Samstag, 29. April 2017

Österreich schränkt Online-Tierhandel ein

Erneut wurde das österreichische Tierschutzgesetz novelliert. Die Tierschutzgesetz-Novelle 2017 wurde am 25. April 2017 im Bundesgesetzblatt I Nr. 61/2017 veröffentlicht. Vor allem Einschränkungen des Onlinehandels mit Tieren sorgen derzeit für Verwirrung und Kritik. Tatsächlich muss man ziemlich tief in verschiedene Regelungen eintauchen, um den Sachverhalt nachvollziehen zu können.

§ 8a des österreichischen Tierschutzgesetzes regelt Verkaufsverbote von Tieren und besagt nun:
„Das öffentliche Feilhalten, Feil- oder Anbieten zum Kauf oder zur Abgabe (Inverkehrbringen) von Tieren ist nur im Rahmen einer gemäß § 31 Abs. 1 genehmigten Haltung oder durch Züchter, die gemäß § 31 Abs. 4 diese Tätigkeit gemeldet haben, sofern sie nicht auf Grund einer Verordnung von dieser Verpflichtung ausgenommen sind, gestattet. Dies gilt auch für derartige Aktivitäten im Internet. Ausgenommen davon ist die Vornahme solcher Tätigkeiten im Rahmen oder zum Zweck der Land- und Forstwirtschaft.“
Prinzipiell ist der Tierhandel im Internet also schon mal nicht verboten, darf allerdings nur von Tierhaltern praktiziert werden, die den Behörden bekannt sind und von diesen innerhalb von sechs Monaten kontrolliert wurden. Nun besteht die Sorge vieler kleiner Liebhaberzüchter, dass sie zu einer solchen Meldung inkl. anschließender Begehung verpflichtet seien, wenn sie einmalig Tiere im Internet (z.B. aufgrund einer einmaligen Zucht oder aufgrund einer notwendigen Abgabe aus persönlichen Gründen) verkaufen möchten. Das marktführende Kleinanzeigenportal willhaben.at verstärkt diese Sorgen, weil bereits Anzeigen von Nutzern gelöscht wurden, die eine erfolgte Meldung nach § 31 nicht nachweisen konnten. Entscheidend ist aber der Passus, dass die geforderte Meldung nur dann notwendig ist, wenn Tierhalter nicht auf Grund einer Verordnung von dieser Verpflichtung ausgenommen sind.

Diese Ausnahmen wurden bereits im März 2016 in der 70. Verordnung der Bundesministerin für Gesundheit betreffend Ausnahmen von der Meldepflicht für die Haltung von Tieren zum Zweck der Zucht und des Verkaufs beschlossen. Sie betreffen u.a. Zierfische und domestizierte Ziervögel wie Wellensittiche, wenn der Verkauf nicht regelmäßig und nicht mit Gewinn erfolgt. Da typische Terrarientiere wie Reptilien, Amphibien und Wirbellose in Österreich als Wildtiere eingestuft werden, ist für die Terraristik § 3 der Verordnung interessant, welcher besagt:
Im Falle von Wildtieren ist eine gesonderte Meldung gemäß § 31 Abs. 4 TSchG dann nicht erforderlich, wenn eine solche Meldung bereits im Rahmen der Anzeige gemäß § 25 TSchG erfolgt oder erfolgt ist.
Derartige Verkaufsanzeigen von Privatpersonen dürften also eigentlich nicht von willhaben.at und anderen Portalen unter Berufung auf die Tierschutz-Novelle 2017 untersagt werden. Es dürften in diesen Fällen auch keine Zuchtgenehmigungen eingefordert werden. Grundsätzlich steht es Webseitenbetreibern natürlich frei, welche Angebote sie dulden. Einen Rechtsanspruch hat man nicht, dass eigene Inserate veröffentlicht werden. Facebook verbietet in seinen Handelsrichtlinien schließlich auch den Verkauf von Tieren, was seit Oktober 2016 vor allem in den vier Ländern, in denen Facebook mit einer neuen Marktplatz-Applikation gestartet ist (USA, Neuseeland, Australien und Großbritannien) für Unmut bei Tierverkäufern sorgt. Prinzipiell ist diese Regelung aber nicht neu. Wer die Spielregeln nicht akzeptiert, muss sich halt woanders umschauen (allerdings sollte Facebook dann auch konsequenter gegen andere Verstöße wie Hate Speech vorgehen...). Kritisch wird es dann, wenn Kleinanzeigenportale unter Berufung auf übergeordnete Gesetzgebungen Bescheinigungen verlangen, die eigentlich gar nicht notwendig sind. Der Grund ist klar: Für Portale ist es einfacher, nur Anzeigen von ausgewiesen genehmigten Züchtern/Händlern zu dulden, statt alle Anzeigen in Bezug auf möglicherweise greifende Ausnahmeregelungen zu überprüfen. 

Was tun?

Betroffene könnten eine Meldung nach § 31 durchführen, auch wenn diese laut Gesetz gar nicht vorgeschrieben ist, um die Bescheinigung dann den Portalen vorzulegen. Vielleicht führt diese unnötige Belastung der Behörden ja ganz schnell wieder zu einer weiteren Tierschutz-Novelle? Da durch die Novelle aber vor allem Halter von nicht unter die Ausnahmen fallenden Tieren (z.B. Hunde, Katzen und Pferde) betroffen sind, ist in diesen Kreisen die Kritik derzeit lauter als aus Kreisen der Vivaristik. 

Internetrecht ist ein komplexes Thema. Ähnlich wie beim Rechtsstreit, ob sich Facebook mit europäischem Sitz in Irland an deutsches Datenschutzrecht halten muss, ist auch bei der neuen Tierschutz-Novelle fraglich, in welcher Weise Seitenbetreiber in die Pflicht genommen werden können. Das größte deutschsprachige Anzeigenportal für Terraristik-Kleinanzeigen (terraristik.com) hat seinen Sitz ebenfalls in Österreich. Dort findet man sowohl Anzeigen von Tierhaltern aus Österreich als auch aus anderen Ländern. Müssen Webseitenbetreiber bei österreichischen Anzeigen überhaupt prüfen, ob eine Genehmigung nach § 31 erforderlich und falls ja auch vorhanden ist oder sind nur die Anzeigenersteller in der Haftung? Und was ist mit Kleinanzeigenportalen mit Sitz im Ausland? Können Seitenbetreiber z.B. aus Deutschland in die Pflicht genommen werden, wenn österreichische Händler dort Anzeigen schalten oder greifen stattdessen die jeweils gültigen nationalen Gesetze? Juristen fänden sicherlich für beide Seiten eine entsprechende Argumentation. In dieser Hinsicht ist das Internet tatsächlich noch Neuland. Bis zu gegenteiligen Rechtsprechungen ist das Schalten von Anzeigen auf ausländischen Portalen aber wohl als Schlupfloch für österreichische Tierhändler anzusehen. 

Eine weitere Umgehungsmöglichkeit der neuen Regelung ist eine Umkehr des Handels. Suchinserate fallen nicht unter das eingeschränkte Feilhalten, Feil- oder Anbieten und sind demnach weiterhin gestattet. Anstatt also als Kunde nach Verkaufsanzeigen zu suchen, die von Händlern eingestellt wurden, schaltet man einfach selbst ein Gesuch. Händler, die die gesuchte Tierart anbieten, könnten sich dann mit dem Suchenden in Verbindung setzen. Fraglich ist, ob Internetverkaufsportale solche Suchanzeigen dulden oder im vorauseilendem Gehorsam ebenfalls löschen.

Tieranzeigen im nichtöffentlichen Rahmen sind übrigens weiterhin erlaubt. Dazu zählen neben Anzeigen in Vereinszeitschriften auch geschlossene Internetgruppen und somit wohl auch das sog. Darknet, da das Tor-Netzwerk nicht öffentlich zugänglich ist und auf viele Bereiche erst nach Einladung zugegriffen werden kann. And there lies the rabbit in the pepper. Wie schon beim Börsenverbot scheint es in Österreich gängige Praxis geworden zu sein, mutmaßlich illegale Aktivitäten nicht aktiv zu bekämpfen, sondern einfach nur in den Untergrund zu verlagern. Vielleicht damit die federführenden Politiker sowie Tierschutzvereine eine weiße Weste behalten und man sich mit Erfolgen brüsten kann, die bei näherem Hinsehen gar nicht vorhanden sind… oder weil letztere jede Konkurrenz ausschalten wollen, um am Ende die Einzigen zu sein, die Tiere gegen Schutzgebühr veräußern dürfen?

Weitere Infos zur Tierschutz-Novelle 2017 gibt es in den FAQs: Internethandel mit Tieren des zuständigen Ministeriums. 

Exoten: 30 Tierschutzvereine bitten Minister um Hilfe

Tierschutzprobleme treten vor allem bei Arten auf,
die häufig gehalten werden - beispielsweise Bartagamen.
In einem Brandbrief haben sich 30 Tierschutzvereine, Tierheime und Auffangstationen an den derzeitigen Landwirtschaftsminister Christian Schmidt gewandt und umfassende Forderungen zur Einschränkung der sog. „Exotenhaltung“ gefordert. Dies geht aus einer Pressemitteilung des Hamburger Tierschutzvereins e.V. (HTV) vom 27. April 2017 hervor: Exotenhandel: Hilferuf von 30 Tierheimen und Auffangstationen an die Politik

In dem Schreiben fordern die mitzeichnenden Vereine strengere Regulierungen von Wildtierbörsen und Internethandel, eine bundeseinheitliche Gefahrtiergesetzgebung, zusätzlich eine Positivliste sowie mehr finanzielle Unterstützung. Statt an dieser Stelle herumzupupen „Aber Katzen und Hunde sind doch das viel größere Problem“ möchte ich die einzelnen Forderungen einmal sachlich im Detail durchgehen:

Regulierung von Wildtierbörsen

Die Kritik der Tierheime und Auffangstationen an solchen Börsen basiert auf der Annahme, dass sich dort vermehrt uninformierte Leute spontan exotische Wildtiere kaufen und diese nach kurzer Zeit dann aufgrund Interessenverlust oder Überforderung wieder abgeben wollen. Tatsächlich ist die Hürde ein Tier zu erwerben auf vielen Börsen nicht sonderlich hoch, weil die Verkäufer gewissermaßen davon ausgehen, dass vor allem sachkundige Personen weite Wege auf sich nehmen, um eine Börse zu besuchen. Aufgrund der hohen Besucherzahlen bleibt eine Beratung dann gerne mal aus, mit dramatischen Konsequenzen für die Tiere. Der unregulierte, flohmarktähnliche Verkauf auf Börsen bzw. aufgrund einiger (nicht aller!) Händler, ist auch aus meiner Sicht ein Problem, welches behoben werden sollte. Generelle Börsenverbote wie hierzulande gefordert und in Österreich bereits umgesetzt, halte ich allerdings nicht für zielführend. Tatsächlich fordern die 30 Tierheime und Auffangstationen in ihrem Brief auch gar keine grundsätzlichen Börsenverbote.

Der Einzugskreis solcher Veranstaltungen soll auf das nahe Umfeld beschränkt werden, damit nicht Händler von Börse zu Börse tingeln und die angebotenen Tiere womöglich niemals ihre Transportboxen verlassen dürfen (ob und wie häufig das tatsächlich geschieht, ist allerdings nicht bekannt). In der Folge würden die Börsen logischerweise kleiner und in manchen Regionen würden sie wahrscheinlich sogar ganz aussterben. Ob dies allerdings zielführend ist, darf bezweifelt werden. Im Ansatz finde ich die Idee zwar gut, doch dann würde der Besucherandrang auf die wenigen verbleibenden Börsen wahrscheinlich immens ansteigen und eine Beratung noch schwieriger sein.

Die Anzahl der angebotenen Tiere pro Verkäufer soll limitiert und der Verkauf von Wildfängen verboten werden. Auch auf die Gefahr hin, von gewissen Interessenvertretern wieder mal als Nestbeschmutzer bezeichnet zu werden, finde ich diese Forderungen gut. Den Handel mit Wildfängen (also Naturentnahmen) lehne ich nicht grundsätzlich ab, auf Börsen sehe ich den Verkauf dieser oft heiklen Pfleglinge an jedermann allerdings kritisch. Zumal sich viele Arten problemlos nachzüchten ließen, dies sich aber für Züchter nicht lohnt, weil die Importe insbesondere bei nicht geschützten Arten die Preise drücken. Auch die Begrenzung des Angebots finde ich gut, weil so die Preise für die Tiere ansteigen würden, damit sich für Händler überhaupt die Standgebühr rentiert. Zu niedrige Preise sind eines der größten Probleme auf Börsen.

Gegen eine Aktualisierung der „Leitlinien zur Ausrichtung von Tierbörsen unter Tierschutzgesichtspunkten“ ist nichts einzuwenden. Konkrete Aussagen dazu können aber erst nach Vorlage eines entsprechenden Entwurfs gemacht werden. Auch eine verstärkte Überwachung von Börsen durch spezialisierte Tierärzte ist wünschenswert. Manche Börsen haben übrigens jetzt schon eigene Fachtierärzte, die für Fragen bereitstehen. Solche Aspekte sollten mehr gewürdigt werden.

Gewerbliche Anbieter sollen verboten, alternativ an die Vorgaben für stationäre Zoofachgeschäfte gebunden werden. Ersteres sehe ich kritisch, weil es im Grunde genommen das ist, was in Österreich umgesetzt wurde. Gewerblicher Handel wurden verboten und Börsen auf Tauschveranstaltungen reduziert. Aus Tierschutzsicht ist es aber egal, ob man das Tier von einem privaten Züchter oder einem gewerblichen Händler kauft oder tauscht. Entscheidend sind Beratung und Preis, um Spontankäufe zu verhindern. Ein Ausschluss gewerblicher Händler wäre nicht verhältnismäßig, sofern die eigentlichen Probleme behoben werden.

Internethandel verbieten

Die unterzeichnenden Tierschutzvereine fordern den Verkauf und Versand von lebenden Tieren über Internetbörsen zu unterbinden, weil der unregulierte Onlinehandel Spontankäufe fördere. Hier wird ein komplexes Thema leider auf eine kurze Forderung reduziert, was ich nicht zielführend finde.

Onlinehandel ist nämlich nicht gleich Onlinehandel. Es gibt einerseits Internetshops, bei denen Tiere ohne irgendwelche Hürden gekauft werden können. Sie werden einfach in den Warenkorb gelegt und dann per Post oder Tierspedition geliefert (Postversand ist nur für wirbellose Tiere gestattet). Diese Form des Internethandels sehe ich ebenfalls kritisch, weil Verkaufsgespräche vollends ausbleiben und Tiere in eine ungewisse Zukunft verschickt werden. Dann gibt es aber noch den Handel über Anzeigenportale, auf denen verschiedene Anbieter ihre Tiere veräußern. Mal handelt es sich um gewerbliche Händler, die eine frische Importlieferung von Wildfängen anbieten, mal um die Anzeigen engagierter Privatzüchter, die durchaus darauf achten, an wen sie ihre Tiere verkaufen, oder auch um Hilfsgesuche von Leuten, die ihre Tiere lieber in gute Hände, statt in ein überfordertes Tierheim abgeben möchten. Nicht jedes dieser Angebote ist aus Tierschutzsicht problematisch, weswegen mit Bedacht gegen schwarze Schafe vorgegangen werden muss.

Ein generelles Verbot des Onlinehandels, wie von den Vereinen gefordert, würde letztlich dazu führen, dass diese Vereine vermehrt mit Abgabetieren konfrontiert würden.

Einheitliches Gefahrtiergesetz

Die Forderung nach einer bundeseinheitlichen Gefahrtiergesetzgebung wird von mir unterstützt, damit endlich Rechtssicherheit geschaffen wird. Der Frage, wie eine solche Regelung trotz Föderalismus überhaupt möglich ist, gehe ich demnächst in einem ausführlichen Artikel nach.  

Positivliste

Da haben wir sie wieder, die leidige Forderung nach einer Positivliste. Es ist für mich nur schwer begreiflich, warum Tierheime und Auffangstationen einerseits beklagen, die Grenze der Belastbarkeit und Aufnahmekapazität erreicht zu haben, dass eine Vermittlung bei vielen Tieren sehr schwer ist und dass die Behörden bei Beschlagnahmungen nicht im Sinne des Tierwohls agieren können, andererseits aber diese Probleme mit massiven Einschnitten in die Heimtierhaltung weiter befeuern wollen.

Die Forderung nach einem verbindlichen Sachkundenachweis finde ich in Ordnung, sofern die Schulungskonzepte der Tierhalterverbände offiziell anerkannt werden, denn vor allem dort findet man die dafür nötige Fachkompetenz. Damit würde sich dann aber auch eine Reduzierung des legal haltbaren Artenspektrums mittels Positivliste erübrigen. Wenn Halter die für die angemessene Pflege erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten nachweislich erworben haben, ist es vollkommen egal, welche Tierart gehalten wird. Da Positivlisten sehr viel mehr Probleme verursachen als zu beseitigen, sind sie aus Tierschutzsicht strikt abzulehnen. Warum diese Erkenntnis bei einigen Vereinen trotz vergleichbarer Erfahrungen (z.B. Verbot von Listenhunden und invasiver Arten, die als Ladenhüter in den Tierheimen versauern) noch nicht angekommen ist, entzieht sich meinem Verständnis.



Finanzielle Unterstützung

Tierheimen und Auffangstationen fehlt es bekanntlich an finanziellen Mitteln. Manche Einrichtungen dramatisieren die Probleme mit Exoten, um mit diesen in den Medien platziert zu werden, da nach Hunden und Katzen kaum noch ein Hahn kräht. Dabei liegen dort die wahren Probleme solcher Einrichtungen (Mist, jetzt hab ich es doch gesagt). Aber auch den auf Reptilien etc. spezialisierten Einrichtungen fehlt es häufig an Geldern. Die Kommunen machen es sich oftmals sehr leicht. Sie sagen sich, dass die „doofen“ Tierschützer ja sowieso einspringen und die Probleme schon irgendwie ausbaden.

Daher unterstütze ich diese Forderung der Tierschutzvereine. In der Diskussion stand mal eine Art „Solidaritätszuschlag“ für Einrichtungen des Tierschutzes, der von allen Bürgerinnen und Bürgern gezahlt werden solle. Ich persönlich fände es aber sinnvoller, endlich den milliardenschweren Raubzug der Kirche zu beenden und stattdessen Tierheime stärker staatlich zu subventionieren. 
Aber das ist ein anderes Thema...

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Mittwoch, 26. April 2017

Die Sinaloa-Königsnatter (Lampropeltis polyzona „sinaloae“)

Die Sinaloa-Königsnatter (Lampropeltis polyzona „sinaloae“) ist im Deutschen unter vielen verschiedenen Trivialnamen bekannt. So wird sie auch als Sinaloa-Milchschlange oder als Sinaloa-Dreiecksnatter bezeichnet. Milchschlange wird sie aufgrund einer alten Volkssage genannt, weil sie als Kulturfolger häufig in Kuhställen zu finden ist und die Landwirte glaubten, sie würde an den Eutern der Kühe saugen. Dieser Volksglaube ist übrigens auch bei uns bekannt, betrifft hier jedoch einheimische Schlangen wie Ringelnatter und Kreuzotter. Die deutsche Benennung als Dreiecksnatter ist inzwischen als überholt anzusehen. Die Sinaloa-Königsnatter wurde bis 2014 noch als Lampropeltis triangulum sinaloae und somit als Unterart der Dreiecksnatter (Lampropeltis triangulum) bezeichnet (triangulum = Dreieck). Aufgrund von DNA-Analysen wurde jedoch festgestellt, dass zwischen dieser (ehemaligen) Unterart und den „echten“ Dreiecksnattern doch keine so enge Verwandtschaft besteht. Die Sinaloa-Königsnatter wird deshalb derzeit als Lokalform von Lampropeltis polyzona eingestuft.

Der Lebensraum dieser ungiftigen Natter erstreckt sich über weite Teile Mexikos. Sie ist äußerst anpassungsfähig und kommt sowohl im Tiefland als auch in höheren Lagen vor. Sie bevorzugt eher trockene Lebensräume und ist als Kulturfolger vor allem auf landwirtschaftlich genutzten Flächen zu finden.

Verhalten

Vom Verhalten her sind die Tiere normalerweise ruhig und defensiv. Jungschlangen sind allerdings oftmals sehr hektisch und reagieren auf den Menschen mit Flucht und Ablenkungsmanövern, bei denen sie ihre Schwanzspitze wild hin und her schlagen. Im Laufe der Zeit gewöhnen sie sich jedoch an den Menschen und verlieren ihre Scheu. Sie zeigen sich dann häufiger im Terrarium und flüchten nicht mehr, wenn der Halter vor dem Terrarium erscheint. Mit fortschreitendem Alter werden sie sogar regelrecht zutraulich und kommen in Richtung ihres Halters, in der Erwartung auf Futter. Dies kann bei Arbeiten im Terrarium schon mal etwas lästig sein. Abwehrbisse habe ich bei dieser Art allerdings noch nie erlebt, was einerseits zeigt, dass sie sich gut an eine Haltung in menschlicher Obhut gewöhnt. Ein weiterer Grund dafür ist allerdings auch, dass die Tiere auf Ihre Warnfarben vertrauen. Die Sinaloa-Königsnatter imitiert mit ihrer Färbung nämlich Korallenottern der Gattung Micrurus, die in den selben Verbreitungsgebieten vorkommen und giftig sind. Mit dieser Mimikry täuscht die ungiftige Sinaloa-Königsnatter Fressfeinden eine nicht vorhandene Gefährlichkeit vor. Würde sie zur Abwehr beißen, wäre die Täuschung schnell durchschaut. Auch in Hollywoodfilmen wird die harmlose Sinaloa-Dreiecksnatter gerne als „Double“ für hochgiftige Korallenottern eingesetzt, was für Kenner immer sehr erheiternd ist.

Haltungsbedingungen:

Die Mindestanforderungen an die Haltung von Reptilien geben für ein Pärchen Sinaloa-Königsnattern ein Terrarienmindestmaß von 1,0 x 0,5 x 0,5 mal der Gesamtkörperlänge des größten Tieres an. Die Aufzucht von Jungschlangen erfolgt häufig in sog. „Spinnenwürfeln“ (z.B. 20 x 20 x 20 cm), was auch mit den Mindesthaltungsrichtlinien im Einklang steht (die Aufzucht in kleineren Terrarien ist gestattet). Erwachsene Tiere benötigen entsprechend der o.g. Formel Terrarien von mindestens 100 x 50 x 50 cm oder sogar 120 x 60 x 60 cm (Weibchen werden in der Regel größer als Männchen). Ich verwende Terrarien aus OSB-Holz und bin damit sehr zufrieden.

Das Terrarium sollte gut strukturiert sein und einen grabfähigen Bodengrund enthalten. Gut geeignet ist Garten-, Wald- oder auch Blumenerde. Kleintierstreu, Holzspäne und Rindenprodukte (z.B. Pinienrinde, Rindenmulch etc.), die häufig für Schlangenhaltung angeboten werden, sind aus meiner Sicht nicht für die dauerhafte Haltung von Königsnattern geeignet, da sie nicht wirklich grabfähig sind, häufig stauben oder aufgrund von Kot und Urin schnell schimmeln können. Kokoshumus ist eine mögliche Alternative, muss aber regelmäßig leicht nachgefeuchtet werden, damit er grabfähig bleibt. 
 
Obwohl die Sinaloa-Dreiecksnatter eher selten klettert, sind ein paar Kletteräste und höhergelegene Liegeflächen ebenfalls empfehlenswert, um den aktiv nutzbaren Raum im Terrarium zu vergrößern. Als Versteckmöglichkeiten dienen z.B. Korkröhren, Korkrindenstücke und Pflanzschalen aus Ton. Manche dieser Verstecke werden mit feuchtem Moos ausgestattet. So hat die Schlange die Wahl zwischen verschiedenen Versteckmöglichkeiten. Empfehlenswert ist auch noch eine sog. „Wetbox“, da man diese leichter mit feuchtem Moos bestücken kann. Diese dient den Tieren während der Häutung gerne als Versteck und Weibchen legen darin ihre Eier ab, wenn sie an der richtigen Stelle im Terrarium bei etwa 27 °C platziert wird. Auch nicht verpaarte Weibchen produzieren Eier und benötigen daher eine geeignete Eiablagemöglichkeit. Eine Bepflanzung mit echten Pflanzen ist möglich. Dann benötigt man aber auch viel mehr Licht im Terrarium, was die Schlange selbst eigentlich nicht bräuchte. Eine Alternative wären künstliche Pflanzen, aber hierbei sind die Geschmäcker verschieden.
 

Temperatur & Luftfeuchtigkeit

Die Tagestemperatur sollte im Durchschnitt bei ca. 27 °C liegen. Das kann auf verschiedene Art und Weise erzeugt werden. Manche Halter schwören auf Wärmematten oder sog. „Heat Panels“, ich bevorzuge Wärmelampen. Die erforderliche Leistung richtet sich nach der Terrariengröße und den Umgebungstemperaturen am Aufstellort, daher muss man mit Thermometern messen, welche Lampenleistung man benötigt. Solche Lampen müssen bei Schlangen mit einem Schutzgitter versehen werden, damit die Tiere sich nicht verbrennen können. Unter dem Wärmespot sollten Temperaturen von ca. 35 °C, in der kühlsten Ecke des Terrariums in Höhe von ca. 23 °C erreicht werden. Nachts sollte die Temperatur abhängig von der Jahreszeit auf ca. 20 °C fallen. Die Luftfeuchtigkeit im Terrarium liegt bei mir tagsüber normalerweise zwischen 50 und 60 %, nachts steigt sie etwas an. In den feuchten Verstecken ist sie natürlich höher (Mikroklima). Während der Häutungsphase erhöhe ich durch regelmäßiges Sprühen die Gesamtluftfeuchtigkeit auf ca. 70 %. Aber auch das sind nur grobe Richtwerte. Ich bin der Meinung, dass nicht allzu große Schwankungen für die Tiere nicht schädlich sind, sondern sie sogar fitter machen. Die Natur ist schließlich auch kein Labor mit kontrollierten Bedingungen. Aber allzu sehr darf man von den genannten Werten natürlich nicht abweichen.

Vergesellschaftung

Die Sinaloa-Königsnatter ist zwar ophiophag, frisst also im natürlichen Verbreitungsgebiet gelegentlich auch mal andere Schlangen, bei in menschlicher Obhut aufgewachsenen und ausschließlich mit Nagetieren ernährten Nachzuchten scheint dieses Verhalten aber nicht mehr so stark ausgeprägt zu sein. Eine Paar- oder gar Gruppenhaltung wird Berichten zufolge von vielen Haltern ohne Zwischenfälle praktiziert. Dabei ist jedoch darauf zu achten, dass die Tiere dieselbe Größe haben, damit nicht doch ein kleineres Tier einem größeren zum Opfer fällt. Auch während der Fütterung ist dabei besondere Vorsicht geboten. Ich selbst halte meine Tiere allerdings einzeln und kann daher zur Vergesellschaftung keine persönlichen Erfahrungen schildern. Vergesellschaftung mit anderen Arten sollte unterlassen werden, auch wenn dies z.B. in manchen zoologischen Schauvivarien anders demonstriert wird:
 
Sinaloa-Königsnatter mit Kaiserboa im Naturhistorischen Museum Braunschweig (2015)

Fütterung

Obwohl Lampropeltis polyzona „sinaloae“, wie oben schon erläutert wurde, andere Schlangen und auch Echsen frisst, ist ein Verfüttern dieser Tiere nicht zwingend erforderlich. Die Art lässt sich sehr gut ausschließlich mit Nagetieren ernähren. Sie ist normalerweise schon als Jungtier futterfest und akzeptiert Frostfutter problemlos. Bei adulten Tieren reichen 1-2 Mäuse oder kleine Ratten pro Woche aus. Jungschlangen brauchen öfter Futter. Im natürlichen Lebensraum stehen auch Vögel, Eier und gelegentlich sogar Insekten auf ihrem Speiseplan.

Frisches Wasser sollte immer zur Verfügung stehen. Da die Sinaloa-Königsnatter insbesondere in der Häutungsphase gelegentlich badet, sollte die Wasserschale groß genug sein, um dies zu ermöglichen. Manchmal wird die Wasserschale auch als Toilette genutzt, dann ist das Wasser natürlich sofort zu wechseln.

Winterruhe & Erwerb

Diese Art benötigt eine eher milde, zwei- bis dreimonatige Winterruhe bei Tagestemperaturen von ca. 20 °C und ausgeschalteter Beleuchtung. Diese wird im Herbst durch eine stückweise Reduzierung der Beleuchtung und Wärmetechnik eingeleitet. In dieser Zeit wird auch die Fütterung eingestellt. Nachts sollten die Temperaturen während der Winterruhe im Bereich von ca. 10-15 °C liegen, aber nicht dauerhaft unter 10 °C fallen.
 
Paarungen finden nach der Winterruhe im Frühjahr statt. Die Nachzucht ist unproblematisch und gelingt regelmäßig, weswegen Nachzuchten der Sinaloa-Königsnatter schon zu vergleichsweise niedrigen Preisen angeboten werden. Dies hat zu einer gewissen Marktsättigung geführt. Nicht so stark wie beispielsweise bei Kornnattern, aber doch in einem Ausmaß, aufgrund dessen diese Schlange leider regelmäßig in Tierheimen und Auffangstationen landet. Daher sollte man sein Glück ruhig auch einmal in einer solchen Einrichtung versuchen, um einem der dortigen Tiere eine 2. Chance zu geben.

Die Lebenserwartung der Sinaloa-Königsnatter liegt in menschlicher Obhut bei ca. 20 Jahren, im natürlichen Lebensraum ist sie vermutlich kürzer.

 
Da in einem Blogpost nicht auf alle Bedürfnisse detailliert eingegangen werden kann, sind weiterführende Informationen zur artgerechten Haltung der einschlägigen Fachliteratur zur entnehmen. Für den Einstieg ist das Buch „Die Dreiecksnatter: Lampropeltis triangulum“ von Dieter Schmidt aus der Art-für-Art-Reihe empfehlenswert.
 

Dienstag, 25. April 2017

Zootierhaltung in der öffentlichen Kritik

Nach den kürzlich veröffentlichten Aufnahmen der Tierrechtsorganisation PETA Deutschland im Report Mainz (ARD) über das Elefantentraining im Erlebniszoo Hannover und der gestrigen erneuten Ausstrahlung dieses Materials im RTL-Magazin „Extra“, wird die grundsätzliche Legitimation von Zoos zunehmend kontrovers diskutiert.

Kritik wird vor allem seitens einer von Tierrechtlern aufgehetzten Schar an Wutbürgern laut. Schaut man sich die Urheber der zum Teil strafrechtlich relevanten Kommentare in den (a)sozialen Netzwerken an, wird schnell deutlich, dass diese Leute offenbar nicht verstanden haben, worum es den Organisationen geht, denen sie so bereitwillig folgen: Die sukzessive Abschaffung jeder Art von Tiernutzung. Erstaunlicherweise findet man in den Profilen der meisten Zookritiker, die ihr mangelhaftes Wissen über die sog. „Wildtierhaltung“ mit überschwänglichen Emotionen und dumpfen Bauchgefühlen zu kompensieren versuchen, fast immer Aufnahmen von persönlichen Tierhaltungen, die vom harten Kern der als Helden gefeierten Tierrechtslobby ebenfalls abgelehnt werden. Da werden Hunde, Katzen und Pferde freudig der Kamera präsentiert, während man von der Couch aus Scheißhausparolen wie „Artgerecht ist nur die Freiheit“ in den Äther schickt. Tierhalter, die Tierhaltung ablehnen? In den Psychiatrien sitzen Leute für weniger…

Domestikation als Rechtfertigung?

Auf diese schizophren anmutende Geistesstörung hingewiesen, reagieren die Betroffenen zumeist mit der Rechtfertigung, dass ihre Tiere schließlich domestiziert seien und daher gar nicht mit Wildtieren in Zoos verglichen werden können. Das stimmt insofern, als dass Zoos und andere Wildtierhalter sich bei der Schaffung von Tiergehegen an den natürlichen Lebensräumen orientieren, während die Domestikation von Tieren seit jeher das genaue Gegenteil vorsieht: Tiere den menschlichen Wünschen durch Selektionszucht anzupassen. Die Domestikation ist, aus Sicht der Tierrechtsideologie, eigentlich als das größte Verbrechen aller Zeiten zu betrachten. Umso absurder wirkt es, wenn Tierrechtler diesen Tierrechtsverstoß als Argument vorbringen, um ihre eigene, ebenso egoistische Tierhaltung zu rechtfertigen, während sie mit erhobenem Zeigefinger auf Tierhaltungen zeigen, die sie nicht verstehen.

Tierrechtsvereine wie PETA, animal public etc. haben ein Talent dafür, Missstände bei „domestizierten“ Tieren zu verschweigen, mit einseitigen Berichten Vorurteile zu schüren und die öffentliche Wahrnehmung zu manipulieren, damit sie möglichst viele „Tierfreunde“ desinformieren und so auf ihre Seite ziehen können. Mit diesen Methoden haben auch AfD, Flat-Earther, und der IS großen Erfolg.

Wie definiert ein Tier „Freiheit“?

Das Freiheitsempfinden von unterschiedlichen Tierspezies ist unterschiedlich stark ausgeprägt. Eine Verallgemeinerung und das Übertragen des menschlichen Freiheitsbewusstseins auf andere Tiere, wie es der Antispeziesismus – die Kernideologie der Tierrechtsbewegung – vorsieht, ist kontraproduktiv und daher abzulehnen. Den moralischen Ansatz dieser Ideologie „Gleichbehandlung dort, wo gleiche Interessen vorhanden sind“ kann ich durchaus nachvollziehen. Leider werden dann aber sehr oft gleiche Interessen wie z.B. der Wunsch nach Freiheit in Tiere hineininterpretiert, die sich diesem vom Menschen geschaffenen Modell gar nicht bewusst sein können. Antispeziesismus basiert nämlich nicht auf objektivem Wissen, sondern auf einer nicht greifbaren, je nach Gutdünken wandelbaren Doppelmoral. Alle Tiere (inkl. des Menschen) werden dabei als gleichberechtigt auf eine Stufe gestellt und anatomische sowie evolutionäre Unterschiede einfach ignoriert. Aufgrund ihrer unterschiedlichen Entwicklungsgeschichte sind Tiere aber nun mal nicht gleich. Das bedeutet nicht, dass eine Schlange weniger wert ist als ein Elefant, aber dennoch gibt es entwicklungsgeschichtliche große Unterschiede, die beachtet werden müssen. Man schaue sich nur einmal den Aufbau des Gehirns an. 
 
 
Dies führt dazu, dass man die Bedürfnisse der jeweiligen Tierart betrachten und dann abwägen muss, ob und in welcher Form eine Haltung in menschlicher Obhut angebracht ist oder nicht. Sicherlich ist nicht jede Tierart für jedermann als Heimtier geeignet. Daher wird es immer Situationen geben, in denen Tierhaltungen (auch in Zoos) aus Tierschutzsicht abzulehnen sind. Aber auch hier lässt sich keine Tierart als besonders geeignet oder ungeeignet hervorheben, so wie es von Zookritikern und Tierhaltungsgegnern regelmäßig getan wird. Entweder befürwortet man bedürfnisorientierte (=artgerechte) Tierhaltung oder aber man lehnt jede Art von Tierhaltung ab. Ein Zwischending wäre scheinheilig.

Daher ist es unlogisch, warum Antispeziesisten für die omnivore Tierspezies Homo sapiens eine nicht artgerechte herbivore Ernährungsweise propagieren, während die Lebensweise aller anderen omnivoren und carnivoren Tierspezies moralisch akzeptabel sein soll. Das widerspricht bereits dem Gleichheitsgedanken des Antispeziesismus.

Zoos und Artenschutz

Zoos dienten früher dazu, Menschen mit exotischen Tieren aus fremden Ländern zu unterhalten. Heutzutage haben zoologische Einrichtungen aber einen ganz anderen Ansatz. Sicherlich erfüllt nicht jeder „Wald-und-Wiesen-Tierparkt“ diesen hohen Anspruch, aber das rechtfertigt keine Generalkritik an Zoos, sondern erfordert eine genaue Einzelfallbetrachtung.

Sehr oft werden Aussagen von Zookritikern verbreitet, die das komplexe Thema viel zu sehr pauschalisieren. Beispielsweise wird behauptet, dass in menschlicher Obhut aufgewachsene Wildtiere nicht mehr ausgewildert werden können und Zoos daher nicht dem Artenschutz dienen. Auch hierbei kommt es wieder ganz auf die Tierart an und auch auf die Art und Weise der Aufzucht. Handaufzuchten hochsozialer Säugetiere sind für eine Auswilderung sicherlich ungeeignet. Dennoch gibt es viele Beispiele, in denen in menschlicher Obhut aufgewachsene Tiere erfolgreich ausgewildert und wildlebende Populationen dadurch vielleicht sogar langfristig gerettet wurden (z.B. Przewalskipferde, Andenkondor oder als naheliegendes Beispiel: Wisent). Auswilderung bedeutet nicht: Man nehme ein Zuchttier und setze es aus. Auswilderung bedeutet, dass die Tiere stückweise an ein Leben in freier Wildbahn herangeführt werden. Sie müssen das Leben in Freiheit also erst erlernen und sich den veränderten Bedingungen neu anpassen. Mit der Behauptung, sie seien dazu nicht fähig, tut man ihnen Unrecht.

Nicht nur die Nachzucht für die Auswilderung spielt für den Artenschutzgedanken eine Rolle, sondern auch der Aspekt der Naturbildung. Deren Erfolg lässt sich zwar kaum messen, aber das ist bei den von Zookritikern als Alternative promoteten Dokumentarfilmen auch nicht anders. Ich bin der Meinung, dass das direkte Erleben im Endeffekt sehr viel mehr bei den Menschen bewirkt, als das stupide Betrachten von Filmaufnahmen. Aufgrund der Aussagen mancher Tierrechtler habe ich außerdem den Eindruck, dass sie Filme wie „Findet Nemo“ und „Rio“ gedanklich als Dokumentarfilme wahrnehmen. Als Lösung wird dann von Zookritikern angeführt, dass man doch in die natürlichen Lebensräume reisen könnte, wenn man unbedingt Wildtiere live erleben möchte. Man hält es also für sinnvoller, dass Menschenmassen statt gezüchtete Tiere in Zoos anzuschauen, selber in die Lebensräume reisen, um dort Wildtiere zu beunruhigen. Tja, Tierrechtslogik kennt nun mal keine Logik.

Emotionalisierung der „freien Natur“

Zookritiker sind der Meinung, dass man Tieren in menschlicher Obhut niemals die Natur ersetzen kann. Schließlich wandern Elefanten in Afrika weite Strecken, was sie im Zoo nicht können und diese Einschränkung daher als tierquälerischer „Tierknast“ interpretiert wird. Doch auch dies hält als Argument nicht stand.

Natürlich ist jeder Art von Tierhaltung eine Abweichung von der Natur, aber ist das auch problematisch? Große Reviere sind schließlich kein Zeichen von Freiheit, denn auch diese sind begrenzt. Die Reviergröße richtet sich nach den verfügbaren Ressourcen. Afrikanische Elefanten müssen beispielsweise nur deshalb weite Strecken wandern, um in kargen Landschaften ausreichend Nahrung oder während der Trockenzeiten Wasserstellen zu finden. Sie wandern nicht etwa, weil es ihnen Spaß macht, ihre ach so tolle Freiheit auszuleben oder weil sie es als eines ihrer schützenswerten Grundrechte verstehen, sondern weil sie sonst nicht überleben würden. Wenn die Ressourcenlage es zulässt, stellen sie ihre Wanderungen ein. So gibt es Populationen, die zwar regelmäßig weite Strecken zu angestammten Gebieten mit üppiger Vegetation auf sich nehmen, sich dort aber in großen Scharen auf vergleichsweise kleinem Terrain langfristig aufhalten, bis die Ressourcen erschöpft sind. Die Reviergröße beschreibt somit lediglich die Ressourcenlage, ist emotional aber gänzlich ohne Wertung. Je größer die Reviere, desto schlechter sind die Ressourcen verteilt. Wenn Tiere wie im Zoo regelmäßig vom Menschen versorgt werden, erübrigen sich Wanderungen in kilometerweiten Gebieten zur Nahrungs- und Wasserbeschaffung. Deshalb ist tiergerechte Beschäftigung auch so wichtig, damit die Tiere sich nicht langweilen – das gilt für Zootiere ebenso wie für Haustiere.

So wie die Hunde der Zookritiker ihre Beute eben auch nicht in großen Rudeln nach kilometerweiten Hetzjagden selbst erlegen müssen, weil sie vom Menschen versorgt werden, so brauchen auch andere Tiere in menschlicher Obhut keine 1:1 Abbildung ihres natürlichen Lebensraumes, um „glücklich“ zu sein. Wer der Meinung ist, dass eine solche Einschränkung unmoralisch ist, kann von mir aus sehr gerne dieser Meinung sein. Diese Leute dürfen dann aber selbst auch keine Tiere halten, weil das sonst inkonsequente Doppelmoral ist.

Fazit:

Tierquälerei ist natürlich nicht zu dulden und sollte die ermittelnde Staatsanwaltschaft zu der Erkenntnis kommen, dass das Elefantentraining im Zoo Hannover nicht tierschutzgerecht abgelaufen ist, erwarte ich vom Zoo, dass entsprechende Konsequenzen gezogen werden. Doch ganz egal wie das Ergebnis ausfällt, PETA hat sich bereits der Mittäterschaft schuldig gemacht. Die mutmaßlich tierquälerischen Aufnahmen, die im Herbst letzten Jahres von dieser Organisation angefertigt wurden, hätten zeitnah den Behörden überreicht werden müssen und nicht erst knapp ein halbes Jahr später, damit PETA damit – passend zum Beginn der Zoo-Saison – zunächst erst mal in den Medien platziert wird. Keiner der emotional aufgewühlten Tierfreunde erkennt, dass PETA mit diesem Verhalten das Tierleid verlängert hat und selbst keine weiße Weste hat. Keine der TV-Anstalten scheint dieses Vorgehen auch nur ansatzweise hinterfragt zu haben. Das ist – neben der überzogenen Generalkritik an Zoos – der größte Skandal.
 
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Samstag, 15. April 2017

Niederländische Positivliste von Gericht gekippt! Na ja, fast...

Vor wenigen Wochen ging ein Freudenschrei durch die sozialen Netzwerke: Ein niederländisches Gericht habe die Positivliste für die Tierhaltung in den Niederlanden gekippt! Diese Meldung ist allerdings nur ein Stück weit korrekt und das als großer Triumph der Tierhaltung gefeierte Urteil leider nur ein Etappensieg.

Tatsächlich wurde bei dem Prozess lediglich das Verbot von Hirscharten der beiden Gattungen Mazama und Muntiacus behandelt. Das Gericht kam zu dem Urteil, dass die wissenschaftliche Objektivität für das Verbot in diesem Fall nicht gegeben sei und dass die seinerzeit angehörten Experten nicht unabhängig waren. Die unkritische Übernahme ihrer Beurteilung stelle demnach einen Verstoß gegen die vom Europäischen Gerichtshof (EuGH) aufgestellten Bedingungen dar, nach denen die Aufnahme bzw. Ablehnung einer Tierart für eine Positivliste unter transparenten, objektiven und überprüfbaren Kriterien zu erfolgen habe, was zumindest bei den betroffenen Hirscharten nicht der Fall war. Der Staat dürfe von solchen Expertisen daher keinen Gebrauch machen.


Das Gericht hat demnach nicht die niederländische Positivliste als solche außer Kraft gesetzt, wie an mancher Stelle fälschlicherweise behauptet wurde, sondern lediglich die Bewertung zweier Hirsch-Gattungen für ungültig erklärt. Das ist zwar auch schon ein Erfolg, um jedoch ein vergleichbares Ergebnis bei den anderen Tierarten durchzusetzen, müssten betroffene Tierhalter ebenfalls den Rechtsweg bestreiten. Dafür macht das Urteil aber zumindest Mut.


Das Urteil hat zudem eine gewisse Signalwirkung und mahnt die Macher solcher Positivlisten zur Vorsicht, welche Experten sie dafür zu Rate ziehen. Es hat eine derartige Gesetzgebung aber leider nicht als grundsätzlich diskriminierend abgelehnt. Dies wäre auch gar nicht mehr möglich, weil der EuGH im Zuge einer Klage gegen die belgische Positivliste diese Art der Gesetzgebung bereits abgesegnet hat. Aber wenn EU-Staaten zukünftig nur noch Leute mir echter Fachexpertise in die Gesetzgebungsverfahren involvieren, dürfte dabei theoretisch gar keine Positivliste mehr rauskommen. Denn unter objektiven Gesichtspunkten gesehen müsste eine Positivliste das Ende nahezu jeder Art von Tierhaltung einleiten. Und das wird man aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten wohl nicht wagen.


Das vollständige Urteil ist hier zu finden (Niederländisch): ECLI:NL:CBB:2017:70



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Freitag, 14. April 2017

2. Vivaristik-Wochenende „Mittelamerika“ in Wien

Vom 9. bis 11. Juni 2017 findet in Wien das 2. Vivaristik-Wochenende statt. Ausgerichtet wird diese Veranstaltung von der Internationalen Schildkröten-Vereinigung (ISV). Unter dem Motto „Mittelamerika, Mexiko & Karibik“ treffen sich Vivarianer zum gegenseitigen Austausch.

Neben Terrarianern und Aquarianern gehören auch Freunde von exotischen oder anderweitig „ungewöhnlichen“ Pflanzen zur Zielgruppe der Veranstaltung. Schließlich gibt es bei uns Vivarianern einige Schnittmengen. Die Pflege von exotischen Pflanzen ist für Terrarianer ebenso interessant, wie die Haltung von geeigneten Tieren durch Pflanzenfreunde z.B. im Gewächshaus oder Bromelien-Vivarium. Nicht zuletzt ist auch die Vergesellschaftung von verschiedenen Tierarten in entsprechend bepflanzten Vivarien eine Disziplin, die von so manchem Vivarianer erfolgreich betrieben wird. Eine „Vergesellschaftung“ der Tier- und Pflanzenfreunde im Rahmen eines gemeinsamen Vivaristik-Wochenendes liegt also nahe, um damit das Zusammengehörigkeitsgefühl zu stärken. Ein Blick über den Tellerrand schadet auch nicht in Anbetracht der öffentlichen Kritik, derer sich die Vivaristik im Allgemeinen regelmäßig aussetzen muss.

Das breit gefächerte Vortragsprogramm bietet den Teilnehmern Informationen zu verschiedenen Bereichen der Vivaristik. So referieren Hobbyisten und Wissenschaftler u.a. über Pfeilgiftfrösche, Baumschleichen, Spinnentiere und Wirtelschwanzleguane. Ferner gehören Mitarbeiter von zoologischen Einrichtungen sowie des botanischen Gartens Wien zum Kreis der Redner. Die Chimaira Buchhandlung wird ebenfalls vor Ort sein und ein ausgewähltes Sortiment an Literatur mit Themenbezug zum Motto „Mittelamerika“ anbieten. Auch Anbieter exotischer Pflanzen und Vivaristik-Zubehör haben ihr Kommen angekündigt.

Veranstaltungsort ist das Schutzhaus „Zukunft“ auf der Schmelz. Der Unkostenbeitrag beträgt 18,- Euro und berechtigt zur Teilnahme an allen drei Veranstaltungstagen. 

Weitere Informationen sowie das vollständige Vortragsprogramm sind dem offiziellen Veranstaltungsflyer zu entnehmen.

Mittwoch, 12. April 2017

Gefahrtiervorfall in Berlin: Regeln ja, Komplettverbote nein!

Vergangene Woche wurde in Berlin Tempelhof-Schöneberg die Wohnung eines 44-jährigen Mannes geräumt, nachdem die Behörden einen Hinweis über eine mutmaßlich illegale Reptilienhaltung bekommen hatten: Berliner wohnte mit 24 hochgiftigen und schlecht gesicherten Tieren

Breitbandkupferkopf (Agkistrodon contortrix laticinctus)
Symbolbild
 
Wie die Senatsverwaltung inzwischen bestätigte, wurden bei dem Einsatz 24 potenziell gefährliche Terrarientiere sichergestellt, da diese im Teil A der Berliner Gefahrtierverordnung gelistet sind und deren Haltung in Privathand demnach streng verboten ist. Bei den Tieren handelte es sich den Berichten zufolge um einen fünf Meter langer Netzpython (Malayopython reticulatus), der entgegen der oben verlinkten Schlagzeile natürlich nicht hochgiftig ist, einen Dickschwanzskorpion (Parabuthus schlechteri) sowie 22 Giftschlangen (darunter verschiedene Kobras, eine Westliche Gabunviper sowie ein Breitbandkupferkopf). Die Tiere wurden in nicht ausreichend gesicherten Terrarien gehalten. An der Wohnungsräumung war der Verein aktion tier e.V. beteiligt, welcher in Brandenburg ein Reptilienzentrum betreibt, in dem die Tiere zunächst untergekommen sind.

Tierschützer fordern Gefahrtierverordnung

Eine Vermittlung der Tiere in Privathand wäre in Brandenburg zwar durchaus möglich, weil es dort derzeit keine Regelung für die Haltung von gefährlichen Tieren gibt, aktion tier schließt dies jedoch aus. Stattdessen wird eine Vermittlung der Tiere in zoologische Einrichtungen angestrebt. Sollte dies nicht möglich sein, verbleiben die Tiere dauerhaft im Reptilienzentrum.

Gegenüber dem Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) äußerte sich der Betreiber der Brandburger Reptilienstation Marko Hafenberg kritisch zur unkontrollierten Haltung von gefährlichen Tieren in Privathand und zog einen Vergleich zum Waffenbesitz. Anzumerken ist, dass der private Schusswaffenbesitz in Deutschland durchaus erlaubt ist, sofern bestimmte Voraussetzungen erfüllt werden (u.a. eine sichere Aufbewahrung der Waffe).


Von den Tierschützern wird daher eine Gefahrtierverordnung mit eindeutigen Regeln gefordert. Erfreulicherweise äußerte sich der Leiter der Auffangstation auch kritisch zu strikten Komplettverboten, weil dadurch Halter in der Anonymität verschwinden würden. Stattdessen solle eine Gefahrtierverordnung auf Erlaubnisvorbehalt und Meldepflicht basieren, damit die Behörden die Gefahrtierhaltungen effektiver kontrollieren könnten.


Das sind Forderungen, die ich durchaus teile, denn nicht jeder sollte sich ohne weiteres irgendwo ein gefährliches Tier kaufen können. Aber ebenso sollten verantwortungsvolle Tierhalter solche Tiere auch weiterhin halten und im Sinne des Arterhalts züchten dürfen. Mit einer sinnvollen Regelung könnten Auffangstationen zudem effektiver entlastet werden, denn nicht jeder Tierart ist für Zoos interessant und die Kapazitäten sind dort ohnehin nicht vorhanden, um jedes beschlagnahmte Tier aufnehmen zu können.

Fazit:

Fehlende Gefahrtierregelungen sind aus meiner Sicht genauso falsch wie überzogene Verbote ohne Möglichkeit einer Ausnahmegenehmigung. Denn dass diese nichts bringen, zeigt der aktuelle Fall in Berlin wieder mal sehr eindrucksvoll. Eine bundeseinheitliche Regelung wäre unter bestimmten Voraussetzungen ebenfalls denkbar. Darauf gehe ich demnächst noch mal in einem separaten Blogpost ein. In einem lesenswerten Artikel im Tagesspiegel äußerte sich bereits der Biologe Andreas Mendt über die Voraussetzungen und Risiken der Haltung von potenziell gefährlichen Terrarientieren: Mein Mitbewohner, der Python

Der bislang nüchterne und sachliche Umgang mit dem aktuellen Gefahrtiervorfall in Berlin seitens des Tierschutzvereins aktion tier e.V. verdient an dieser Stelle auch mal Lob. Ein solches Vorgehen, welches Reptilien- und Gefahrtierhalter nicht unter Generalverdacht stellt, sondern eine gemeinsame Basis schafft, ist am Ende sicherlich sehr viel zielführender als das unsachliche Schüren von Panik durch Aufbauschen solcher Vorfälle unter Forderungen von strikten Haltungsverboten.


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Montag, 10. April 2017

Die Spinne, der Psychologe und das Horrorplakat

Brachypelma hamorii (ex smithi)
Symbolbild
Ein Psychologe aus Landsberg am Lech (Bayern) hat Strafanzeige gegen den Veranstalter einer Spinnen- und Insektenausstellung erstattet, weil er in den Plakaten zu dieser Ausstellung eine Körperverletzung von Leuten mit einer Spinnenphobie sieht: Kurioser Spinnen-Krieg: Stellen Plakate eine Körperverletzung dar?

Ich musste diesmal erst ein paar Tage abwägen, ob ich diesen Fall überhaupt in einem Artikel thematisiere, weil ich dem besagten Psychologen eigentlich nicht noch mehr Aufmerksamkeit schenken möchte. Denn womöglich ist nämlich genau das der Zweck der Klage. Aber der Fall ist einfach zu absurd, um ihn zu ignorieren.

Gegenstand des Streits

Auf den Plakaten zur Ausstellung des Veranstalters Sergio Neigert ist neben anderen Gliederfüßern eine Mexikanische Rotknie-Vogelspinne (Brachypelma smithi) abgebildet. Diese soll aus Sicht des klagenden Psychologen aus Landsberg, Spinnenphobiker mit dem Gegenstand ihrer Angst unfreiwillig konfrontieren. Dies stelle ebenso wie eine unfreiwillige Verabreichung von Medikamenten eine Körperverletzung dar. Außerdem könnten unter einer Spnnenphobie leidende Verkehrsteilnehmer vor Schreck in Unfälle verwickelt werden. Tatsächlich passieren Unfälle wegen Spinnen in einer erschreckenden Regelmäßikeit so erst vor wenigen Tagen in Kaiserslautern: Frau verursacht Totalschaden wegen Spinne im Auto

Bereits im Jahr 2016 tat der Psychologe in den Medien seinen Unmut und seine Absicht kund, die Stadt und den Veranstalter der Ausstellung zu verklagen: Die Angst vor der Spinne auf dem Plakat

Überhaupt ein Fall fürs Gericht?

Die Strafanzeige wegen Körperverletzung liegt nun erst einmal bei der Staatsanwaltschaft Augsburg zur Bearbeitung. Ob der Fall überhaupt vor Gericht geht, wage ich stark zu bezweifeln. Meiner Einschätzung nach wird die Staatsanwaltschaft das Verfahren einstellen. Doch selbst wenn die Sache juristisch weiter verfolgt würde, wären die Erfolgsaussichten gering. Abbildungen von Spinnen sind – ebenso wie Begegnung mit lebenden Spinnen – Teil des allgemeinen Lebensrisikos, dem sich Phobiker nun einmal leider aussetzen müssen. Wenn es soweit käme, dass man die Alltagsumgebung für Menschen mit Angststörungen aus Rücksichtnahme entsprechend gestalten muss, damit Betroffene ihr Leben überhaupt bestreiten können, würde das unsere Gesellschaft ins Chaos stürzen.

Sicherlich empfinden viele Menschen Unbehagen beim Anblick von Spinnen. Diese Personen leiden jedoch in der Regel unter keiner echten Phobie! Der Anteil an Arachnophobikern ist weitaus geringer als der Anteil an Leuten, die Spinnen einfach nur nicht mögen. Der Anteil unter diesen Phobikern wiederum, der bereits auf leblose Abbildungen mit heftigen Ängsten reagiert, ist noch einmal geringer. Wer sich schon mal mit Angststörungen näher befasst hat, sollte dies eigentlich wissen – so auch der Psychologe, dem die Spinnenplakate ein Dorn im Auge sind. Schätzungen zufolge leiden 10 Prozent der Deutschen unter Phobien. Bei den Tierphobien tritt die Arachnophobie zwar am häufigsten auf, im individuellen Einzelfall ist die Statistik jedoch irrelevant. Wenn die Konfrontation mit dem Angstobjekt eine Körperverletzung darstellt, dann trifft dies auf alle bekannten Phobien zu. 
Für Menschen, die unter Canophobie (krankhafte Angst vor Hunden) leiden, muss die Alltagsbewältigung wahrlich die Hölle sein. Schließlich gehören Hunde zum gewohnten Alltagsbild. Selbst in Werbespots werden Hunde regelmäßig eingesetzt. Dabei haben die beworbene Produkte oft nicht mal ansatzweise etwas mit Hunden zu tun (klick mich, wenn du dich traust...). Will man nun die TV-Sender und alle Hundehalter dieses Landes wegen Körperverletzung anzeigen, weil sich ein paar Canophobe in ihrer psychischen und physischen Unversehrtheit verletzt fühlen? Dies ist nur ein Beispiel von vielen, die man nennen könnte, um die Absurdität der Strafanzeige zu unterstreichen. 

In einem Punkt stimme ich dem Psychologen allerdings ein Stück weit zu: Der Veranstalter der Ausstellung gibt auf seiner Website an, Menschen mit Spinnenphobie helfen zu können. Dies mag zwar gut gemeint sein und ist wahrscheinlich sogar effektiver, als so manch anderer von vielen Krankenkassen und somit der Sozialgemeinschaft finanzierter Hokuspokus, könnte allerdings als ein Heilsversprechen interpretiert werden, welches ohne die notwendige Fachkunde juristisch mehr als nur heikel wäre. Dieser von den Plakaten losgelöste Aspekt könnte also tatsächlich noch vor Gericht behandelt werden.

Fazit:

Meiner Einschätzung nach wird die Sache bzlg. der Plakate im Sande verlaufen. Sobald die Ausstellung mal wieder in Landsberg gastiert, wird der Fall wahrscheinlich wieder in den Medien thematisiert. Aufgrund der Absurdität durchaus verständlich.

Aber wenn der klagende Psychologe damit tatsächlich nur die PR-Trommel rühren möchte, sollte er aufpassen, dass ihm dies nicht auf die Füße fällt. Auf mich wirkt ein Psychologe jedenfalls äußerst unseriös, der versucht, seinen Patienten mit absurden Klagen regelrecht in Watte zu packen, damit diese im Alltag möglichst keinen Ängsten ausgesetzt werden, statt sich den Ängsten dahingehend zu widmen, dass die Betroffenen sich vor Spinnen-Plakaten nicht mehr fürchten.

Für alle Leute, die noch keine krankhafte Angststörung entwickelt haben, sondern sich beim Anblick einer Spinne einfach nur unwohl fühlen, sei ein Besuch einer solchen Ausstellung ans Herz gelegt. Ängste beruhen häufig auf Vorurteilen und diese wiederum auf fehlenden oder gar falschen Informationen. Dagegen hilft, sich über die Dinge zu informieren, vor denen man Angst hat. Vielleicht weichen die Ängste ja sogar einem gesteigerten Interesse für Spinnen?

Mittwoch, 5. April 2017

Das Aussterben der Fachzeitschriften

Terraristik-Fachzeitschriften gehören zu einer vom Aussterben bedrohten Spezies! In letzter Zeit ist nämlich ein trauriges Phänomen zu beobachten.


Aktuell sind drei namhafte Fachmagazine für die allgemeine Terraristik im Zeitschriftenhandel zu finden: Reptilia, TERRARIA/elaphe sowie DRACO – allesamt aus dem Hause des Natur und Tier Verlags. Jede dieser Fachzeitschriften hat eine eigene Zielgruppe. Während sich die Reptilia vorrangig an Hobby-Terrarianer richtet, liegt der Schwerpunkt der TERRARIA/elaphe eher auf dem wissenschaftlich interessierten „Herpeto-Terrarianer“. Dies wird u.a. auch durch die Kooperation mit der DGHT deutlich, die ihre Vereinszeitschrift elaphe in der TERRARIA etabliert hat. Wobei es natürlich viele Schnittmengen gibt und die meisten an Fachliteratur interessierten Terrarianer wahrscheinlich ohnehin beide Magazine beziehen, die im zweimonatigen Intervall erscheinen.

Die DRACO wiederum ist ein viermal jährlich erscheinendes Themenheft, welches ein Schwerpunktthema mit mehreren Artikeln von in der Regel verschiedenen Autoren beleuchtet. Dieses hochwertige Fachmagazin steht nun vor dem Aus! Bereits seit 2015 ist ein massiver Verfall dieses Magazin festzustellen. Nicht etwa in der Qualität – diese war bisher immer tadellos – sondern im Veröffentlichungsintervall. Die derzeit aktuelle Ausgabe Nr. 63 zum Thema „Europäische Amphibien“ erschien, wie auch einige Ausgaben zuvor, verspätet. Es handelt sich dabei um die dritte Ausgabe des Jahrgangs 2015! Die Ausgabe 4/2015, welche regulär Ende 2015/Anfang 2016 erscheinen sollte, war zuletzt für August 2016 angekündigt und sollte das Titelthema „Wandelnde Blätter“ behandeln – ein Thema, auf das ich mich als Wirbellosen-Terrarianer natürlich sehr gefreut habe. Eine Nachfrage auf der vom Chefredakteur Heiko Werning betreuten Facebook-Fanpage ergab nun jedoch, dass sich die Ausgabe 64 nicht nur noch etwas verzögern wird, es wird auch ein anderes Thema (Namibia) behandelt, weil der Hauptautor der geplanten Ausgabe aus persönlichen Gründen zurücktrat. Noch sehr viel trauriger ist jedoch die Meldung, dass es sich bei der kommenden Ausgabe voraussichtlich um die letzte Ausgabe der DRACO handeln wird! Als Grund wird angegeben, dass sich eine Fortsetzung im geschrumpften Markt wohl einfach nicht mehr lohne.


Nicht das erste „Todesopfer“

Schon vor der DRACO sind Terraristik-Fachzeitschriften „von uns gegangen“. Sei es die „terraristik“ vom Dähne-Verlag, die sich vorrangig an den Terraristik-Neuling richtete und für die ich die Kolume „Speikobra“ schrieb oder das mir damals ebenso sehr am Herzen liegende „Bugs – Das Wirbellosenmagazin“ vom Natur und Tier Verlag. Beide Zeitschriften wurden nach wenigen Ausgaben eingestellt, noch bevor sie sich richtig am Markt etablieren konnten.

Ursachen des Zeitschriftensterbens?

Nicht nur Nischenmagazine für die Terraristik haben es in der heutigen Zeit schwer. Sogar Tageszeitungen müssen mitunter um ihre Existenz kämpfen. Eine der Hauptursachen scheint das Internet zu sein. Aufgrund der regelrechten Informationsflut im Netz scheinen Printmedien für manche Leute den Wert verloren zu haben, den sie für Leser, die mit solchen Medien und nicht mit dem Internet aufgewachsen sind, noch haben. Informationen müssen heutzutage schneller denn je verbreitet werden, was Fachmagazine mit einem mehrwöchigen Erscheinungsintervall leider nicht leisten können. Dafür kann man aufgrund der erzwungenen längeren Vorlaufzeit bis zur Veröffentlichung annehmen, dass Artikel in redaktionell betreuten Magazinen professionell und korrekt recherchiert wurden. Andererseits haben Printmedien das Problem, dass fehlerhafte Artikel nicht direkt korrigiert und auch nicht vom Nutzer kommentiert werden können.

Aber das soll hier gar keine Grundsatzdiskussion zum Pro und Contra von Fachzeitschriften werden, die ich persönlich auch gar nicht als Konkurrenz zu Internetangeboten wie z.B. Blogs sehe. Aus meiner persönlichen Sicht sind Fachzeitschriften eine prima Ergänzung zu solchen Internetangeboten und umgekehrt.

Schaut man sich jedoch die stetig sinkenden Absatzzahlen von Fachmagazinen (nicht nur im ohnehin rückläufigen Nischenhobby „Terraristik“) an, scheint die Mehrheit der Nutzer dies anders zu sehen. Beobachtet man das Geschehen in den sozialen Netzwerken und Internetforen, wird ebenfalls deutlich, dass vor allem die „jüngere Generation“ schnelle Infos und diese am liebsten kostenlos konsumieren möchte. Der Wert von Fachliteratur ist bei vielen Vertretern der Generation Smartphone offenbar nicht so hoch, wie bei Leuten wie mir, die noch mit Zeitschriften aufgewachsen und daher vielleicht ein wenig emotional vorbelastet sind. So erinnere ich mich noch gerne an meine Kindheit zurück, als ich es nicht erwarten konnte, bis die nächste Ausgabe von
„Dinosaurier!“ erschien...

Zukunftsblick: Ist das Ende der Printmedien nah?

Man könnte annehmen, dass spezialisierte Fachmagazine ihr treuergebenes Publikum gefunden hätten und (wenn auch in kleineren Auflagen) in Zukunft bestehen können. Das Problem dabei ist jedoch, dass kleinere Auflagen von Nischenmagazinen umso mehr Geld kosten und Werbepartner evtl. das Interesse verlieren, wenn die Zielgruppe zu klein ist. Fasst man die Zielgruppe jedoch zu groß, ist die Absprungrate auch höher. Je umfangreicher und vielseitiger ein Magazin ist, desto mehr potentielle Leser kann es zwar gewinnen, desto mehr Leser werden sich aber auch die Frage stellen, ob sich der Kauf oder gar ein Abonnement eines Magazins lohnt, welches sie nur zu geringen Anteilen interessiert.

Die noch verbliebenden Fachmagazine zur allgemeinen Terraristik müssen diesen Drahtseilakt meistern, um auch in Zukunft am Markt bestehen zu können. Ob und wie lange sich spezalisiertere Nischen-Hefte wie die
Marginata, ein Fachmagazin zur Schildkrötenhaltung (ebenfalls Natur und Tier Verlag), in Zukunft noch halten können, wird sich zeigen.

Fazit:

Als Abonnent der meißten in diesem Artikel namentlich genannten Terraristik-Magazine finde ich es sehr schade, wenn diese aufgrund zu niedriger Absatzzahlen eingestellt werden. Ich würde ja jetzt dazu aufrufen, die noch bestehenden Magazine zu abonnieren, damit wenigstens deren Existenz für die Zukunft halbwegs gesichert ist, aber ich fürchte, dass die Leute, die sich für Fachmagazine bisher nicht interessiert haben, diesen Artikel sowieso schon nach den ersten paar Zeilen (wenn überhaupt) weggeklickt haben. So ist es leider. Zeiten ändern sich und neue Medien kommen und gehen.

Mittlerweile haben es ja auch geschriebene Blogs wie dieses hier nicht mehr leicht, weil immer mehr Leute lieber auf VLogs (also Video-Blogs) oder Audio-Podcasts umsteigen, wo das passive Konsumieren noch sehr viel weniger Hirnschmalz erfordert. Wir werden sehen, wohin uns das führen wird.

Was ist eure Meinung? Welche Fachmagazine lest ihr oder seid ihr schon komplett auf Online-Angebote umgestiegen?