Donnerstag, 14. Juli 2016

Europäische Union verbietet „invasive Arten“

Im Oktober 2014 beschloss die Europäische Union die Verordnung (EU) Nr. 1143/2014 über die Prävention und das Management der Einbringung und Ausbreitung invasiver gebietsfremder Arten, welche bereits am 1. Januar 2015 in Kraft trat. Diese Verordnung soll dafür sorgen, dass als invasiv eingestufte Spezies nicht mehr im Raum der Europäischen Union verbreitet werden und keinen Schaden mehr anrichten können. Zu diesem Zweck enthält die Verordnung diverse Verbote.

So besagt Artikel 7 der Verordnung:
(1) Invasive gebietsfremde Arten von unionsweiter Bedeutung dürfen nicht vorsätzlich
a) in das Gebiet der Union verbracht werden, auch nicht zur Durchfuhr unter zollamtlicher Überwachung;
b) gehalten werden, auch nicht in Haltung unter Verschluss;
c) gezüchtet werden, auch nicht in Haltung unter Verschluss;
d) in die, aus der und innerhalb der Union befördert werden, es sei denn, sie werden im Zusammenhang mit der Beseitigung zu entsprechenden Einrichtungen befördert;
e) in Verkehr gebracht werden;
f) verwendet oder getauscht werden;
g) zur Fortpflanzung, Aufzucht oder Veredelung gebracht werden, auch nicht in Haltung unter Verschluss, oder
h) in die Umwelt freigesetzt werden.
Bisher war diese Verordnung für Tierhalter wenig relevant, weil sie sich auf eine Liste invasiver gebietsfremder Arten von unionsweiter Bedeutung (die sogenannte „Unionsliste“) bezog, die bislang noch gar nicht vorlag. Für die Erstellung dieser Liste hatte die Europäische Kommission ein Jahr lang Zeit. Anfang Oktober 2015 wurde der erste Entwurf einer solchen Liste mit 37 Tier- und Pflanzenarten erstellt und am 4. Dezember 2015 von den Vertretern der EU-Mitgliedsländer bis auf wenige Ausnahmen gebilligt. Der Umweltausschuss des Europäischen Parlaments forderte am 16. Dezember 2015 eine Überarbeitung des Entwurfs, weil bei einigen Arten die objektiven Gesichtspunkte für eine Listung nicht eindeutig ersichtlich waren.

Nach einigen Monaten der Nachbesserung wurde die Unionsliste heute im Amtsblatt der EU (L 189/4) als Durchführungsverordnung (EU) 2016/1141 veröffentlicht. Sie tritt in 20 Tagen in Kraft. Ab dem 3. August 2016 ist die Verordnung für die auf der Unionsliste aufgeführten Tier- und Pflanzenarten innerhalb der Europäischen Union bindend! Folgende für die Terraristik relevanten Tierarten sind auf der Unionsliste aufgeführt:

Amphibien:
Amerikanischer Ochsenfrosch (Lithobates catesbeianus)

Reptilien:
 
Nordamerikanische Buchstaben-Schmuckschildkröte (Trachemys scripta)

Des Weiteren auch noch diverse Pflanzenarten, die für die Aqua-Terraristik eine Rolle spielen wie z.B. die Karolina-Haarnixe (Cabomba caroliniana) oder die Krause Afrikanische Wasserpest (Lagarosiphon major).

Gemäß Artikel 7 der Verordnung (EU) Nr. 1143/2014 sind somit ab dem 3. August 2016 die Anschaffung, Haltung, Vermehrung und Weitergabe dieser Arten verboten!

Laut Artikel 31 der Verordnung gelten für nichtgewerbliche Halter folgende Bestimmungen, welche den Bestandschutz sichern:
(1) Abweichend von Artikel 7 Absatz 1 Buchstaben b und d dürfen Besitzer von zu nichtgewerblichen Zwecken gehaltenen Heimtieren, die zu den in der Unionsliste aufgeführten invasiven gebietsfremden Arten gehören, diese Tiere bis zum Ende ihrer natürlichen Lebensdauer behalten, sofern die folgenden Bedingungen erfüllt sind:
a) die Tiere wurden bereits vor ihrer Aufnahme in die Unionsliste gehalten;
b) die Tiere werden unter Verschluss gehalten, und es werden alle geeigneten Maßnahmen getroffen, um eine Fortpflanzung oder ein Entkommen auszuschließen.
Laut EU-Verordnung kann die Weiterführung der Haltung untersagt werden, wenn Tierhalter die o.g. Bedingungen nicht erfüllen. Halter sollten also (z.B. mithilfe von Kaufbelegen) glaubwürdig beweisen können, dass sie ihre Tiere bereits vor Inkrafttreten der Unionsliste in ihrem Bestand hatten. Wer keine solche Belege hat, sollte sich innerhalb der nächsten Tage unbedingt Zeugen (z.B. einen Tierarzt) beschaffen, damit später zweifelsfrei bewiesen werden kann, dass man seine Tiere nicht erst nach Inkrafttreten der Unionsliste angeschafft hat. Denn danach ist eine Anschaffung wie gesagt verboten.

Während die Arten auf der Unionsliste in allen EU-Staaten verboten sind, werden die Mitgliedsstaaten in Artikel 12 der Verordnung (EU) Nr. 1143/2014 darüber hinaus ermächtigt, eigene nationale Listen mit weiteren Arten zu erstellen, die im jeweiligen Staat als invasiv eingestuft werden und auf die dann die Regelungen der EU-Verordnung anzuwenden sind. Weitere Haltungsverbote auf nationaler Ebene sind also nicht ausgeschlossen.

Die Unionsliste selbst soll nach mindestens sechs Jahren von der Europäischen Kommission überprüft und bei Bedarf aktualisiert werden. Mitgliedsstaaten können Anträge für Arten stellen, die in der Liste aufgenommen werden sollen. Mit der vorliegenden Liste ist das Ende der Fahnenstange also noch längst nicht erreicht.

Der Treppenwitz der Verordnung ist eine der Übergangsbestimmungen für gewerbliche Tierbestände, die aus Artikel 32 hervorgeht:
Der Verkauf oder die Übergabe lebender Exemplare an nichtgewerbliche Nutzer ist ein Jahr lang nach der Aufnahme der Art in die Unionsliste erlaubt, sofern die Exemplare unter Verschluss gehalten und befördert und alle geeigneten Maßnahmen getroffen werden, um eine Fortpflanzung oder ein Entkommen auszuschließen.
Sprich: Zoofachhändler dürfen zwar noch ein Jahr lang invasive Arten an Privatpersonen verkaufen, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen, um damit ihre Bestände aufzulösen, die Käufer – die ja selbst schon ab dem 3. August keine invasiven Arten mehr anschaffen dürfen – verstoßen damit allerdings genau genommen gegen die Verordnung. Hier werden sich die Juristen streiten müssen, wie dieser Widerspruch auszulegen ist.

Fazit
Den Schutz der einheimischen Umwelt vor invasiven Arten finde ich als Natur- und Umweltschützer natürlich zunächst einmal äußerst begrüßenswert. Es ist sehr vorbildlich, dass sich die EU bemüht, gegen invasive Arten vorzugehen. Andere Staaten haben die Gefahr, die von „Alien Species“ für die einheimische Flora und Fauna ausgeht, längst erkannt. Australien hat seit 1908 ein sehr striktes Quarantänegesetz und in diversen Biodiversitäts-Hotspots wird konsequent Jagd auf eingeschleppte Ratten, Hunde, Katzen usw. gemacht. Und das ist auch gut so!

Ebenso ist es aber nur schwer nachzuvollziehen, warum manche Arten aus eher tropischen Gefilden aufgrund ihres Vorkommens in ein paar wenigen südlichen EU-Staaten direkt innerhalb der gesamten EU verboten werden (eine Spezies muss in mindestens drei EU-Staaten als „invasiv gebietsfremd“ eingestuft werden, um von „unionsweiter Bedeutung“ zu sein), während die Spezies mit dem höchsten negativen Einfluss auf einheimische bedrohte Arten nicht auf der Unionsliste aufgeführt wurde: die Hauskatze – die laut DAISIE (Delivering Alien Invasive Species Inventories for Europe) in zumindest vier EU-Staaten (Spanien, Frankreich, Italien und Zypern) als invasiv eingestuft wird! Die Hauskatze hat nicht nur dort einen immens hohen negativen Einfluss auf einheimische Arten. Die Natur hat kaum eine Chance, dieser „Alien Species“ mit Krankheiten oder Hungersnot zu begegnen, weil der Mensch diese Invasoren hegt und sogar verwilderte Populationen füttert und ärztlich versorgt. Hier besteht dringender Nachholbedarf, um diese gebietsfremden Prädatoren dauerhaft unter Verschluss zu halten. Aber ich schweife ab…

Solange für verantwortungsbewusste Tierhalter die Möglichkeit einer Ausnahmegenehmigung besteht, begrüße ich strikte Regelungen zum Schutz vor Faunenverfälschung, weil ich den Umwelt- und Artenschutz höher werte als meine persönlichen Tierhalterinteressen. Die Haltung von invasiven Arten sollte ebenso wie die Haltung von potentiell für den Menschen gefährlichen Tieren nur mit Auflagen möglich sein, damit diese Tiere und Pflanzen nicht in die heimische Umwelt gelangen. Schließlich sind es verantwortungslose Tierhalter (privat und gewerblich), die durch ihr Verhalten dafür gesorgt haben, dass es erst zu solch einer Verordnung kommen musste. So wie irgendwelche „Kurzzeit-Terrarianer“, die Tiere aus einer Laune heraus angeschafft und schließlich wieder abgegeben oder sogar ausgesetzt haben, zumal invasive Arten häufig sehr anpassungsfähig sind und daher gut mit der Haltung in menschlicher Obhut zurechtkommen, weswegen sie häufig vermehrt/importiert und in der Folge kostengünstig angeboten werden. Durch gewisse gesetzliche Hürden werden sicherlich viele Leute vom spontanen Erwerb eines invasiven Tieres abgehalten und sei es nur aus dem Grund, dass die jeweiligen Arten aus dem Handel verschwinden.

Grundsätzlich finde ich die Verordnung also gar nicht schlecht. Dass auf der Unionsliste lediglich 37 Spezies aufgeführt sind, ist unter objektiven Gesichtspunkten schlicht und ergreifend als Witz aufzufassen. Das Vorgehen gegen invasive gebietsfremde Arten wurde auf EU-Ebene schon häufig großspurig angekündigt. Das Resultat ist nun leider sehr ernüchternd. Als Tiger gesprungen und als Bettvorleger gelandet!

Das Anschaffungs- und Nachzuchtverbot stellt für mich jedoch den größten Kritikpunkt an der Verordnung dar! Solange eine Haltung ausbruchsicher ist, spricht objektiv betrachtet nichts dagegen, dass sich ein Tierhalter neue Exemplare anschafft oder mit seinem Bestand züchtet. Eine Unterbindung der Fortpflanzung ist bei manchen Arten gar nicht möglich (Marmorkrebs) und verstößt bei Wirbeltieren aus meiner Sicht sogar gegen das Tierschutzgesetz. Da die EU-Verordnung die Nachzucht jedoch verbietet, müssen sich Halter nun aber leider daran halten und entsprechende Vorkehrungen (Kastration, getrenntgeschlechtliche Haltung, Vernichtung von Gelegen etc.) treffen. 

Das ehrenamtliche Engagement von echten Tierschützern, die ausgesetzte oder abgeschobene Tierschutzfälle bisher noch problemlos aufnehmen konnten, wird durch die EU-Verordnung ebenfalls unterbunden. In dieser Hinsicht bin ich selbst betroffen und werde zukünftige Anfragen in Bezug auf die nun verbotenen Tierarten ablehnen müssen, weil ich sie ja schließlich nicht mehr aufnehmen darf. Was mit diesen Tieren stattdessen geschehen wird, steht in den Sternen. Bei meinem Besuch im NABU Artenschutzzentrum Leiferde klagte die Leiterin darüber, dass sie den hohen Bestand an Landschildkröten nicht an Privatpersonen vermitteln dürfe, weil oftmals keine Papiere für die Tiere vorhanden sind und dass Schmuckschildkröten wesentlich unproblematischer seien. Tja, das wird sich nun wohl leider auch ändern. 

Spannend bleibt, was die Zukunft bringt. Nach Inkrafttreten der Unionsliste müssen Halter lediglich die in Artikel 31 genannten Auflagen erfüllen, um die auf die Liste genannten Arten weiterhin legal bis zu ihrem natürlichen Lebensende halten zu dürfen. Ein weiteres Vorgehen ist derzeit nicht notwendig. Es kann aber passieren, dass die EU-Regelung im Rahmen einer Durchführungsverordnung auf nationaler Ebene noch verschärft wird, indem z.B. Melde- und Kennzeichnungspflichten eingeführt werden.  Bei einer zukünftigen Revision der Unionsliste (oder bei Einführung einer nationalen Ergänzungsliste) stehen die nächsten Arten im Fokus. Schon im Vorfeld der Schaffung der Unionsliste standen eingige weitere Arten aus dem Bereich der Vivaristik zur Diskussion, haben es aber nicht auf die endgültige Version geschafft. Dies kann in spätestens 6 Jahren allerdings schon wieder ganz anders aussehen. Um nur mal eine Auswahl der Arten zu nennen, die auf den Symposien diskutiert wurden und somit bereits in der engeren Auswahl sind: Japanischer Feuerbauchmolch (Cynops pyrrhogaster), Aga-Kröte (Rhinella marina), Glatter Krallenfrosch (Xenopus laevis), Bahamaanolis (Anolis sagrei), Zierschildkröte (Chrysemys picta), Tokeh (Gecko gecko), Asiatischer Hausgecko (Hemidactylus frenatus), Kettennatter (Lampropeltis getula), Kornnatter (Pantherophis guttatus), Gewöhnliche Schmuckschildkröte (Pseudemys concinna)...

Kommentare:

  1. Vielen Dank für die Aufklärung. In unserem Verein befinden sich derzeit auch 3 Trachemys, die als Fundtiere abgegeben wurden. Eine vierte (Rotwange) sollte in Kürze folgen. Auf diesen Tieren bleibenbwir nun sitzen, da eine Vermittlung nicht möglich ist. In Anbetracht der hohen Lebenserwartung ist das ein enormer Kostenblog. Ich gehe davon aus, dass solche Tiere zukünftig einfach ausgesetzt anstatt in Aufgangstationen oder bei Tierschutzvereine abgegeben werden. Damit hat die Liste genau das Gegenteil erreicht was eigentlich beabsichtigt wurde. Das Verbot der Einfuhr und Nachzucht ist noch verständlich. Aber für die Weitergabe von Bestandstieren hätte eine praktikable Lösung geschaffen werden müssen..

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  2. Was die Katzen betrifft, so fielen diese bisher unters Jagdgesetz, zum Beispiel wurden alleine 10.047 Katzen und 77 Hunde im Jagdjahr 2012/2013 in NRW geschossen, wobei die Dunkelziffer höher sein durfte. Leider, leider sägen unsere lieben Freunde Tierrechtler auch an diesem Ast und es gibt Bestrebungen, diese Regelung aus dem Jagdrecht zu streichen, so dass wildernde Haustiere (laut Jagdrecht zählen dazu alle Haustiere, die mehr als 200m von menschlichen Siedlungen, bzw. von menschlichem Einfluss angetroffen werden) nicht mehr geschossen werden dürfen. Auch hier wieder erkennt man die Dummheit von sog. Tierschützern, denen die Unversehrtheit eines Millionentiers wie der Hauskatze wichtiger ist, als die Gefährdung einheimischer Wildtierarten. So zeigt sich einmal mehr: Tierrechtler sind die eigentliche Gefahr und Wurzel allen Übels, indem sie ständig übers Ziel hinausschießen.

    (Quelle: Deutscher Jagdverband)

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  3. Hier noch eine Ergänzung, weil ich an anderer Stelle gefragt wurde, was es für Möglichkeiten gibt, um zu beweisen, dass man die Tiere schon vorher in Besitz hatte: Vorteilhaft sind Kaufbelege oder Kaufverträge. Unabhängige Zeugen wie Vermieter, Amtstierarzt oder auch der "normale" Tierarzt sind ebenfalls möglich. Oder man meldet seine Tiere - auch wenn das derzeit nicht notwendig ist ! - per Einschreiben seiner Naturschutzbehörde. Da die Liste erst am 3. August in Kraft tritt, sind die Tiere aktuell noch nicht reglementiert. Momentan dürfen sie also noch legal gehandelt werden. Verträge mit einem Datum innerhalb dieser Übergangszeit hätten demnach Gültigkeit. Man könnte seine Tiere also einem Freund "schenken", der sie dann wieder an einen selbst "verkauft" und dafür einen Kaufvertrag mit heutigem Datum aufsetzt. Dieses Dokument wäre nicht gefälscht, sondern würde einen legalen Handel dokumentieren und wäre daher rechtsgültig. Ab dem 3. August wäre es dafür dann aber zu spät. Rückwirkend dürfen dann keine Verträge mehr aufgesetzt werden, weil dadurch die erforderlichen Beweise gefälscht würden.

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  4. Ein lesenswerter GEO-Artikel zum Thema: http://www.geo.de/GEO/natur/oekologie/invasive-arten-was-heisst-hier-fremd-70146.html

    Erkenne den Zusammenhang: Invasive Arten sind nicht zwangsläufig die Ursache für Artenschwund, sondern häufig lediglich ein Symptom - eine Begleiterscheinung, während die Ursache für den Verlust an Biodiversität ganz woanders zu finden ist.

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  5. Dreist das die invasive Art aller sich anmaßt darüber zu entscheiden was Invasiv ist . Die Menschheit lernt nichts, sie verdummt immer mehr . Traurige Welt!!!

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  6. Im heutigen Amtsblatt der EU wurde die Unionsliste um weitere 12 Arten erweitert. Mehr Infos unter: http://terrarianer.blogspot.de/2017/07/unionsliste-invasiver-arten-erweitert.html

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