Freitag, 25. November 2016

Neue Änderungen im EU-Artenschutz

Am 23. November wurde eine neue EU-Verordnung im Amtsblatt der Europäischen Union (L 316/1) veröffentlicht, mit welcher einige Änderungen der Anhänge der EU-Artenschutzverordnung umgesetzt werden: Verordnung (EU) 2016/2029 der Kommission vom 10. November 2016 zur Änderung der Verordnung (EG) Nr. 338/97 des Rates über den Schutz von Exemplaren wildlebender Tier- und Pflanzenarten durch Überwachung des Handels

Diese Verordnung tritt am dritten Tag nach ihrer Veröffentlichung – also am morgigen 26. November – im gesamten EU-Gebiet in Kraft und ist somit auch für uns in Deutschland bindend!

Überraschenderweise wurden in dieser Verordnung noch nicht alle Änderungen der Anhänge des Washingtoner Artenschutzübereinkommens (CITES) in geltendes Recht überführt. Lediglich der EU-Anhang C wurde in der vorliegenden Verordnung aktualisiert. Alle anderen für die Terraristik relevanten Beschlüsse der 17. CITES-Artenschutzkonferenz (CoP17), wurden in der vorliegenden Verordnung noch nicht umgesetzt. So findet man den Himmelblauen Zwergtaggecko (Lygodactylus williamsi) weiterhin im Anhang B und den Tomatenfrosch (Dyscophus antongilii) im Anhang A der EU-Artenschutzverordnung. Da die 90-Tage-Frist der CITES-Mitgliedsstaaten zur Umsetzung der Beschlüsse aber auch noch nicht abgelaufen ist, ist innerhalb der nächsten Wochen wohl noch mit einer weiteren Änderungsverordnung zu rechnen, welche die jeweiligen Beschlüsse in geltendes EU-Recht umsetzen wird.

Darüber hinaus beziehen sich die aktuellen Änderungen mal wieder auf invasive gebietsfremde Arten (IAS = invasive alien species). So wurden die beiden für die Terraristik relevanten und im EU Alien Species Act aufgeführten Arten, welche zuvor noch im Anhang B der EU-Artenschutzverordnung gelistet waren, aus der aktualisierten Version der Anhänge gestrichen, weil ansonsten die Invasive-Arten-Verordnung mit den bisher geltenden EU-Artenschutzrichtlinien konkurrieren würde.

Für Halter von Rotwangen-Schmuckschildkröten bedeutet dies im Grunde genommen keine große Änderung, weil Trachemys scripta elegans bereits 2005 in der Anlage 5 BArtSchV aufgenommen und so von der Meldepflicht befreit wurde. Lediglich für Halter des Nordamerikanischen Ochsenfrosches (Lithobates catesbeianus) ist die Änderung insofern interessant, weil damit zukünftig die Meldepflicht dieser Art wegfällt. Da ein Handel mit beiden Arten aber aufgrund der IAS-Verordnung sowieso nicht mehr bzw. (je nach Auslegung der Verordnung) zumindest nur noch für wenige Monate gestattet und eine Nachzucht bereits strikt verboten ist, ist diese Befreiung von der Meldepflicht eher zu vernachlässigen. Denn wo der Bestand nicht mehr wächst, muss logischerweise auch nichts gemeldet werden. Die Nachweispflicht fällt bei diesen beiden Arten zwar nun ebenfalls weg, die Herkunftsnachweise sollten aber trotzdem unbedingt aufgehoben werden, weil diese die in der IAS-Verordnung vorgeschriebene Anschaffung vor Inkrafttreten der Verordnung beweisen.

Aus objektiver Artenschutzsicht ist es allerdings kritisch zu hinterfragen, warum die Haltung von nun mehr allen IAS zukünftig ohne Kenntnis der zuständigen Arten- und Naturschutzbehörden ablaufen soll, weil der „EU Alien Species Act keine Meldepflicht vorschreibt und bisher auch keine Bundesverordnung zu diesem Zweck beschlossen wurde. Die illegale Verbreitung von invasiven Arten wird dadurch aus meiner Sicht sogar noch erleichtert.

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Sonntag, 20. November 2016

Landtagswahlen 2016: „Exoten“ in den Koalitionsverträgen (MV & BE)

Am 4. September fanden in Mecklenburg-Vorpommern Landtagswahlen statt. In Berlin wurde am 18. September ein neues Abgeordnetenhaus gewählt. Inzwischen wurden die Koalitionsverträge veröffentlicht.

Mecklenburg-Vorpommern (SPD & CDU)
Koalitionsvereinbarungen 2016-2021:
Jeder Tierhalter, ob im privaten Haushalt oder in der Nutztierhaltung, ist für das Wohl der in seiner Obhut befindlichen Tiere verantwortlich.
Das Land baut die Unterstützung für Tierheime aus. [...] Die Koalitionspartner entlasten die Kommunen und Tierschutzvereine durch finanzielle Unterstützung von Auffangstationen für Wildtiere.
Der Koalitionsvertrag enthält somit keine Einschränkungen für Halter von „exotischen Wildtieren“.

Berlin (SPD & Bündnis 90/Die Grünen)
Koalitionsvertrag: Berlin gemeinsam gestalten - Solidarisch. Nachhaltig. Weltoffen.
Die Koalition wird alle tierschutzpolitischen Zuständigkeiten in einer Senatsverwaltung bündeln. Außerdem verbessert die Koalition die Kontrollmöglichkeiten der Bezirke und des LAGeSo, sodass künftig Tierbörsen, gewerbliche Tierhaltungen und Tierversuchsvorhaben regelmäßig kontrolliert werden können.
Die Koalition wird alle Möglichkeiten nutzen, um den gewerblichen Handel mit exotischen Tieren auf Tierbörsen zu reduzieren.
Im Berliner Koalitionsvertrag finde man vor allem das Thema Tierbörsen wieder. In welcher Weise der Verkauf von exotischen Tieren auf solchen Veranstaltungen reduziert werden soll, wird die Zukunft zeigen. Von strikten Verboten ist zwar keine Rede, allerdings haben sich die rot-grünen Regierungsparteien mit ihrer allgemeinen Formulierung sämtliche Türen offengehalten.

Die nächste Landtagswahl findet im März 2017 im Saarland statt.

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Sonntag, 6. November 2016

Willkommen im ZEITalter der Propaganda!

Am 1. Oktober veröffentlichte die ZEIT-Online einen Artikel mit dem Titel „Chinesen lieben Elfenbein, wir quälen Geckos“, welcher aus Sicht vieler Reptilienhalter die Haltung von Geckos und allgemein Reptilien pauschal ablehnte und regelrecht diffamierte. Ich berichtete: Erneut "End-ZEIT-stimmung"

Aufgrund dieses Artikels legte ich Beschwerde beim Deutschen Presserat ein. Meiner Meinung nach kann es nicht angehen, dass ein seriöses Leitmedium mit solchen Artikeln die öffentliche Wahrnehmung verzerrt, sich dabei ausschließlich auf nicht nachprüfbares Zahlenmaterial einer umstrittenen Tierrechtsorganisation (PETA) bezieht und deren Aussagen unkritisch übernimmt. Die Schlagzeile und einige Textpassagen, in denen die Reptilienhaltung pauschal als Tierquälerei bezeichnet wurde, empfinde ich als Diskriminierung aller Reptilienhalter und entsprechen daher nicht meinem Verständnis von Presse-Ethik.

Die unkritische Übernahme der Aussage von PETA, dass Verlustraten von 70 Prozent in der Zoohandelsbranche als üblich gelten, empfinde ich zudem als mangelhafte Recherche. Die im Artikel genannte Verlustrate entstammt einer Einzelfallrecherche von PETA USA bei nur einem einzigen US-Reptiliengroßhändler und ist deshalb nicht allgemeingültig. Seriöse Journalisten hätten die aus unabhängigen Studien bekannte Mortalitätsrate bei Reptilienimporten in Höhe von durchschnittlich 3 Prozent recherchiert und daraufhin einen weniger tendenziösen Artikel verfasst. Mangelhafte Recherche, die zu Fehlinformation der Leser führt, wird ebenfalls vom Pressekodex abgelehnt, was eine entsprechende Beschwerde rechtfertigen sollte.

Inzwischen hat der Presserat über meine Beschwerde entschieden. Um das Ergebnis vorweg zu nehmen: Die Beschwerde wurde abgelehnt.

In der Begründung des Presserates heißt es, dass durchschnittlich verständliche Leser des von mir kritisierten Artikels erkennen können, dass die Situation in Deutschland unterschiedlich ist. Schließlich steht im beanstandeten ZEIT-Artikel: „Wenn es gut läuft, hat er einen Partner in seinem Glaskasten. Hat er Pech, spart sein Besitzer nicht nur an Gesellschaft, sondern zudem an ausreichend Licht aus der energiefressenden UV-Lampe“. Aus Sicht des Presserates sei aufgrund dieser Formulierung keine Pauschalkritik an der Reptilienhaltung erkennbar. Eine Ehrverletzung liegt ebenfalls nicht vor, weil ich persönlich als Beschwerdeführer ja nicht im Artikel genannt wurde. Damit folgt der Presserat prinzipiell der aktuellen „A.C.A.B.-Rechtsprechung“ des Bundesverfassungsgerichts (die Beleidigung von unüberschaubar großen Gruppen stellt als solche keine Beleidigung von Individuen dieser Gruppe dar).

Die von mir kritisierte Aussage über die angeblich vom Zoofachhandel einkalkulierte Verlustrate habe sich die ZEIT bzw. die verantwortliche Autorin aus Sicht des Presserates nicht selbst zu eigen gemacht, sondern stammt von einer externen Quelle (PETA). Für den Leser sei offensichtlich, dass sich die journalistische Sorgfaltspflicht der ZEIT-Redaktion nicht auf die Publikationen von PETA erstrecken könne, da diese nicht im Wirkungskreis der Redaktion lägen. Von der Redaktion könne nicht verlangt werden, für die Korrektheit solcher Fremdinhalte einzustehen.

Fazit:
Vielleicht bin ich (wie auch zig andere Terrarianer) bei derartigen Berichterstattungen etwas dünnhäutig und erkenne den Versuch einer differenzierten Darstellung nicht sofort. Letztlich ist es unsere Entscheidung, ob wir uns den von der ZEIT und anderen Medien regelmäßig in den Raum gestellten Schuh mit der Aufschrift „Tierquäler“ anziehen wollen oder nicht. Vielleicht halten wir den „durchschnittlich verständliche Leser“ einfach für zu unwissend, um die richtigen Schlüsse aus solchen Artikeln zu ziehen. Zu Recht oder zu Unrecht sei an dieser Stelle mal dahingestellt.

Dass aber die ungeprüfte Übernahme von Fremdinhalten keinen Verstoß gegen die journalistische Sorgfaltspflicht darstellen soll, ist für mich ein Schlag ins Gesicht!
Für mich macht es zwar schon noch einen Unterschied, ob eine Redaktion aus Unwissen einen Fehler begeht und dabei versehentlich ein tendenziöser Artikel entsteht oder ob ganz bewusst eine einseitige Darstellung angestrebt wurde. Doch mit der Entscheidung des Presserats sind Propaganda endgültig Tür und Tor geöffnet. Ein etabliertes Leitmedium kann so ganz leicht eine tendenziöse Berichterstattung betreiben, indem sie ausschließlich Fremdinhalte passender Interessenvertreter verlinkt oder zitiert, ohne sich diese direkt selbst zu eigen zu machen und deswegen vom Presserat gerügt zu werden. Damit hat der Presserat mal eben den Pressekodex beerdigt. RIP

Wenn Pseudojournalisten wie ich oder die Blogger von P€TA so agieren, ist das eine Sache, denn wir unterliegen nicht dem Pressekodex. Nach der Offenbarung des Presserates sehe ich die Berichterstattung der Presse mit Pseudologiehintergrund aber erneut mit anderen Augen...

 
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Donnerstag, 3. November 2016

Urteil: Verfüttern von lebenden Mäusen an Schlangen

Am 30. Juni 2016 entschied das Verwaltungsgericht München über die Klage einer Schlangenhalterin, der das Verfüttern von lebenden Mäusen an ihre Schlangen vom zuständigen Veterinäramt untersagt bzw. der die Auflage erteilt wurde, eine Umstellung auf Totfutter durchzuführen. Das Gericht wies die Klage ab und urteilte, dass die Auflagen des Veterinäramtes bzgl. einer Umstellung auf Totfutter zu erfüllen sind. Kurz darauf machte das Urteil in der Presse und in den sozialen Netzwerken die Runde. Viele Schlangenhalter kritisierten die Entscheidung während Tierrechtler jubelten und behaupteten, damit wäre die Lebendfütterung von Reptilien nun komplett verboten. Ich habe mich bisher bedeckt gehalten, weil ich abwarten wollte, bis das Urteil rechtskräftig und im Volltext verfügbar ist. Dies ist inzwischen der Fall: Mäusehaltung in der Wohnung zur Verfütterung an Schlangen (VG München Az.: M 23 K 16.928

Hintergrund:
Die im Urteil ersichtliche Vorgeschichte zeichnet ein gänzlich anderes Bild von der klagenden Königspythonhalterin, als es z.B. in einigen Reptiliengruppen auf Facebook verbreitet wurde, wo die betroffene Halterin mit ihrer „liebevollen Futtertierzucht“ als Opfer der Justiz glorifiziert wurde. Aus dem Volltexturteil geht allerdings hervor, dass die Futternagerhaltung der Halterin zumindest fragwürdig war, wenn nicht sogar schon die Grenze zum Animal Hoarding überschritt. Mutmaßlich ausgebrochene Mäuse (von der Klägerin als Freigang bezeichnet), unhygienische Bedingungen, Vernachlässigung der Nager (unzureichende Wasserversorgung) sowie eine dauerhafte Unterbringung von Futtermäusen mit den zu fütternden Schlangen in einem Terrarium inkl. unzureichend gesicherter Heizkabel wurden vom zuständigen Veterinäramt sicherlich zu Recht moniert. Ebenso fragwürdig erscheint die Erklärung der Schlangenhalterin, dass die Mäusezucht notwendig sei, weil ihre drei Königspythons bis zu 30 Nager innerhalb von 14 Tagen fressen würden.

Ziel des Veterinäramtes war es zunächst im Rahmen eines Verwaltungsverfahrens im Juli 2015, die Mäusezucht zu reduzieren und mit Verweis auf ein Merkblatt der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz (TVT) die Haltungsbedingungen der Nagetiere zu verbessern – letztlich auch zum Schutz der Schlangen (Annagen), der Halterin sowie der öffentlichen Sicherheit und Ordnung (Verbreitung von Krankheitserregern). Diverse Nachkontrollen wurden von der Schlangenhalterin abgesagt und Auflagen nicht erfüllt. Erst nach diesen Strapazen wurde im Januar 2016 der streitgegenständliche Bescheid erteilt, welcher der Halterin das Verfüttern von lebenden Nagern nur in Ausnahmefällen gestattete. Das Futter sollte auf aus dem Handel bezogenes Frostfutter oder sachgerecht getötete Mäuse umgestellt werden. Lebende Mäuse dürften nur noch an Schlangen verfüttert werden, die trotz Umstellungsversuchen kein Totfutter akzeptierten.

Womöglich wäre dieser Fall gar nicht erst so hochgekocht, hätte die Königspythonhalterin schon nach den ersten Begehungen des Veterinäramtes im Jahr 2015 die Mäusezucht reduziert und die Haltungsbedingungen der Nager verbessert. Gegen den Beschluss ging sie jedenfalls mit einer Klage vor dem Verwaltungsgericht München vor.

Urteil:
Das Gericht wies nach mündlicher Verhandlung im Juni 2016 die Klage der Schlangenhalterin ab und bewertete den Bescheid des Veterinäramtes als zulässig. Im Rahmen des Verfahrens wurde auch der Leiter der Reptilienauffangstation München als Sachverständiger angehört, der schilderte, dass eine Umstellung auf Totfutter grundsätzlich möglich ist, wenn die Schlange erkennbar nach Beute suche und der tote Nager auf Körpertemperatur erwärmt würde – auch und insbesondere bei Königspythons. Aus Sicht des Gerichts sei es deshalb nicht mit dem Tierschutzgesetz zu vereinbaren, lebende Wirbeltiere ohne Betäubung zu verfüttern, weil sie dabei vermeidbares Leid erleben. Aus der Entscheidungsbegründung zitiert:
Nach § 4 Abs. 1 Satz 1 TierSchG dürfen Wirbeltiere nur unter wirksamer Schmerzausschaltung (Betäubung) in einem Zustand der Wahrnehmungs- und Empfindungslosigkeit oder sonst, soweit nach den gegebenen Umständen zumutbar, nur unter Vermeidung von Schmerzen getötet werden. Auch für Futtertiere gilt mit Ausnahme von Notsituationen das Gebot der vorherigen Betäubung (vgl. Hirt/Maisack/Moritz, TierSchG, 3. Auflage, § 4 Rn. 9b). Dementsprechend erfüllt die Verfütterung lebender Wirbeltiere an andere Tiere häufig auch die Tatbestände der Straf- bzw. Ordnungswidrigkeit nach § 17 Nr. 2b bzw. § 18 Abs. 1 Nr. 5 TierSchG, denn die Beutetiere sind in den Behältnissen, in die sie eingesetzt werden, dem Zugriff hilflos ausgesetzt und erleben den Fütterungsakt bei vollem Bewusstsein und in völliger Ausweglosigkeit, während sie in der freien Natur zumindest die Chance haben, sich dem Fang durch Flucht oder Verbergen zu entziehen. Eine Rechtfertigung kann nur angenommen werden, wenn eine Fütterung mit frischtoten Beutetieren biologisch unmöglich ist (vgl. Hirt/Maisack/Moritz, TierSchG, 3. Auflage, 17 Rn. 80 m. w. N.).
Daraus ergibt sich, dass eine Verfütterung von Totfutter die erste Wahl sein sollte und Schlangen bzw. insbesondere Königspythons auf dieses umzustellen sind. Ebenso ergibt sich aus dem Urteil, dass insb. Königspythons, die Totfutter auch nach mehrmonatigen Umstellversuchen verweigern und deswegen beginnen zu leiden, ruhigen Gewissens mit lebenden Wirbeltieren gefüttert werden dürfen. Mit der Zulassung des streitgegenständlichen Bescheids nannte das Gericht aber ebenso wie das beklagte Veterinäramt die Einschränkung, dass ein Fütterungsversuch nur max. 10 Minuten unter Aufsicht dauern darf, damit der Futternager keiner dauerhaften Bedrohungssituation ausgesetzt wird.

Fazit:
Es ist wichtig anzumerken, dass das Verwaltungsgericht München nur über diesen Einzelfall entschieden hat. Das Urteil ist – entgegen der Freudenparolen der Tierrechts-Ideologen – nicht allgemeingültig, da es nicht von höchster Instanz kommt! Alle anderen Schlangenhalter dürfen auch in Zukunft grundsätzlich lebende Nager verfüttern. Problematisch wird es erst, wenn das zuständige Veterinäramt diese Praxis als tierschutzwidrig bewertet und ein solcher Streitfall vor Gericht landet. Es ist gut möglich, dass die Gerichte in vergleichbaren Einzelfällen ähnlich urteilen, wie das VG München. Trotzdem handelt es sich um kein Grundsatzurteil höchster Instanz zumal auch die Möglichkeit besteht, dass Gerichte zu abweichenden Urteilen gelangen. Das jeweils urteilende Gericht muss die §§ 1, 17 und 18 TierSchG (einem Tier darf kein vermeidbares Leid zugefügt werden) gegen den § 2 TierSchG (ein Tier muss seiner Art und seinen Bedürfnissen entsprechend angemessen ernährt werden) abwägen, daher sind unterschiedliche Ausgänge durchaus denkbar.

Das vorliegende Urteil bezog sich zudem nur auf die Haltung von Königspythons. Andere Schlangen- und Reptilienarten oder gar Vertreter anderer Tierklassen waren nicht Gegenstand des Verfahrens und müssten in nachfolgenden Urteilen separat bewertet werden. Insbesondere bei vielen Giftschlangen ist eine Umstellung auf Totfutter biologisch bedingt gar nicht möglich. Einer Lebendfütterung dieser Tiere hat das Urteil des Verwaltungsgerichts München eindeutig nichts entgegengesetzt. An dieser Stelle lohnt sich auch ein Verweis auf die „Mindestanforderungen an die Haltung von Reptilien“:
Schlangen sind ausnahmslos carnivor und leben meist räuberisch, d. h. sie jagen lebende Beutetiere. Häufig wird das Jagdverhalten erst durch deren Bewegungen ausgelöst. Im Terrarium gelingt es daher oft nicht, Schlangen an tote Futtertiere zu gewöhnen. In solchen Fällen gehört das Verfüttern lebender Beutetiere zu einer artgemäßen Schlangenhaltung. Dies gilt insbesondere für Giftschlangen, denn beim Tötungsbiß werden auch Enzyme injiziert, die für eine optimale Verdauung erforderlich sind.
Als Grundtenor der aktuellen Rechtssprechung lässt sich ableiten, dass ein Verfüttern von Frostfutter bzw. sachkundig frisch abgetöteten Nagern eine tierschutzrechtlich zweifelsfreie Methode ist, während bei der Lebendfütterung aufgrund der sich gegenüberstehenden Regelungen im Tierschutzgesetz Zweifel bestehen und daher einzelfallbezogene Umstände zu Streitfällen führen können. 


Wie tierschutzgerecht die Tötung bei den im Handel erhältlichen Frostnagern ist, bleibt diskutabel. Die Tötung erfolgt hierbei primär durch Vergasen mit Kohlendioxid (CO2), was derzeit zwar noch als tierschutzgerecht angesehen wird (auch gemäß des o.g. Merkblatts der TVT aus dem Jahr 2011), laut neuesten Studien bei Nagetieren allerdings erheblichen Stress und daher womöglich mehr Leid verursacht als die Tötung durch eine Schlange. Sowohl Würgeschlangen als auch Giftschlangen erlegen ihre Beute äußerst effektiv, was aus Expertensicht das möglichst geringe Leid für das Beutetier bedeutet, welches das TierSchG vorschreibt (sofern die Schlange hungrig ist und die Beute schnell erlegt wird, statt Stunden oder gar Tage im Terrarium zu verbleiben). Schließlich haben sich Schlangen die dafür notwendigen Kenntnisse in Millionen von Jahren der Evolution angeeignet. Trotzdem sind es die kleinen Privathalter, die Lebendfütterung regelmäßig nicht praktizieren sollen, wohingegen kommerziellen Zuchtbetrieben (und Laboratorien mit Nagetierhaltung zu Versuchszwecken) viele Zugeständnisse gemacht werden. Frostfutter ist tierschutzrechtlich somit zwar unbedenklich, moralisch aber auch nicht ganz unproblematisch. Auf der anderen Seite besteht das Risiko, dass durch Anhebung der Tierschutzstandards oder gar ein Verbot der CO2-Tötung die kommerziellen Futtertierzuchten ins Ausland abwandern, wo Tierschutzstandards womöglich sehr viel schlechter sind als bei uns in Deutschland.

Das Thema Lebendfütterung wird seit Jahrzehnten innerhalb der Terraristik-Szene heiß diskutiert. Plausible Argumente gibt es auf beiden Seiten. Ich persönlich bevorzuge das Verfüttern von Frostfutter, nicht etwa aus moralischen Beweggründen, sondern weil eine Futtertierzucht für mich schlichtweg nicht rentabel wäre und der Aufwand den Nutzen übersteigen würde. Aber diese Meinung ist gewiss nicht allgemeingültig. Solange es keine Grundsatzurteile gibt, ist es eine Entscheidung, die jeder Halter für sich (und seine Tiere) selber treffen muss: Möchte eine Schlange ihre Beute selbst erlegen? Wiegt das vermeidbare Leid von Futternagern höher als dieses Bedürfnis? Ist das Verfüttern von Aas überhaupt noch naturnah? Verfüttert man lebende Tiere aus verhaltensbiologischen Gründen oder weil man eine „coole Show“ erleben will? Sind die Futternager selbst artgerecht untergebracht oder spart man hierbei an der falschen Stelle?…

Mittwoch, 2. November 2016

Blaue Korallenschlange - Hoffnung für schmerzgeplagte Menschen

Die Blaue Korallenschlange (Calliophis bivirgata syn. Calliophis bivirgatus), welche im Deutschen auch als Blaue Bauchdrüsenotter bezeichnet wird, erbeutet bevorzugt andere Giftschlangen. Für dieses für sie nicht ungefährliche Unterfangen hat sie ein potentes Gift entwickelt, welches nicht nur ihre bevorzugten Beute möglichst schnell lähmt und tötet, sondern auch für den Menschen gefährlich ist. Wissenschaftler der University of Queensland haben das Gift dieser Schlange näher untersucht und kommen nach über 15 Jahren Forschung im Fachmagazin „Toxins“ zu dem Ergebnis, dass es für die medizinische Forschung interessant sein könnte, weil seine Wirkung eng mit dem Schmerzempfinden des Menschen in Zusammenhang steht.

Aus dem Gift der Blauen Korallenschlange sollen daher neue Schmerzmedikamente entwickelt werden, mit denen auch chronische Schmerzen (wie z.B. Migräne) bekämpft werden könnten. Vorteil der aus dem Gift gewonnen Schmerzmittel ist, dass sie im Gegensatz zu anderen Schmerzmitteln wie z.B. Opium nicht abhängig machen sollen. Die Forscher arbeiten nun an einer verbesserten Version des Giftes, welches schließlich für Medikamente eingesetzt werden soll. Des Weiteren sollen die Gifte verwandter Schlangenarten näher erforscht werden, in der Hoffnung ähnliche Vorteile für den Menschen zu entdecken.

Weil der natürliche Lebensraum der Blauen Korallenschlange in Südostasien u.a. für Ölpalmenplantagen im großen Ausmaß gerodet wird, könnte die Erkenntnis über die medizinische Relevanz leider zu spät kommen, um das Gift dieser vom Lebensraumverlust stark bedrohten Schlangenart effektiv für die medizinische Forschung nutzen zu können. Bis zu 80 Prozent des natürlichen Lebensraums sind bereits der massiven Abholzung zum Opfer gefallen. Umso wichtiger wäre die Schaffung einer stabilen Nachzuchtpopulation Blauer Korallenschlangen in menschlicher Obhut.

Literatur: 
YANG et al., The Snake with the Scorpion’s Sting: Novel Three-Finger Toxin Sodium Channel Activators from the Venom of the Long-Glanded Blue Coral Snake (Calliophis bivirgatus), Toxins (2016)