Mittwoch, 9. März 2016

Mindestanforderungen an die Haltung von Reptilien

Im heutigen Beitrag soll es um die rechtliche Einordnung der Mindesthaltungsrichtlinien für Reptilien gehen, weil diesbezüglich noch ein paar Halbwahrheiten kursieren. Sind die Richtlinien verpflichtend? Droht Ärger, wenn man von den Richtlinien abweicht? Diese und weitere Fragen werden hier beantwortet:

Was sind die Mindesthaltungsrichtlinien für Reptilien? 
Bei den „Mindestanforderungen an die Haltung von Reptilien“ handelt es sich um ein Gutachten, welches 1997 im Auftrag des damaligen Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) erstellt wurde und neben einer empfohlenen Mindestgröße für Terrarien auch Empfehlungen für die Terrariengestaltung, die Grund- und Sonnenplatztemperatur, die empfohlene bzw. mögliche Geschlechterzusammensetzung des Tierbesatzes, die Lebenserwartung (bei einigen Arten) sowie Besonderheiten (z.B. Nahrungsspezialisten) benennt. Die empfohlene minimale Terrarien- bzw. Gehehegröße wird im besagten Gutachten mit einer Formel errechnet, wobei die Kopf-Rumpflänge (z.B. bei Echsen), die Gesamtkörperlänge (bei Schlangen) bzw. die Panzerlänge (bei Schildkröten) für die Länge, Breite und ggf. Höhe um einen bestimmten Faktor multipliziert wird.
 
Für Bartagamen wird beispielsweise die Formel 5 x 4 x 3 (L x B x H) genannt. Zur Errechnung der minimalen Terrariengröße soll die Kopf-Rumpflänge (KRL = Länge des Tieres ohne Schwanz) mit den in der Formel genannten Zahlen multipliziert werden. Die Terrariengröße wird hierbei für die Haltung eines Pärchens empfohlen, wobei sich die Berechnung nach dem größten Tier richtet. Hat dieses Tier z.B. eine KRL von 23 cm, ergibt sich daraus eine minimale Terrariengröße von 115 cm x 92 cm x 69 cm (L x B x H). Diese Maße werden vom Gutachten als Minimum angesehen, größere Terrarien sind natürlich möglich und wünschenswert (wobei die Höhe vom Gutachten auf 200 cm beschränkt wird) und auch Abweichungen bei der Grundfläche werden vom Gutachten ausdrücklich ermöglicht. So heißt es in der Einleitung für die Angaben zu Echsen:
Die Maße der Grundfläche, bezogen auf die KRL, sind Empfehlungen, aber keine Festlegungen für die Flächengestaltung, die auch anders sinnvoll sein kann.
Die oben errechnete erforderliche Mindestfläche (10.580 cm²) kann somit auch in Terrarien mit anderen Maßen erreicht werden. Diese Abweichung sollte aber logischerweise nicht so extrem sein, dass es absurd wird: Ein „Terrarium“ mit einer Grundfläche von 11 m x 10 cm würde zwar rechnerisch die Grundfläche erfüllen, wäre für die Haltung aber trotzdem ungeeignet. Ein gängiges Terrarienmaß wäre aber z.B. 150 cm x 80 cm x 80 cm, welches die Vorgaben der Mindesthaltungsrichtlinien für die Haltung eines Bartagamenpärchens mit der o.g. KRL erfüllen würde.

Wie sind diese Haltungsanforderungen rechtlich einzuordnen?
Die rechtliche Grundlage für die Schaffung der Mindesthaltungsrichtlinien findet man im Tierschutzgesetz (TierSchG). Dort wird das Bundesministerium in § 2a ermächtigt, die Anforderungen an die Haltung von Tieren nach § 2 TierSchG näher zu bestimmen. Aufgrund dieser Ermächtigung hat das zuständige Bundesministerium die aus Tierschutzsicht nötigen Mindestanforderungen an die Haltung von Reptilien im besagten Gutachten zusammengefasst. Grundsätzlich handelt es sich dabei jedoch um kein Gesetz. Ein Verstoß gegen das Gutachten stellt zunächst einmal keinen Verstoß gegen das Tierschutzgesetz dar (außer die Tierhaltung ist so miserabel, dass direkt ein Verstoß gegen § 2 TierSchG vorliegt). Sinn des Gutachtens ist, Haltern und Behörden eine Richtlinie für die Haltung zu geben. Diese Richtlinien sind jedoch nicht rechtsverbindlich. Siehe dazu den Internetauftritt des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft:
Die Gutachten / Leitlinien sind zwar nicht rechtsverbindlich, sie unterstützen aber Tierhalter, zuständige Behörden und Gerichte bei der Entscheidung, ob eine Tierhaltung den Vorschriften des Gesetzes entspricht.
Fakt ist somit auch, dass sich ein Amtsveterinär, der eine Tierhaltung begutachtet (z.B. weil man eine gewerbsmäßige Zucht betreiben möchte), nach den Anforderungen des BMELV-Gutachtens richtet. Im Streitfall werden nach aktueller Rechtsprechung zumeist die Angaben des Gutachtens als erforderliches Mindestmaß angesehen (siehe z.B. Ist die Rackhaltung bei Königspython und anderen Reptilien erlaubt?). Die im Gutachten genannten Anforderungen bekommen demnach in jedem Einzelfall per Gerichtsbeschluss durchaus rechtsverbindlichen Charakter, weswegen es sinnvoll ist, sich am Gutachten zu orientieren!

Letztlich kommt es also auf die Situation an und an was für einen Amtstierarzt man gerät. Übereifrigen Amtsveterinäre, die jedes Gehege bis auf den letzten Zentimeter nachmessen und mit der im Gutachten genannten Formel berechnen, sollte man als Kenner des Gutachtens und sachkundiger Tierhalter aber durchaus freundlich auf manche Dinge hinweisen. Die Haltung von Jungtieren zur Aufzucht, von kranken (oder neuen) Tieren in Quarantäne oder von Tieren während einer Ruheperiode unter abweichenden Haltungsbedingungen wird vom Gutachten ermöglicht:
Für Quarantäne und Behandlung erkrankter Tiere sowie bei der Simulation von Ruhephasen und der Aufzucht von Jungtieren können besondere Haltungsbedingungen erforderlich sein.
Darüber hinaus findet man in der Einleitung des Gutachtens folgendes:
Das Gutachten soll und kann das Studium entsprechender Fachliteratur nicht ersetzen und ist als alleinige Quelle für den Erwerb von Wissen über die Reptilienhaltung nicht geeignet.
Weicht man bei seiner Tierhaltung von den im Gutachten genannten Anforderungen ab, weil man seine Haltung anhand der in der Fachliteratur genannten Angaben gestaltet, ist dies prinzipiell in Ordnung. Insbesondere dann, wenn die Fachliteratur aktuellere Erkenntnisse enthält. Denn laut Gutachten entsprechen die Angaben darin dem Erkenntnisstand von 1997. Sie sollten „in regelmäßigen Abständen auf ihre Aktualität überprüft und erforderlichenfalls überarbeitet werden“. Dies ist zwar derzeit in Planung, ist bisher aber nicht erfolgt, weswegen es nur logisch ist, wenn sich Halter guten Gewissens auf aktuelle Fachliteratur stützen, statt auf ein fast 20 Jahre altes Gutachten. Vor Behördenwillkür ist man damit aber leider trotzdem nicht sicher. Sollte sich ein besonders pingeliger Amtstierarzt bei einer Begehung nicht überzeugen lassen und auch ein offizielles Beschwerdeverfahren erfolglos sein, bleibt leider nur noch der Rechtsweg als Option.

Ist ein neues Gutachten geplant?
Derzeit läuft eine Studie des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (siehe "EXOPET-Studie" der Uni Leipzig - unbedingt mitmachen!). Die Ergebnisse sollen u.a. in die Schaffung eines aktuellen Gutachtens über die Haltungsanforderungen von Reptilien fließen. Es ist begrüßenswert, dass das Gutachten überarbeitet und auf den aktuellen Stand von Wissenschaft und Tierhaltung gebracht werden soll, weil manche der darin empfohlenen Terrariengrößen als Minimalgröße vollkommen überzogen sind und manche wiederum an Massentierhaltung grenzen. Es wäre auch wünschenswert, wenn die Anforderungen an die Haltung von Einzeltieren deutlich im Gutachten genannt und von der Haltung eines Pärchens abgegrenzt würden.

Über eine unverbindliche Richtlinie hinaus Mindestanforderungen per Gesetz als rechtsverbindlich festzulegen, wäre jedoch aus meiner Sicht kontraproduktiv. Denn eine Verbesserung des Tierschutzes wäre dies wahrscheinlich nicht. Tiere sind nun einmal lebende Materie und jedes Individuum ist anders, daher lassen sie sich kaum in eine allgemeingültige Form pressen. Manche Tiere können aufgrund ihres Alters oder aufgrund von Verletzungen nicht mehr gut klettern. Müsste man diesen Tieren dann trotzdem Klettermöglichkeiten bieten, weil rechtsverbindliche Anforderungen dies vorschreiben, würde das Tierwohl gefährdet. Ähnlich sieht es bei der Beleuchtung aus, wenn man bestimmte Farbzuchten hält, die auf intensives Licht womöglich mit Stress und somit Krankheit reagieren. Ein weiteres Beispiel wäre die Verpflichtung eines beheizten Wasserteils für z.B. Wasseragamen. Je nach Umgebungstemperatur kann ein solcher vorteilhaft sein oder bei den badenden Tieren eine Lungenentzündung verursachen. Es muss also immer auch Möglichkeiten geben, die Haltung den gegebenen Bedingungen frei anzupassen, so wie es das aktuell gültige Gutachten bereits ermöglicht.
 

Kommentare:

  1. Noch ein interessanter Funfact am Rande: Aquarianer haben in ihrem "Gutachten über Mindestanforderungen an die Haltung von Zierfischen (Süßwasser)" drinstehen, dass zur Zucht bzw. zur Zuchtvorbereitung abweichende Behältergrößen und Wasserwerte zulässig sind. Und da leidenschaftliche Aquarianer ja irgendwie auch Züchter sind / sein wollen, hat man bei der Haltung von Süßwasserfischen (zumindest in der Theorie) komplett freie Hand.

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  2. Zitat:....Ein weiteres Beispiel wäre die Verpflichtung eines beheizten Wasserteils für z.B. Wasseragamen. Je nach Umgebungstemperatur kann ein solcher vorteilhaft sein oder bei den badenden Tieren eine Lungenentzündung verursachen...Bitte umErklärung wie eine Lungenentzündung durch ein beheiztes Wasserbecken zu stande kommen kann!!! Eher umgekehrt,Oder???

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    1. Die Wassertemperatur sollte der Lufttemperatur direkt darüber entsprechen. Wenn ein Halter den Wasserteil erwärmt aber nicht auf die Lufttemperatur direkt darüber achtet (z.B. weil sich die Hauptwärmequellen in Form von Sonnenspots im oberen Bereich des Terrariums befinden), sitzen die Tiere in warmen Wasser, atmen aber kalte feuchte Luft ein. Dies kann auf Dauer zu Erkältung und Lungenentzündung führen.

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