Mittwoch, 22. Juni 2016

Schutzanträge der 17. CITES-Artenschutzkonferenz

Derzeit machen leider viele Halbwahrheiten über die geplanten Schutzanträge auf der 17. CITES-Artenschutzkonferenz die Runde, welche vom 24. September bis zum 5. Oktober in Johannesburg (Südafrika) stattfinden wird. Als Reaktion darauf soll an dieser Stelle noch einmal näher auf die geplanten Anträge eingegangen werden.
 

Bereits im April stellte die Europäische Union ihre eigenen Anträge bzw. die von ihr unterstützen Anträge vor. Konkret ging es dabei um folgende für die Terraristik relevanten Arten:
  • Baumschleichen der Gattung Abronia sollen in CITES-Anhang II aufgenommen werden. [Antrag von Mexiko und EU]
  • Der Psychedelische Gecko (Cnemaspis psychedelica) soll in CITES-Anhang I aufgenommen werden. [Antrag von Vietnam und EU]
  • Der Himmelblaue Zwergtaggecko (Lygodactylus williamsi) soll in CITES-Anhang I aufgenommen werden. [Antrag von Tansania und EU]
  • Der Masobe Großkopfgecko (Paroedura masobe) soll in CITES-Anhang II aufgenommen werden. [Antrag von Madagaskar und EU]
  • Die Krokodilschwanzechse (Shinisaurus crocodilurus) soll von CITES-Anhang II auf CITES-Anhang I hochgestuft werden. [Antrag von China, Vietnam und EU]
Manche Terrarianer sind nach wie vor der Auffassung, dass z.B. bei Lygodactylus williamsi bisher gar nicht klar sei, ob das Herkunftsland (Tansania) den Antrag überhaupt unterstützen wird. Schaut man sich besagten Antrag jedoch im Original an, wird deutlich, dass Tansania sehr wohl bereits als Antragssteller aufgeführt ist: CoP17 Prop. 30

Es handelt sich somit eindeutig um einen gemeinsamen Antrag von Herkunftsland und EU! Da Tansania ebenfalls die oberste Schutzkategorie im gemeinsamen Antrag mit der EU fordert, ist sehr stark davon auszugehen, dass dies auch so umgesetzt wird – mit allen damit verbunden Konsequenzen für die Erhaltungszuchten, welche ich in meinem Artikel „EU will Schutz bedrohter Arten verschärfen“ schon einmal detailliert erläutert habe.

Bei diesen Anträgen handelt es sich aber lediglich um die Anträge, bei denen die EU ihre Finger mit im Spiel hat. Darüber hinaus werden natürlich noch weitere CITES-Mitgliedsstaaten Anträge auf Änderungen innerhalb der CITES-Anhänge I und II stellen. Von folgenden Schutzanträgen aus dem Bereich der Herpetologie ist hierbei die Rede:
  • Das Spitzkrokodil (Crocodylus acutus) soll von CITES-Anhang I auf CITES-Anhang II herabgestuft werden. [Antrag von Kolumbien]
  • Die Null-Quote beim kommerziellen Handel mit dem Beulenkrokodil (Crocodylus moreletii), welches im CITES-Anhang II gelistet ist, soll für die mexikanische Population gestrichen werden. Damit wäre der internationale Handel beispielsweise mit Häuten dieser Art zumindest aus der mexikanischen Population wieder zu einem gewissen Ausmaß erlaubt. [Antrag von Mexiko]
  • Die Nutzung des Nilkrokodils (Crocodylus niloticus) im Rahmen des CITES-Anhangs II soll ebenfalls umfangreich angepasst werden. [Antrag von Madagaskar]
  • Das Leistenkrokodil (Crocodylus porosus) soll von CITES-Anhang I auf CITES-Anhang II herabgestuft werden. [Antrag von Malaysia]
  • Ergänzend zum Antrag von Mexiko und der EU, die gesamte Gattung Abronia in CITES-Anhang II aufzunehmen, sollen Abronia anzuetoi, Abronia campbelli, Abronia fimbriata, Abronia frosti und Abronia meledona in CITES-Anhang I und Abronia aurita, Abronia gaiophantasma, Abronia montecristoi, Abronia salvadorensis und Abronia vasconcelosii in CITES-Anhang II aufgenommen werden - letztere mir einer Null-Quote für den Export. [Antrag von Guatemala]
  • Die Chamäleon-Gattungen Rhampholeon und Rieppeleon sollen in CITES-Anhang II aufgenommen werden. [Zwei separate Anträge von Kenia bzw. den USA sowie einiger afrikanischer Staaten]
  • Die Familie Lanthanotidae soll in CITES-Anhang I aufgenommen werden. Betroffen wäre davon nur die einzige derzeit bekannte Art aus dieser Familie, der Borneo-Taubwaran (Lanthanotus borneensis). [Antrag von Malaysia]
  • Die Viper Atheris desaixi soll in CITES-Anhang II aufgenommen werden. [Antrag von Kenia]
  • Die Viper Bitis worthingtoni soll in CITES-Anhang II aufgenommen werden. [Antrag von Kenia]
  • Die Weichschildkröten Cyclanorbis elegans, Cyclanorbis senegalensis, Cycloderma aubryi, Cycloderma frenatum, Trionyx triunguis und Rafetus euphraticus sollen in CITES-Anhang II aufgenommen werden [Antrag der USA und einiger afrikanischer Staaten]
  • Der Tomatenfrosch (Dyscophus antongilii) soll von CITES-Anhang I auf CITES-Anhang II herabgestuft werden. [Antrag von Madagaskar]
  • Der Südliche Tomatenfrosch (Dyscophus guineti) sowie der Westliche Tomatenfrosch (Dyscophus insularis) sollen in CITES-Anhang II aufgenommen werden. [Antrag von Madagaskar]
  • Die Marmorkrötchen Scaphiophryne marmorata, Scaphiophryne boribory und Scaphiophryne spinosa sollen in CITES-Anhang II aufgenommen werden. [Antrag von Madagaskar]
  • Der Titicaca-Riesenfrosch (Telmatobius culeus) soll in CITES-Anhang I aufgenommen werden. [Antrag von Bolivien und Peru]
  • Der Hongkong-Warzenmolch (Paramesotriton hongkongensis) soll in CITES-Anhang II aufgenommen werden. [Antrag von China]
Eine vollständige Liste über die insgesamt 62 Anträge, welche die CITES-Anhänge I und II betreffen, findet man auf der offiziellen CITES-Website.

Auswirkungen für Halter?
Je nach Schutzkategorie würden auf Halter dieser Arten entsprechende Auflagen wie Meldepflicht und Buchführungspflicht (Anhang II) bzw. zusätzliche Kennzeichnungspflicht sowie Befreiung vom Vermarktungsverbot (Anhang I) zukommen. Entgegen der Befürchtung einiger Halter wäre jedoch nicht mit Beschlagnahmungen zu rechnen, sofern man direkt nach Beschluss des Schutzstatus reagiert und die jeweiligen Auflagen erfüllt! Außer man hält Exemplare aus nachweislich illegaler Herkunft.

Wenn eine Art zuvor keinem internationalen Schutzstatus unterlag, wurde sie bisher von uns auch vollkommen legal gehalten. Dies ist ein Umstand, den der Artenschutzverein Pro Wildlife e.V. (aus meiner Sicht nicht ganz unberechtigterweise) kritisiert, wenn es um Arten geht, die nur in ihrem Herkunftsland geschützt sind. Wird eine solche Art anschließend in einem CITES-Anhang gelistet, wird sie dadurch aber nicht automatisch illegal oder rückwirkend reglementiert! Reagiert man unverzüglich und kann nachweisen, dass man die Tiere schon vorher im Besitz hatte (z.B. durch Kaufbelege/-verträge oder durch eine schriftliche Erklärung), wird grundsätzlich der Bestandsschutz gewahrt. Die Nachzucht bleibt dann auch weiterhin erlaubt, nur muss für Nachzuchten im Falle einer Art des CITES-Anhangs I eine Befreiung vom Vermarktungsverbot beantragt werden, sofern man seine Nachzuchten nicht selbst behalten will. Dies gilt aber ohnehin für alle CITES I Arten und ist nicht exklusiv für Arten vorgesehen, die bisher keinem internationalen Schutzstatus unterlagen. Nur wenn sich Halter nicht an die Auflagen der jeweiligen Schutzkategorien halten, weil sie z.B. „versäumen“, ihre Bestände zeitnah anzumelden und damit zu legalisieren, handelt es sich rechtlich gesehen um illegal gehaltene Tiere, die von den Behörden beschlagnahmt werden können und mit denen dann auch nicht mehr gezüchtet werden darf.

Wenn man als Halter aufgrund von „Hörensagen“ und dubioser Panikmache die Befürchtung hat, dass die Tiere im Falle einer Anmeldung beschlagnahmt werden könnten und daher lieber auf eine Meldung verzichtet, handelt man illegal und gibt den Behörden dadurch erst die Möglichkeit, die Tiere tatsächlich zu beschlagnahmen!

Fazit:
Derzeit ist noch gar nicht klar, welche der o.g. Anträge tatsächlich umgesetzt und welche in dieser Form abgelehnt werden. Insbesondere bei den Arten bzw. Gattungen, zu denen unterschiedliche Anträge vorliegen, ist das Ergebnis noch vollkommen offen. Fakt ist, dass die 17. CITES-Artenschutzkonferenz Auswirkungen auf die Tierhaltung und die Erhaltungszuchten haben wird. In welcher Form, wird sich im Herbst zeigen.

Haltung und Nachzucht werden zwar wie erläutert auch in Zukunft erlaubt bleiben, nur ist sehr stark zu befürchten, dass die behördlichen Auflagen insbesondere bei den Arten des CITES-Anhangs I viele Halter und Züchter abschrecken und reihenweise Erhaltungszuchten zusammenbrechen werden, womit dem Artenschutz ein Bärendienst erwiesen würde. Die o.g. Arten sind nun mal keine in Massen für den gewerblichen Handel vermehrten Tierchen mit Haustierstatus, sondern eher Liebhabertiere, die (wie schon andere Arten zuvor) zukünftig wohl nur noch von vergleichsweise wenigen Züchtern erhalten werden. Dies ist aus Artenschutzsicht sehr bedauerlich. Andererseits ist es trotzdem ein Schritt in die richtige Richtung, wenn das massenhafte und in vielen Fällen nicht unbedingt nachhaltige Wegfangen für den Lebendtierhandel durch internationale Schutzvorschriften eingedämmt wird.

Donnerstag, 16. Juni 2016

Was sind eigentlich... Wildtiere?

Ein Versuch der Tierrechtsbewegung, die Heimtierhaltung in zwei Lager zu spalten und gegeneinander auszuspielen, bezieht sich auf die Domestikation. Verfechter des emotionalen Tierschutzgedankens (basierend auf der Parole „Artgerecht ist nur die Freiheit“) sind der Meinung, dass die Haltung von sogenannten „Wildtieren“ in menschlicher Obhut eine große Tierquälerei sei, weil diese Tiere schließlich nicht wie Hunde oder Katzen domestiziert sind.

Die Domestikation stellt doch aber wohl ein weitaus größeres Verbrechen an den Rechten von Tieren dar, als Tiere in einem künstlichen naturnahen Lebensraum zu pflegen, der ihre Bedürfnisse im vollen Umfang erfüllt und in dem sie sich nicht unfrei fühlen. Jeder Hund und jede Hauskatze existiert nur deswegen, weil Menschen einmal Wildtiere gefangen und ihren eigenen Bedürfnissen angepasst haben. Nicht etwa die Haltungsbedingungen wurden so gestaltet, dass die Tiere ihrer Art gerecht untergebracht waren (= artgerechte Tierhaltung), sondern Wildtiere wurden selektiv gezüchtet, um dem Menschen als Werkzeug zu dienen. Es wurden Rassen mit gewünschten Eigenschaften gezüchtet, was zu schlimmen Qualzuchten geführt hat. Im Gegensatz dazu sind bei der sogenannten „Wildtierhaltung“ derartige Vorgänge wie z.B. Hybridisierung regelrecht verpönt (was natürlich leider nicht heißt, dass sie nicht vorkommen). Der Großteil der sogenannten „Wildtierhalter“ möchte Tiere so halten und erhalten, wie die Natur sie hervorgebracht hat. Wir wollen gar nicht, dass die Tiere in unserer Obhut domestiziert (also durch Zucht unseren Wünschen angepasst) werden, weil wir sie zu sehr respektieren und nicht wollen, dass sie dasselbe Schicksal erleiden müssen, wie Hunde, Katzen oder andere „domestizierte“ Tiere zuvor.

Darüber hinaus stellt sich die Frage, ab welchem Zeitpunkt ein Wildtier eigentlich domestiziert ist? Der Vorgang der Domestikation einer Spezies lässt sich mit dem folgenden Schema abstufen: Wildheit → Eingewöhnung → Zähmung → Domestikation. Während Wildtiere von ihrer Art her wild sind und nach einer Eingewöhnung zu einem Zustand der Zahmheit gelangen, ist eine domestizierte Spezies aufgrund der mehrere Generationen andauernden Selektionszucht bereits im vollen Umfang an den Menschen gewöhnt und hat jede Form von Wildheit genetisch abgelegt. Doch bevor man nun Wildtiere von den domestizierten Haustieren abzutrennen versucht, muss überprüft werden, ob der letzte Schritt zur vollständigen Domestikation bei den etablierten Heim- und Nutztieren überhaupt vollzogen wurde:

Katzen beispielsweise haben instinktiv einen Drang nach Freiheit und werden deswegen häufig als sog. „Freigängerkatzen“ gehalten. Bekommt eine Wohnungskatze erst einmal Freilauf, ist sie in aller Regel nicht mehr davon abzubringen. Verweigert man einem solchen Stubentiger den Freigang, wird dieser wild, beschädigt die Wohnungseinrichtung oder richtet seine Frustration mitunter sogar gegen den Menschen. Außerdem zeigen die meisten Hauskatzen ein gesundheitliches Unwohlsein erst sehr spät, wodurch sie sich nicht von Wildtieren unterscheiden. Und verwilderte Hauskatzen vergessen ihre angebliche „Domestikation“ schon ab der ersten in freier Natur aufgewachsenen Generation. Wäre die Domestikation der Hauskatze bereits im vollen Umfang abgeschlossen, würden sich diese Tiere in den beschriebenen Situationen nicht wie Wildtiere verhalten.

Bei Hunden verhält es sich ähnlich. Hunde werden von Geburt an an den Menschen gewöhnt und durch ein intensives Training sozialisiert. Vernachlässigen Halter dieses Training in den ersten entscheidenden Lebenswochen, verhält sich ein Hund dem Menschen gegenüber später mitunter wie ein Wildtier ängstlich oder aggressiv. Somit kann man auch nicht von einer abgeschlossenen Domestikation des Hundes sprechen, weil die Gewöhnung an den Menschen offenbar doch noch nicht vollständig genetisch festgelegt ist, sondern erst durch Training und Eingewöhnung (= Zähmung) des einzelnen Individuums angeeignet werden muss. Sie stehen zwar sicherlich auf der Leiter zur Domestikation einige Stufen über dem Wolf, das Ende der Leiter wurde aber noch nicht erreicht.

Gleiches beobachtet man bei diversen Reptilien, Amphibien, Fischen und sogar Wirbellosen, die mit der Zeit lernen, ihren Pfleger zu erkennen und diesen nicht mehr als Bedrohung wahrnehmen, sondern als positives Ereignis (Futterspender). Der einzige Unterschied zu Hunden besteht darin, dass diese Tierklassen eher nicht sozial leben, während Hunde als hochentwickelte soziale Säugetiere den Menschen durchaus als einen Sozialpartner (Ersatzartgenossen und ranghöheres Rudelmitglied) akzeptieren und dadurch eine engere soziale Bindung zum Menschen aufbauen können. Das macht die Haltung von Hunden allerdings nicht zwangsläufig unproblematischer als die Haltung von Reptilien oder anderen Heimtieren.

Millionen Jahre Wildtierevolution lassen sich halt nicht einfach so mit 30.000 Jahren Domestikation abtrainieren. Da die Domestikation bei keinem Tier vollständig abgeschlossen ist, fällt eine Abgrenzung der verschiedenen Heimtiere anhand dieses Kriteriums somit schwer. Aus meiner Sicht sollten lediglich freilebende bzw. direkt aus der Natur entnommene Tiere als Wildtiere bezeichnet werden. Ansonsten sollte von Zuchttieren die Rede sein.

Worin unterscheiden sich Zuchttiere von Wildtieren?
Bei vielen Reptilien lassen sich große Unterschiede zwischen dem Verhalten von Wildtieren und Zuchttieren feststellen, obwohl es letztlich immer auf das jeweilige Tier ankommt. Ich habe schon Zuchttiere erlebt, die sich dem Menschen gegenüber wie Wildtiere verhalten haben und Wildtiere, die keinerlei Scheu vor dem Menschen hatten (bei Hunden waren es wohl diese „Freaks“, die gefangen und domestiziert wurden). Allgemein lässt sich jedoch erkennen, dass sich insbesondere ältere Wildtiere nur mit aufwendiger Führsorge an eine Haltung in menschlicher Obhut gewöhnen. Wildtiere verbinden den Anblick eines Menschen mit Gefahr, weil sie in einer Umgebung aufgewachsen sind, in der das Erscheinen eines großen Säugetieres tatsächlich eine Bedrohung für Leib und Leben darstellt und weil sie nicht durch positive Erlebnisse ihre instinktive Scheu ablegen konnten (Ausnahmen bestätigen die Regel). Mit dem eingeschränkten Platzbedarf im Terrarium kommen viele Wildtiere nur schwer zurecht, weil sie es gewohnt sind, ihre Bedürfnisse mit einem größeren Platzbedarf erfüllen zu müssen. Reptilien sind nun mal Gewohnheitstiere. Das zeigt aber auch, dass sich Zuchttiere an den Menschen gewöhnen und an die Terrarienhaltung anpassen. Für sie ist ihr Terrarium ein sicheres Territorium. Sie fühlen sich nicht gefangen, sondern als Grundbesitzer mit dem Menschen als Personal, zu dem sie sogar Kontakt suchen, um z.B. Futter einzufordern, statt - wie ihre wilden Artgenossen - panisch vor ihm zu flüchten.

2012 veröffentlichten RICHTER et al. einen Artikel  im Deutschen Tierärzteblatt zum Thema „Wildtierschutz“, in dem das Argument der Domestikation gegen die Wildtierhaltung ebenfalls entkräftet wurde.

Mehr zum Thema:

Was sind eigentlich... Exoten?

Als „Exoten“ werden zumeist Arten bezeichnet, die hier bei uns nicht heimisch sind. Diese Definition wird ohne zu hinterfragen einfach akzeptiert. Doch was heißt eigentlich „hier bei uns“? Wo wird dabei die Grenze gezogen? Manche Arten sind zwar in Deutschland oder auch in mehreren EU-Ländern heimisch, doch handelt es sich bei näherer Betrachtung häufig um unterschiedliche Populationen derselben Art, die sich den unterschiedlichen Bedingungen vor Ort auch unterschiedlich angepasst haben (z.B. durch ein spezialisiertes Immunsystem, unterschiedliche Färbungen oder unterschiedliche Verhaltensweisen). Selbst in Deutschland lassen sich verschiedene Lokalpopulationen derselben Spezies feststellen. Vermischungen können gravierende Folgen für die jeweiligen Populationen haben. Ein Exemplar einer einheimischen Art aus einer fremden Population ist vom Standpunkt einer lokalen Population aus betrachtet also nicht heimisch, sondern fremd und somit gewissermaßen „exotisch“.

Wo soll die Grenze also gezogen werden, wenn man von „Exoten“ spricht? An der Landesgrenze von Deutschland? An der Grenze eines Bundeslandes oder doch lieber an der Grenze zur EU? Zieht man die Grenze zwischen Exot“ und Nicht-Exotklimatisch oder geographisch z.B. bei der Frage, ob eine Art nur mit Hilfe des Menschen über den Luft- bzw. Wasserweg zu uns gelangen oder ob sie auf eigene Faust einreisen kann? Objektiv lässt sich das schlicht und ergreifend nicht beantworten! Tierrechtler sind allerdings selten objektiv und ziehen die besagte Grenze ganz willkürlich dort, wo es am besten mit der eigenen Ideologie zusammenpasst.

Tierrechtsorganisationen verwenden daher gerne das Label „Exot“, um fremdartige Heimtiere wie z.B. Reptilien von populäreren Heimtieren wie z.B. Hunden oder Katzen abzugrenzen. Dabei liegt der Ursprung der Domestikation des Haushundes je nach Forschungsarbeit entweder in Europa oder in Asien. Ob es sich bei Canis lupus familiaris also um eine europäische oder eine exotische Art handelt, ist mehr als fraglich. Hauskatzen stammen dagegen nachweislich von der Afrikanischen Falbkatze ab und sind demnach keine eindeutig Exoten. Das mögen Tierrechtsvereine in ihrem unwissenschaftlichen Populismus natürlich nicht wahrhaben, denn dann müssten sie ihre einseitigen Verbotsforderungen ja plötzlich auf ihre eigene Klientel der Hundekuschler und Tiervermenschlicher ausweiten. Man kann mit der Bezeichnung „exotisch“ keine wissenschaftlich fundierte Abgrenzung bestimmter Tierarten voneinander erreichen, weil die Grenzen fließend sind.

Mehr zum Thema:

Freitag, 10. Juni 2016

Gesinnungspolitik, Lügen und andere Plagen

Inzwischen wurde das Sitzungsprotokoll der gestrigen 176. Bundestagssitzung veröffentlicht, in welchem die Reden der Abgeordneten zum Antrag der Bundesregierungsfraktionen für die Verbesserung des Wildtierschutzes zu Protokoll gegeben wurden: Stenografischer Bericht - 176. Sitzung 

Zu Beginn stellt Gitta Connemann (CDU/CSU) klar, dass jeden Tag Wildtiere aus ihrem natürlichen Lebensraum gerissen werden und Transport sowie Handel nur mit Mühe überleben, um dann bei nicht informierten Haltern zu landen und dort ein tristes Dasein als „Spielzeug“ fristen, bis sie irgendwann ausgesetzt werden und einen grausamen Tod sterben. Nach einem Hinweis auf die sinnvollen Verbesserungen des Tierschutzgesetzes und die derzeit laufende Exopet-Studie, kritisiert Frau Connemann die Tierbörsen für Reptilien mit ihrem „Flohmarkt-Charakter“. Dabei denke sie ausdrücklich nicht an Kaninchen- oder Taubenbörsen, sondern an Reptilienbörsen und ähnliches. Daher fordert sie im Namen ihrer Fraktion, dass die Möglichkeit für ein Verbot von exotischen Tieren auf gewerblichen Tierbörsen überprüft wird.

Uff... zunächst würde mich mal brennend interessieren, wie oft die gute Frau in ihrem Leben schon mal Reptilienbörsen und andere Tierbörsen besucht hat. Worin unterscheidet sich die kurzzeitige Unterbringung eines Reptils in einer kleinen Transport- und Verkaufsbox von der Unterbringung eines Kaninchens oder einer Taube in vergleichbaren Behältnissen auf einer Tierbörse? Die angebliche „Domestikation“ kann nicht der Grund sein, denn Kaninchen und Tauben bleiben Fluchttiere, die einen weitaus größeren Raum zum Leben benötigen und für die die Besuchermassen auf einer Börse einen großen Stress darstellen. Sie unterscheiden sich in diesem Punkt in keiner Weise von den größtenteils nachgezüchteten und an den Menschen gewöhnten Reptilien, die auf Reptilienbörsen angeboten werden. Hier mit zweierlei Maß zu Messen, ist ein Schlag in die Fresse für den differenzierten Tierschutz und zeugt von Gesinnungspolitik! 


Dr. Klaus-Peter Schulze (CDU/CSU) nennt in seiner Rede die bereits gestern von mir in meinem Artikel zum Antrag der Bundesregierungsfraktionen kritisierten veralteten Importzahlen in Höhe von bis zu über 800.000 importieren lebenden Reptilien. Wie gesagt, das war einmal: Bei 92 Prozent des legalen Reptilienhandels handelt es sich um Nachzuchten! Dr. Schulze ist außerdem der Meinung, dass bis zu 50 Prozent der Tiere während des Transports sterben. Woher diese Zahl stammt, bleibt fraglich. Unabhängige Studien aus den Jahren 1994 und 1996 kamen auf eine Transportmortalität beim Import von Reptilien in Höhe von 1,97 bis 3,88 Prozent. Das sind zwar ebenfalls veraltete Zahlen, aber aktuelle repräsentative Studien über die Transportmortalität beim Reptilienimport liegen derzeit ganz einfach nicht vor. Repräsentative Zahlen sind aber natürlich auch sehr hinderlich, wenn man die Situation dramatisieren möchte. Vor allem ist mir nicht klar, was diese Zahlen, die im Rahmen des legalen Wildtierhandels ermittelt wurden, nun genau mit dem illegalen Wildtierhandel zu tun haben, gegen den die Bundesregierungsfraktionen vorgehen wollen.

Dr. Schulze beschreibt in seiner Rede, dass nicht nur die Herkunftsländer mit Problemen wie Artenschwund zu kämpfen haben, sondern dass die importieren Lebendtiere auch hierzulande als invasive Arten und Überträger von Krankheiten wie Salmonellen oder Salamanderpilz Probleme verursachen können. Dies ist zwar richtig, aber auch kein exklusives Exotenphänomen (man denke nur an die Straßenhunde aus dem Mittelmeerraum, die von sog.
Tierrettern nach Deutschland gebracht werden und die diverse Krankheiten wie Leishmaniose einschleppen). Importstopps in berechtigten Einzelfallsituationen, wie derzeit z.B. aufgrund des Salamanderpilzes, wären durchaus berechtigt.

Lustig wird es am Ende seiner Rede, wo es wörtlich heißt:
In aktuellen Diskussionen wurde darauf hingewiesen, dass die in dem Antrag vermerkten Definitionen von Haus- und Wildtieren in ihrer Formulierung noch genauer sein könnten.
Die Fraktionen haben also selbst gemerkt, dass sie mit ihrer im Antrag veröffentlichen Definition plötzlich Arten wie Wellensittich, Honigbiene und Frettchen als Wildtiere deklariert haben. Hoppla! Das wird man also bestimmt noch korrigieren, bevor die netten Omis mit ihren „Hansis“ im Vogelknast aufwachen und ihre Gehstöcke schwingen.

Christina Jantz-Herrmann (SPD) nennt zu Beginn ihrer Rede diverse Schlagzeilen, die angeblich den Handlungsbedarf beim Thema Wildtierschutz verdeutlichen. Tägliche Schlagzeilen wie „Katze verursacht schweren Unfall“, „Entlaufener Hund beisst Mädchen ins Gesicht“ oder „Auto rast in zwei Ponys“ scheint die gute Frau offenbar zu überlesen. Gut, die kommen ja auch eher selten in den Publikationen von Exotenhaltungsgegnern vor, nach denen Frau Jantz-Herrmann offenbar ihre Meinung bildet. So spricht sie von überforderten Tierheimen, die aufgrund von exotischen Arten an den Rand ihrer Aufnahmekapazitäten geraten. Das ist bemerkenswert, wo doch im Durchschnitt nur ca. 2 Prozent der Arten in Tierheimen sogenannte „Exoten“ sind. Für die meisten Tierheime spielen Exoten schlicht und ergreifend gar keine Rolle. Aber das erfährt man natürlich nicht, wenn man nur Einzelfälle von in den Medien jammernden Tierheimen betrachtet oder auf dubiose Hochrechnungen des Deutschen Tierschutzbundes vertraut.

Frau Jantz-Herrmann nennt in ihrer Rede drei entscheidende Punkte der Thematik, geht aber - wie sollte es auch anders sein - näher auf den Punkt „private Wildtierhaltung“ ein, indem sie im Prinzip die Punkte aus dem Antrag der Regierungsfraktionen darstellt, die ich gestern in meinem Beitrag dazu schon kommentiert habe.

Birgit Menz (Die Linke) nennt ebenfalls die veralteten Importzahlen, jedoch kann man ihr keine unglückliche Formulierung unterstellen. Ich zitiere:
Laut Statistischem Bundesamt werden beispielsweise zwischen 440.000 und 840.000 lebende Reptilien pro Jahr nach Deutschland eingeführt – Tendenz steigend!
Dies ist eine glatte Lüge! Die Tendenz ist ganz und gar nicht steigend, sondern seit Jahren stark rückläufig! Das geht eindeutig aus den (unabhängigen) Zahlen des Statistischen Bundeamtes hervor! Damit disqualifiziert sich die Dame auf ganzer Linien, weswegen ich auf den restlichen *räusper* „Inhalt“ ihrer Rede auch nicht näher eingehen werde. Bringt eh nichts.

Steffi Lemke (Bündnis 90/Die Grünen) kritisiert, dass die Regierungsfraktionen einen eigenen Antrag zum Wildtierschutz eingebracht haben, statt auf den Antrag der Grünen zu reagieren, der Bestandteil des öffentlichen Fachgesprächs gewesen ist. Sie bezeichnet den Antrag als „Riesenenttäuschung“, weil die Ziele aus dem Koalitionsvertrag nicht umgesetzt wurden, sondern stattdessen erst im Rahmen einer langfristig ausgelegten Studie die Bedingungen der Wildtierhaltung in Erfahrung gebracht werden, an der keine Tier- und Naturschutzorganisationen beteiligt sind und mit der die Umsetzung des Koalitionsvertrags ausgebremst wird.

Zum Abschluss schildert Rita Schwarzelühr-Sutter (BMUB) auf eine durchaus sehr differenzierte Art und Weise ihren Standpunkt. So sollen Naturentnahmen nur noch dann erfolgen, wenn diese nachhaltig sind. Dafür hält sie eine intensivere Nutzung der CITES Anhänge II und III für sinnvoll. Naturschutzbehörden und Zoll sollen weiterhin geschult werden, damit Wildfänge von Nachzuchten unterschieden werden können. Der illegale Artenhandel im Internet soll ebenfalls mit Schulungen und Zusammenarbeit mit Internet-Plattformen erschwert werden.

Fazit:
Es fällt auf, dass im neuen Antrag der Bundesregierungsfraktionen sowie in den Reden der einzelnen Abgeordneten zu diesem Antrag primär auf den Lebendtierhandel eingegangen wird. Frau Altherr von Pro Wildlife e.V. wird es sicherlich freuen, dass ihre Aussagen im öffentlichen Fachgespräch vergangene Woche teilweise wortwörtlich übernommen wurden. Der Handel mit Trophäen wie Elfenbein, welcher im Fachgespräch ebenfalls einen hohen Stellenwert einnahm, findet in den aktuellen Dokumenten kaum noch Beachtung. Einzig Frau Lemke von den Grünen geht in ihrer Rede auf diese Thematik näher ein. Der Lebendtierhandel ist und bleibt offenbar ein persönliches Anliegen der beteiligten Politiker. Im gleichen Maße scheinen die Aussagen seitens BfN, CITES-Sekretariat und WWF Deutschland irgendwie untergegangen zu sein. Es wird deutlich, dass sich sowohl die CDU/CSU Fraktion als auch die SPD gegenseitige Zugeständnisse machen, denen weder radikale Tierrechtler noch wir betroffenen Tierhalter etwas abgewinnen können. Das Ergebnis ist nichts Halbes und nichts Ganzes und zeigt mir, dass die GroKo gescheitert ist und sich die Regierungsparteien gegenseitig lähmen.

Einzig von Seiten des BMUB dringen noch Töne durch, die auf eine differenzierte Regelung mit Augenmaß hoffen lassen, die zwar den Tier- und Artenschutz verbessern, Tierhalter und gewerbliche Züchter jedoch nicht in die Illegalität drängen.


Donnerstag, 9. Juni 2016

Bundesregierung will Wildtierschutz verbessern

Heute fand in Berlin die 176. Sitzung des Deutschen Bundestages statt. Die Bundesregierung bestehend aus CDU/CSU und SPD hat nach dem öffentlichen Fachgespräch vergangene Woche inzwischen einen eigenen Antrag zum Thema Wildtierschutz und -handel an den Bundestag gestellt (Drucksache 18/8707): Wildtierschutz weiter verbessern – Illegalen Wildtierhandel bekämpfen 
 
Dieser Antrag wurde heute im Bundestag beraten. Allerdings fand keine Aussprache im Plenum statt, sondern die Reden der Abgeordneten wurden zu Protokoll gegeben und werden erst im Anschluss an die Plenarsitzung veröffentlicht. Ich bin sehr auf die einzelnen Aussagen der Abgeordneten zu diesem Antrag gespannt. Darauf werde ich dann in einem nachfolgenden Artikel näher eingehen. An dieser Stelle werfen wir zunächst einmal einen Blick auf den Antrag der Bundesregierung.

Zu Beginn werden erneut falsche bzw. veraltete Zahlen zu den Importen von Wildtieren genannt:
Seit Jahren wird auch eine beträchtliche Zahl an Wildfängen (Naturentnahmen) für die Privathaltung nach Deutschland legal importiert. [...] Zwischen 2003 und 2013 wurden jährlich zwischen 320.000 und über 800.000 lebende Reptilien nach Deutschland eingeführt.
Es hat zwar schon einen langen Bart, aber scheinbar ist die Realität immer noch nicht bei unseren Politikern angekommen. Daher muss auch hier erneut korrigiert werden, dass zwar innerhalb von 10 Jahren zwischenzeitlich tatsächlich eine Spitze bei den Importzahlen in Höhe von ca. 840.000 lebenden Reptilien ermittelt wurde, diese Zahl jedoch seit 2008 stark rückläufig ist und sich mehr als halbiert hat. Die genannten Zahlen im Antrag erwecken den Eindruck, als würden die Importe ansteigen. Dies entspricht jedoch nicht der Wahrheit! Darüber hinaus handelt es sich bei etwa zwei Dritteln der Importe von geschützten Reptilienarten um Nachzuchttiere aus Menschenhand und nicht um Wildfänge! Mehr Infos zu den Vertriebswegen in der „Exotenhaltung“.

Es ist unverantwortlich, dass der Lebendtierimport mit veralteten Zahlen und undifferenzierten Darstellungen dermaßen dramatisiert wird, obwohl selbst die SPD Verden eine Pressemeldung zum ersten SPD-Wildtiersymposium korrigierte, nachdem ich auf die veralteten Importzahlen hinwies!

Gefahrtierhaltung
Die Bundesregierung kritisiert in ihrem Antrag, dass es keine einheitliche Regelung für die Haltung von potentiell gefährlichen (Wild)Tieren gibt und dass bisher nicht einmal einheitlich definiert wurde, was ein potentiell gefährliches Tier ist. Dem ist soweit zuzustimmen. Eine mögliche Lösung, auf die die Bundesregierung scheinbar noch nicht gekommen ist, wäre die Schaffung eines „Musterentwurfs eines einheitlichen Gefahrtiergesetzes“, wie wir es vom Polizeirecht kennen und nach dem sich die jeweiligen Bundesländer richten könnten, um - wie beim Polizeirecht - eine möglichst einheitliche Regelung zu schaffen. Die Haltung von Gifttieren könnte darüber hinaus bundeseinheitlich über das Chemikaliengesetz geregelt werden.

Wildtierimporte
In ihren Antrag fordert die Bundesregierung, dass die im Januar 2015 in Kraft getretene EU-Verordnung über invasive gebietsfremde Arten in nationales Recht umgesetzt werden soll. Besagte Verordnung hat aktuell für uns Halter wenig Relevanz, weil noch gar nicht abschließend geklärt ist, bei welchen Tierarten die darin verankerten Haltungs-, Handels- und Nachzuchtverbote greifen werden. Derzeit wird eine Liste mit invasiven gebietsfremden Arten von unionsweiter Bedeutung (Unionsliste) erstellt, auf welche die Verordnung anzuwenden ist. Sobald diese Liste vorliegt, werde ich berichten.

Des Weiteren soll der Import von Nachzuchten und Farmzuchten strenger überprüft werden, um die Umetikettierung von (illegalen) Naturentnahmen aufdecken zu können. Außerdem soll sich Deutschland auf EU-Ebene stärker dafür einsetzen, eine Art „EU Lacey Act“ zu beschließen, mit dem der Import von Tieren ind die EU verboten werden soll, welche nicht aus ihrem Herkunftsland exportiert werden dürfen, jedoch keinem internationalen Schutzstatus unterliegen. Dass sich Deutschland und die EU im Rahmen des Washingtoner Artenschutzübereinkommens außerdem dafür einsetzen, den Schutzstatus einiger Arten zu verschärfen, ist bereits bekannt.

Generelle Importverbote sollten somit offiziell vom Tisch sein. Die Ansätze der Bundesregierung sind soweit nicht zu kritisieren, solange Ausnahmen auch in Zukunft möglich sein werden. Ich bin selbst der Meinung, dass nicht jeder Depp eine womöglich bedrohte Art als Wildfang problemlos hierzulande erwerben und als Ausstellungsstück im Wohnzimmer halten sollte. Andererseits müssen Importe insbesondere von Nachzuchten dieser Arten und unter gewissen Umständen auch von Wildfängen mit den entsprechenden Genehmigungen auch in Zukunft möglich sein, um beispielsweise die Erhaltungszuchten in zoologischen Gärten aber auch bei engagierten Privatleuten aufzustocken.

Tierbörsen & Internethandel
Laut Antrag der Regierungsfraktionen soll ein Verkaufsverbot für exotische Tiere auf gewerblichen Tierbörsen geprüft werden. Die Leitlinien für die Durchführung von Tierbörsen sollen ebenfalls geprüft, überarbeitet und in gerichtsfeste Form überführt werden. Darüber hinaus sollen die Bundesländer die Kontrollen von Tierbörsen intensivieren. Nicht zuletzt plant die Bundesregierung, den Internethandel mit Wildtieren zu reglementieren.

Mehr Kontrollen der Einhaltung von Leitlinien sind begrüßenswert. Die geforderten Verkaufsverbote auf gewerblichen Börsen sind aus meiner Sicht jedoch nicht mit dem Grundgesetz zu vereinbaren. Hier bin ich sehr gespannt, was die Prüfung der Möglichkeiten ergeben wird. Eine Reglementierung des Internethandels wird auf lange Sicht wohl Wunschdenken bleiben. Eine Zertifizierung von seriösen Händlern wäre zwar denkbar, würde andere Anbieter aber nicht vom Markt verdrängen.

Wildtierhaltung
Die Bundesregierung fordert in ihrem Antrag eine Aktualisierung der Gutachten über die Mindestanforderungen an die Haltung von Reptilien, Zierfischen, Kleinvögeln, Papageien, Greifvögeln und Straußenvögeln. Ich kann nur für den Bereich der Terraristik sprechen und bin der Meinung, dass eine Aktualisierung tatsächlich sinnvoll ist. Ebenso sollte ein ähnliches Gutachten für die Haltung von Amphibien in Zusammenarbeit mit den entsprechenden Arbeitsgruppen der Tierhalterfachverbände geschaffen werden, die teilweise bereits unverbindliche Haltungsrichtlinien entwickelt haben.

Lobenswert ist, dass darüber nachgedacht wird, in welcher Form private Tierhalter einen Sachkundenachweis für die Haltung von Wildtieren zu erbringen haben. Daran ist lediglich zu kritisieren, dass dies nur für die Haltung von sogenannten
„Wildtieren“ gefordert wird. Aus Tierschutzsicht wäre ein Sachkundenachweis für alle Tierhalter sinnvoll!

Bemerkenswert ist, dass die Bundesregierung in ihrem Antrag deutlich definiert, was sie unter dem Begriff „Wildtier“ versteht:
Im Sinne dieses Antrages sind

a. Haustiere:
domestizierte Tiere der Pferde-, Rinder-, Schweine-, Schaf- und Ziegengattung, ausgenommen der exotischen Arten (Arten, die weder heimisch noch domestiziert sind); domestizierte Yaks und Wasserbüffel; Lamas und Alpakas; Hauskaninchen, Meerschweinchen, Farbratten, Farbmäuse, Haushunde und Hauskatzen; Haustauben sowie Hausgeflügel wie Haushühner, Puten, Perlhühner, Hausgänse und Hausenten; domestizierte Fische;

b. Wildtiere:
Wirbeltiere, außer den Haustieren, sowie alle Gliederfüßer (Arthropoda) und Weichtiere (Mollusca) sowie Hybride aus Wild- und Haustieren
Neben allen für die Terraristik relevanten Reptilien, Amphibien und Wirbellosen sind jetzt also auch Wellensittiche und Kanarienvögel sowie Honigbienen und Frettchen keine Haustiere, sondern Wildtiere gemäß Definition der Bundesregierung. Das wird die Imker, Frettchenhalter und Vogelfreunde dieses Landes sicherlich ein wenig überraschen.
 
 

Donnerstag, 2. Juni 2016

Fachgespräch des Umweltausschusses: Wilderei „biblischen Ausmaßes“

Gestern fand in Berlin ein öffentliches Fachgespräch des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit zum Thema „Wildtierhandel“ statt. Gegenstand der Diskussion waren ein Antrag der Bundestagsfraktion von Bündnis90/Die Grünen an die Bundesregierung (Wilderei und illegalen Artenhandel stoppen), in dem neben Positivlisten für die Tierhaltung auch Verbote von gewerblichen Wildtierbörsen gefordert werden, sowie der Aktionsplan der EU zur Bekämpfung des illegalen Artenhandels. 

Vier Sachverständige waren geladen und nahmen Stellung zur Thematik:

Prof. Dr. Dietrich Jelden, Direktor des Bundesamtes für Naturschutz (BfN), schilderte, dass vor 30 Jahren vor allem Armut der Grund für Wilderei war, während heutzutage das organisierte Verbrechen illegalen Artenhandel betreibt und die Wilderei inzwischen „biblische Ausmaße“ angenommen habe. Der EU-Aktionsplan ist aus Sicht des BfN gelungen, für die Umsetzung müssten die Behörden jedoch finanziell und personell gestärkt werden.

Der Generalsekretär der CITES-Sekretariats John E. Scanlon bestätigte, dass Wilderei und illegaler Artenhandel heutzutage vor allem von kriminellen Gangs betrieben wird. Für den Vollzug von Gegenmaßnahmen muss eng mit den Menschen vor Ort zusammengearbeitet werden. Außerdem muss die Nachfrage verringert werden, indem die Strafen für illegalen Artenhandel verschärft werden. Aus seiner Sicht hat das Washingtoner Artenschutzübereinkommen mit seinen drei Schutzkategorien viel Macht, um gegen Wilderei und illegalen Handel vorzugehen. Er betonte, dass ein gewisser Handel für die Menschen vor Ort wichtig ist und bedankte sich bei Deutschland, dass wir durch die Umsetzung des Übereinkommens einen legalen und nachhaltigen Handel ermöglichen.

Jörg-Andreas Krüger vom WWF Deutschland betonte, dass das Ausmaß der Wilderei tatsächlich biblisch sei. Seine Stellungnahme bezog sich primär auf den Handel mit Elfenbein. Zum Ende forderte er allerdings in Bezug auf den Lebendtierhandel, dass Halterverbände unbedingt bei den Maßnahmen gegen den illegalen Wildtierhandel einbezogen werden sollten, anstatt gegen sie zu arbeiten.

Dr. Sandra Altherr von Pro Wildlife erläuterte in ihrer Stellungnahme vor allem den Handel mit Lebendtieren. Aus ihrer Sicht handelt es sich bei einem hohen Anteil der in Privathand gehaltenen Wildtierarten um Wildfänge. Sie betonte, dass heutzutage jeder fast alles problemlos kaufen könnte. Während der Reptilienboom der 90er inzwischen abflaut, seien es heute vor allem exotische Säugetiere, die gehalten werden. Auch ein breites Spektrum an Gifttieren und eine „erschreckend hohe Zahl an Riesenschlangen“ sei in deutschen Haushalten zu finden, weil beim Erwerb dieser Tiere kein Vorwissen von den Käufern eingefordert wird. Wildtierbörsen, auf denen Wildtiere in Frischhalteboxen verkauft werden, haben aus ihrer Sicht Flohmarkt-Charakter und seien aus Tier- und Artenschutzgründen bedenklich. Sie äußerte ihren Unmut darüber, dass die drei Ziele aus dem Koalitionsvertrag der Bundesregierung (Haltung und Handel bundeseinheitlich regeln, Importe in die EU sowie gewerbliche Wildtierbörsen verbieten) bisher nicht umgesetzt wurden.

Anm.: Dass der Großteil der in deutschen Haushalten legal gehaltenen Reptilien eben nicht aus Wildfängen besteht, habe ich hier anhand von unabhängigem Zahlenmaterial erläutert.

Rita Schwarzelühr-Sutter (SPD), Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB), erklärte die Problematik, dass der Import von Exoten zwar oft legal, aber leider nicht immer nachhaltig sei und dass hier Handlungsbedarf besteht. Als wirksames Instrument nannte sie das Washingtoner Artenschutzübereinkommen. Auch eine Art „EU Lacey Act“ nach dem Vorbild der USA (Wildtiere aus Ländern mit einem Exportverbot dürfen nicht in die EU eingeführt werden) wäre aus ihrer Sicht sinnvoll und wird vom EU-Aktionsplan gestützt.

Dr. Altherr konkretisierte auf eine Nachfrage bezüglich Wildtierbörsen, dass sie und ihr Verein kein Komplettverbot von Tierbörsen fordern. Börsen sollten ein Treffen von Züchtern sein. Kritisch seien gewerbliche Tierbörsen, wo gewerbliche Händler von Veranstaltung zu Veranstaltung reisen und sich dadurch den Auflagen und strengen Kontrollen entziehen, denen sich stationäre Zoofachgeschäfte unterziehen müssen. Ute Vogt (SPD) wollte von Frau Altherr wissen, wie denn ein Börsenverbot umzusetzen sei, weil dies laut eines Rechtsgutachtens des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) nicht mit der im Grundgesetz zugesicherten Gewerbefreiheit zu vereinbaren sei. Frau Altherr erklärte, dass es aus ihrer Sicht nur problematisch wäre, würde man Börsenveranstaltern die Ausrichtung von Tierbörsen verbieten. Ein Verbot von gewerblichen Anbietern auf solchen Veranstaltungen sei hingegen unproblematisch. Wer gewerbsmäßig mit Tieren handeln möchte, soll sein Gewerbe lokal betreiben.

Anm.: Fraglich bleibt, wie aus ihrer Sicht gewerbliche Züchter eingestuft werden sollen. Wie aus meinem Bericht über die zuletzt von mir besuchte Terrarienbörse Hannover hervorgeht, finde ich es ebenfalls bedenklich, dass gewerbliche Händler, die nicht selber züchten, mit aus meiner Sicht oftmals unnötigen Wildfangimporten die Preise von engagierten Züchtern nach unten drücken, sodass sich eine Zucht bei vielen Arten kaum lohnt. Gewerbliche Züchter sind aber dennoch anders zu bewerten. Wer gewerbsmäßig mit Tieren züchtet und handelt, muss sich ohnehin schon an die Vorschriften des § 11 Tierschutzgesetz halten - egal ob er auf einer Börse oder in einem stationären Zoofachgeschäft seine Tiere verkauft. Kontrollen durch die Veterinärämter werden sowohl im Zoofachhandel als auch auf Börsen durchgeführt. Lediglich die Art des Tierverkaufs unterscheidet sich. Aus meiner Sicht ist der kurzfristige Verkauf in Frischhalteboxen, die von der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz und vom BMEL als tierschutzgerecht eingestuft wurden (!), wesentlich tiergerechter als eine dauerhaftere Zwischenhälterung von Tieren in den häufig zu kleinen Verkaufsbehältern des stationären Zoofachhandels (wobei auch dies von den Mindesthaltungsanforderungen gedeckt wird). Sollen gewerbliche Züchter also von den geduldeten „Züchterbörsen“ ausgeschlossen werden und ihre Tiere stattdessen von stationären Ladengeschäften aus verkaufen? Vorteile für den Tier- und Artenschutz erschließen sich mir dabei nicht, denn die meisten Züchter würden kein eigenes Ladengeschäft eröffnen, sondern ihre Nachzuchten an bestehende Zoofachgeschäfte verkaufen. Auf Börsen kann der Endabnehmer direkt mit dem Züchter ins Gespräch kommen und sich über die angebotenen Tiere bei Bedarf sehr detailliert informieren. Bei Verkäufen im Zoofachhandel, wo die Mitarbeiter aufgrund des wechselnden Tierbesatzes logischerweise keine vergleichbar spezialisierte Fachkunde vorweisen können, ist eine ebenso hohe Beratungsqualität häufig kaum möglich.

Herr Krüger vom WWF entgegnete auf eine Nachfrage von Seiten der Linken, ob denn die Privathaltung von Wildtieren unbedingt notwendig sei, dass ein verpflichtender Sachkundenachweis sinnvoll wäre und die Kommunikation mit Halter- und Züchterverbänden intensiviert werden müsse. Halterverbände sollten eine Selbstverpflichtung einführen, um schwarze Schafe aus ihren Reihen auszuschließen. Importe sollten über die bestehenden Instrumente wie das WA geregelt werden. John E. Scanlon schlug vor, dass der CITES Anhang III intensiver genutzt werden könnte, um gefährdeten Arten schneller einen Schutzstatus zu verschaffen und dadurch den Import in die EU von Tieren ohne Herkunftszertifikate zu unterbinden.

Steffi Lemke (Bündnis90/Die Grünen) äußerte ihren Unmut darüber, dass bzgl. des Wildtierhandels bisher noch nichts vom Koalitionsvertrag umgesetzt wurde. Sie stellte die Frage, ob die derzeit laufende Exopet-Studie des BMEL eine Umsetzung des Koalitionsvertrags bremsen würde. Dr. Altherr stellte in ihrer Antwort klar, dass auch sie zwei Probleme bei der Exopet-Studie sieht. Einerseits hält sie die Studie für unnötig, weil es aus ihrer Sicht bereits ausreichend Literatur und Erkenntnisse über die Problematik von Wildtierhaltung und -handel gibt und andererseits kritisiert sie das Timing, mit dem aus ihrer Sicht tatsächlich eine Umsetzung des Koalitionsvertrags verhindert würde. Außerdem habe sie in Gesprächen mit den Betreibern der Studie erfahren, dass der angedachte Termin (April 2017) wohl nicht mehr eingehalten werden könne. Pro Wildlife erwartet keine repräsentativen Ergebnisse von der Studie, weil nur Halterverbände und keine Tier- und Artenschutzverbände daran beteiligt seien und weil der Umfang der Onlinefragebögen Halter eher davon abhalten würde, ausführlich und ehrlich ihre Haltungsbedingungen darzustellen. Die Reptilienschwemme in den Tierheimen und Auffangstationen müsse aus ihrer Sicht unbedingt gestoppt werden, weil diese Einrichtungen bereits genug mit klassischen Haustieren zu tun hätten.

Frau Schwarzelühr-Sutter vom BMUB erklärte daraufhin, dass die Bundesregierung durchaus noch Forschungsbedarf sieht und die Exopet-Studie sinnvoll sei. Sie betonte, dass ein generelles Wildtier-Importverbot auf EU-Ebene das falsche Signal aussenden würde. Der nachhaltige Import von Wildtieren muss auch in Zukunft möglich sein. Handelsplattformen im Internet sollten eine Art Zertifizierung erhalten, um sich von illegalen Anbietern abgrenzen zu können. Dies würde nicht zuletzt auch Transparenz für den Käufer schaffen. Der Direktor des BfN ergänzte, dass der Zoll bereits jetzt schon die Aktivitäten im Internet beobachtet und bei Bedarf Ermittlungen einleitet. Es sei nicht verwunderlich, dass immer mehr Verstöße entdeckt würden, wenn man immer intensiver prüft. Er lobte die Zusammenarbeit mit diversen Internethandelsplattformen, auf denen gewisse Artikel (z.B. Elfenbein) nicht mehr angeboten und bei Tieranzeigen Hinweise zum Artenschutz angezeigt werden.

Auf eine Nachfrage von Dr. Klaus-Peter Schulze (CDU/CDU), wie denn das Risiko von Zoonosen eingeschätzt würde, antwortete Dr. Altherr, dass sie und ihr Verein keine Panik schüren möchten. Sie sieht aufgrund des Artenspektrums und der vielen Wildfänge aber durchaus ein gewisses Risiko. Der Bornavirusfall habe gezeigt, dass selbst Nachzuchten nicht ohne Risiko sind. Bezüglich des Salmonellenrisikos beim Umgang mit Reptilien erklärte sie, dass laut Untersuchungen des Robert Koch-Instituts (RKI) der Anteil an reptilienassoziierten Salmonelleninfektionen laufend ansteigt, während bei lebensmittelassoziierten Salmonellosen ein Rückgang zu verzeichnen ist.

Anm.: Dies zeigt aus meiner Sicht lediglich, dass immer mehr Leute Reptilien halten, die mit diesen Tieren nicht in einem hygienisch angemessenen Rahmen umgehen. Dieser Problematik würden die vom WWF und von Halterverbänden geforderten Sachkundeprüfungen Abhilfe verschaffen.

Zum Abschluss stellte Herr Krüger vom WWF noch einmal klar, dass eine Art „EU Lacey Act“ ein sinnvolles Mittel im Kampf gegen Wilderei und illegalen Artenhandel wäre, weil trotz fehlender empirischer Studien der Erfolg des Lacey Acts in den USA in vielen Einzelfällen deutlich werde.

Die Aufzeichnung des öffentlichen Fachgesprächs ist in der Mediathek des Deutschen Bundestages zu finden.