Mittwoch, 2. Dezember 2015

Bauen Reptilien eine Beziehung zu ihrem Pfleger auf?

Als Reptilienhalter muss man sich manchmal die Frage stellen lassen, warum man überhaupt solche Tiere pflegt, die dem Volksmund nach im Gegensatz zu Hunden keinerlei Beziehung zu ihrem Besitzer aufbauen. Wie ich schon mal in meinem Beitrag „Scheißhausparolen gegen die Exotenhaltung“ erklärt habe, sind Reptilien aufgrund ihrer evolutionär bedingt beschränkten kognitiven Fähigkeiten wohl nicht in der Lage, sich selbst als Individuum zu begreifen. Aus diesem Grund sind sie logischerweise auch nicht fähig, den Menschen als Individuum zu erkennen und zu ihm eine soziale Beziehung aufzubauen. Reptilien sind deswegen zwar primär Beobachtungstiere zu denen man tatsächlich niemals eine vergleichbare Rudel- oder Alphatier-Beziehung wie zu Hunden aufbauen kann und die man auch nicht auf Kommandos dressieren kann, dennoch bauen viele Reptilien sehr wohl eine Art Verbindung zu ihrem Halter auf.

Diese Verbindung zwischen Mensch und Reptil beruht allerdings nicht primär auf dem Erkennen und „Liebenlernen“ des Menschen oder gar das Akzeptieren des Menschen als Teil des eigenen Rudels, sondern beruht auf der Gewöhnung des Reptils an den Menschen und seine Verhaltensweisen. Leben mehrere Personen in einem Haushalt, in dem auch Reptilien gepflegt werden, und eine dieser Personen versorgt primär die Reptilien, erkennen die Tiere diese Person und erlernen durch die andauernde Gewöhnung mit der Zeit das Verhalten ihres Pflegers einzuschätzen, was dazu führt, dass sie sich ihm gegenüber irgendwann zutraulicher verhalten.

Auch bestimmte Abläufe des Alltags werden auf diesem Wege von vielen Reptilien in menschlicher Obhut erlernt. Aus meiner eigenen Praxis kann ich berichten, dass beispielsweise meine Strumpfbandnattern (Thamnophis sirtalis concinnus) erkennen, ob ich sie füttern möchte oder ob mich aus einem anderen Grund ihrem Terrarium nähere. Wahrscheinlich erkennen die Tiere meine typischen Bewegungsmuster vor der Fütterung (vorbereiten der Futterboxen und des Fütterungsbestecks). Ähnliche Verhaltensweisen kann ich auch von diversen anderen Reptilien berichten.

Die Gewöhnung an Berührungen spielt ebenfalls eine Rolle bei der Mensch-Tier-Beziehung. Während Jungtiere oder auch neu angeschaffte ältere Exemplare zunächst eher scheu oder mit Abwehrverhalten auf den direkten Kontakt reagieren, lässt dieses Verhalten mit der Zeit nach. Erklärt werden kann dies damit, dass sich die Tiere mit der Zeit an die individuelle Art und Weise der Berührung durch ihren Pfleger gewöhnen, diese nicht mehr als Bedrohung interpretieren und deswegen dulden. Eine innige Beziehung in der die Reptilien solche Berührungen genießen, wie es z.B. hochentwickelte soziale Heimtiere wie Hunde tun, wird jedoch nicht erreicht. Dennoch lässt sich erkennen, dass Reptilien entspannter auf den Kontakt zu ihrem Pfleger reagieren, als wenn ein Fremder versucht sie zu berühren.

Ähnliches habe ich auch schon von Giftschlangenhaltern gehört, wobei es dabei natürlich nicht um das Dulden von Berührungen ging, sondern um das Verhalten gegenüber eines Menschen, der sich dem Terrarium näherte. Während der Pfleger zumeist ignoriert wird, reagieren viele dieser Tiere unruhig, wenn sich ein Fremder nähert. Diese unterschiedlichen Verhaltensweisen gegenüber verschiedenen Personen lassen sich ebenfalls auf den Gewöhnungseffekt zurückführen.

Wenn man als Reptilienhalter also nach Hause kommt und die Bartagamen oder Leopardgeckos kommen freudig an die Frontscheibe des Terrariums, hat das nichts damit zu tun, dass die Tiere aufgrund einer emotionalen Bindung tatsächlich Freude empfinden, sondern weil sie sich an die Verhaltensweisen ihres Pflegers gewöhnt haben und sein Erscheinen z.B. mit Futtergabe verbinden. Das ist zwar auch eine Art von Beziehung, jedoch emotional eine ziemlich einseitige.
 

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