Donnerstag, 16. Juni 2016

Was sind eigentlich... Wildtiere?

Ein Versuch der Tierrechtsbewegung, die Heimtierhaltung in zwei Lager zu spalten und gegeneinander auszuspielen, bezieht sich auf die Domestikation. Verfechter des emotionalen Tierschutzgedankens (basierend auf der Parole „Artgerecht ist nur die Freiheit“) sind der Meinung, dass die Haltung von sogenannten „Wildtieren“ in menschlicher Obhut eine große Tierquälerei sei, weil diese Tiere schließlich nicht wie Hunde oder Katzen domestiziert sind.

Die Domestikation stellt doch aber wohl ein weitaus größeres Verbrechen an den Rechten von Tieren dar, als Tiere in einem künstlichen naturnahen Lebensraum zu pflegen, der ihre Bedürfnisse im vollen Umfang erfüllt und in dem sie sich nicht unfrei fühlen. Jeder Hund und jede Hauskatze existiert nur deswegen, weil Menschen einmal Wildtiere gefangen und ihren eigenen Bedürfnissen angepasst haben. Nicht etwa die Haltungsbedingungen wurden so gestaltet, dass die Tiere ihrer Art gerecht untergebracht waren (= artgerechte Tierhaltung), sondern Wildtiere wurden selektiv gezüchtet, um dem Menschen als Werkzeug zu dienen. Es wurden Rassen mit gewünschten Eigenschaften gezüchtet, was zu schlimmen Qualzuchten geführt hat. Im Gegensatz dazu sind bei der sogenannten „Wildtierhaltung“ derartige Vorgänge wie z.B. Hybridisierung regelrecht verpönt (was natürlich leider nicht heißt, dass sie nicht vorkommen). Der Großteil der sogenannten „Wildtierhalter“ möchte Tiere so halten und erhalten, wie die Natur sie hervorgebracht hat. Wir wollen gar nicht, dass die Tiere in unserer Obhut domestiziert (also durch Zucht unseren Wünschen angepasst) werden, weil wir sie zu sehr respektieren und nicht wollen, dass sie dasselbe Schicksal erleiden müssen, wie Hunde, Katzen oder andere „domestizierte“ Tiere zuvor.

Darüber hinaus stellt sich die Frage, ab welchem Zeitpunkt ein Wildtier eigentlich domestiziert ist? Der Vorgang der Domestikation einer Spezies lässt sich mit dem folgenden Schema abstufen: Wildheit → Eingewöhnung → Zähmung → Domestikation. Während Wildtiere von ihrer Art her wild sind und nach einer Eingewöhnung zu einem Zustand der Zahmheit gelangen, ist eine domestizierte Spezies aufgrund der mehrere Generationen andauernden Selektionszucht bereits im vollen Umfang an den Menschen gewöhnt und hat jede Form von Wildheit genetisch abgelegt. Doch bevor man nun Wildtiere von den domestizierten Haustieren abzutrennen versucht, muss überprüft werden, ob der letzte Schritt zur vollständigen Domestikation bei den etablierten Heim- und Nutztieren überhaupt vollzogen wurde:

Katzen beispielsweise haben instinktiv einen Drang nach Freiheit und werden deswegen häufig als sog. „Freigängerkatzen“ gehalten. Bekommt eine Wohnungskatze erst einmal Freilauf, ist sie in aller Regel nicht mehr davon abzubringen. Verweigert man einem solchen Stubentiger den Freigang, wird dieser wild, beschädigt die Wohnungseinrichtung oder richtet seine Frustration mitunter sogar gegen den Menschen. Außerdem zeigen die meisten Hauskatzen ein gesundheitliches Unwohlsein erst sehr spät, wodurch sie sich nicht von Wildtieren unterscheiden. Und verwilderte Hauskatzen vergessen ihre angebliche „Domestikation“ schon ab der ersten in freier Natur aufgewachsenen Generation. Wäre die Domestikation der Hauskatze bereits im vollen Umfang abgeschlossen, würden sich diese Tiere in den beschriebenen Situationen nicht wie Wildtiere verhalten.

Bei Hunden verhält es sich ähnlich. Hunde werden von Geburt an an den Menschen gewöhnt und durch ein intensives Training sozialisiert. Vernachlässigen Halter dieses Training in den ersten entscheidenden Lebenswochen, verhält sich ein Hund dem Menschen gegenüber später mitunter wie ein Wildtier ängstlich oder aggressiv. Somit kann man auch nicht von einer abgeschlossenen Domestikation des Hundes sprechen, weil die Gewöhnung an den Menschen offenbar doch noch nicht vollständig genetisch festgelegt ist, sondern erst durch Training und Eingewöhnung (= Zähmung) des einzelnen Individuums angeeignet werden muss. Sie stehen zwar sicherlich auf der Leiter zur Domestikation einige Stufen über dem Wolf, das Ende der Leiter wurde aber noch nicht erreicht.

Gleiches beobachtet man bei diversen Reptilien, Amphibien, Fischen und sogar Wirbellosen, die mit der Zeit lernen, ihren Pfleger zu erkennen und diesen nicht mehr als Bedrohung wahrnehmen, sondern als positives Ereignis (Futterspender). Der einzige Unterschied zu Hunden besteht darin, dass diese Tierklassen eher nicht sozial leben, während Hunde als hochentwickelte soziale Säugetiere den Menschen durchaus als einen Sozialpartner (Ersatzartgenossen und ranghöheres Rudelmitglied) akzeptieren und dadurch eine engere soziale Bindung zum Menschen aufbauen können. Das macht die Haltung von Hunden allerdings nicht zwangsläufig unproblematischer als die Haltung von Reptilien oder anderen Heimtieren.

Millionen Jahre Wildtierevolution lassen sich halt nicht einfach so mit 30.000 Jahren Domestikation abtrainieren. Da die Domestikation bei keinem Tier vollständig abgeschlossen ist, fällt eine Abgrenzung der verschiedenen Heimtiere anhand dieses Kriteriums somit schwer. Aus meiner Sicht sollten lediglich freilebende bzw. direkt aus der Natur entnommene Tiere als Wildtiere bezeichnet werden. Ansonsten sollte von Zuchttieren die Rede sein.

Worin unterscheiden sich Zuchttiere von Wildtieren?
Bei vielen Reptilien lassen sich große Unterschiede zwischen dem Verhalten von Wildtieren und Zuchttieren feststellen, obwohl es letztlich immer auf das jeweilige Tier ankommt. Ich habe schon Zuchttiere erlebt, die sich dem Menschen gegenüber wie Wildtiere verhalten haben und Wildtiere, die keinerlei Scheu vor dem Menschen hatten (bei Hunden waren es wohl diese „Freaks“, die gefangen und domestiziert wurden). Allgemein lässt sich jedoch erkennen, dass sich insbesondere ältere Wildtiere nur mit aufwendiger Führsorge an eine Haltung in menschlicher Obhut gewöhnen. Wildtiere verbinden den Anblick eines Menschen mit Gefahr, weil sie in einer Umgebung aufgewachsen sind, in der das Erscheinen eines großen Säugetieres tatsächlich eine Bedrohung für Leib und Leben darstellt und weil sie nicht durch positive Erlebnisse ihre instinktive Scheu ablegen konnten (Ausnahmen bestätigen die Regel). Mit dem eingeschränkten Platzbedarf im Terrarium kommen viele Wildtiere nur schwer zurecht, weil sie es gewohnt sind, ihre Bedürfnisse mit einem größeren Platzbedarf erfüllen zu müssen. Reptilien sind nun mal Gewohnheitstiere. Das zeigt aber auch, dass sich Zuchttiere an den Menschen gewöhnen und an die Terrarienhaltung anpassen. Für sie ist ihr Terrarium ein sicheres Territorium. Sie fühlen sich nicht gefangen, sondern als Grundbesitzer mit dem Menschen als Personal, zu dem sie sogar Kontakt suchen, um z.B. Futter einzufordern, statt - wie ihre wilden Artgenossen - panisch vor ihm zu flüchten.

2012 veröffentlichten RICHTER et al. einen Artikel  im Deutschen Tierärzteblatt zum Thema „Wildtierschutz“, in dem das Argument der Domestikation gegen die Wildtierhaltung ebenfalls entkräftet wurde.

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