aus Menschenhand! Dies wird aus den Zahlen über die Ein- und Ausfuhren von WA-geschützten Wirbeltieren und Pflanzen des Bundesamtes für Naturschutz deutlich (2012). Der Rest sind legale und durch die Artenschutzbehörden abgesegnete Wildfänge. Bei nicht geschützten Arten ist der Anteil an Wildfängen zwar sicherlich höher, verlässliche Zahlen darüber liegen aber leider nicht vor. Dass diese Wildfänge jedoch mitunter einen Raubbau an der Natur darstellen, soll nicht geleugnet werden. Darauf kann man aber jetzt schon mit den bestehenden Instrumenten reagieren. 

Einiger dieser nicht geschützten Arten werden seit Jahrhunderten von den einheimischen Bevölkerungen zu Nahrungszwecken oder für die Herstellung volksmedizinischer Produkte aus der Natur entnommen. Erst die Lebensraumzerstörung und Umweltverschmutzung der zivilisierten Welt bedrohen diese Arten in ihrer Existenz. Durch den Handel mit Wildfängen und die damit verbundenen Einnahmen haben die einheimischen Bevölkerungen einen triftigen Grund, die Lebensräume der Tiere langfristig zu bewahren. Würde der Handel mit diesen Tieren unterbunden (z.B. wenn die EU ein Importverbot beschließen würde) und nicht zeitgleich ein hohes Maß an Entwicklungshilfe geleistet, müssten die Menschen in den Herkunftsländern der Tiere z.B. konventionelle Landwirtschaft betreiben, was eine große Gefahr und womöglich sogar das Ende der dortigen Artenvielfalt bedeuten würde. Wichtig ist also, den nachhaltigen Wildtierhandel zu fördern und vom nicht nachhaltigen Handel abzugrenzen.

Bezogen auf geschütze Arten.

Diese Zahlen spiegeln in etwa auch das Angebot auf Börsen wider und stehen stellvertretend für die Tierbestände in den deutschen Haushalten. Leider arbeiten Tierhaltungsgegner nicht unbedingt immer mit repräsentativen Zahlen, sondern schauen sich beispielsweise nur die Situation bei einzelnen Zulieferern oder Großhändlern an. Der dort oftmals hohe Anteil an Wildfängen wird dann einfach auf den Gesamttierbestand übertragen, wodurch die züchterischen Leistungen der engagierten Halter mutwillig ausgeklammert und die Terraristik in der öffentlichen Meinung stark ins Negative verzerrt dargestellt werden.

Gewerbliche und private Züchter:

Im Schaubild des Tierschutzbundes werden die Züchter nicht nur als Nebensächlichkeit am Rande dargestellt, sondern mit gewerblichen Händlern auf eine Stufe gestellt, während der „Standardtierhalter“ am unteren Ende positioniert wird. Damit suggeriert der Verein, dass der Vertriebsweg eine Art Einbahnstraße sei: Tiere werden an einem Ende beschafft und am anderen Ende verbraucht. In Wahrheit handelt es sich bei den Vertriebswegen nicht um eine Einbahnstraße, sondern eher um einen Kreisverkehr. Viele private Halter vermehren ihre Tiere, um diese in einem nichtgewerblichen Rahmen abzugeben. Beispielsweise auf Tauschbörsen oder innerhalb von Vereinen / Terraristik-Stammtischen. Auch die Vermehrung für den Erhalt des eigenen Bestandes spielt eine Rolle. Dadurch sind die privaten Haushalte nicht nur Verbraucher, sondern geben auch Tiere in das System zurück. Manch einer gibt sogar eigene Nachzuchten an den gewerblichen Handel ab.

Das System lebt somit nicht nur von gewerblichen Händlern und Importeuren, die aus der Natur entrissene Wildtiere verramschen, damit diese bei Privathaltern eingehen oder in Tierheime abgeschoben werden (so wie es der Tierschutzbund suggeriert), sondern in einem nicht unerheblichen Maße auch von Nachzuchten, die direkt aus den privaten Haushalten stammen!

Tierheime <-> private Haushalte:

Die vom Tierschutzbund im Schaubild aufgezeigte Wechselwirkung zwischen Tierhaltern und Tierheimen / Auffangstationen ist zwar grundsätzlich richtig, sie existiert jedoch ebenso (wie eben schon aufgezeigt) zwischen Privathaltern und gewerblichen Händlern und auch bei den Privathaltern untereinander. Ich selbst habe bereits Tiere aufgenommen, die ansonsten evtl. in einem Tierheim gelandet wären. Wir Terrarianer wissen um die Probleme, die klassische Tierheime mit Terrarientieren häufig haben und geben die Tiere lieber untereinander in gute Hände weiter. Doch das wird ja dann gerne als illegaler Internethandel abgetempelt - wie man es macht, macht man es falsch. Da ich mit meinem örtlichen Tierheim in Kontakt stehe, wurden gelegentlich schon „Exoten“ direkt zu mir weitergeleitet. Und ich bin keine tierheimähnliche Einrichtung, sondern finde mich im Schaubild des Tierschutzbundes bei den Privathaushalten wieder, die einfach nur Tierschutzfällen aufnehmen und diese auch behalten wollen. Solche Fälle, in denen engagierte Halter zum Wohl der Tiere und zur Entlastung von Tierheimen aktiv werden, werden vom Tierschutzbund leider verschwiegen, was ich als Betroffener schon sehr beleidigend finde!

Der Deutsche Tierschutzbund stellt die Situation in den Tierheimen bekanntlich überzogen und einseitig dar und fordert Positivlisten oder noch besser generelle Wildtierhaltungsverbote. In den Tierheimen findet man jedoch primär die typischen „Anfängerarten“. Diese würden natürlich auch auf den vom Tierschutzbund geforderten Positivlisten landen, da ihre Haltung nun einmal vergleichsweise unproblematisch ist. Die größten Tierschutzprobleme findet man innerhalb der Terraristik nicht bei den anspruchsvollen Tieren, mit denen sich Spezialisten (z.B. Gefahrtierhalter) beschäftigen, sondern bei den „Exoten“, die aufgrund ihrer unproblematischen Haltung bereits einen gewissen „Haustierstatus“ erreicht haben (z.B. Bartagamen). Positivlisten wären aus Tierschutzsicht somit vollkommen absurd, weil sie die Tierheimsituation nicht verbessern würden.

Strikte Haltungsverbote sind allerdings auch keine konstruktive Lösung, denn in der Konsequenz würden dadurch noch mehr Tiere beschlagnahmt und in Tierheimen / Auffangstationen untergebracht. Dann auch nicht mehr nur die anspruchslosen Arten, sondern vermehrt heikle Pfleglinge und sogar gefährliche Exemplare, denen es bei ihren spezialisierten Haltern zwar gut ging und die keine Gefahr für die öffentliche Sicherheit darstellten, die nach generellen Verboten aber plötzlich zum Tierschutzproblem würden. Wohin dann mit all den „Exoten“?

Zoologische Einrichtungen <-> private Haushalte:

Dieser Zweig des „Exotenhandels“ wird vom Deutschen Tierschutzbund komplett verschwiegen. Wie u.a. die Diplombiologin Sandra Honigs vom Aquazoo/Löbbecke-Museum Düsseldorf und Dr. med. vet. Peter Dollinger vom Verband der Zoologischen Gärten e.V. (VdZ) in ihren Stellungnahmen zum Entwurf eines Gefahrtiergesetzes in Nordrhein-Westfalen aufgezeigt haben, findet zwischen Privathaltern und zoologischen Einrichtungen oftmals ein Austausch von Fachwissen und auch Tieren statt. Und damit sind nicht die Abgabetiere von überforderten Haltern gemeint, sondern ein Austausch auf wissenschaftlicher Basis, beispielsweise um Inzuchtdepressionen zu vermeiden. Viele Tierarten können in Zoos gar nicht in dem Maße nachgezüchtet werden wie in der Privathaltung, weil z.B. Platz, finanzielle Mittel oder schlicht und ergreifend das Interesse der Öffentlichkeit an bestimmten Arten fehlt. Zoos sind daher auf engagierte Privathalter angewiesen und treiben mit der gemeinsamen Aufzucht von Tieren die Bestandserneuerung und die Wiederansiedlung dieser Arten in ihren Biotopen voran.

Die einzelnen Vertriebswege im Rahmen der zoologischen Tierhaltung sind natürlich ebenfalls sehr viel komplexer als sie hier dargestellt werden können. Mein Schaubild erhebt somit in Bezug auf diesen Zweig der Wildtierhaltung keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, weil sonst der Rahmen gesprengt worden wäre.

Export von Nachzuchten:

Was ebenfalls vom Tierschutzbund verschwiegen wird: Laut den Ein- und Ausfuhrzahlen des Bundesamtes für Naturschutz werden jährlich ca. 5.000 lebende Reptilien aus Deutschland exportiert. 86 Prozent davon stammen aus Nachzuchten, die restlichen 14 Prozent sind von den Umwelt- und Naturschutzbehörden abgesegnete einheimische Wildfänge oder zuvor aus einem anderen Land nach Deutschland importiere Wildfänge exotischer Arten, welche die EU wieder verlassen. Größtenteils handelt es sich dabei schlicht und ergreifend um einen Handel mit Tierhaltern in Drittländern (wozu bekanntlich auch die Schweiz gehört). Ein gewisser Anteil dient aber auch der wissenschaftlichen Forschung im Ausland oder wird wieder zurück in die ursprünglichen Herkunftsländer exportiert, um dort Nachzuchtprojekte für den Arterhalt zu unterstützen und die Wiederansiedelung von bedrohten Arten voranzutreiben. Warum werden solch positive Aspekte der „Exotenhaltung“ vom Deutschen Tierschutzbund nicht auch mal erwähnt?

Fazit:

Die Schwarzmalerei von Vereinen wie dem Deutschen Tierschutzbund e.V. hält harten Zahlen nicht Stand. Leider machen sich nur wenige Leute die Mühe und recherchieren die tatsächlichen Hintergründe. Viele lassen sich von dubiosen Darstellungen in die Irre führen. Unsere Aufgabe als verantwortungsbewusste Tierhalter sollte daher sein, die Leute aufzuklären. Zu diesem Zweck kann dieser Artikel natürlich sehr gerne in Foren und sozialen Netzwerken geteilt werden! Denn mit diesen Fakten können wir dubiosen Machenschaften die Stirn bieten und einen für unser Hobby positiven Einfluss auf die politischen Entscheidungsträger ausüben.

Donnerstag, 26. März 2015

Behörden in Sachsen-Anhalt lassen Bunthörnchen töten!

Die Behörden in Sachsen-Anhalt reagieren nun auf die in den Jahren 2011 und 2013 verstorbenen Bunthörnchenzüchter. Diverse Medien berichten, dass Sachsen-Anhalt aufgrund dieser Ereignisse jetzt „gezielt gegen die meist aus Mittelamerika eingeschleppte Hörnchenart vorgeht“. Bereits am vergangenen Wochenende wurden laut Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt 33 Bunthörnchen eingeschläfert. Heute sollen erneut bis zu 30 weitere Tiere getötet worden sein.

Aus meiner Sicht ist dieses Vorgehen aus den folgenden Gründen ein Skandal:

1. Es ist noch überhaupt nicht geklärt, ob die Bunthörnchen für die Todesfälle verantwortlich sind.

2. Die Todesfälle liegen bereits mehrere Jahre zurück und seitdem sind keine weiteren Menschen erkrankt oder gestorben. Eine Tötung der Tiere kurz nach dem Bekanntwerden der ersten Untersuchungsergebnisse, die bisher noch keinen Zusammenhang beweisen, ist nicht verhältnismäßig.

3. Die Bunthörnchen, selbst wenn sie für die Todesfälle verantwortlich sein sollten, kommen nicht in den Kontakt zu unbeteiligten Menschen. Die Tiere bekommen keinen „Freigang“ und werden auch nicht zu Lebensmitteln verarbeitet. Es besteht somit keine Gefahr für die Bevölkerung. Laut Robert Koch-Institut erscheinen Biss- oder Kratzverletzungen als der wahrscheinlichste Ansteckungsweg.

4. Im Gegensatz zu z.B. flächendeckenden Geflügelzuchtbetrieben in manchen Regionen ist die Bunthörnchenpopulation in menschlicher Obhut sehr viel stärker verteilt. Es besteht somit auch keine Gefahr für eine Bornavirus-Epizootie.

Auflagen seitens der Behörden an die Züchter wie z.B. Quarantänepflicht und vorübergehende Abgabeverbote wären Reaktionen mit Augenmaß, solange die Hintergründe noch vollkommen unklar sind. Die von den Behörden beschlossene prophylaktische Tötung von womöglich gesunden Tieren ist aus meiner Sicht zum jetzigen Zeitpunkt nicht mit § 1 TierSchG und Artikel 14 GG zu vereinbaren.

Aber ein derart überzogenes Verhalten kennt man ja nicht anders von Behörden, die sich plötzlich dem öffentlichen Druck ausgesetzt fühlen. Die entflohene Monokelkobra in Mühlheim an der Ruhr (2010) veranlasste die zuständigen Behörden ebenfalls dazu, reaktionär die Wohnung zu entkernen (nicht auszudenken, wenn die Giftschlange in dem Chaos in den öffentlichen Raum entwichen wäre!). Die immensen Kosten hätte man sich sparen können. Ein anderes Beispiel wäre das panische Auspumpen eines Badesees, nachdem dort die (Phantom-)Alligatorschildkröte „Lotti“ entdeckt wurde (2013). Gefunden wurde sie bis heute nicht. Ebenso wenig gab es weitere Verletzte. Geschädigte gab es jedoch auf Seiten der Steuerzahler, welche die Kosten für diese überzogene Aktion tragen durften.

Im aktuellen Bunthörnchenfall sind die Halter nun finanziell geschädigt. Die seltenen Tiere haben einen Marktwert von ca. 400 Euro pro Exemplar. Bei inzwischen ca. 60 getöteten Tieren macht dies einen finanziellen Schaden in Höhe von 24.000 Euro. Sicherlich, Menschenleben lassen sich nicht mit Geld aufwiegen. Aber unschuldige Menschenleben sind nach aktuellem Kenntnisstand auch nicht in unmittelbarer Gefahr!

Eine gehörige Mitschuld trägt aus meiner Sicht somit die aufgebrachte Bevölkerung, die Reaktionen von den Behörden erwarten und somit Druck auf diese ausüben. Sensationsberichte in der Klatschpresse tragen ihren Teil dazu bei, das Schicksal der Bunthörnchen zu besiegeln. Und wem wir diese Pogromstimmung noch zu verdanken haben, ist ja hinlänglich bekannt...

Freitag, 20. März 2015

Der Braune Rosenkäfer (Eudicella euthalia bertherandi)

Der Braune Rosenkäfer (Eudicella euthalia bertherandi) stammt ursprünglich aus Afrika und bewohnt dort Baum- und Strauchlandschaften. Er ernährt sich von Baumsäften, Pollen, Früchten und Blütenblättern. Ausgewachsene Eudicella euthalia bertherandi können eine Körperlänge von bis zu 45 Millimetern erreichen, wobei Männchen in der Regel größer sind als die Weibchen. Das Geschlecht der Käfer ist leicht zu erkennen: Die Männchen tragen an ihrem Kopfende ein y-förmiges, rotes Horn. Meiner Erfahrung nach ist dieses Horn umso größer, je abwechslungsreicher der Käfer in seinem Larvenstadium gefüttert wurde. Ein gewisser Anteil an tierischem Eiweiß im Larvensubstrat (z.B. getrocknete Seidenraupenpuppen) scheint das Horn größer werden zu lassen. Die Larven wiederum können eine Größe von ca. 5 Zentimetern erreichen. Interessant ist, dass die in Gefangenschaft gehaltenen Rosenkäfer (anders als z.B. Riesen- oder Hirschkäfer) oftmals größer werden als ihre wildlebenden Artgenossen. Die Larven leben in der Erde und ernähren sich hauptsächlich von Laubwaldhumus und abgestorbenen Blättern aber auch von Totholz und Früchten. In Gefangenschaft ernähren sich die ausgewachsenen Käfer neben Früchten, Ahornsirup, Honig, Blütenpollen und Blütenblättern gerne von sogenanntem „Beetle Jelly“, ein protein- und vitaminreiches Kunstfutter.

Die Larven sind nicht kannibalisch (außer es wird ihnen zu eng, dann fressen die größeren Larven die kleineren). Sie halten sich überwiegend am Grund der Haltungsbehälter auf, robben sich außerhalb der Erde auf ihrem Rücken liegend voran und verpuppen sich bei 25 °C nach ca. 6 Monaten. Oftmals bauen die Larven ihre Kokons direkt an den Behälterwänden, sodass man die Metamorphose von außen beobachten kann. Diese dauert noch ca. 2 Monate, bis aus den Kokons die fertigen Käfer schlüpfen und sich an die Oberfläche graben. Bei höheren Temperaturen kann die Entwicklungsdauer allerdings verkürzt werden. Die Lebenserwartung der Käfer beträgt bei einer Haltungstemperatur von 25 °C noch ca. 3 Monate. Sie selber sind tagaktiv, ab der Mittagszeit sehr aktiv und klettern gerne. Die Weibchen buddeln sich häufig im Bodensubstrat ein, um ihre Eier abzulegen. Die Männchen verhalten sich anderen Männchen gegenüber leicht aggressiv und territorial. 

Ich begann meine Haltung mit 6 Larven, aus denen sich schließlich 2 Männchen und 4 Weibchen entwickelten. Das eine Männchen besaß ein sehr viel größeres Horn und verhielt sich dem anderen Männchen gegenüber sehr dominant. Es positionierte sich tagsüber bevorzugt auf einer erhöhten Futterstelle und stieß das schwächere Männchen immer wieder von dort herunter, weswegen ich eine zweite Futterstelle anbot, die dann vom kleineren Männchen in Beschlag genommen wurde. Je wärmer die Temperaturen, desto flugfreudiger sind die Käfer. Die Nacht verbringen die Käfer im Bodengrund vergraben.

Paarungen finden überirdisch statt. Jedes Weibchen legt in seinem Leben um die 60 Eier, von denen (wie bei den meisten Wirbellosen) natürlich nicht alle Larven das Adultstatidum erreichen. Aus meiner anfänglichen 2,4-Zuchtgruppe erreichten weit über 100 Larven das L3-Stadium. Da die Larven außerdem nacheinander schlüpften, befanden sich zu diesem Zeitpunkt noch weitere kleinere Larven im Substrat.

Haltungsbedingungen:
Eudicella euthalia bertherandi lassen sich in Terrarien, Aquarien, Faunaboxen und anderen Plastikbehältern pflegen und züchten. Wichtig ist ein mindestens 10 cm hoher Bodengrund, in dem die Weibchen ihre Eier ablegen können. Manche Halter pflegen die Käfer getrennt von den Larven. Ich halte Rosenkäferlarven bevorzugt in Plastikboxen, da man bei diesen sehr gut die Lüftungsöffnungen selber bestimmen kann. Meine erste Rosenkäferzucht brach zusammen, weil die damals von mir verwendeten Faunaboxen die Feuchtigkeit aufgrund sehr großer Lüftungsöffnungen zu schnell entweichen ließen. Die Boxen für die Larvenaufzucht fülle ich ca. 20 cm hoch mit dem Bodensubstrat. Sobald die Käfer aus ihren Kokons schlüpfen, setze ich sie zur Paarung und Eiablage in neue Boxen mit frischem Substrat um und so weiter.

Als Bodensubstrat verwende ich eine Mischung aus ca. 80 % Laubwaldhumus, 15 % Laub (meist Buchenlaub), 5 % weißfaulem Holz und einer Hand voll getrockneter Seidenraupenpuppen (gemahlen). Die Komponenten gibt es im Fachhandel zu kaufen oder können auf unbelasteten Flächen selber gesammelt werden. Achtung: Für das Sammeln insbesondere von Totholz im Wald benötigt man je nach Bundesland, Region und Waldbesitz eine Sondergenehmigung (Holzsammelschein)! Man sollte auch bedenken, dass unsere einheimischen Käfer und auch andere Tiere selber auf Totholz angewiesen sind. Würde jeder unerlaubt das ganze Totholz aus den Wäldern klauben, hätten unsere einheimischen Arten das Nachsehen. Das sollte nicht unser Bestreben sein! Meiner Erfahrung nach ist weißfaules Holz bei afrikanischen Rosenkäfern aber auch gar nicht so entscheidend wie bei asiatischen Arten. Hat der Laubwaldhumus eine gute Qualität, kann dieser auch komplett ohne weitere Beigaben zur Zucht von Eudicella euthalia bertherandi verwendet werden. Ich verzichte außerdem auf ein Frosten oder gar Backen des Substrates, weil ich davon ausgehe, dass durch solche Aktionen das Mikroklima zu Ungunsten der Substratqualität verschoben wird. Die im Laubwaldhumus lebenden Arten stellen in aller Regel keine Gefahr für die darin gehaltenen Rosenkäfer dar. Wer Bedenken hat, kann das Substrat vor dem Einsatz augenscheinlich nach fremden Tieren absuchen.

Die Haltungstemperatur der Larven und der Käfer beträgt durchschnittlich 25 °C mit einer Nachtabsenkung auf Zimmertemperatur (ca. 20 °C). Höhere Temperaturen beschleunigen das Wachstum, verkürzen jedoch die Lebensdauer. Bei niedrigeren Temperaturen ist es entsprechend umgekehrt.

Die Luftfeuchtigkeit ist meiner Meinung nach nicht so entscheidend (die Literatur spricht von 60 bis 80 %). Wichtiger ist wohl eher die Substratfeuchtigkeit. Bei afrikanischen Rosenkäfern kann das Substrat etwas trockener sein als bei asiatischen Verwandten. Eine Faustregel besagt, dass kleine Larven im L1-Stadium schneller vertrocknen und daher ein feuchteres Substrat benötigen, während L3-Larven kurz vor der Verpuppung ein etwas trockeneres Substrat für den Bau des Kokons zur Verfügung haben müssen. Eudicella euthalia bertherandi ist jedoch eine recht anspruchslose Art, die Feuchtigkeitsschwankungen ganz gut wegstecken kann. Ich befeuchte das Substrat durch das Besprühen der Oberfläche mit Wasser etwa alle 2 Tage (im Sommer öfter) und arbeite dabei nach Gefühl.



Donnerstag, 19. März 2015

Vergesellschaftung von Schlangen

Immer wieder lese ich die Frage von Neulingen in der Schlangenhaltung, ob man in einem Terrarium direkt mehrere Exemplare einer Schlangenart halten kann. Meist bezieht sich diese Frage auf die typischen „Anfängerarten“ wie z.B. Kornnatter, Königspython oder Königsnatter.

Die pauschale Antwort, die man auf solche Fragen von den meisten Haltern liest, ist das heruntergepredigte Mantra „Schlangen sind Einzelgänger!“. Sicherlich entspricht dies in der Hinsicht der Wahrheit, dass diese Tiere keine Gesellschaft zum „Glücklichsein“ benötigen (anders als z.B. Meerschweinchen oder Wellensittiche). Doch damit ist noch nicht gesagt, dass eine Vergesellschaftung von mehreren Schlangen schädlich für die Tiere ist. Das pauschale Verneinen einer Vergesellschaftung von Schlangen empfinde ich als ebenso falsch, wie das unüberlegte praktizieren selbiger. Da das Thema aus meiner Sicht sehr komplex ist, sollte man nicht verallgemeinern, sondern den Einzelfall betrachten und dann entscheiden.

Entscheidend ist (abgesehen natürlich von der erforderlichen Terrariengröße, die ich an dieser Stelle voraussetze) zuerst einmal, ob es sich um Schlangen handelt, die andere Schlangen fressen (Ophiophagie). Insbesondere bei den Königsnattern ist (je nach Art und Unterart) diese Ophiophagie mehr oder weniger stark ausgeprägt. Ausgewachsene Dreiecksnattern (die zu den Königsnattern gehören) haben z.B. einen eher schwach ausgeprägten Appetit auf andere Schlangen. Experimente mit kleineren Futterschlangen haben ergeben, dass ausgewachsene und an Nagetiere gewöhnte Dreiecksnattern diese Futterquelle eher ignorierten. Auch Kornnattern neigen unter gewissen Umständen dazu, einen von der Größe her ins Beutespektrum passenden Terrarienkameraden zu verspeisen. Dies passiert zwar eher selten und lässt sich zumeist auf Unfälle während oder nach der Fütterung zurückführen, befindet sich jedoch im Bereich des Möglichen. Königspythons hingegen haben keinen Drang zum Kannibalismus, obwohl Unfälle im Rahmen der Fütterung (z.B. zwei Tiere verbeißen sich in dasselbe Futtertier) hier ebenfalls möglich sind.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Geschlechtsverteilung der Schlangen. Bei vielen Reptilien (z.B. bei Bartagamen) würden sich zwei miteinander vergesellschaftete geschlechtsreife Männchen wahrscheinlich so lange bekämpfen bzw. unterdrücken und somit stressen, bis das unterlegene Tier kümmert und schlussendlich eingeht, sofern der Halter die Kontrahenten nicht rechtzeitig trennt. Kämpfe mit unmittelbarer Todesfolge sind ebenfalls bei diesen Tieren nicht auszuschließen. Bei den o.g. Schlangen ist dieses Territorialverhalten nicht in einem solchen Maß ausgeprägt. Lediglich während der Paarungszeit kann es dazu kommen, dass sich zwei Männchen bekämpfen (Kommentkämpfe). Diese Kämpfe verlaufen zwar in aller Regel ohne körperliche Schäden ab, stellen jedoch ebenfalls einen gewissen Stress für die Kontrahenten dar, insbesondere für das unterlegene Tier, welches in der Terrarienhaltung nicht wie in freier Natur nach dem Kampf das Weite suchen kann. 

Bei Schlangen mit einer stark ausgeprägten Paarungszeit z.B. nach einer Winterruhe (im Falle der o.g. Beispiele also insbesondere Kornnattern und Königsnattern aus nördlicheren Verbreitungsgebieten) sind diese Kommentkämpfe besonders häufig zu beobachten, ziehen sich aber auch nur über einen Zeitraum von wenigen Wochen hin, in denen selbst einzeln gehaltene Männchen gerne mal das Fressen einstellen. In ausreichend großen und gut strukturierten Terrarien halte ich daher die Vergesellschaftung von mehreren Männchen dieser Arten für möglich. Auch Königspythons haben eine Paarungszeit (in unserem Winter so zwischen November und April), in der die Kommentkämpfe zunehmen. Aufgrund der Länge dieser Paarungszeit ziehen sich natürlich auch die Streitigkeiten über einen längeren Zeitraum hin und können die Tiere somit wesentlich mehr unter Stress setzen als bei Tieren mit einer eher kurzen Paarungszeit. Insbesondere bei ständiger Anwesenheit eines geschlechtsreifen Weibchens sind die Kämpfe häufiger und zumeist auch heftiger. In diesem Fall sollte man die Tiere unbedingt wieder trennen. Bei Schlangen z.B. aus dem tropischen Regenwald, die keine ausgeprägte Paarungszeit haben und sich das ganze Jahr über fortpflanzen, treten Kommentkämpfe eher selten auf. Meist dann, sobald zwei Männchen „zufälligerweise“ gleichzeitig in Paarungsstimmung sind, was z.B. durch die Anwesenheit eines geschlechtsreifen Weibchens ausgelöst werden kann. Eine Vergesellschaftung von mehreren Männchen ohne Weibchen kann bei diesen Arten somit zwar gut funktionieren, muss es aber nicht. 

In allen genannten Fällen ist der Halter in der Pflicht, seine Tiere aufmerksam zu beobachten und bei Bedarf wieder zu trennen. Dies setzt natürlich eine gewisse Erfahrung voraus. Im Zweifelsfall ist auf eine Vergesellschaftung lieber zu verzichten. Möglich ist sie aber in bestimmten Situationen und unter gewissen Voraussetzungen entgegen der pauschalen Verneinung mancher Halter meiner Einschätzung nach sehr wohl. So gestaltet sich die Haltung von mehreren Weibchen bei den meisten Schlangen in der Regel unproblematisch. 

Die Haltung einer gemischten Gruppe beschert nicht nur das Risiko von Kommentkämpfen, sondern erhöht durch den Paarungseifer der Männchen den Druck auf die vorhandenen Weibchen. Pauschal kann man sagen, dass immer mehr Weibchen vorhanden sein sollten als Männchen, damit nicht z.B. ein einzelnes Weibchen von mehreren Männchen ständig begattet und dadurch gestresst wird. Zu frühe Verpaarung kann sogar zu Legenot führen, weswegen man bei solchen Vergesellschaftungen schon gut wissen muss, was man tut. Geschlechtsreife Paare mancher Arten verlieren sogar regelrecht das Interesse aneinander, wenn sie dauerhaft zusammengehalten werden, was dann natürlich die eigenen Nachzuchtbemühungen zunichtemachen kann. Gemischte Konstellationen funktionieren meiner Meinung nach somit am wenigsten, weswegen ich eher davon abrate. Ausnahmen bestätigen jedoch die Regel, so habe ich bei der Gemeinschaftshaltung von Strumpfbandnattern bisher keine Probleme feststellen können.

Auf die Vergesellschaftung von artfremden Schlangen (z.B. Tigerpython mit Abgottschlange) möchte ich an dieser Stelle nicht eingehen, weil ich dies nicht praktiziere und somit auch keine eigenen Erfahrungen dazu veröffentlichen kann.

So mancher Halter interpretiert menschliche Wesenszüge in das Verhalten seiner Schlangen. Wenn sich mehrere Schlangen denselben Sonnenplatz oder dasselbe Versteck teilen, dann entsteht schnell der Eindruck, die Tiere würden miteinander „kuscheln“ und die Nähe zueinander genießen. Diese vermenschlichende Annahme ist aus wissenschaftlicher Sicht absurd, da es sich bei diesen Tieren von Natur aus in der Tat um Einzelgänger handelt, die die Nähe ihrer Artgenossen außerhalb der Paarungszeit in der Regel nicht aktiv suchen. Entweder teilen sich die Tiere in der Terrarienhaltung dasselbe Versteck oder denselben Sonnenplatz, weil ihnen dort die Temperatur oder Luftfeuchtigkeit gerade besonders zusagt oder weil ein enges Versteck mit einer zweiten Schlange darin noch sehr viel enger wird und somit ihr Sicherheitsbedürfnis umso mehr befriedigt. In diesem Fall können plötzlich aktiv werdende Artgenossen die ruhenden Exemplare stressen, was bei stressanfälligen Schlangen zu Futterverweigerung oder anderen Problemen führen kann. Die „typischen Anfängerschlangen“ zeichnen sich jedoch gerade durch ein gewisses Maß an Stressresistenz aus, weswegen ich dieses Argument bei diesen Arten für vernachlässigbar halte. Im Grunde kann man schon sagen, dass sich ein Königspython gerne zu einem Artgenossen ins Versteck legt, nicht jedoch weil er die Nähe zu seinem Artgenossen sucht, sondern weil ihm die Enge zusagt. Solange sich die Tiere nicht im Rahmen von Kommentkämpfen oder durch andauernden Paarungseifer stressen, besteht aus meiner Sicht kein Grund, eine Vergesellschaftung grundsätzlich auszuschließen.

Sicherlich birgt eine Haltung von mehreren Schlangen in einem Terrarium noch ein paar andere Risiken wie beispielsweise die stärkere Verschmutzung des Lebensraumes oder die Gefahr, dass im Falle einer Infektion direkt mehrere Tiere erkranken. Auf Hygiene sollte aber meiner Meinung nach immer geachtet werden, denn auch wenn man Schlangen getrennt in verschiedenen Terrarien hält, können Parasiten wie Milben und andere Krankheiten den ganzen Bestand befallen, daher ist dies für mich kein plausibles Totschlagargument gegen die Haltung von mehreren Schlangen im selben Terrarium. Außerdem ist bei naturnah eingerichteten Terrarien der Hygieneaspekt ebenfalls mit einem besonderem Augenmerk zu betrachten, da diese Terrarien, auch wenn sie noch so schön aussehen, nicht unbedingt immer so praktikabel sind wie zweckmäßig eingerichtete Terrarien.

Auch die Fütterung ist bei der Haltung von mehreren Schlangen in einem Terrarium mit besonderer Vorsicht durchzuführen. Füttert man seine Tiere direkt im Terrarium, können sich zwei Schlangen in dasselbe Futtertier verbeißen und sich gegenseitig verschlingen, was zumeist den Tod für beide Tiere zur Folge hat. Ich empfehle und praktiziere daher (und auch aus anderen Gründen) bei all meinen Schlangen die Fütterung in separaten Boxen oder Kartons. Nach der Fütterung beobachte ich bei den vergesellschafteten Tieren, ob sie sich ignorieren oder ob der anhaftende Duft ein noch hungriges Exemplar anlockt. Bei besonders gierigen Exemplaren lasse ich die Terrariengenossen zur Sicherheit durch ein leicht befeuchtetes Handtuch gleiten und lenke sie beim Einsetzen ins Terrarium direkt in eine dort vorhandene Box mit feuchtem Moos. So verliert sich der anhaftende Duft der Futtertiere recht schnell. Manche Schlangen (nicht unbedingt artabhängig sondern je nach Individuum) empfinden das Füttern in einer separaten Box allerdings als Stress und gehen mitunter nicht sofort ans angebotene Futter. In solchen Fällen empfiehlt sich die Einzelhaltung, da man bei diesen Sensibelchen dann direkt im Terrarium füttern kann.

Die Kontrolle der Exkremente wird bei der Gemeinschaftshaltung ebenfalls erschwert. Findet man plötzlich auffälligen Kot im Terrarium (z.B. Durchfall), kann man diesen nicht unbedingt der richtigen und womöglich kranken Schlange zuordnen. Gleiches gilt für ausgewürgte Futtertiere. Daher empfiehlt es sich, für solche Situationen ausreichend Unterbringungsmöglichkeiten zur Verfügung zu haben, um die Tiere getrennt voneinander beobachten und bei Bedarf behandeln zu können.

Fazit:
Schlangen sind zwar grundsätzlich Einzelgänger, lassen sich unter gewissen Umständen aber auch erfolgreich in Gruppen halten. Voraussetzung dafür sind neben dem erforderlichen Platz auch ein entsprechendes Größenverhältnis der Tiere zueinander, eine zweckmäßige Terrarieneinrichtung und eine passende Geschlechterverteilung. Der Halter muss außerdem bei Fütterung, Hygiene, Gesundheitskontrolle und ggf. Geburtenkontrolle besondere Vorsicht walten lassen. Die Ansprüche der Art und auch einzelner Individuen sind dabei über die Ansprüche des Halters zu stellen. Im Zweifelsfall ist auf eine Vergesellschaftung zum Wohle der Tiere besser zu verzichten!

Mittwoch, 18. März 2015

Was ist eigentlich... WISIA?

WISIA steht für „Wissenschaftliches Informationssystem zum Internationalen Artenschutz“ und ist eine vom Bundesamt für Naturschutz betriebene Online-Datenbank, mit der man den Schutzstatus verschiedener geschützter Tier- und Pflanzenarten abrufen kann. Für die Ordnungsbehörden ist WISIA das zentrale Instrument, wenn der Schutzstatus einer Art ermittelt werden muss. Beispielsweise bei der Einfuhr im Rahmen einer Zollrecherche oder auch bei Begehungen von gewerblichen oder privaten Tierhaltungen. Somit ist es sehr hilfreich, wenn auch wir Tierhalter dieses Instrument kennen und bedienen können.

Auf wisia.de findet man zuerst einmal einen einleitenden Text, der nicht unwichtig ist. So heißt es dort ganz am Ende „verbindlich sind im Zweifelsfall die betreffenden Gesetzestexte und ihre Anhänge!“ Dies ist wichtig zu wissen, denn WISIA gibt keine Informationen über eine eventuelle Meldepflicht an und ist auch nicht immer auf dem aktuellsten Stand der Rechtslage.

Nach einem Klick auf Recherche gelangt man zu einem Suchformular, mit dem man den Schutzstatus einer Art abfragen kann. Dort findet man zudem Informationen über die letzten Aktualisierungen der Datenbank. So wurde nach heutigem Stand der Dinge zuletzt am 01.02.2013 eine neue EG-Verordnung eingepflegt, die am 15.12.2012 veröffentlich wurde. WISIA befindet sich somit derzeit noch auf Stand 2013. Die Ende 2014 veröffentlichte und somit in Kraft getretene EG-Verordnung, die den Himmelblauen Zwergtaggecko (Lygodactylus williamsi) in Anhang B der EU-Artenschutzverordnung aufnahm (ich berichtete), wurde bis jetzt also noch nicht eingepflegt. Eine Abfrage bzgl. des Schutzstatus dieser Art hat also derzeit noch keinen Erfolg. In diesem Fall muss die Anmerkung befolgt werden, dass die entsprechende EG-Verordnung verbindlich ist.

Auf der linken Seite kann man im Suchfeld einen Artnamen eingeben. Ob man dabei den wissenschaftlichen Namen oder einen deutschen Trivialnamen eingibt, ist theoretisch egal. Praktisch empfehle ich jedoch die Eingabe des wissenschaftlichen und überall auf der Welt gültigen Artnamens.

Wenn ich beispielsweise wissen möchte, ob das Jemenchamäleon geschützt ist, gebe ich im Suchfeld „Chamaeleo calyptratus“ ein (die Suche nach „Jemenchamäleon“ ergibt keine Treffer, die Suche nach „Jemen-Chamäleon“ hingegen schon, daher immer den wissenschaftlichen Artnamen verwenden!) und klicke auf „Suche starten“ (darauf achten, dass alle Regelwerke mit einem Haken markiert sind). Im Ergebnis wird mir dann angezeigt, dass diese Art in Anhang II des Washingtoner Artenschutzübereinkommens (WA: II), in Anhang B der EU-Artenschutzverordnung (EG: B) und als „besonders geschützt“ gemäß Bundesnaturschutzgesetz (BG: b) in der Datenbank erfasst ist. Wenn man nun diese Gesetze und Regelungen kennt, dann weiß man auch, dass alle „besonders geschützten“ Wirbeltiere meldepflichtig und buchführungspflichtig gemäß § 7 Bundesartenschutzverordnung sind. Ich benötige also Herkunftsnachweise für diese Art und muss den Bestand bei meiner zuständigen unteren Naturschutzbehörde anmelden. Wenn man in den WISIA-Ergebnissen auf den Artnamen klickt, können noch weitere Informationen abgerufen werden. So wird z.B. angezeigt, dass das Jemenchamäleon seit dem 31.08.1980 als „besonders geschützt“ im Bundesnaturschutzgesetz aufgeführt ist. Außerdem wird dort ebenfalls in roter Schrift betont: „Das Internetangebot WISIA-Online dient als Hilfsmittel zur Ermittlung des vom Gesetzgeber festgelegten Schutzumfangs; verbindlich sind im Zweifelsfall die betreffenden Gesetzestexte und ihre Anhänge!“

Ein anderes Beispiel wäre die Recherche nach dem Schutzstatus des Kaiserskorpions (Pandinus imperator). Diese Art hat laut WISIA denselben Schutzstatus, wie das Jemenchamäleon. Gemäß Bundesartenschutzverordnung sind jedoch nur Wirbeltiere meldepflichtig, weswegen bei dieser Art lediglich die Buchführungspflicht übrigbleibt. Man benötigt also Herkunftsnachweise, muss die Art jedoch selber nicht aktiv bei den Behörden anmelden (außer im eigenen Bundesland gibt es Regelungen, die den Kaiserskorpion als Gefahrtier einstufen!).

Wie sieht es denn z.B. beim Königspython (Python regius) aus? Die Recherche nach dieser Art ergibt dasselbe Ergebnis, wie bei den vorgenannten. Bei dieser Art entfällt jedoch die Meldepflicht, weil sie in Anlage 5 der Bundesartenschutzverordnung von dieser befreit wurde. Die Buchführungspflicht bleibt allerdings bestehen (außer im eigenen Bundesland gibt es Regelungen, mit denen auf die Buchführungspflicht ebenfalls verzichtet wird).

Als letztes Beispiel fragen wir mal den Schutzstatus der Griechischen Landschildkröte (Testudo hermanni) ab: WISIA gibt an, dass diese Art in Anhang II des Washingtoner Artenschutzübereinkommens (WA: II), in Anhang A der EU-Artenschutzverordnung (EG: A), in den Anhängen II und IV der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH: IV, II) und als „streng geschützt“ gemäß Bundesnaturschutzgesetz (BG: s) erfasst ist. Sie unterliegt also einem generellen Haltungs- und Handelsverbot. EU-Nachzuchten dürfen jedoch frei gehandelt werden, wenn der Züchter bei seiner zuständigen Artenschutzbehörde Bescheinigungen beantragt hat, welche die legale Herkunft der Tiere bestätigen. Außerdem müssen die Tiere gekennzeichnet werden (bei Schildkröten reicht derzeit noch die „Kennzeichnung“ per Fotodokumentation aus). Mit diesen Papieren müssen die Tiere nach dem Erwerb bei der eigenen zuständigen Naturschutzbehörde angemeldet werden.

Fazit:
WISIA ist ein hilfreiches Werkzeug, wenn man mal eben schnell den Schutzstatus einer Art ermitteln möchte. Weiterführende Informationen wie z.B. Melde- und Buchführungspflicht, Kennzeichnungspflicht, Ausnahmen von diesen Bestimmungen etc. können der Datenbank jedoch nicht entnommen werden. Somit sind ausreichende Kenntnisse der zugrundeliegenden Regelwerke wichtig.

Sonntag, 15. März 2015

Nachbetrachtung: 57. Terraristika Hamm

Am gestrigen Samstag, den 14. März 2015 pilgerten wieder Tausende Terraristik-Begeisterte ins nordrhein-westfälische Hamm, um die 57. Terraristika zu besuchen. Für mich begann damit nach einer selbst auferlegten Winterpause das neue Börsenjahr. Nach dem Erwerb meines Eintrittsbändchens im Zelt der Deutschen Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde e.V. (DGHT) und einem freundlichen „Hereinspaziert!“ seitens der Türsteher ging es also hinein ins Getümmel. Wobei „Getümmel“ noch äußerst milde ausgedrückt ist. Normalerweise sind die Sommerbörsen immer am besten besucht. Letztes Jahr überstiegen die gefühlten Besucherzahlen der Herbst-Terraristika die der Sommerbörse dank einer umfangreichen Werbeaktion von PETA noch einmal deutlich. Die gestrige Frühlings-Terraristika war jedoch die vollste Börse, die ich je besucht habe! Was war da denn bitte los? Ich stellte mir stellenweise die Frage, ob wieder irgendwelche dubiosen Tierrechtssekten Plakate ausgehängt hatten, fand jedoch im Umfeld der Zentralhallen keines dieser Art. Selbst die Plakate des Veranstalters befanden sich dieses Jahr nur im nahen Einzugsgebiet der Börse. Die exorbitant hohen Besucherzahlen sind für mich also unerklärlich. Vielleicht lag es am inoffiziellen Motto „Stopp Verbotspolitik“? Wirklich Freude kam also leider nicht auf. Dank meiner Körpergröße von knapp zwei Metern konnte ich immerhin erkennen, ob an den Ständen Tiere von Interesse angeboten wurden. Anbieter von „Lutschbonbons“ (Farbzuchten) konnte ich so direkt überspringen.

Zu Beginn fielen mir einige Idioten auf, die regelrecht panisch von Stand zu Stand hetzten und dabei keine Rücksicht auf andere Besucher nahmen. Ich habe zwar Verständnis dafür, dass man natürlich die gesuchten Tiere auch bekommen möchte, jedoch sollte dabei der Anstand nicht auf der Strecke bleiben. In den vollen Gängen kam mir stellenweise auch der Gedanke, dass ich gerne mit einem der angebotenen Reptilien den Platz getauscht hätte, weil den Tieren in ihren Verkaufsbehältern wesentlich mehr Platz zur Verfügung stand als so manchem Besucher. Hinzu kam dank der Hitze schnell auch der betörende Duft betäubende Gestank von Homo sapiens, die offenbar diese Woche noch nicht geduscht hatten oder die Nacht von Freitag auf Samstag in einer Lache aus Bier und Erbrochenem verbracht hatten. Als ich dann vom Weg aus der Tribünenhalle zurück in die Haupthalle im Verbindungsgang fast über eine junge Mutter stolperte, die auf einer auf dem Boden stehenden Styroporbox ihr Baby wickelte, musste ich mich sehr zusammenreißen. Eigentlich wollte ich erstmalig rein aus Interesse den Gifttierraum betreten, doch die zu erwartende Wartezeit (Besucher werden vernünftigerweise nur begrenzt dort eingelassen, um Gedränge zu vermeiden), ließen mich von diesem Vorhaben abkommen.

Aber gehen wir mal lieber auf das eigentliche Börsenangebot ein:
Im Vorfeld konnte ich über ein Kleinanzeigenportal Kontakt zu einer Anbieterin aufnehmen, die Nachzuchten des Palmatogeckos (Pachydactylus rangei) verkaufte. Somit konnte ich nun endlich meinen eigenen Bestand nach über einem Jahr verzweifelter Suche aufstocken. Allein dafür hat sich mein Börsenbesuch schon gelohnt. Hätte ich im Vorfeld nicht diesen „Verkauf unter der Ladentheke“ organisiert, wäre die Ausbeute aber sehr mager gewesen: Sie bestand neben Futterinsekten nämlich lediglich aus Rosenkäferlarven (Chlorocala africana oertzeni). Eigentlich war ich auch noch auf der Suche nach einer Zuchtgruppe des Kaiserskorpions (Pandinus imperator), deren Anschaffung nach Rücksprache mit meinem Landkreis nichts mehr im Wege stand, aber leider wurde diese Art gar nicht wirklich angeboten. Lediglich ein Anbieter verkaufte ein adultes Exemplar für 50 Euro, was ich dann doch etwas teuer fand, da es ja eigentlich eine oft gehaltene, einfach zu züchtende und somit häufig angebotene Art sein sollte. Asiatische Waldskorpione der Gattung Heterometrus und auch andere Vertreter der afrikanischen Gattung Pandinus wurden zwar angeboten, aber mein Ziel der Begierde war entweder sehr schnell vergriffen oder ist aus dem züchterischen Interesse als „Anfängerart“ längst ausgeschieden. Bei einigen Wirbellosenhändlern bildeten sich ohnehin regelrechte Menschentrauben, weswegen ich das angebotene Sortiment nur aus der Ferne überblicken konnte, ehe ich im Gedränge weitergeschoben wurde. Schade, vielleicht klappt es ja auf der Terrarienbörse Hannover am 3. Mai...

Die zum Teil sehr kleine oder sogar fehlende Beschriftung der Verkaufsbehältnisse tat ihren Teil zur erfolglosen Suche bei. Ich halte es für äußerst fragwürdig, dass die Veranstalter und die Börsenordner ein solches Vorgehen überhaupt durchgehen lassen. Sind nicht deutlich und vollständig beschriftete Behälter in den Börsenrichtlinien und in der eigenen Börsenordnung vorgeschrieben? Eigentlich schon, nur wurde leider darauf mal wieder nicht wirklich viel Wert gelegt.

Diesbezüglich war ich natürlich auch vor Ort, um die Etikettierung des Himmelblauen Zwergtaggeckos (Lygodactylus williamsi) zu überprüfen, der Ende 2014 in Anhang B der EU-Artenschutzverordnung unter Schutz gestellt wurde. Ich fand zwar keinen Anbieter, der diese Art als „nicht geschützt“ verkaufte, jedoch auch nur einen einzigen Anbieter, der den Schutzstatus korrekt auf den Verkaufsbehältern angab (und somit sicherlich auch die Herkunftsnachweise aushändigte). Die restlichen Anbieter verzichteten auf eine ausführliche Beschriftung. Wenn hier Vereine wie z.B. Pro Wildlife e.V. nun scharfe Kritik üben sollten, muss ich leider zustimmen. Vorauseilender Gehorsam mag zwar unschön sein, hat mit einem verantwortungsbewussten Einhalten der artenschutzrechtlichen Bestimmungen jedoch nichts zu tun. Hier hat die Terraristika leider wieder eine schlechte Seite von sich gezeigt. Da nützen auch die kostenlos verteilten und vom Wortlaut her irgendwie zweideutigen Autoaufkleber „Stopp Verbotspolitik.de“ oder salbungsvolle Worte im Börsenbegleitheft gegen Exotenverbote nichts, wenn die Alternative zu solchen Verboten (nämlich das korrekte Einhalten der gültigen Gesetze) nicht aktiv praktiziert wird!

Ob sich für mich zukünftig ein Besuch der Terraristika lohnt, muss ich im Einzelfall entscheiden. Derzeit sieht es jedenfalls nicht so aus, als würde ich die Sommer-Terraristika am 13. Juni besuchen. Denn das Angebot driftet immer stärker in den Bereich der Farb- und Qualzuchten von populären Arten ab. So wurden erneut wieder schuppenlose Bartagamen (höhere Lichtempfindlichkeit und Verletzungsgefahr bei der Paarung) und sogar ein Enigma-Leopardgecko (der aufgrund des Börsenstresses in seiner Plastikbox rotierte) verkauft. Diese Auswüchse, die immer öfter auf Börsen zu sehen sind, haben mit meinem Verständnis einer verantwortungsvollen Terraristik leider nichts mehr zu tun!

Mittwoch, 11. März 2015

Haltung gefährlicher Tiere: Berlin

In der Hauptstadt regelt die „Verordnung über das Halten gefährlicher Tiere wildlebender Arten“ vom 09.01.2007 die Haltung von gefährlichen Terrarientieren. Diese Verordnung wurde im Februar 2010 überarbeitet. In einigen konkreten Punkten wurde die Regelung drastisch verschärft, in wenigen Punkten aber auch verbessert.

Auch bei diesem Ländergesetz ist laut § 1 lediglich die nichtgewerbliche Haltung von gefährlichen Tieren verboten. Wie schon in anderen Bundesländern wird damit meiner Meinung nach gegen den Gleichheitsgrundsatz des Grundgesetzes verstoßen. Es ergibt schlicht und ergreifend keinen Sinn, dass gewerblichen Haltern, die lediglich eine allgemeine Sachkundeprüfung durch einen Amtsveterinär gemäß § 11 TierSchG abgelegt haben, direkt ein hohes Maß an spezialisierter Fachkunde im Umgang mit Gefahrtieren zugesprochen wird. Gewerbliche Halter wie z.B. Zoofachgeschäfte pflegen Tiere meist als Durchlaufposten und sind deswegen meiner Ansicht nach in keiner Weise qualifizierter als Privathalter, die sich z.B. der Haltung von bestimmten Giftschlangen verschrieben haben (ausgenommen „gewerbliche Privathalter“, die sich auf die Nachzucht bestimmter Arten in einem gewerblichen Rahmen spezialisiert haben). Außerdem gibt es bei so manchem gewerblichen Halter einen regelmäßigen Besucherverkehr, den es bei Privathaltern in der Regel nicht gibt. Die Gefahr für unbeteiligte Dritte ist demnach bei den gewerblichen Haltern theoretisch sogar höher. Bei Gefahrtierregelungen sollten deswegen die gleichen Rechte und Pflichten für alle Halter gelten.

Bis 2010 standen sämtliche vom Berliner Senat als Gefahrtiere eingestuften Arten noch unter Erlaubnisvorbehalt. Mit Änderung der Verordnung wurde die Gefahrtierliste in zwei Teile geteilt. Die Tiere gemäß Teil A fallen unter ein striktes Haltungsverbot, für Tiere gemäß Teil B kann man als Halter eine Haltungsbewilligung bei der zuständigen Behörde beantragen.

Mit dem Komplettverbot hat Berlin leider eine vernünftige Gesetzgebung versäumt, weil es für derart radikale Eingriffe in die Persönlichkeits- und Selbstbestimmungsrechte aus Expertensicht keinen triftigen Grund gibt. Vorfälle mit den als gefährlich eingestuften Tieren sind selten und stehen in keinem Verhältnis zu diversen anderen Gefahren, denen nicht nur die betroffenen Personenkreise, sondern auch Unschuldige ausgesetzt sind. Konsequenterweise müsste nach den in der Begründung der Verordnung angegebenen Argumenten auch die Hunde- oder Pferdehaltung komplett verboten werden. Auch in Sachen Artenschutz, Tierschutz und im Rahmen der medizinischen Forschung macht die Berliner Gefahrtierregelung vieles kaputt, weil natürlich die Nachzucht ebenfalls verboten ist. Da seit dem Beschluss des Komplettverbotes auch weiterhin sogenannte „Gefahrtiere“ in Berlin im öffentlichen Raum aufgefunden wurden, wird deutlich, dass diese drastische Regelung das eigentliche Ziel nicht erreichen konnte und somit gemäß Verhältnismäßigkeitsgrundsatz deutscher Gesetzgebungsverfahren nicht zulässig ist. Eine solche Regelung darf somit keinesfalls Vorbild für andere Bundesländer oder bei den Überlegungen für ein bundeseinheitliches Gefahrtiergesetz sein!

Unter das Komplettverbot (Teil A) fallen sämtliche Panzerechsen, eine Vielzahl von sogenannten „Giftschlangen“ (darunter leider auch einige vergleichsweise harmlose Trugnattern, was abgesehen vom ohnehin schon zu kritisierenden Komplettverbot ebenfalls ungerechtfertigt ist), alle Arten aus vier Giftspinnengattungen, vermutlich alle Arten aus dreizehn Skorpiongattungen (bei den Giftspinnen wird es als „Gattung spp. (Alle Arten)“ angegeben, bei den Skorpionen lediglich als „Gattung spp.“, was keine stringente Schreibweise darstellt und somit Verwirrung stiftet) sowie alle Skolopenderarten.

Unter das Verbot mit Erlaubnisvorbehalt (Teil B) fallen alle Pythons und Boas, die ausgewachsen eine Gesamtlänge von mindestens zwei Metern erreichen (zu kritisieren, weil erst von sehr muskulösen Riesenschlangenarten ab drei Metern eine potentielle Gefahr für Menschen ausgeht und somit lediglich wenige Arten reglementiert werden sollten), alle Waran-Arten, die eine Kopf-Rumpf-Länge von mindestens 50 cm erreichen können (auch diese Größenangabe ist diskussionswürdig, solange z.B. gleichgroße Hunde erlaubt sind), Schnapp- und Geierschildkröten (deren Listung im Rahmen des Erlaubnisvorbehalts vollkommen unlogisch ist, weil die Haltung dieser Tiere bereits bundesweit gemäß § 3 Bundesartenschutzverordnung verboten ist und Bundesrecht das Länderrecht außer Kraft setzt), alle Krustenechsen sowie alle Arten der Vogelspinnengattung Poecilotheria und die Blaue Burma-Vogelspinne (Haplopelma lividum).

Die Bisse der genannten Vogelspinnen können zwar unter Umständen eine recht lange und schmerzhafte Wirkung haben, tödlich sind sie jedoch nicht. Trotzdem kann man diesbezüglich mal beide Augen zudrücken, weil diese Tiere ja „nur“ unter Erlaubnisvorbehalt stehen (ich halte die Listung dennoch für unnötig). Die Listung von Krustenechsen im Teil B ist hingegen sehr lobenswert. Die restlichen Terrarientiere sind meinem Empfinden nach zu streng reglementiert. Schlanke Pythons bzw. Boas sind auch mit weit über zwei Metern Körpergröße eher harmlos und die betroffenen Warane können Menschen mit Bissen, Kratzern oder Schwanzschlägen lediglich leichte Verletzungen vergleichbar mit denen eines Angriffs durch einen mittelgroßen Hund zufügen.

In der ursprünglichen Verordnung von 2007 standen z.B. noch der Kubaleguan (Cyclura nubila), der Nashornleguan (Cyclura cornuta), der Grüner Leguan (als „Inguana inguana“, statt korrekterweise als Iguana iguana) sowie Wildfänge aller Pfeilgiftfrösche auf der Liste der gefährlichen Tiere. Hierbei wurde die Liste vernünftigerweise gekürzt, weil die genannten Leguane (ebenso wie die derzeit noch aufgeführten Warane) kaum Gefahrenpotential besitzen und im Falle des Grünen Leguans auch vergleichsweise häufig gehalten werden (großer behördlicher Aufwand) bzw. weil Pfeilgiftfrösche aktiv keinerlei Gefahr für Menschen darstellen, sondern ein Täter schon bestimmte Arten aus der Gattung Phyllobates als Giftquelle für einen Mordversuch missbrauchen müsste, was bereits durch das Strafrecht hinreichend geregelt ist. 2007 standen außerdem alle Skorpionarten unter Erlaubnisvorbehalt, was 2010 durch die Nennung konkreter Gattungen in die richtige Bahn gelenkt wurde. In gewissen Punkten wurde die Berliner Gefahrtierverordnung also verbessert, jedoch durch das unbegründete Komplettverbot einiger Arten, die zuvor auch nur unter Erlaubnisvorbehalt standen, leider ebenso verschlechtert. Wie soll sich bitte ein verantwortungsbewusster Halter fühlen, der nach Inkrafttreten der Verordnung eine Ausnahmegenehmigung erhielt und seitdem vollkommen legal und natürlich auch guten Gewissens seinen Tierbestand weiter ausbaute, größtenteils mit hohem finanziellen Aufwand, wenn nur drei Jahre später plötzlich wieder alles verboten wird und die Investitionen für die laufenden Nachzuchtbemühungen somit vollkommen umsonst waren? Wenn strikte Haltungsverbote in Ländern ohne bisherige Regelung beschlossen werden, dann ist das schon schlimm, aber wenn solche Verbote kurze Zeit nach einer halbwegs vernünftigen Regelung inkl. der Möglichkeit einer Ausnahmegenehmigung beschlossen werden, dann ist das schlicht und ergreifend als totale Inkompetenz des Gesetzgebers oder aber als perfide Masche aufzufassen, mit der Halter aus der Reserve gelockt werden sollten, um sie dann mit aller Härte des Gesetzes treffen zu können. Pfui!!!

Für die Erteilung einer auf fünf Jahre befristeten Halteerlaubnis der Tiere des Teils B werden vom Antragsteller Sachkunde, sichere und artgerechte Unterbringung der Tiere, Zuverlässigkeit und bei Gifttieren das Vorhandensein eines Gegenmittels vorausgesetzt.

Dass die Tierhalter verpflichtet werden, das Antiserum direkt selber vorzuhalten, empfinde ich aus mehreren Gründen als den komplett falschen Ansatz. Vernünftiger wäre die verpflichtende Mitgliedschaft in einem Serenverein, welcher dann im Falle eines Bisses das Antiserum organisiert bzw. aufgrund einer Halterdatenbank bereits in der Nähe des Gifttierhalters vorrätig hält. Ob und inwieweit die Behörden dies bei der Erlaubniserteilung akzeptieren, ist mir nicht bekannt. Wenn der Tierhalter dem Wortlaut der Verordnung gemäß selber das Antiserum im Kühlschrank lagert, entstehen weitaus größere Risiken. Beispielsweise könnte dies zu einem unbedarften Umgang mit den Tieren führen, was das Risiko eines Vorfalls unnötig steigern würde. Im Falle eines Bisses oder Stiches muss das Serum von einem kundigen Mediziner verabreicht werden und wird in den meisten Fällen gar nicht erst benötigt, denn eine falsche Dosierung kann mehr Schaden anrichten als das Gift selber. Außerdem ist die Haltbarkeit dieser Seren begrenzt, was zu einem erhöhten Risiko und Mehraufwand aufgrund abgelaufener Seren führt. Und selbst wenn ein Serum laut Etikett nicht abgelaufen ist, wird es vermutlich gar nicht erst zum Einsatz kommen. Denn der Notfallarzt kann sich nicht auf die ununterbrochene Kühlkette verlassen, die bei Antiseren eingehalten werden muss. Würde also ein Antiserum benötigt, würde es sowieso vom behandelnden Arzt in Rücksprache mit der Giftnotrufzentrale unter Konsultation des Serum Depots organisiert und nicht aus dem nicht kontrollierten Privatbestand des Halters genommen. Aus diesen Gründen halte ich die Vorhaltepflicht von Antiseren durch die Tierhalter für eine fahrlässige und sinnlose Vorschrift. Auch in anderer Hinsicht ist diese Regelung ganz einfach unfair: Tierrechtsvereine und die von ihnen beeinflussten Sensationsmedien stellen es nach einem der seltenen Gifttierunfälle (meist weniger als fünf Stück pro Jahr) gegenüber der öffentlichen Meinung gerne so dar, dass die Allgemeinheit für die Kosten eines solchen Unfalls aufkommen muss und dies ja total unverantwortlich sei. Der Pöbel läuft dann natürlich sofort Sturm und verlangt, dass Halter ihre medizinische Versorgung gefälligst selber bezahlen sollen, wenn sie von ihren Viechern gebissen werden. Was diese Wutbürger leider nicht beachten: Auch die Gifttierhalter sind ein Teil der sogenannten „Allgemeinheit“. Sie zahlen ebenso Beiträge in die Krankenkassen und finanzieren somit anteilig nicht nur ihre eigene Genesung nach einem Gifttiervorfall (häuslicher Unfall) sondern auch die der tausendfach pro Jahr vom Pferd gefallenen Reiter, von Hunden oder Katzen verletzen Tierhalter (oder Unschuldigen) oder von Leuten, die bei anderen Hobbies, im Straßenverkehr, im Haushalt oder beim Sport verunglücken. Denn so funktioniert das soziale Netz unserer Demokratie! Wenn Gefahrtierhalter davon ausgegrenzt werden, für ihre Versorgung im Falle eines Unfalls selber aufkommen müssen und Antiseren mit hohem finanziellen Aufwand selber vorrätig halten müssen, die ohnehin wohl nie im medizinisch vertretbaren Rahmen verabreicht werden, handelt es sich dabei eindeutig um Diskriminierung. Davon ganz abgesehen gibt es für die meisten der unter Erlaubnisvorbehalt stehenden Gifttiere gar keine Antiseren, weil ihre Giftwirkung für den Menschen eher marginal ist. Mit dieser Anforderung kann also wohl nur der Bestandsschutz der verbotenen Tierarten gemeint sein, der mittelfristig ja aussterben wird.

Für Nicht-Berliner ist das Gesetz ebenfalls interessant, denn die Abgabe eines Tieres des Teils A der Gefahrtierliste an einen privaten Halter in Berlin ist ebenso verboten wie die Weitergabe eines Tieres des Teils B an einen privaten Halter ohne Ausnahmegenehmigung. Wenn also ein Züchter aus Nordrhein-Westfalen eine dort (derzeit noch) nicht reglementierte Puffotter an einen privaten Halter in Berlin weitergibt, verstoßen beide gegen die Gefahrtierverordnung. Im Falle eines Verstoßes gegen die Gefahrtierverordnung können Bußgelder in Höhe von bis zu 50.000 Euro verhängt werden.

Fazit:
Die Berliner Gefahrtierverordnung hat das Potential, doch noch die beste Gefahrtierregelung in ganz Deutschland zu werden. Dazu müsste lediglich die gesamte Gefahrtierliste wieder in ein Verbot mit Erlaubnisvorbehalt umgewandelt und die Größenangaben bei Riesenschlangen und Waranen deutlich nach oben korrigiert werden. Mit den bestehenden Komplettverboten konnten Vorfälle mit Gefahrtieren leider trotzdem nicht verhindert werden, wie Medienberichte zeigen, was diese Verbote als vollkommen unverhältnismäßig dastehen lässt. Die mit solchen strikten Verboten verbundene Tierschutzproblematik (kranke aber heimlich und somit illegal gehaltene Tiere werden z.B. keinem Tierarzt mehr vorgestellt) ist ebenfalls nicht unerheblich. Die im Rahmen der Ausnahmegenehmigung genannten Anforderungen an die Halter sind weitestgehend nachvollziehbar. Lediglich die Vorratshaltung von Antiserum durch Gifttierhalter schafft die Illusion einer nicht vorhandenen Sicherheit und stellt, ebenso wie die Unterscheidung zwischen gewerblichen und privaten Haltern, eine Diskriminierung dar.

Würde der Gesetzgeber diese Kritikpunkte ändern, hätte man eine halbwegs vorbildliche Regelung für ein bundeseinheitliches Gefahrtiergesetz. Wenn dann noch ein vernünftiges Sachkundeschulkonzept umgesetzt wird und auch bei den Behörden Einigkeit und Sachkenntnis gleichermaßen vorherrschen, ist das Ergebnis eine vorbildliche Gefahrtierregelung. Solange aber die strikten Haltungsverbote bestimmter und teilweise sogar eher harmloser Arten bestehen bleiben, ist die Berliner Gefahrtierverordnung leider als eine der schlechtesten hierzulande zu bewerten!

Nachtrag vom 7. Dezember 2016: Anfang 2017 wird eine aktualisierte Version der Berliner Gefahrtierverordnung in Kraft treten. An den restriktiven Regelungen wird sich jedoch leider nichts ändern. Mehr dazu: Berliner Gefahrtierverordnung wird aktualisiert 
 

Donnerstag, 5. März 2015

Animal Hoarding: Sind Terrarianer potentielle Tier-Messies?

Viele Tiere, aber ist das schon Animal Hoarding?
Gestern lief auf SAT.1 die Reportage „24 Stunden“ mit dem Titel „Verbotene Tierliebe - Auf den Spuren der Animal-Hoarder“. Im Vorspann wurde u.a. ein Vogelspinnenhalter gezeigt, der an die 900 Vogelspinnen hält. Da wurde ich natürlich hellhörig und bleib trotz der späten Stunde vor dem TV-Gerät sitzen.

In der Reportage wurden Mario Assmann und Ursula Bauer vom Verein „aktion tier - menschen für tiere e.V.“ begleitet. Dem einen oder anderen von euch ist Frau Bauer vielleicht noch von einer Kampagne ihres Vereins (in Kooperation mit dem Verein „animal public e.V.“) bekannt, zu deren Start sich nackte und als Reptilien angemalte Models auf einem Sofa mit Stacheldraht auf dem Alexanderplatz in Berlin räkelten und unter dem Motto „Wildtiere gehören nicht ins Wohnzimmer!“ gegen die Haltung von sogenannten Exoten in Privathand demonstrierten (Februar 2010). Meine Erwartungen an die Darstellung des Vogelspinnenhalters in der Reportage waren also entsprechend negativ, weil aktion tier e.V. im Rahmen der besagten Kampagne meinem Empfinden nach leider nicht sehr fachgerecht die tatsächlichen Missstände bei vereinzelten Wildtierhaltern konstruktiv anging, sondern stattdessen (wie schon andere radikalere Vereine zuvor) mit falsch ausgelegten Studien über die Haltungsbedingungen ein verzerrtes Bild der gesamten „Exotenhaltung“ gegenüber der öffentlichen Meinung darstellte. Ich finde es zwar gut, wenn unbedarfte Leute durch solche Aktionen von Spontankäufen abgeschreckt werden, jedoch sollte man dabei nicht mit perfiden Methoden arbeiten, aufgrund von Einzelfällen gleich die gesamte „Exotenhaltung“ verunglimpfen und unverhältnismäßige Verbote fordern. Aber ich schweife ab…

Zuerst wurden in der Reportage mehrere typische und auch eindeutige Fälle von Animal Hoarding gezeigt. Darunter ein Kaninchenhalter mit über 100 Kaninchen (teilweise mit bis zu 5 Tieren in einem Kleintierkäfig, der schon für 2 Tiere zu klein gewesen wäre), eine Katzenhalterin mit 30 Katzen (teilweise mit chronischen Erkrankungen) und eine Pferdehalterin mit ca. 20 Pferden (teilweise unterernährt, verwahrlost und dem Tode nahe). Dass die Tierschützer bei solchen Fällen aktiv werden und von Animal Hoarding sprechen, ist natürlich richtig.

Doch was ist „Animal Hoarding“ überhaupt?
Laut Aussage von Frau Bauer in der Reportage müssen zwei Bedingungen vorherrschen, damit eine Tierhaltung als Animal Hoarding (krankhaftes Sammeln von Tieren) bezeichnet werden kann:
1. Es werden abnorm vielen Tiere gehalten (Sammelsucht).

2. Die Masse an Tiere wird aufgrund der Überforderung der Halter nicht mehr artgemäß versorgt (Fehlen von Futter, Wasser, Platz und tierärztlicher Versorgung im Krankheitsfall).

Erst wenn beide Punkte auf eine Tierhaltung zutreffen, kann von Animal Hoarding die Rede sein, was bei den bisher erwähnten Fällen aus der Reportage somit auch eindeutig der Fall war. In der Literatur kommt übrigens noch die fehlende Einsicht der Halter über die bestehenden Probleme und Mängel ihrer Tierhaltung hinzu. Das krankhafte Sammeln von Tieren ist jedoch derzeit keiner anerkannten psychischen Erkrankung zugeordnet, sondern wird lediglich als Symptom einer anderen zugrundeliegenden psychischen Störung angesehen.

Ist ein Halter von 900 Vogelspinnen ein Animal-Hoarder?
Recht weit am Ende der einstündigen Reportage (inkl. Werbung) stattete Frau Bauer dem Vogelspinnenhalter Norbert Knarr aus Berlin einen Besuch ab, weil sie im Internet auf seine Vogelspinnenhaltung aufmerksam geworden war. Herr Knarr pflegte zum Zeitpunkt der Dreharbeiten etwa 900 Vogelspinnen aus ca. 100 Arten. Gehalten wurden die (gezeigten) Tiere in Faunaboxen und anderen Plastikbehältern. Diese waren allesamt mit den Namen der darin gehaltenen Spinnen und weiteren Angaben zu den Tieren beschriftet. Dies zeugt schon mal von einer gut organisierten Tierhaltung. Der arbeitslose Herr Knarr führte die Fütterung einer Kraushaarvogelspinne vor. Auf seine Anmerkung, dass dies der deutsche Name der Art sei, entgegnete Frau Bauer: Kommt aber nicht aus Deutschland. Herr Knarr entgegnete: Nee, aus Guatemala. Dazu möchte ich die Anmerkung einwerfen, dass die beiden da meinem Empfinden nach aneinander vorbeigeredet haben. Die Antwort von Herrn Knarr war zwar korrekt, dass die Art ursprünglich aus Guatemala stammt. Frau Bauer als Tierschützerin ging es, so interpretiere ich es jedenfalls aus dem Tonfall ihrer Fragestellung, um die tatsächliche Herkunft des Individuums. Ich hätte der Dame stattdessen (sofern zutreffend) geantwortet: Doch, das ist eine deutsche Nachzucht. Aber ursprünglich kommt die Art aus Guatemala. Nur so können Missverständnisse vermieden werden und die Tierschützer bekommen mit, dass der Großteil der hiesigen Exoten aus Nachzuchtstämmen stammt und nicht aus Wildtierimporten.
 
Während der Fütterung des Tieres erklärte der Reportagen-Sprecher, dass Vogelspinnen genügsame Tiere sind und nur einmal pro Woche ein Futtertier wie z.B. eine Grille benötigen. Herr Knarr machte die Aussage, dass er sich täglich 3 bis 6 Stunden um seine Tiere kümmert. Auf Nachfrage der Reporter über die Gründe seiner Vogelspinnensammlung entgegnete er, dass er die Tiere als liebenswerte und spannende Beobachtungstiere pflegt und ohne diese Tiere eine Lücke in seinem Leben vorhanden wäre. Für ihn sind seine Vogelspinnen ein Hobby, welches ihm eine schöne Zeit bereitet. Es macht ihn glücklich, seine Tiere aufwachsen zu sehen und bei ihrem Verhalten zu beobachten. Auf die Frage seitens der Tierschützerin, ob er denn merken würde, wenn es zu viel sei, entgegnete er sehr reflektiert, dass er seinen Bestand entsprechend reduzieren würde, sobald die Haltung ihn überfordere.

Frau Bauer machte nach Verlassen der Wohnung schließlich die eindeutige (und für mich überraschenderweise lobenswerte) Aussage, dass dieser Fall nicht als Animal Hoarding bezeichnet werden kann. Zwar wurden abnorm viele Tiere gehalten und eine gewisse Sammelsucht des Halters ließe sich auch nicht von der Hand weisen, aber die Tiere wurden artgemäß versorgt, was bei Animal Hoarding nicht der Fall ist.

Sind Terrarianer potentielle Tier-Messies?
Auch wenn der Fall von Herrn Knarr in der Reportage nicht als Animal Hoarding eingestuft wurde, können natürlich auch wir Terrarianer ein krankhaftes Tiersammelverhalten ausbilden. Zuerst einmal ist ein großer Tierbestand bei leidenschaftlichen Terrarianern keine Seltenheit. Mein eigener Bestand erfüllt sicherlich ebenfalls den Aspekt einer „über der Norm liegenden Menge an Tieren“. Aber was ist überhaupt die Norm? In Terrarianerkreisen ist es nicht ungewöhnlich, dass man z.B. mehrere Schlangen, Vogelspinnen und Echsen hält. Solange die Tiere gut gepflegt werden, besteht trotz der Menge kein Grund für Kritik. Die Sammelsucht hat sicherlich auch je nach Person unterschiedliche Gründe. Bei den krankhaften Sammlern von domestizierten Tieren steht meiner Einschätzung nach oftmals die Suche nach einem Partnerersatz an oberster Stelle. Die Tiere sollen dem Halter Liebe geben, die ihm von anderen Mitmenschen verwehrt wird. Dies findet man bei den Haltern von Terrarientieren eher selten. Bei Terrarianern steht primär die Begeisterung an den Tieren und der Natur im Vordergrund. Biophilie ist das Stichwort und der Hauptgrund des Sammelns von Terrarientieren. Im Gegensatz zu den Gründen des Animal Hoardings ist Biophilie nicht als psychische Erkrankung zu betrachten. Der gute Wille einer Aufnahme von Tierschutzfällen, um den betroffenen Tieren ein besseres Heim zu bieten, kann ebenfalls ein innerer Antrieb für jede Art von Tierhalter sein, der evtl. zu einer „abnormen Tiersammlung“ führt.

Problematisch wird eine solche Sammlung wie erläutert allerdings erst, sobald die betroffenen Halter so sehr von der Masse an Tieren überfordert sind, dass die Tiere unter einer nicht artgerechten Haltung leiden. Terrarianer haben den Vorteil, dass viele der von ihnen gepflegten Tiere im Vergleich zu Hunden, Katzen oder Pferden eher anspruchslos in der Pflege sind. Viele Schlangen werden (je nach Art) nur alle paar Wochen gefüttert und machen dementsprechend auch wenig Dreck. Auch Echsen brauchen nicht jeden Tag etwas Fressbares (im Gegenteil, so manches Reptil in Privathaltung ist überernährt). Und Vogelspinnen haben einen Pflegeaufwand vergleichbar mit dem einer Zimmerpflanze. Bei diesen und anderen Wirbellosen kommt noch hinzu, dass es keine behördlichen Gutachten über die Größe der Unterbringung gibt. Bei Reptilien eröffnet das Gutachten des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) über die Mindesthaltungsrichtlinien den Haltern, sich primär nach der Fachliteratur zu richten und das Gutachten nur als erste Empfehlung anzusehen (dies wissen viele Terrarianer leider nicht und lassen sich von pingeligen Ordnungsbeamten mit ihren Zollstöcken grundlos einschüchtern, die sich auf den Zentimeter genau an die Größentabellen für Terrarien des Gutachtens halten, anstatt auf diesen Passus im Gutachten zu verweisen und ein entsprechendes Fachbuch zu zücken). Kurz gesagt: Die Haltung von 30 Schlangen oder 100 Vogelspinnen fordert trotz der hohen Zahl an Tieren vom Halter weitaus weniger an Zeitaufwand im Alltag ab als die Pflege von 5 Hunden oder 10 Katzen. Tierschutzfälle bei „Exoten“ lassen sich in aller Regel auf schlechte Information der Halter zurückführen, nicht jedoch auf eine abnormale Anzahl an Tieren. Wer weiß was er tut und seinen Tieren dank modernster Terrarientechnik eine artgerechte Unterbringung gewährleistet, kann auch einen großen Tierbestand pflegen ohne gleich als Animal-Hoarder eingestuft zu werden.

Zur Biophilie gehört allerdings oftmals auch der Wunsch, seine Pfleglinge allein um des Erlebens willen zur Fortpflanzung zu bringen. An diesem Punkt muss man diesen Wunsch dann je nach Situation ganz einfach zurückstellen. Ich verzichte auch auf die Nachzucht meiner Bartagamen, Leopardgeckos, Königspythons und Kornnattern, weil es meiner Meinung nach von diesen Tieren inzwischen viel zu viele gibt (nicht zuletzt auch in Tierheimen und Auffangstationen). Diese Arten zu vermehren, halte ich (abgesehen allenfalls von lokalen Wildfarbvariationen) für unverantwortlich. Auch bei selteneren Arten züchte ich nur für meinen eigenen Bestandserhalt nach. Sollte ich doch mal Tiere abgeben, dann nur an mir persönlich bekannte Halter, von deren Sachkunde ich überzeugt bin.

Fazit:
Solange man den Überblick über seinen Tierbestand nicht verliert, gezielte Geburtenkontrolle durchführt, die Kosten für Strom und Futter bezahlen kann, genug Platz für die artgerechte Haltung vorhanden ist und die Tiere auch anderweitig nicht vernachlässigt werden, liegt selbst bei einem privaten „Reptilienzoo“ mit Hunderten Tieren noch kein Fall von Animal Hoarding vor. Nicht die Anzahl der Tiere ist entscheidend, sondern primär erst einmal deren Wohlergehen. Nicht nur bei der Einstufung eines Halters als Animal-Hoarder von Außenstehenden, sondern auch bei den persönlichen Überlegungen der Tierhalter, wie groß der eigene Tierbestand überhaupt sein kann und sollte.