Donnerstag, 29. Dezember 2016

Terrarientiere und Silvester: Was ist zu beachten?

Das Jahr nähert sich dem Ende und viele Terrarianer haben Bedenken, ob und wie ihre Tiere die von Feuerwerk und Böllern begleitete Silvesternacht wohl am besten überstehen.  
 
Als Terrarianer muss man sich zunächst bewusst werden, wie stressanfällig die eigenen Tiere überhaupt sind und wie sie auf bestimmte Situationen reagieren. Terrarianer, die noch nicht lange im Hobby aktiv sind und dieses Jahr mit ihren Tieren womöglich das erste Silvester erleben, machen sich besonders Sorgen, dass die geliebten Tiere den Jahreswechsel nicht heile überstehen könnten. Vielleicht wurden auch schon negative Erfahrungen mit anderen Haustieren gemacht: Schon so mancher Wellensittich soll an Silvester tot von der Stange gefallen sein, sofern er nicht zuvor im Fondue versunken oder versehentlich in Blei gegossen wurde.

Reptilien, Amphibien und Silvester
Die gute Nachricht für uns Terrarianer: Eingewöhnte Reptilien und Amphibien sind in der Regel nicht sonderlich schreckhaft und reagieren in ihrem gewohnten Umfeld kaum auf das Silvesterfeuerwerk. Tagaktive Arten verschlafen den Jahreswechsel normalerweise ohne zu erwachen, während nachtaktive Arten die Leuchterscheinungen und den Lärm zwar sicherlich wahrnehmen, davon aber nicht weiter gestört werden – sofern der Tierhalter nicht gerade im Terrarienzimmer die Fenster öffnet, um das Feuerwerk zu sehen. Die Fenster und Balkontüren sollten in den Räumen, in denen sich Terrarien befinden, geschlossen bleiben - nicht nur wegen des drohenden Temperatursturzes, sondern auch wegen des Lärms. Das Gehör von Reptilien & Co. unterscheidet sich nämlich von dem des Menschen. Einige Arten nehmen z.B. nur besonders tiefe Töne war, die wir gar nicht hören können. Darüber, wie gut das Gehör verschiedener Tierarten ausgeprägt ist und wie anfällig diese für den Böllerlärm sind, ließen sich wohl ganze Fachbücher schreiben. Pauschal kann man sagen, dass Tiere, die sich über Laute verständigen (wie z.B. viele Amphibien), besonders vor lautem Böllerlärm geschützt werden sollten. Da aber in der Erforschung der Sinnesorgane noch viele Fragen offen sind, fährt man sicherlich gut, wenn man Störungen durch Lärm so gut wie möglich vermeidet.

Wichtig ist auch das sonstige Umfeld während der Silvesterfeierlichkeiten. Hat man Besuch und / oder macht die Nacht mit der Zimmerbeleuchtung zum Tage, kann dies einen Stressfaktor für alle Terrarientiere darstellen, die sich im selben Raum befinden. 
 
Auch hierbei kommt es ganz auf die jeweilige Tierart an. Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich berichten, dass sich manche Tiere wie z.B. Bartagamen (Pogona vitticeps) kurz vor Erlöschen der Terrarienbeleuchtung zu ihrem angestammten Schlafplatz begeben und nach Erlöschen der Beleuchtung wie auf Knopfdruck einschlafen – ganz egal, ob im Raum noch Menschen aktiv sind oder nicht. Wenn sich diese Tiere aus bestimmten Gründen nicht in Winterruhe befinden sollten, träfe dies wohl auch auf die Silvesternacht zu. Andere Arten wie z.B. Australische Wasseragamen (Intellagama lesueurii) bleiben hingegen solange wach, bis auch die Raumbeleuchtung erloschen ist. Befreundete Halter berichteten mir, dass sich wohl auch Chamäleons von der Raumbeleuchtung irritieren lassen, da es sich bei ihnen um sehr aufmerksame Tiere handelt. Solche Tiere sollte man im Falle einer geplanten Silvesterparty lieber in einen ruhigeren Raum ausquartieren. Dies allerdings bevorzugt mitsamt Terrarium, weil der Verlust des Territoriums wohl einen sehr viel größeren Stress für das Tier darstellt als das Erleben von Silvesterfeierlichkeiten in gewohnter Umgebung. In solchen Fällen wäre es sinnvoll, zumindest das Terrarium abzudecken.

Damit die Tiere sich normal verhalten, ist es wichtig, dass der gewohnte Tagesablauf eingehalten wird. Die Aktivitätsphase sollte also nicht manipuliert werden (z.B. durch ein Füttern von tagaktiven Tieren um Mitternacht als symbolisches „Anstoßen auf das neue Jahr“).

Wirbellose und Silvester
Halter von wirbellosen Tieren machen sich womöglich ebenfalls Gedanken, wie ihre Spinnen, Skorpione & Co. die Silvesternacht am besten überstehen. Schließlich reagieren diese Tiere ganz besonders auf Schwingungen und somit womöglich auch auf die Silvesterknallerei. Das oben für Reptilien und Amphibien Geschilderte lässt sich auch auf Wirbellose übertragen. Während das eigentliche Silvesterfeuerwerk kein großes Problem für die Tiere darstellen sollte, kann die Silvesterparty unnötigen Stress verursachen, denn man durch die bereits genannten Tipps reduzieren kann.

Fazit:
Der Jahreswechsel bedeutet für die allermeisten Terrarientiere nicht mehr als ein ordentliches Gewitter. Der Stress ist also zu vernachlässigen. Solange kein Tischfeuerwerk im Terrarienraum gezündet wird, verschlafen die meisten Terrarientiere die Silvesternacht oder gehen ihren üblichen nächtlichen Aktivitäten nach. Wichtig ist, dass man seine Tiere keiner vermeidbaren Unruhe aussetzt. Dann steht einem für alle Beteiligten angenehmen Jahreswechsel nichts im Wege. 
 
Mit Stroboskopen beleuchtete und von wummernden Bässen bebende Skorpionterrarien möchte ich dieses Jahr in keinem ach so coolen Facebook-Video sehen müssen...
 
In diesem Sinne wünsche ich euch ein 
erfolgreiches und gesundes neues Jahr!


Mittwoch, 21. Dezember 2016

Studie zur Persönlichkeit von Exotenhaltern

Da mir leider (trotz mehrmaliger Rückfragen) keine Ergebnisse der Studie der Uni Bremen über die Persönlichkeitsmerkmale von Haustierbesitzern vorliegen, nähere ich mich dem Thema heute anhand der Diplomarbeit von Ina M. MAUERER aus dem Jahr 2009: Besitz exotischer Haustiere und Persönlichkeit

Im Rahmen der Forschungsarbeit wurden insgesamt 250 Personen befragt, welche sich in zwei Gruppen bestehend aus 50 Personen ohne Haustierbesitz und 200 Personen mit Haustierbesitz aufteilten lassen. Die Gruppe der Tierhalter wiederum teilt sich zu jeweils 25 Personen in Katzenhalter, Hundehalter, Kleintierhalter, Vogelhalter, Aquarianer, Reptilienhalter, Wirbellosenterrarianer sowie Halter von mehreren verschiedenen Haustierarten auf.

Die Autorin kommt zu dem Ergebnis, dass signifikante Unterschiede bei der Persönlichkeit von Halterinnen und Haltern unterschiedlicher Haustierarten zu erkennen sind. So zeigen Besitzer von warmblütigen Exoten oder klassischen Haustieren wie Hunde oder Katzen eher eine enge Bindung zu ihren Haustieren als Halter von wechselwarmen Tieren. Als Gründe für die Anschaffung der Tiere wurde von Vivarianern primär deren beruhigende Wirkung aber auch das Interesse an den Tieren genannt, während klassische Haustierhalter angaben, sich in das jeweilige Tier verliebt zu haben. Auffällig ist auch, dass Leute bevorzugt mit den Haustierarten ihr Leben teilen, mit denen sie auch schon als Kinder aufgewachsen sind.

Halterinnen von klassischen Haustieren sind laut den Ergebnissen der Befragung tendenziell weniger offen für neue Erfahrungen als Halterinnen von wechselwarmen Haustieren. Auf der anderen Seite sind Besitzer von Hunden und Katzen offener für neue Kontakte, während Reptilien-, Spinnen- und Insektenhalter dafür weniger offen – sprich introvertierter sind. Dies erklärt die Autorin dadurch, dass z.B. Hunde das Knüpfen von neuen Kontakten erleichtern. Ich vermute es liegt nicht unerheblich auch an der Akzeptanz bestimmter Haustierarten innerhalb der Gesellschaft.

Beim Geschlechtervergleich tendieren Frauen eher zu der Haltung von Hunden, Katzen und warmblütigen Exoten, während Reptilien, Spinnen und Insekten vor allem von Männern gehalten werden. Frauen sind zudem stärker an ihre Haustiere gebunden als Männer.

Fazit:
Anhand der Ergebnisse wird deutlich, dass Tierhalter und Haustier zueinander passen müssen. Eine Person, die von ihrem Haustier eine enge soziale Bindung erwartet, würde mit einer Vogelspinne oder einer Schlange wohl kaum glücklich. Gleiches gilt aber auch im Umkehrschluss. Soziale Haustiere wie Hunde oder Katzen sind ebenso wie wechselwarme Exoten nicht für jeden Persönlichkeitstyp geeignet. Umso wichtiger ist, dass jeder Mensch die Tierart halten darf, für die er sich aufgrund seiner eigenen Persönlichkeitsentwicklung begeistert. Denn nur so ist eine adäquate Versorgung des jeweiligen Tieres sichergestellt. Nicht zuletzt zeigen diverse andere Studien, dass die Haltung eines Haustiers der menschlichen Psyche guttut. Dies funktioniert aber nur dann, wenn die jeweilige Haustierart auch zur Persönlichkeit des Halters passt.

Die Ergebnisse zeigen außerdem, dass vor allem Männer zu der Haltung von „ausgefalleneren“ Haustieren und somit auch eher zur Terraristik tendieren. Warum ist das so? Ich führe dies auf die Kindesentwicklung zurück. Mädchen werden ja regelrecht geschult, schwächer zu sein und sich vor „ekeligen Tieren“ zu fürchten, während Jungs immer stark sein müssen. Immerhin hat Mama auch Angst vor Spinnen und Papa ist der Retter in der Not, wenn mal eine Spinne an der Wand sitzt. Viele Eltern leben es ihren Kindern vor, wie sie sich je nach Geschlecht zu verhalten haben. So wird die Persönlichkeit der Kinder geformt und somit auch ihr späteres Verhältnis zu bestimmten Tierarten. Die häufig zitierte „Urangst“ vor Schlangen und Spinnen, welche sich über Generationen bis in unsere heutige Zeit vererbt haben soll, spielt aus meiner Sicht hingegen kaum eine Rolle. Schließlich gehört die Angst vor Raubtieren wie Wölfen ebenfalls zu unseren Urinstinkten. Trotzdem gehören Hunde zu unseren liebsten Haustieren. Die „Urängste“ sind also entweder gar nicht oder allenfalls rudimentär in Form von Reflexreaktionen in Schreckmomenten vorhanden (dann beruhen Abneigung und Ängste vor bestimmten Tieren lediglich auf der Erziehung) oder aber diese Ängste schlummern noch in unserem Erbgut, können aber – ebenfalls durch Erziehung bzw. Gewöhnungseffekte – abtrainiert werden. Beides ist denkbar und die psychologische Forschung ist sich in dieser Sache gespalten. Da aber insbesondere kleine Kinder für „Ekeltiere“ sehr aufgeschlossen sind, halte ich die Urangst-Theorie für überholt.
 
Literatur:
MAUERER, Ina Maria: Besitz exotischer Haustiere und Persönlichkeit; Diplomarbeit, Universität Wien. Fakultät für Psychologie; 2009 

Samstag, 17. Dezember 2016

Terrarientiere unterm Weihnachtsbaum

In der Weihnachtszeit mahnen viele Tierschutzvereine, doch bitte keine Tiere zu Weihnachten zu verschenken. Einige Tierheime aber auch Zoofachgeschäfte stoppen derzeit sogar die Vermittlung bzw. den Verkauf von lebenden Tieren, weil sie Spontankäufe verhindern und Rückläufer vermeiden wollen. Diese Entscheidung ist auf den ersten Blick natürlich nachvollziehbar. Kurz nach den Feiertagen, nachdem die erste Freude verflogen und das am Weihnachtsabend noch heißgeliebte Haustier langweilig geworden ist, verzeichnen schließlich viele Tierheime und Auffangstationen einen Anstieg an Abgaben. Spätestens in der Sommerurlaubszeit wird das spontan zu Weihnachten verschenkte Tier gerne mal abgegeben oder gar ausgesetzt.

Doch hat nicht jeden Tag irgendein Kind Geburtstag? Besteht somit nicht laufend die Gefahr eines spontanen Geschenkkaufs und einer späteren Abgabe? Wie kann es eigentlich überhaupt dazu kommen, wo doch Zoofachgeschäfte und Tierheime ihren Kunden die Ansprüche des jeweiligen Tieres erklären sollten. Plagt Tierheime etwa die Sorge, dass Leute zur rührseligen Vorweihnachtszeit einem Tier ein schönes Zuhause bieten wollen, diesen Vorsatz im neuen Jahr jedoch nicht halten können?

Prinzipiell spricht aus meiner Sicht nichts gegen das Verschenken von Haus- und Heimtieren wie Reptilien oder anderen Terrarientieren, sofern – wie auch bei jedem anderen Kauf – im Vorfeld die notwendigen Vorkehrungen getroffen werden. Hat sich der zukünftige Beschenkte bereits ausführlich (z.B. mit Fachliteratur oder Kontakten zu anderen Haltern) über eine bestimmte Tierart informiert und hegt nun den ernstgemeinten Wunsch einer Anschaffung, kann man diesen Wunsch meiner Meinung nach ruhig erfüllen. Entscheidend ist hierbei die Einstellung des Beschenkten (dass nämlich das Interesse eben nicht schon nach wenigen Tagen verfliegt) und auch die ausgewählte Tierart. Während man z.B. viele wirbellose Terrarientiere direkt mitsamt fertig eingerichtetem Terrarium verschenken kann, erfordert das Verschenken von Reptilien und Amphibien schon mehr Aufwand. In der bestmöglichen Situation hat der Beschenkte schon selbst das benötigte Terrarium vor Ort stehen. Zumindest ist zum Zeitpunkt des Schenkens alles vorhanden, um das Tier seinen Bedürfnissen entsprechend unterzubringen. Im unbedingt zu vermeidenden Worst-Case-Szenario verschenkt man ein wechselwarmes Tier, das über die Feiertage hinweg in einer Box vegetieren muss, nur weil das notwendige Terrarium fehlt, die Geschäfte geschlossen haben und eine artgerechte Haltung somit nicht möglich ist. Nicht zuletzt sollte in der winterlichen Weihnachtszeit vom Verschenken von normalerweise in dieser Zeit ruhenden Tieren aus gemäßigten Breiten abgesehen werden. Notwendig für ein verantwortungsvolles „Tiere-Verschenken“ ist außerdem, dass der Schenkende selber Ahnung von dem Tier hat, welches er verschenken möchte.

Nicht nur die artgerechte Unterbringung und Versorgung des Terrarientieres muss über die Feiertage gesichert sein, auch das Umfeld der Eingewöhnung sollte der Tierart entsprechend bedacht und gestaltet werden. Reptilien, Amphibien und Wirbellose sind zwar bei weitem nicht so sozial wie z.B. Hunde oder Katzen, für die eine neue Umgebung im Weihnachtstrubel und der Jahreswechsel eine Woche später ein großer Stress sein kann, doch auch sie brauchen unter Umständen Zeit und Ruhe, um sich einzugewöhnen. Besonders stressanfällige Arten sind also weniger als Weihnachtsgeschenk geeignet.

Möchte man ein Tier verschenken, muss dies vorher mit allen anderen Familienmitgliedern oder Mitbewohnern des Beschenkten abgesprochen werden. Wenn z.B. ein Familienmitglied eine panische Angst vor Schlangen oder Spinnen hat, wäre es auch für das Tier nicht vorteilhaft, wenn man es in eine solche Umgebung verschenkt. Auch eine Regelung für die laufenden Kosten bei je nach Tierart recht hoher Lebenserwartung sowie eine geeignete Urlaubsvertretung müssen mit den Angehörigen oder dem Beschenkten geklärt werden, damit das Tier nicht irgendwann zur Last wird.

Sind diese Umstände gegeben, ist gegen ein „Reptil unterm Weihnachtsbaum“ prinzipiell nichts einzuwenden. Können diese Rahmenbedingungen jedoch nicht sichergestellt werden, wäre ein anderes Geschenk wohl sinnvoller. Vielleicht ein gutes Buch über die gewünschte Tierart? Oder ein Gutschein für das notwendige Zubehör vom Zoofachhandel des Vertrauens?
 
Darf man Kindern Tiere schenken?
 
Grundsätzlich sind Tiere vor dem Gesetz zwar keine Sachen, auf sie können aber die für Sachen geltenden Rechtsvorschriften angewandt werden (§ 90a BGB). Tiere dürfen daher verkauft, getauscht oder eben auch verschenkt werden. Eine Schenkung stellt rechtlich gesehen einen Vertrag dar. Kinder sind bis zur Vollendung des 7. Lebensjahres nicht geschäftsfähig (§ 104 BGB). Man darf somit prinzipiell keine Tiere und auch keine „anderen Sachen“ an Kinder verschenken. Minderjährige vom vollendeten 7. bis zum vollendeten 18. Lebensjahr sind beschränkt geschäftsfähig  (§ 106 BGB). Veträge mit Jugendlichen in diesem Alter sind ohne Einverständnis der gesetzlichen Vertreter schwebend unwirksam (§ 108 BGB). Eltern von minderjährigen Jugendlichen können Schenkungen also widerrufen.

Da allerdings die meisten Schenkungen juristisch als „rechtlich vorteilhafte Verträge“ eingestuft werden, greift hier eine Ausnahme von der Regel: Schenkungen, die für Minderjährige keine Nachteile und keine Verpflichtungen bedeuten, werden auch ohne Zustimmung der gesetzlichen Vertreter wirksam (§ 107 BGB). Altersgerechtes Spielzeug zu verschenken wäre also in Ordnung, Tiere zu verschenken bedarf hingegen der Einwilligung der Eltern, da mit dem Erwerb eines Tieres die Einhaltung der Verpflichtungen des Tierschutzgesetzes einhergeht, was somit juristisch gesehen keinen rechtlichen Vorteil bedeutet.

Eine weitere Regelung findet man im Tierschutzgesetz selbst. Dort heißt es, dass Wirbeltiere ohne Einwilligung der Erziehungsberechtigten an Minderjährige schon nach Vollendung ihres 16. Lebensjahres abgegeben werden dürfen (§ 11c TierSchG). Reptilien und Amphibien dürfen demnach auch schon an Jugendliche mit vollendetem 16. Lebensjahr ohne Einwilligung der Eltern abgegeben / verschenkt werden. Wirbellose Tiere wie Spinnen und Insekten bei wörtlicher Auslegung der Gesetzeslage hingegen nicht, weswegen Wirbellose in diesem Punkt einen höheren Schutz genießen, was wohl nicht Absicht des Gesetzgebers war, aber durch die konkrete Nennung von „Wirbeltieren“ statt „Tieren“ im § 11c TierSchG tatsächlich so ausgelegt werden kann. Der Tierschutzbund ist übrigens bestrebt, dass diese Grenze für die Abgabe von (Wirbel)Tieren auf 18 Jahre – wie auch bei der grundsätzlichen Geschäftsfähigkeit – angehoben wird, um Tierkäufe durch Jugendliche ohne elterliche Einwilligung zu verhindern, was ich persönlich ebenfalls sinnvoll finde.
 

Freitag, 9. Dezember 2016

Erfolg: Gefahrtiergesetz Nordrhein-Westfalen gestoppt!

Halter von gefährlichen Tieren in Nordrhein-Westfalen können (vorerst) aufatmen. Das in vielen Punkten zu kritisierende geplante Gefahrtiergesetz wurde Medienberichten zufolge von der Landesregierung auf Eis gelegt. Zu groß war der Widerspruch der kommunalen Spitzenverbände.

Mir liegt inzwischen das Schreiben des Umweltministers Johannes Remmel an die Mitglieder des Landtags NRW vom 8. Dezember vor, in welchem die Gründe für den Stopp des Gesetzgebungsvorhabens beschrieben werden. 
Im einem Anhörungsgespräch am 31. Oktober dieses Jahres stellte der Landkreistag NRW noch einmal seine Position dar und erklärte, dass sich an der ablehnenden Haltung nichts geändert habe. Ein gesondertes Gefahrtiergesetz sei aus Sicht des Landkreistages nicht notwendig, da von einer nicht relevanten Gefahrenlage auszugehen sei. Die von privaten Gefahrtierhaltungen ausgehende Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung sei Teil des von „jedermann hinzunehmenden allgemeinen Lebensrisikos“. Dadurch fehle es an der Legitimation für ein solches Spezialgesetz zur Gefahrenabwehr. Für die Durchführung des Gesetzes fehle es den Kommunen außerdem an den notwendigen Kapazitäten.

Aus Sicht der Landesregierung müsse an dem Gesetzesvorhaben festgehalten werden, da dieses ein wichtiges Vorhaben des Koalitionsvertrags sei und von bestimmten Wildtieren eine objektive Gefahr für die Öffentlichkeit ausgehe, die beseitigt werden müsse. Aufgrund von Börsen und Internethandel sei von einer erheblichen Zahl nicht sachkundiger Halter von gefährlichen Tieren auszugehen. Da der Dissens zwischen der Landesregierung und den kommunalen Spitzenverbänden aber nicht mehr in der laufenden Legislaturperiode zu lösen sei und diese sich dem Ende nähert (2017 finden Landtagswahlen in NRW statt), sieht es die Landesregierung als nicht zielführend an, das Gesetzgebungsvorhaben in der laufenden Legislaturperiode zu einem Abschluss zu bringen.

Damit ist das Gefahrtiergesetz nun erst einmal offiziell vom Tisch. Bei all der Freude sollte aber bedacht werden, dass das Gesetzgebungsvorhaben primär aufgrund der fehlenden Kapazitäten der Kommunen eingestellt wurde und nicht aufgrund der fachlichen Kritik an der Qualität der Regelung seitens Tierhalterverbänden. Sollte es in NRW nach den Landtagswahlen im nächsten Jahr keinen Führungswechsel geben, wird das Projekt mit einer neuen Haushaltsplanung vielleicht irgendwann wieder ausgegraben und ein Kompromiss zwischen Landesregierung und den kommunalen Spitzenverbänden geschlossen. Im Entwurf des am 4. Dezember beschlossenen Wahlprogramms der Grünen NRW wird ein Verbot der Haltung von gefährlichen Tieren auch für die nächste Legislaturperiode angestrebt.

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Mittwoch, 7. Dezember 2016

Berliner Gefahrtierverordnung wird aktualisiert

Während der gestrigen Sitzung des Berliner Senats wurde die „Verordnung über das Halten gefährlicher Tiere wildlebender Arten“ überprüft und teilweise aktualisiert, da die aktuell gültige Fassung am 19. Januar 2017 außer Kraft treten wird.
 
An den strikten Komplettverboten für Panzerechsen, (aus Sicht des Verordnungsgebers) potentiell tödlichen Giftschlangen sowie einigen Spinnen und Skorpionen wird sich nichts ändern. Das Verbot mit Erlaubnisvorbehalt für Pythons, Boas und Warane ab einer bestimmten Körperlänge, Schnapp- und Geierschildkröten, Krustenechsen, Vogelspinnen der Gattung Poecilotheria sowie die Blaue Burma-Vogelspinne (Cyriopagopus lividum syn. Haplopelma lividum) bleibt ebenfalls bestehen. Für diese weniger gefährlichen Tiere können die zuständigen Behörden weiterhin Ausnahmegenehmigungen erteilen. Hierfür muss der Halter der Behörde gegenüber seine Zuverlässigkeit und seine Sachkunde nachweisen. Außerdem müssen die Tiere ausbruchsicher untergebracht und das notwendige Equipment jederzeit in der Nähe des Tieres griffbereit sein.

Neu wird sein, dass die Halter von gefährlichen Tieren dafür sorgen müssen, dass andere Personen keinen unkontrollierten Zugang zur Haltungseinrichtung erlangen können. Eine weitere Änderung bezieht sich auf die Belege im Falle einer Abgabe eines gefährlichen Tieres, aus denen das Abgabedatum sowie Name und Anschrift des neuen Halters hervorgehen müssen. Diese Dokumente mussten bislang 5 Jahre aufbewahrt werden. In Zukunft soll diese Frist auf 10 Jahre erweitert werden.

Halter von potentiell tödlichen Tieren, welche dem Komplettverbot unterliegen aber zum Zeitpunkt der Schaffung der Gefahrtierverordnung im Jahr 2007 bereits gehalten wurden (Bestandsschutz), müssen einen geeigneten Notfallplan vorweisen. Für Halter von giftigen Tieren bezieht sich dies konkret auf die Vorratshaltung von Antiseren, was z.B. auch durch eine Mitgliedschaft in einem Serumdepot ausreichend erfüllt sei. Diese Regelung ist lobenswert, da die private Vorratshaltung von Antiseren, welche ebenfalls Gefahrstoffe darstellen und eine trügerische Sicherheit vorgaukeln, als für die meisten Halter nicht praktikabel abzulehnen ist. Fraglich bleibt aber, wie diese Auflage bei Arten zu erfüllen ist, für die es gar kein Gegengift gibt (wie z.B. im Falle einiger vom Verbot betroffenen Trugnattern).

Vor offizieller Revision der Verordnung wird diese nun erst noch dem Rat der Bürgermeister zur Stellungnahme vorgelegt.
 
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Donnerstag, 1. Dezember 2016

Planet Wissen: „Achtung! Gefährliche Haustiere“

Die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten ARD, WDR und SWR haben am vergangenen Dienstag in ihrem Populärwissenschaftsmagazin „Planet Wissen“ den Versuch unternommen, über die Haltung von sogenannten „gefährlichen Haustieren“ zu berichten. Die komplette Sendung vom 29. November gibt es hier: Achtung! Gefährliche Haustiere

Der Sendung lag die derzeit in Nordrhein-Westfalen geplante Gesetzgebung für die Haltung von gefährlichen Tieren wie u.a. Giftschlangen zugrunde. Zu Gast waren die Reptilienhalterin Nina Freitag und der Tierarzt sowie Vizevorsitzende des Landestierschutzverbands Nordrhein-Westfalen e.V. (LTV-NRW) Dr. Ralf Unna.

Zu Beginn der Sendung wurde in einem Einspielbeitrag die Reptilienhaltung von Nina Freitag gezeigt. Die gezeigten Haltungsbedingungen waren soweit vorbildlich (auch wenn in den sozialen Netzwerken mal wieder der lose Sand kritisiert wird, auf dem u.a. Bartagamen gehalten wurden). Interessant war an diesem Einspieler vor allem die akustische Untermalung. So wurden normalerweise weitestgehend lautlose Vorgänge wie das Kiefer-Einrenken eines Königspythons nach dem Fressen, der Fressvorgang eines Kronengeckos oder die Tötung einer Futterratte durch einen Königspython mit dramatischen Zisch- und Schmatzlauten oder einem markerschütternden „Genickbruch-Sound“ unterstrichen. Eine dramaturgische Glanzleistung, mit der die Gefährlichkeit der an sich vollkommen harmlosen Tiere betont werden sollte.

Frau Freitag erklärte im Interview, dass sie Haltungsverbote sehr kritisch sieht und stattdessen die Sachkunde der Halter im Vordergrund stehen sollte. Sie sieht den unkontrollierten Handel mit Reptilien auf Börsen oder im Internet aber ebenso kritisch, weil so auch uninformierte Leute einfach so „Exoten“ kaufen könnten, was ihr und unser aller Hobby in Verruf brächte. Sie sprach sich ebenso gegen strikte Verbote von z.B. Reptilienbörsen aus, weil diese einen wichtigen Treffpunkt für die Halter darstellen. Die Börsen müssten strenger kontrolliert werden, damit auch die problematischen „Parkplatzgeschäfte“ unterbunden würden.

Anderer Meinung war Dr. Unna vom LTV-NRW. Aus seiner Sicht hätten die zuständigen Veterinärämter nicht die finanziellen Mittel und auch nicht das notwendige Fachwissen, um gegen die illegalen Auswüchse solcher Börsen vorzugehen. Ein gemeinsamer Treffpunkt für Halter für den Fachaustausch wäre aus seiner Sicht natürlich vollkommen in Ordnung, nur müssten dafür ja nicht unbedingt lebende Tiere gehandelt werden. Nun, die Deutsche Bahn hat auch nicht die notwendigen Mittel, um randalierende Fußballfans in ihren Zügen von Sachbeschädigung abzuhalten, deswegen muss aus meiner Sicht unbedingt die Fußball-Bundesliga verboten werden. Vor allem sei es aus seiner Sicht problematisch, dass uninformierte Leute sich ohne große Hürden gefährliche Tiere wie z.B. Klapperschlangen als Statussymbol kaufen könnten. Auf die Frage des Moderators, welches denn das gefährlichste Tier sei, welches bisher in seiner Praxis vorgestellt wurde, antwortete er zunächst Rottweiler, was zeigt, dass Hunde bei all der Diskussion über gefährliche Exoten immer noch die häufigsten in Deutschland gehaltenen „Gefahrtiere“ sind.

In einem weiteren Einspielfilm kam einen gewisse Laura Zimprich zu Wort, was zeigt, dass es sich dabei um einen älteren Beitrag handelte. Denn Laura Zodrow ist mittlerweile bekannt als 1. Vorsitzende des Tierrechtsvereins „animal public e.V.“. Sie behauptete im Beitrag, dass immer mehr Reptilien importiert würden. Fakt ist, dass die Importzahlen seit Jahren stark rückläufig sind und seit 2007 um mehr als 60 Prozent abgenommen haben.

Frau Zimprich / Zodrow mahnte darüber hinaus an, dass NRW ein rechtsfreier Raum sei, wo gefährliche Tiere ohne Auflagen gehalten und gehandelt werden dürften. Dies entspricht zwar derzeit noch der Wahrheit, lässt aber aufhorchen: Warum kommt es dann nicht täglich zu Zwischenfällen mit gefährlichen Reptilien? Wo sind denn die ganzen Giftschlangen im öffentlichen Raum? In der Sendung wurden altbekannte Fälle wie das „Kobrahaus“ in Mülheim an der Ruhr genannt. Diese liegen jedoch schon Jahre zurück. Ein Anstieg solcher Vorfälle ist auch schon zu verzeichnen, wenn in einem Jahr 1 Unfall passiert, im nächsten Jahr dann vielleicht schon 2 oder 3. Im Vergleich zu den täglichen Vorfällen mit klassischen Heimtieren wie Hunden sind diese Zahlen aber ein Witz und zeigen bei näherer Betrachtung nur, dass der Großteil der Halter von gefährlichen Reptilien ihre Tiere sicher untergebracht hat – und das trotz fehlender gesetzlicher Vorgaben.


Imkerei = Gefahrtierhaltung
Die Reptilienhalterin Nina Freitag wurde in der Sendung mehrmals als Halterin von gefährlichen Tieren bezeichnet. Bei den gefährlichsten Tieren handelte es sich um Königspythons, Vogelspinnen und Kaiserskorpione. Die Halterin betonte mehrmals, dass ein Biss oder Stich in etwa mit einem Griff in einen Kaktus bzw. einem Bienenstich zu vergleichen sei. Trotzdem wurden diese somit vollkommen harmlosen Tiere immer wieder als gefährlich dargestellt, was einfach nur lächerlich ist. Das wäre so, als würde man in einer TV-Sendung über Löwen berichten und jemand bringt seine Hauskatzen als Beispiel mit. Auch wenn Frau Freitag die Pro-Argumente für die Terraristik sachlich und ruhig herüberbrachte, ist es schon sehr fragwürdig, dass die Produktionsleitung keine echten Gefahrtierhalter einlud, sondern stattdessen eine Reptilienhalterin mit harmlosen Tieren als Gefahrtierhalterin verkaufen musste. Vielleicht sind die echten Gefahrtierhalter aufgrund der systematischen Medienpropaganda auch einfach nicht mehr bereit, sich in solchen Formaten zu präsentieren und lehnen entsprechende Anfragen direkt ab. Ich kann es ihnen nicht verdenken.

Des Weiteren wurde in diesem Wissensmagazin gar nicht wirklich definiert, was eigentlich „gefährliche Tiere“ sind. Teilweise wurde das natürliche Abwehrverhalten von in die Enge getriebenen Tieren als grundsätzliche Gefährlichkeit dieser Tiere interpretiert. In einem Einspielfilm wurde beispielsweise die Schulung von Feuerwehrleuten im Umgang mit Reptilien gezeigt, wo nicht zimperlich mit den lebenden „Studienobjekten“ umgegangen wurde. Dass die Tiere in diesen Situationen gefährliches Verhalten an den Tag legten, ist natürlich kein Wunder. Jeder Hund und jede Katze würde sich gewaltsam verteidigen, würde man sie gewaltsam auf den Boden werfen, mit Stäben traktieren oder grob festhalten. Kaum jemand würde das Abwehrverhalten in solchen Situationen als natürliches Alltagsverhalten dieser Tiere im Kontakt zum Menschen interpretieren. In der Sendung wurde dies in Bezug auf Reptilien aber leider so an die unbedarften Zuschauer transportiert.

Überhaupt wurden viele Themen nur angerissen und dann zumeist tendenziös vermittelt. So wurde in einem weiteren Einspielbeitrag die tierärztliche Studie der Uni Leipzig erwähnt. Es wurde behauptet, dass dabei herauskam, dass 50 Prozent der in Privathand gehaltenen Reptilien aufgrund von schlechten Haltungsbedingungen im ersten Jahr sterben würden. Mit dieser Aussagen wird die Studie aber falsch ausgelegt. Nicht etwa 50 Prozent aller in Privathand gehaltenen Reptilien sterben im ersten Jahr, sondern 50 Prozent der im ersten Jahr verstorbenen Reptilien wurden schlecht gehalten. Das sind zwei vollkommen unterschiedliche Aussagen! Einen Rückschluss auf die Haltungsbedingungen lässt die tierärztliche Studie gar nicht zu, weil die Gruppe von Tieren, die in die Studie einfloss, nicht repräsentativ war. Die Tausenden Reptilien, die sich seit Jahren bester Gesundheit erfreuen, wurden in der besagten Studie schlichtweg gar nicht untersucht (nicht einmal in Form einer Stichprobe). Daher sind Rückschlüsse auf die vorherrschenden Haltungsbedingungen gar nicht möglich. Dies betonen selbst die Autoren der Studie im einleitenden Text. Die von Tierhaltungsgegnern und tendenziösen Medien bewusst falsch verbreitete Aussage „50 Prozent der in Privathand gehaltenen Tiere sterben im ersten Jahr aufgrund von schlechter Haltung“ entbehrt somit jeder wissenschaftlichen Grundlage.


Ähnliche Meinungsmache wurde beim Thema Importe betrieben. So sprach Dr. Unna von einer Mortalitätsrate in Höhe von 50 bis 70 Prozent beim Transport von Reptilien. Zu schnell denkt man da an die von PETA ermittelten Zahlen bei nur einem US-Großhändler, welche regelmäßig auf unwissenschaftliche Art und Weise als Standard in der Branche dargestellt werden (zuletzt ebenfalls in einem Beitrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks). Immerhin drehte sich dieser Abschnitt der Sendung eindeutig um illegale Importe, weswegen die Aussagen von Dr. Unna auch nur auf diese zu beziehen sind. Dass die Ausfallquoten beim Schmuggel höher sind als beim legalen Import, ist logisch. Das von Dr. Unna genannte Beispiel von nicht geheizten Frachträumen ist beim illegalen Transport nicht von der Hand zu weisen und zu bekannt sind Schmuggelfälle aus der Vergangenheit mit hohen Verlusten, bei denen z.B. artfremde Pfeilgiftfrösche in enge Dosen gestopft wurden und sich gegenseitig vergifteten. Entscheidend ist aber, dass diese Fälle nicht den legalen Import abbilden, bei dem die Transportmortalität laut repräsentativer Studien zwischen 1,97 und 3,88 Prozent liegt (MORITZ, 1994; STEINMETZ et al., 1996). Leider kam das in der Sendung nicht ganz so deutlich rüber... was wohl auch nicht das Ziel war. 

Auch der Deutsche Tierschutzbund e.V. kam in einem Einspielfilm zu Wort und forderte erneut eine Positivliste, um eine bundeseinheitliche Gesetzgebung zu schaffen und Tierleid effektiv zu verhindern. Dass eine Positivliste genau das Gegenteil bewirken würde, habe ich hier schon mal ausführlich dargestellt. Denn ich erlebe es aus meiner eigenen Praxis, dass ich immer seltener als Privatperson im Tierschutz helfen kann, wenn es immer striktere Regelungen gibt. Wenn das so weiter geht, darf sich wahrlich niemand mehr wundern, wenn Tierheime und Auffangstationen ihre Tiere nicht mehr vermitteln können und überfordert sind.

Dr. Unna betonte in Bezug auf die Haltung von geschützten Tieren, dass der Preis für diese Tiere auf dem Schwarzmarkt umso höher ist, je höher der Schutzstatus der Tiere ist. Dies ist korrekt, denn durch höchste Auflagen brechen leider viele seriöse Züchter weg, was den illegalen Handel (wieder) lukrativer macht. Gleiches würde aber auch in anderen Situationen - wie einem Haltungsverbot für (angeblich) gefährliche Tiere - passieren. Er forderte eine bundeseinheitliche Gefahrtierregelung, die möglich wäre, wenn sich die Bundesländer, bei denen die Gesetzgebungskompetenz für die Gefahrenabwehr liegt, an einem Strang ziehen würden. Ich persönlich plädiere ja auf die Schaffung eines durchdachten „Musterentwurfs eines einheitlichen Gefahrtiergesetzes“, vergleichbar dem des Polizeirechts, welches ebenfalls pro Bundesland unterschiedlich geregelt ist, dank des Musterentwurfs aber trotzdem weitestgehend vereinheitlicht wurde.

Das Fazit der Sendung lautete, dass jeder sich selbst entscheiden muss, worauf er sich bei der Anschaffung eines gefährlichen Tieres einlässt und dass Sachkunde, sichere Unterbringung und eine fachkundige Urlaubsvertretung wichtig sind. Dem stimme ich so voll und ganz zu, doch sollte dies nicht nur für die Reptilienhaltung bedacht werden, sondern bei jeder anderen Art der Heimtierhaltung auch. Gelangweilte Hauskatzen in den öffentlichen Raum zu entlassen, wo sie eine Gefahr für den Straßenverkehr darstellen, ist eine gängige Unart verantwortungsloser Katzenhalter. Doch danach kräht kein Hahn, weil die Hauskatze schließlich neben dem Hund das beliebteste Haustier ist und im Falle von Verboten sehr viele Gebührenzahler und potenzielle Wähler betroffen wären als bei einem Verbot gefährlicher Reptilien. Hier sieht man mal wieder sehr anschaulich, wie mit zweierlei Maß gemessen wird.

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Freitag, 25. November 2016

Neue Änderungen im EU-Artenschutz

Am 23. November wurde eine neue EU-Verordnung im Amtsblatt der Europäischen Union (L 316/1) veröffentlicht, mit welcher einige Änderungen der Anhänge der EU-Artenschutzverordnung umgesetzt werden: Verordnung (EU) 2016/2029 der Kommission vom 10. November 2016 zur Änderung der Verordnung (EG) Nr. 338/97 des Rates über den Schutz von Exemplaren wildlebender Tier- und Pflanzenarten durch Überwachung des Handels

Diese Verordnung tritt am dritten Tag nach ihrer Veröffentlichung – also am morgigen 26. November – im gesamten EU-Gebiet in Kraft und ist somit auch für uns in Deutschland bindend!

Überraschenderweise wurden in dieser Verordnung noch nicht alle Änderungen der Anhänge des Washingtoner Artenschutzübereinkommens (CITES) in geltendes Recht überführt. Lediglich der EU-Anhang C wurde in der vorliegenden Verordnung aktualisiert. Alle anderen für die Terraristik relevanten Beschlüsse der 17. CITES-Artenschutzkonferenz (CoP17), wurden in der vorliegenden Verordnung noch nicht umgesetzt. So findet man den Himmelblauen Zwergtaggecko (Lygodactylus williamsi) weiterhin im Anhang B und den Tomatenfrosch (Dyscophus antongilii) im Anhang A der EU-Artenschutzverordnung. Da die 90-Tage-Frist der CITES-Mitgliedsstaaten zur Umsetzung der Beschlüsse aber auch noch nicht abgelaufen ist, ist innerhalb der nächsten Wochen wohl noch mit einer weiteren Änderungsverordnung zu rechnen, welche die jeweiligen Beschlüsse in geltendes EU-Recht umsetzen wird.

Darüber hinaus beziehen sich die aktuellen Änderungen mal wieder auf invasive gebietsfremde Arten (IAS = invasive alien species). So wurden die beiden für die Terraristik relevanten und im EU Alien Species Act aufgeführten Arten, welche zuvor noch im Anhang B der EU-Artenschutzverordnung gelistet waren, aus der aktualisierten Version der Anhänge gestrichen, weil ansonsten die Invasive-Arten-Verordnung mit den bisher geltenden EU-Artenschutzrichtlinien konkurrieren würde.

Für Halter von Rotwangen-Schmuckschildkröten bedeutet dies im Grunde genommen keine große Änderung, weil Trachemys scripta elegans bereits 2005 in der Anlage 5 BArtSchV aufgenommen und so von der Meldepflicht befreit wurde. Lediglich für Halter des Nordamerikanischen Ochsenfrosches (Lithobates catesbeianus) ist die Änderung insofern interessant, weil damit zukünftig die Meldepflicht dieser Art wegfällt. Da ein Handel mit beiden Arten aber aufgrund der IAS-Verordnung sowieso nicht mehr bzw. (je nach Auslegung der Verordnung) zumindest nur noch für wenige Monate gestattet und eine Nachzucht bereits strikt verboten ist, ist diese Befreiung von der Meldepflicht eher zu vernachlässigen. Denn wo der Bestand nicht mehr wächst, muss logischerweise auch nichts gemeldet werden. Die Nachweispflicht fällt bei diesen beiden Arten zwar nun ebenfalls weg, die Herkunftsnachweise sollten aber trotzdem unbedingt aufgehoben werden, weil diese die in der IAS-Verordnung vorgeschriebene Anschaffung vor Inkrafttreten der Verordnung beweisen.

Aus objektiver Artenschutzsicht ist es allerdings kritisch zu hinterfragen, warum die Haltung von nun mehr allen IAS zukünftig ohne Kenntnis der zuständigen Arten- und Naturschutzbehörden ablaufen soll, weil der „EU Alien Species Act keine Meldepflicht vorschreibt und bisher auch keine Bundesverordnung zu diesem Zweck beschlossen wurde. Die illegale Verbreitung von invasiven Arten wird dadurch aus meiner Sicht sogar noch erleichtert.

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Sonntag, 20. November 2016

Landtagswahlen 2016: „Exoten“ in den Koalitionsverträgen (MV & BE)

Am 4. September fanden in Mecklenburg-Vorpommern Landtagswahlen statt. In Berlin wurde am 18. September ein neues Abgeordnetenhaus gewählt. Inzwischen wurden die Koalitionsverträge veröffentlicht.

Mecklenburg-Vorpommern (SPD & CDU)
Koalitionsvereinbarungen 2016-2021:
Jeder Tierhalter, ob im privaten Haushalt oder in der Nutztierhaltung, ist für das Wohl der in seiner Obhut befindlichen Tiere verantwortlich.
Das Land baut die Unterstützung für Tierheime aus. [...] Die Koalitionspartner entlasten die Kommunen und Tierschutzvereine durch finanzielle Unterstützung von Auffangstationen für Wildtiere.
Der Koalitionsvertrag enthält somit keine Einschränkungen für Halter von „exotischen Wildtieren“.

Berlin (SPD & Bündnis 90/Die Grünen)
Koalitionsvertrag: Berlin gemeinsam gestalten - Solidarisch. Nachhaltig. Weltoffen.
Die Koalition wird alle tierschutzpolitischen Zuständigkeiten in einer Senatsverwaltung bündeln. Außerdem verbessert die Koalition die Kontrollmöglichkeiten der Bezirke und des LAGeSo, sodass künftig Tierbörsen, gewerbliche Tierhaltungen und Tierversuchsvorhaben regelmäßig kontrolliert werden können.
Die Koalition wird alle Möglichkeiten nutzen, um den gewerblichen Handel mit exotischen Tieren auf Tierbörsen zu reduzieren.
Im Berliner Koalitionsvertrag finde man vor allem das Thema Tierbörsen wieder. In welcher Weise der Verkauf von exotischen Tieren auf solchen Veranstaltungen reduziert werden soll, wird die Zukunft zeigen. Von strikten Verboten ist zwar keine Rede, allerdings haben sich die rot-grünen Regierungsparteien mit ihrer allgemeinen Formulierung sämtliche Türen offengehalten.

Die nächste Landtagswahl findet im März 2017 im Saarland statt.

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Sonntag, 6. November 2016

Willkommen im ZEITalter der Propaganda!

Am 1. Oktober veröffentlichte die ZEIT-Online einen Artikel mit dem Titel „Chinesen lieben Elfenbein, wir quälen Geckos“, welcher aus Sicht vieler Reptilienhalter die Haltung von Geckos und allgemein Reptilien pauschal ablehnte und regelrecht diffamierte. Ich berichtete: Erneut "End-ZEIT-stimmung"

Aufgrund dieses Artikels legte ich Beschwerde beim Deutschen Presserat ein. Meiner Meinung nach kann es nicht angehen, dass ein seriöses Leitmedium mit solchen Artikeln die öffentliche Wahrnehmung verzerrt, sich dabei ausschließlich auf nicht nachprüfbares Zahlenmaterial einer umstrittenen Tierrechtsorganisation (PETA) bezieht und deren Aussagen unkritisch übernimmt. Die Schlagzeile und einige Textpassagen, in denen die Reptilienhaltung pauschal als Tierquälerei bezeichnet wurde, empfinde ich als Diskriminierung aller Reptilienhalter und entsprechen daher nicht meinem Verständnis von Presse-Ethik.

Die unkritische Übernahme der Aussage von PETA, dass Verlustraten von 70 Prozent in der Zoohandelsbranche als üblich gelten, empfinde ich zudem als mangelhafte Recherche. Die im Artikel genannte Verlustrate entstammt einer Einzelfallrecherche von PETA USA bei nur einem einzigen US-Reptiliengroßhändler und ist deshalb nicht allgemeingültig. Seriöse Journalisten hätten die aus unabhängigen Studien bekannte Mortalitätsrate bei Reptilienimporten in Höhe von durchschnittlich 3 Prozent recherchiert und daraufhin einen weniger tendenziösen Artikel verfasst. Mangelhafte Recherche, die zu Fehlinformation der Leser führt, wird ebenfalls vom Pressekodex abgelehnt, was eine entsprechende Beschwerde rechtfertigen sollte.

Inzwischen hat der Presserat über meine Beschwerde entschieden. Um das Ergebnis vorweg zu nehmen: Die Beschwerde wurde abgelehnt.

In der Begründung des Presserates heißt es, dass durchschnittlich verständliche Leser des von mir kritisierten Artikels erkennen können, dass die Situation in Deutschland unterschiedlich ist. Schließlich steht im beanstandeten ZEIT-Artikel: „Wenn es gut läuft, hat er einen Partner in seinem Glaskasten. Hat er Pech, spart sein Besitzer nicht nur an Gesellschaft, sondern zudem an ausreichend Licht aus der energiefressenden UV-Lampe“. Aus Sicht des Presserates sei aufgrund dieser Formulierung keine Pauschalkritik an der Reptilienhaltung erkennbar. Eine Ehrverletzung liegt ebenfalls nicht vor, weil ich persönlich als Beschwerdeführer ja nicht im Artikel genannt wurde. Damit folgt der Presserat prinzipiell der aktuellen „A.C.A.B.-Rechtsprechung“ des Bundesverfassungsgerichts (die Beleidigung von unüberschaubar großen Gruppen stellt als solche keine Beleidigung von Individuen dieser Gruppe dar).

Die von mir kritisierte Aussage über die angeblich vom Zoofachhandel einkalkulierte Verlustrate habe sich die ZEIT bzw. die verantwortliche Autorin aus Sicht des Presserates nicht selbst zu eigen gemacht, sondern stammt von einer externen Quelle (PETA). Für den Leser sei offensichtlich, dass sich die journalistische Sorgfaltspflicht der ZEIT-Redaktion nicht auf die Publikationen von PETA erstrecken könne, da diese nicht im Wirkungskreis der Redaktion lägen. Von der Redaktion könne nicht verlangt werden, für die Korrektheit solcher Fremdinhalte einzustehen.

Fazit:
Vielleicht bin ich (wie auch zig andere Terrarianer) bei derartigen Berichterstattungen etwas dünnhäutig und erkenne den Versuch einer differenzierten Darstellung nicht sofort. Letztlich ist es unsere Entscheidung, ob wir uns den von der ZEIT und anderen Medien regelmäßig in den Raum gestellten Schuh mit der Aufschrift „Tierquäler“ anziehen wollen oder nicht. Vielleicht halten wir den „durchschnittlich verständliche Leser“ einfach für zu unwissend, um die richtigen Schlüsse aus solchen Artikeln zu ziehen. Zu Recht oder zu Unrecht sei an dieser Stelle mal dahingestellt.

Dass aber die ungeprüfte Übernahme von Fremdinhalten keinen Verstoß gegen die journalistische Sorgfaltspflicht darstellen soll, ist für mich ein Schlag ins Gesicht!
Für mich macht es zwar schon noch einen Unterschied, ob eine Redaktion aus Unwissen einen Fehler begeht und dabei versehentlich ein tendenziöser Artikel entsteht oder ob ganz bewusst eine einseitige Darstellung angestrebt wurde. Doch mit der Entscheidung des Presserats sind Propaganda endgültig Tür und Tor geöffnet. Ein etabliertes Leitmedium kann so ganz leicht eine tendenziöse Berichterstattung betreiben, indem sie ausschließlich Fremdinhalte passender Interessenvertreter verlinkt oder zitiert, ohne sich diese direkt selbst zu eigen zu machen und deswegen vom Presserat gerügt zu werden. Damit hat der Presserat mal eben den Pressekodex beerdigt. RIP

Wenn Pseudojournalisten wie ich oder die Blogger von P€TA so agieren, ist das eine Sache, denn wir unterliegen nicht dem Pressekodex. Nach der Offenbarung des Presserates sehe ich die Berichterstattung der Presse mit Pseudologiehintergrund aber erneut mit anderen Augen...

 
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Donnerstag, 3. November 2016

Urteil: Verfüttern von lebenden Mäusen an Schlangen

Am 30. Juni 2016 entschied das Verwaltungsgericht München über die Klage einer Schlangenhalterin, der das Verfüttern von lebenden Mäusen an ihre Schlangen vom zuständigen Veterinäramt untersagt bzw. der die Auflage erteilt wurde, eine Umstellung auf Totfutter durchzuführen. Das Gericht wies die Klage ab und urteilte, dass die Auflagen des Veterinäramtes bzgl. einer Umstellung auf Totfutter zu erfüllen sind. Kurz darauf machte das Urteil in der Presse und in den sozialen Netzwerken die Runde. Viele Schlangenhalter kritisierten die Entscheidung während Tierrechtler jubelten und behaupteten, damit wäre die Lebendfütterung von Reptilien nun komplett verboten. Ich habe mich bisher bedeckt gehalten, weil ich abwarten wollte, bis das Urteil rechtskräftig und im Volltext verfügbar ist. Dies ist inzwischen der Fall: Mäusehaltung in der Wohnung zur Verfütterung an Schlangen (VG München Az.: M 23 K 16.928

Hintergrund:
Die im Urteil ersichtliche Vorgeschichte zeichnet ein gänzlich anderes Bild von der klagenden Königspythonhalterin, als es z.B. in einigen Reptiliengruppen auf Facebook verbreitet wurde, wo die betroffene Halterin mit ihrer „liebevollen Futtertierzucht“ als Opfer der Justiz glorifiziert wurde. Aus dem Volltexturteil geht allerdings hervor, dass die Futternagerhaltung der Halterin zumindest fragwürdig war, wenn nicht sogar schon die Grenze zum Animal Hoarding überschritt. Mutmaßlich ausgebrochene Mäuse (von der Klägerin als Freigang bezeichnet), unhygienische Bedingungen, Vernachlässigung der Nager (unzureichende Wasserversorgung) sowie eine dauerhafte Unterbringung von Futtermäusen mit den zu fütternden Schlangen in einem Terrarium inkl. unzureichend gesicherter Heizkabel wurden vom zuständigen Veterinäramt sicherlich zu Recht moniert. Ebenso fragwürdig erscheint die Erklärung der Schlangenhalterin, dass die Mäusezucht notwendig sei, weil ihre drei Königspythons bis zu 30 Nager innerhalb von 14 Tagen fressen würden.

Ziel des Veterinäramtes war es zunächst im Rahmen eines Verwaltungsverfahrens im Juli 2015, die Mäusezucht zu reduzieren und mit Verweis auf ein Merkblatt der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz (TVT) die Haltungsbedingungen der Nagetiere zu verbessern – letztlich auch zum Schutz der Schlangen (Annagen), der Halterin sowie der öffentlichen Sicherheit und Ordnung (Verbreitung von Krankheitserregern). Diverse Nachkontrollen wurden von der Schlangenhalterin abgesagt und Auflagen nicht erfüllt. Erst nach diesen Strapazen wurde im Januar 2016 der streitgegenständliche Bescheid erteilt, welcher der Halterin das Verfüttern von lebenden Nagern nur in Ausnahmefällen gestattete. Das Futter sollte auf aus dem Handel bezogenes Frostfutter oder sachgerecht getötete Mäuse umgestellt werden. Lebende Mäuse dürften nur noch an Schlangen verfüttert werden, die trotz Umstellungsversuchen kein Totfutter akzeptierten.

Womöglich wäre dieser Fall gar nicht erst so hochgekocht, hätte die Königspythonhalterin schon nach den ersten Begehungen des Veterinäramtes im Jahr 2015 die Mäusezucht reduziert und die Haltungsbedingungen der Nager verbessert. Gegen den Beschluss ging sie jedenfalls mit einer Klage vor dem Verwaltungsgericht München vor.

Urteil:
Das Gericht wies nach mündlicher Verhandlung im Juni 2016 die Klage der Schlangenhalterin ab und bewertete den Bescheid des Veterinäramtes als zulässig. Im Rahmen des Verfahrens wurde auch der Leiter der Reptilienauffangstation München als Sachverständiger angehört, der schilderte, dass eine Umstellung auf Totfutter grundsätzlich möglich ist, wenn die Schlange erkennbar nach Beute suche und der tote Nager auf Körpertemperatur erwärmt würde – auch und insbesondere bei Königspythons. Aus Sicht des Gerichts sei es deshalb nicht mit dem Tierschutzgesetz zu vereinbaren, lebende Wirbeltiere ohne Betäubung zu verfüttern, weil sie dabei vermeidbares Leid erleben. Aus der Entscheidungsbegründung zitiert:
Nach § 4 Abs. 1 Satz 1 TierSchG dürfen Wirbeltiere nur unter wirksamer Schmerzausschaltung (Betäubung) in einem Zustand der Wahrnehmungs- und Empfindungslosigkeit oder sonst, soweit nach den gegebenen Umständen zumutbar, nur unter Vermeidung von Schmerzen getötet werden. Auch für Futtertiere gilt mit Ausnahme von Notsituationen das Gebot der vorherigen Betäubung (vgl. Hirt/Maisack/Moritz, TierSchG, 3. Auflage, § 4 Rn. 9b). Dementsprechend erfüllt die Verfütterung lebender Wirbeltiere an andere Tiere häufig auch die Tatbestände der Straf- bzw. Ordnungswidrigkeit nach § 17 Nr. 2b bzw. § 18 Abs. 1 Nr. 5 TierSchG, denn die Beutetiere sind in den Behältnissen, in die sie eingesetzt werden, dem Zugriff hilflos ausgesetzt und erleben den Fütterungsakt bei vollem Bewusstsein und in völliger Ausweglosigkeit, während sie in der freien Natur zumindest die Chance haben, sich dem Fang durch Flucht oder Verbergen zu entziehen. Eine Rechtfertigung kann nur angenommen werden, wenn eine Fütterung mit frischtoten Beutetieren biologisch unmöglich ist (vgl. Hirt/Maisack/Moritz, TierSchG, 3. Auflage, 17 Rn. 80 m. w. N.).
Daraus ergibt sich, dass eine Verfütterung von Totfutter die erste Wahl sein sollte und Schlangen bzw. insbesondere Königspythons auf dieses umzustellen sind. Ebenso ergibt sich aus dem Urteil, dass insb. Königspythons, die Totfutter auch nach mehrmonatigen Umstellversuchen verweigern und deswegen beginnen zu leiden, ruhigen Gewissens mit lebenden Wirbeltieren gefüttert werden dürfen. Mit der Zulassung des streitgegenständlichen Bescheids nannte das Gericht aber ebenso wie das beklagte Veterinäramt die Einschränkung, dass ein Fütterungsversuch nur max. 10 Minuten unter Aufsicht dauern darf, damit der Futternager keiner dauerhaften Bedrohungssituation ausgesetzt wird.

Fazit:
Es ist wichtig anzumerken, dass das Verwaltungsgericht München nur über diesen Einzelfall entschieden hat. Das Urteil ist – entgegen der Freudenparolen der Tierrechts-Ideologen – nicht allgemeingültig, da es nicht von höchster Instanz kommt! Alle anderen Schlangenhalter dürfen auch in Zukunft grundsätzlich lebende Nager verfüttern. Problematisch wird es erst, wenn das zuständige Veterinäramt diese Praxis als tierschutzwidrig bewertet und ein solcher Streitfall vor Gericht landet. Es ist gut möglich, dass die Gerichte in vergleichbaren Einzelfällen ähnlich urteilen, wie das VG München. Trotzdem handelt es sich um kein Grundsatzurteil höchster Instanz zumal auch die Möglichkeit besteht, dass Gerichte zu abweichenden Urteilen gelangen. Das jeweils urteilende Gericht muss die §§ 1, 17 und 18 TierSchG (einem Tier darf kein vermeidbares Leid zugefügt werden) gegen den § 2 TierSchG (ein Tier muss seiner Art und seinen Bedürfnissen entsprechend angemessen ernährt werden) abwägen, daher sind unterschiedliche Ausgänge durchaus denkbar.

Das vorliegende Urteil bezog sich zudem nur auf die Haltung von Königspythons. Andere Schlangen- und Reptilienarten oder gar Vertreter anderer Tierklassen waren nicht Gegenstand des Verfahrens und müssten in nachfolgenden Urteilen separat bewertet werden. Insbesondere bei vielen Giftschlangen ist eine Umstellung auf Totfutter biologisch bedingt gar nicht möglich. Einer Lebendfütterung dieser Tiere hat das Urteil des Verwaltungsgerichts München eindeutig nichts entgegengesetzt. An dieser Stelle lohnt sich auch ein Verweis auf die „Mindestanforderungen an die Haltung von Reptilien“:
Schlangen sind ausnahmslos carnivor und leben meist räuberisch, d. h. sie jagen lebende Beutetiere. Häufig wird das Jagdverhalten erst durch deren Bewegungen ausgelöst. Im Terrarium gelingt es daher oft nicht, Schlangen an tote Futtertiere zu gewöhnen. In solchen Fällen gehört das Verfüttern lebender Beutetiere zu einer artgemäßen Schlangenhaltung. Dies gilt insbesondere für Giftschlangen, denn beim Tötungsbiß werden auch Enzyme injiziert, die für eine optimale Verdauung erforderlich sind.
Als Grundtenor der aktuellen Rechtssprechung lässt sich ableiten, dass ein Verfüttern von Frostfutter bzw. sachkundig frisch abgetöteten Nagern eine tierschutzrechtlich zweifelsfreie Methode ist, während bei der Lebendfütterung aufgrund der sich gegenüberstehenden Regelungen im Tierschutzgesetz Zweifel bestehen und daher einzelfallbezogene Umstände zu Streitfällen führen können. 


Wie tierschutzgerecht die Tötung bei den im Handel erhältlichen Frostnagern ist, bleibt diskutabel. Die Tötung erfolgt hierbei primär durch Vergasen mit Kohlendioxid (CO2), was derzeit zwar noch als tierschutzgerecht angesehen wird (auch gemäß des o.g. Merkblatts der TVT aus dem Jahr 2011), laut neuesten Studien bei Nagetieren allerdings erheblichen Stress und daher womöglich mehr Leid verursacht als die Tötung durch eine Schlange. Sowohl Würgeschlangen als auch Giftschlangen erlegen ihre Beute äußerst effektiv, was aus Expertensicht das möglichst geringe Leid für das Beutetier bedeutet, welches das TierSchG vorschreibt (sofern die Schlange hungrig ist und die Beute schnell erlegt wird, statt Stunden oder gar Tage im Terrarium zu verbleiben). Schließlich haben sich Schlangen die dafür notwendigen Kenntnisse in Millionen von Jahren der Evolution angeeignet. Trotzdem sind es die kleinen Privathalter, die Lebendfütterung regelmäßig nicht praktizieren sollen, wohingegen kommerziellen Zuchtbetrieben (und Laboratorien mit Nagetierhaltung zu Versuchszwecken) viele Zugeständnisse gemacht werden. Frostfutter ist tierschutzrechtlich somit zwar unbedenklich, moralisch aber auch nicht ganz unproblematisch. Auf der anderen Seite besteht das Risiko, dass durch Anhebung der Tierschutzstandards oder gar ein Verbot der CO2-Tötung die kommerziellen Futtertierzuchten ins Ausland abwandern, wo Tierschutzstandards womöglich sehr viel schlechter sind als bei uns in Deutschland.

Das Thema Lebendfütterung wird seit Jahrzehnten innerhalb der Terraristik-Szene heiß diskutiert. Plausible Argumente gibt es auf beiden Seiten. Ich persönlich bevorzuge das Verfüttern von Frostfutter, nicht etwa aus moralischen Beweggründen, sondern weil eine Futtertierzucht für mich schlichtweg nicht rentabel wäre und der Aufwand den Nutzen übersteigen würde. Aber diese Meinung ist gewiss nicht allgemeingültig. Solange es keine Grundsatzurteile gibt, ist es eine Entscheidung, die jeder Halter für sich (und seine Tiere) selber treffen muss: Möchte eine Schlange ihre Beute selbst erlegen? Wiegt das vermeidbare Leid von Futternagern höher als dieses Bedürfnis? Ist das Verfüttern von Aas überhaupt noch naturnah? Verfüttert man lebende Tiere aus verhaltensbiologischen Gründen oder weil man eine „coole Show“ erleben will? Sind die Futternager selbst artgerecht untergebracht oder spart man hierbei an der falschen Stelle?…

Mittwoch, 2. November 2016

Blaue Korallenschlange - Hoffnung für schmerzgeplagte Menschen

Die Blaue Korallenschlange (Calliophis bivirgata syn. Calliophis bivirgatus), welche im Deutschen auch als Blaue Bauchdrüsenotter bezeichnet wird, erbeutet bevorzugt andere Giftschlangen. Für dieses für sie nicht ungefährliche Unterfangen hat sie ein potentes Gift entwickelt, welches nicht nur ihre bevorzugten Beute möglichst schnell lähmt und tötet, sondern auch für den Menschen gefährlich ist. Wissenschaftler der University of Queensland haben das Gift dieser Schlange näher untersucht und kommen nach über 15 Jahren Forschung im Fachmagazin „Toxins“ zu dem Ergebnis, dass es für die medizinische Forschung interessant sein könnte, weil seine Wirkung eng mit dem Schmerzempfinden des Menschen in Zusammenhang steht.

Aus dem Gift der Blauen Korallenschlange sollen daher neue Schmerzmedikamente entwickelt werden, mit denen auch chronische Schmerzen (wie z.B. Migräne) bekämpft werden könnten. Vorteil der aus dem Gift gewonnen Schmerzmittel ist, dass sie im Gegensatz zu anderen Schmerzmitteln wie z.B. Opium nicht abhängig machen sollen. Die Forscher arbeiten nun an einer verbesserten Version des Giftes, welches schließlich für Medikamente eingesetzt werden soll. Des Weiteren sollen die Gifte verwandter Schlangenarten näher erforscht werden, in der Hoffnung ähnliche Vorteile für den Menschen zu entdecken.

Weil der natürliche Lebensraum der Blauen Korallenschlange in Südostasien u.a. für Ölpalmenplantagen im großen Ausmaß gerodet wird, könnte die Erkenntnis über die medizinische Relevanz leider zu spät kommen, um das Gift dieser vom Lebensraumverlust stark bedrohten Schlangenart effektiv für die medizinische Forschung nutzen zu können. Bis zu 80 Prozent des natürlichen Lebensraums sind bereits der massiven Abholzung zum Opfer gefallen. Umso wichtiger wäre die Schaffung einer stabilen Nachzuchtpopulation Blauer Korallenschlangen in menschlicher Obhut.

Literatur: 
YANG et al., The Snake with the Scorpion’s Sting: Novel Three-Finger Toxin Sodium Channel Activators from the Venom of the Long-Glanded Blue Coral Snake (Calliophis bivirgatus), Toxins (2016)