Dienstag, 27. Juni 2017

Domestikation von Reptilien

Können Reptilien domestiziert werden? Zur Beantwortung dieser Frage muss zunächst einmal geprüft werden, was man unter der sogenannten „Domestikation“ überhaupt versteht. Später werfen wir dann noch einen Blick auf bereits domestizierte Heimtiere und versuchen einen Vergleich zu Reptilien zu ziehen. Bei all den Diskussionen über die Berechtigung bestimmter Formen der Heimtierhaltung wird regelmäßig behauptet, dass sich bestimmte Tiere (u.a. Reptilien) nicht domestizieren lassen und daher nicht für die Haltung in Privathand geeignet seien.

Was ist eigentlich Domestikation?

Wikipedia.de beschreibt die Domestikation folgendermaßen: 
Domestizierung oder Domestikation (zu lateinisch domesticus „häuslich“) ist ein innerartlicher Veränderungsprozess von Wildtieren oder Wildpflanzen, bei dem diese durch den Menschen über Generationen hinweg von der Wildform genetisch isoliert werden. Wildtiere werden durch Domestikation zu Haustieren, Wildpflanzen werden zu Kulturpflanzen. Dadurch und durch die weitere Züchtung wird eine Nutzung durch den Menschen oft erst möglich oder die Nutzbarkeit kann enorm verbessert werden (siehe Nutztier und Nutzpflanze).
Quelle (abgerufen am 27.06.2017)

Das „Kompaktlexikon der Biologie“ von Spektrum.de beschreibt die Domestikation als „durch Zuchtauslese erreichte Umwandlung von […] Wildtieren in Haustiere (Haustierwerdung)“. Quelle

Grundsätzlich ist die Domestikation also als Prozess zu verstehen, bei dem ehemalige Wildtiere zum persönlichen Nutzen des Menschen gezüchtet werden. Das vom Menschen gewünschte Erscheinungsbild sowie die erwünschten Verhaltensweisen werden durch selektive Zucht über Generationen hinweg verstärkt und so in den Nachkommen ehemalige Wildtiere verankert.

Gemäß dieser Definition wäre eine Spezies als domestiziert anzusehen, sobald der Prozess der Selektionszucht zum gewünschten Ergebnis geführt hat und dieses dauerhaft genetisch verankert wurde. Speziell bei der Herausbildung gewünschter Verhaltensweisen ist dies von entscheidender Bedeutung. Eine Spezies ist erst dann als endgültig domestiziert anzusehen, sobald die gezüchteten Exemplare nicht mehr mittels Training/Zähmung zu den gewünschten Verhaltensweisen gebracht werden müssen, sondern diese von Geburt an zeigen. Das bedeutet ferner, dass die arttypischen Verhaltensweisen von Wildtieren erst wieder durch Umkehr der Zucht (z.B. Rückkreuzung) hervortreten.

Ein weiterer Aspekt der Domestikation ist die Schaffung von Hybriden, um gewünschte Resultate zu erreichen. Ein populäres Beispiel dafür wäre das Maultier, eine Kreuzung von Hauspferd und Hausesel.

Gründe für Domestikation

Tiere zu nutzen, ist in der menschlichen Kultur seit etwa 10.000 bis 15.000 Jahren verankert. Eng an die Entstehung der menschlichen Zivilisation war die Entstehung der Landwirtschaft inkl. Kulturpflanzen und Nutztieren gebunden. Aus Jägern und Sammlern wurden sesshafte Landwirte. Einzig der Hund wurde wohl schon vor über 100.000 Jahren vom Menschen als Weggefährte gehalten, also noch bevor unsere Vorfahren sesshaft wurden. Wildtiere wurden nicht mehr nur gejagt, sondern gehalten und gezüchtet. So wurde der Domestikationsprozess bei den ersten Spezies eingeleitet. Ob nun Rinder und Schweine zur Nahrungsgewinnung, Schafe zur Gewinnung von Wolle oder Katzen zum Schutz vor Vorratsschädlingen – nach der Zähmung wurden gewünschte Verhaltensweisen (z.B. Ablegen der natürlichen Scheu vor dem Menschen) und Erscheinungsbilder (z.B. mehr Fleischansatz) mittels Zuchtauslese verstärkt.

Zähmung von Wildtieren

Es muss festgehalten werden, dass die Domestikation auf Zuchtauslese und nicht auf Training basiert. Ob das Zähmen von wildlebenden Tieren bereits als erste Stufe im Domestikationsprozess angesehen werden kann, ist fraglich. Vor allem Individuen, die von Natur aus weniger Scheu vor dem Menschen hatten, wurden für die Selektionszucht verwendet. Bei diesen Exemplaren fiel das Einfangen logischerweise umso leichter als bei scheuen Exemplaren. Nach allgemeinem Verständnis beginnt die Domestikation erst ab der ersten Generation, die in menschlicher Obhut geboren wurde. Aus der Natur entnommene Tiere sind als nicht domestizierte Wildtiere anzusehen, selbst wenn sie vom Menschen erfolgreich gezähmt wurden.

Welche Tiere sind domestiziert?

Auffällig ist, dass sich seit jeher vor allem Säugetiere in Domestikation befinden. Ob nun von Wölfen abstammende Haushunde, von der Afrikanischen Falbkatze abstammende Hauskatzen oder vom Iltis abstammende Frettchen – Säugetiere scheinen besonders häufig erfolgreich domestiziert zu werden. Die Nutzung von Fleisch, Haaren/Häuten oder der Kraft/Fähigkeiten dieser Tiere waren wohl seinerzeit der Hauptantrieb der Domestikation, doch der eigentliche Erfolg der Domestikation lässt sich mit einem Blick auf die kognitiven Fähigkeiten dieser Tierklasse erklären. Säugetiere sind vor mind. 125 Millionen Jahren vom stammesgeschichtlichen Ast der Reptilien abgezweigt und haben die am höchsten entwickelten Gehirne im Tierreich entwickelt. Dies ermöglicht diesen Tieren eine enorme Bandbreite an komplexen Verhaltensweisen und zudem die Fähigkeit zu sozialen Interaktionen mit Artgenossen und sogar Angehörigen anderer Spezies. Dies erleichtert die Domestikation sehr.

Die zweithöchste Hirnentwicklung lässt sich bei Vögeln feststellen, bei denen es sich stammesgeschichtlich gesehen ebenfalls um Reptilien handelt – allerdings um sehr weit entwickelte Reptilien, von denen viele Arten zu komplexem Sozialverhalten fähig sind. Neben diversen Nutztieren wie Haushühnern oder Hausenten werden auch hier einige als domestiziert anerkannte Spezies aus Liebhaberei als Haus- bzw. Heimtiere gehalten (z.B. Wellensittiche, Kanarienvögel usw.).

Überspringen wir an dieser Stelle zunächst mal die Reptilien und auch die Amphibien und widmen uns stattdessen zunächst einer evolutionär gesehen noch älteren Tierklasse: den Fischen. Hier wird die Definition des Vorhandenseins einer Domestikation schon schwieriger. Neben Forellen und anderen Zuchtfischen zur Nahrungsgewinnung werden diverse Zierfische aus Liebhaberei gehalten und gezüchtet. Als domestiziert werden allerdings hauptsächlich Fische bezeichnet, die sich aufgrund der Selektionszucht stark von wildlebenden Artgenossen unterscheiden (Forellen gelten somit gemeinhin als nicht domestiziert). Neben dem Koi-Karpfen ist hier vor allem der Goldfisch zu nennen, welcher sich aufgrund der Zuchtbemühungen stark von seine Urahn dem Giebel unterscheidet.

Doch damit wird auch ein Problem deutlich, wenn man Tiere als domestiziert bezeichnet. Fische unterscheiden sich ebenso wie Reptilien in ihren kognitiven Fähigkeiten massiv von hochentwickelten Säugetieren. Die Zielsetzung der Domestikation von Fischen wie dem Goldfisch war nicht etwa die Schaffung von Tieren, die dem Menschen gegenüber treu ergeben sind und diesen als Sozialpartner akzeptieren, sondern lediglich Liebhaberei.

Die Vorstellung von einer „abgeschlossenen Domestikation“ gerät auch dadurch ins Wanken, wenn man domestizierte Tiere ohne Menschenkontakt aufzieht. Selbst hochentwickelte und als domestiziert geltende Tiere wie Haushunde, Hauskatzen und Hauspferde verhalten sich dann häufig ganz ähnlich wie ihre wildlebenden Artgenossen. Hauskatzen verwildern z.B. recht schnell, wenn sie ohne Einfluss des Menschen aufwachsen. Selbst in menschlicher Obhut lebende Hauskatzen, die einmalig Freigang erlebt haben, lassen sich oft nur schwer von diesem Privileg abbringen. Bei reiner Wohnungshaltung fühlen sie sich gefangen und zeigen Verhaltensauffälligkeiten, die stark an einer abgeschlossenen Domestikation zweifeln lassen, sondern eher an Wildtierverhaltensweisen erinnern.

Daraus wird deutlich, dass prinzipiell noch gar keine Spezies abschließend und endgültig domestiziert wurde. Selbst die Arten, die sich seit mehreren zehntausend Jahren in Domestikation befinden, verhalten sich wie Wildtiere, wenn kein Einfluss des Menschen (Sozialisierung) erfolgt. Viele der gewünschten Verhaltensweisen basieren somit immer noch auf Training/Zähmung der in menschlicher Obhut geborener Exemplare. Wenn die Domestikation jedoch bei keinem Tier endgültig abgeschlossen ist, ist der Zeitpunkt, seitdem sich eine Tierart in Domestikation befindet, offenbar weniger entscheidend als vielmehr die Möglichkeit, eine Spezies mittels Selektionszucht in Aussehen und Verhalten zu manipulieren.

Domestikation von Reptilien

Nach diesen grundsätzlichen Überlegungen zur Domestikation wird deutlich, dass Reptilien ebenfalls seit geraumer Zeit domestiziert werden. Ebenso wie Wellensittich oder Goldfisch werden viele Reptilienspezies aus Liebhaberei (also ohne direkten, wirtschaftlichen Nutzen) als Heimtiere gehalten und gezüchtet. Dies hat bei manchen Arten zu vielen verschiedenen Zuchtformen geführt, die sich optisch stark von wildlebenden Artgenossen unterscheiden und demnach die genetische Isolation als Voraussetzung der Domestikation unterstreichen.

Ebenso wie bei anderen Tieren gibt es auch bei Reptilien Individuen, die weniger Scheu vor dem Menschen zeigen. Durch Selektionszucht kann auch hier eine Grundlage geschaffen werden, die später mittels „Sozialisierung“ der Nachkommen verstärkt werden kann. Denn viele in menschlicher Obhut aufgewachsene Reptilien lernen den Menschen mit der Zeit als positiven Einfluss (Futterquelle) kennen und werden so konditioniert, dass sie keine Scheu mehr zeigen. Damit unterscheiden sich diese Zuchtreptilien in ihrem Verhalten stark von wildlebenden Artgenossen. Aufgrund ihrer eher eingeschränkten kognitiven Fähigkeiten werden Reptilien aber wohl nie in der Lage sein, den Menschen als Sozialpartner oder Ersatzartgenossen zu akzeptieren. Komplexes Sozialverhalten liegt nach aktuellem Stand der Forschung nun mal einfach nicht in der Natur der allermeisten Reptilien. Durch Gewöhnung und positive Verstärkung sind sie aber in der Lage, den Menschen als nicht bedrohlichen Einfluss in ihrem Leben zu dulden.

Wölfe und Falbkatzen gelten als Kulturfolger, daher fiel es bei diesen Spezies vergleichsweise leicht, sie für menschliche Ziele einzuspannen. Ebenso gibt es unter den Reptilien diverse Arten, die aktiv die Nähe des Menschen suchen, da sie (ebenso wie Wölfe und Falbkatzen) von seinen Hinterlassenschaften und der davon angelockten Nahrung (Mäuse und Ratten) profitieren. Manche dieser Kulturfolger tragen diesen Umstand sogar im Namen (z.B. Hausschlange und Hausgecko).

Hybridzuchten kommen bei Reptilien ebenfalls vor (z.B. Kreuzungen zwischen Kornnattern und Königsnattern), sind aber unter seriösen Terrarianern in der Regel verpönt. Dennoch sind Hybride als eine Form der Domestikation von Reptilien zu bezeichnen. 

Diese Überlegungen lassen sich im Prinzip auch auf Amphibien übertragen, die allerdings stammesgeschichtlich zwischen Fischen und Reptilien stehen und das zu erwartende Ausmaß der Domestikation daher noch stärker begrenzt ist als bei Reptilien. Doch auch hier findet man Hybrid- und Farbzuchten - Indikatoren für den Domestikationsprozess. Beispielsweise wird der Axolotl (Ambystoma mexicanum), welcher natürlicherweise braun-graun gefärbt ist, in verschiedenen Farbvarianten gezüchtet. Teilweise wurden dafür Ambystoma tigrinum eingekreuzt.  

Haustiere contra Heimtiere

Der Unterschied zwischen Haustieren und Heimtieren ist nur schwer herauszuarbeiten. Als Haustiere werden in der Regel Tiere bezeichnen, die erfolgreich vom Wildtierstatus genetisch isoliert wurden, während Heimtiere diejenigen Tiere sind, die nicht domestiziert sind, jedoch dazu geeignet sind, im Heim des Menschen zu leben. So werden z.B. Haushunde und Hauskatzen gemeinhin bei den Haustieren eingeordnet, Reptilien hingegen bei den Heimtieren, da die Abgrenzung zu den wildlebenden Verwandten noch nicht abgeschlossen ist.

Diese allgemeine Unterscheidung birgt jedoch das Problem, dass die fließenden Übergänge bei einem fortschreitendem Prozess wie der Domestikation ignoriert werden. Neben Reptilien sind Wellensittiche dafür ein gutes Beispiel. Wellensittiche werden regelrecht willkürlich mal bei den Haustieren, mal bei den Heimtieren eingeordnet. Streng genommen handelt es sich um Heimtiere, da diese Tiere noch nicht endgültig von der Wildform genetisch isoliert wurden. Erkennt man jedoch die Entstehung von Farbvarianten oder andere Änderungen des Erscheinungsbildes (Schauwellensittich) als genetische Isolation und somit als erforderlichen Übergang vom Heimtier zum domestizierten Haustier an, müssen auch die gezüchteten Farbmorphen von Reptilien als domestizierte Haustiere bezeichnet werden. Gleiches gilt für schuppenlose Zuchtformen (z.B. Scaleless Kornnatter) und Hybride.


Fazit:

Versteht man die Domestikation als einen Prozess, bei dem Tiere durch Selektionszucht den Bedürfnissen des Menschen angepasst werden, stellt man fest, dass sich diverse Reptilienspezies ebenfalls in Domestikation befinden. Sie sind zwar mangels hochentwickelter kognitiver Fähigkeiten nicht in der Lage, den Menschen als Ersatzartgenossen oder Sozialpartner zu akzeptieren, im Rahmen ihrer Möglichkeiten sind einige Vertreter aber mit etablierten Haus- bzw. Heimtieren wie Goldfischen und Wellensittichen zu vergleichen, was den Grad der Domestikation betrifft. Manche Reptilienspezies befinden sich länger in Domestikation als andere. Jedes in Menschenhand geborene Reptil ist jedoch prinzipiell nicht mehr als Wildtier zu bezeichnen. Diese Bezeichnung ist wildlebenden bzw. direkt aus der Natur entnommenen Exemplaren vorbehalten.

Gezüchtete Reptilien befinden sich also nicht weniger in Domestikation als andere in Menschenhand gehaltene Heimtiere. Egal ob Hauskatze, Wellensittich, Bartagame, Axolotl oder Goldfisch – all diese Tiere sind mehr oder weniger domestiziert. Da Übergänge Prozessen immer fließend sind, lassen sich keine Tierarten als domestiziert oder nicht domestiziert scharf von anderen angrenzen.
 
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